Sophie starrte auf die sechs Wörter, als könnte sich der Inhalt verändern, wenn sie nur lange genug hinsah. Ihre Finger wurden kalt. „Das ist gerade gekommen“, sagte sie leise. Lukas nahm ihr das Handy aus der Hand und las die Nachricht selbst. Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in seiner Brust aus. Nicht wegen der Drohung allein, sondern wegen eines Wortes, das ihn seit der Abschlussfeier nicht mehr losließ: eure Mutter. Niemand hatte in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren je so mit ihnen gesprochen. Für alle anderen war die Frau, die drei Kinder geboren hatte, eine verstorbene Mutter. Für Lukas war sie die junge Frau gewesen, deren Tod eine Familie zerstört hatte. Doch jemand schrieb, als wäre ihre Geschichte noch nicht abgeschlossen.
„Woher hat diese Person meine Nummer?“, fragte Sophie.
„Und woher weiß sie, dass wir hier sind?“, ergänzte Anna.
Katharina sah zum Eingang der Hochschule. „Genau deshalb wollte ich nicht, dass ihr heute zu mir kommt.“
Lukas gab Sophie das Handy zurück. „Wer wusste von der Akte?“
Katharina antwortete nicht sofort. Ihr Blick wanderte über den Parkplatz, blieb an einem silbernen Wagen hängen und glitt dann wieder zurück. „Sehr wenige Menschen. Einer davon ist bereits tot.“
„Und die anderen?“, fragte Lukas.
„Einer lebt.“
Lea trat näher. „Name.“
Katharina presste die Lippen zusammen.
„Dr. Matthias Reuter.“
Lukas kannte den Namen nicht. Aber als Katharina ihn aussprach, veränderte sich etwas in ihrem Gesicht, und Lukas wusste, dass dieser Mann mehr war als nur ein ehemaliger Mitarbeiter des Krankenhauses.
„Was hat er mit meiner Schwägerin zu tun?“
„Er war der Arzt, der sie in ihren letzten Stunden betreut hat.“
Lukas starrte sie an. Plötzlich tauchte eine Erinnerung auf, die er jahrelang verdrängt hatte: ein Mann mit randloser Brille, der ihn damals auf dem Krankenhausflur aufgehalten hatte. Lukas hatte weinen wollen, hatte nur zu seinen drei Nichten gewollt, doch der Mann hatte gesagt: „Sie müssen jetzt eine Entscheidung treffen, Herr Weber.“ Damals hatte Lukas angenommen, er habe über die Kinder gesprochen.
Jetzt war er sich nicht mehr sicher.
„Was hat er damals zu ihr gesagt?“, fragte Lukas.
Katharina sah ihn an.
„Das ist die Frage, die wir beantworten müssen.“
Sie gingen schließlich nicht zu Katharinas Haus. Stattdessen führte sie sie zu einem kleinen Café zwei Straßen vom Krankenhaus entfernt. Sie setzte sich mit dem Rücken zur Wand und stellte die schwarze Mappe auf den Tisch. Erst nachdem sie die Fenster und den Eingang überprüft hatte, zog sie einen kleinen Schlüssel hervor.
„Die Akte liegt nicht mehr bei mir“, sagte sie.
Lukas schloss kurz die Augen.
„Wo ist sie?“
„In einem Schließfach.“
„Bei einer Bank?“
„Nein.“
Katharina legte den Schlüssel auf den Tisch.
„Im alten Krankenhaus.“
Lea beugte sich vor. „Das Gebäude ist seit Jahren geschlossen.“
„Offiziell.“
Ein Schauer lief Lukas über den Rücken.
Katharina schob ihnen einen alten Lageplan zu. Darauf war der Keller des Krankenhauses eingezeichnet. Ein Raum war mit einem roten Kreis markiert.
Archiv B-17.
„Dort wurde damals eine zweite Kopie der Patientenakten aufbewahrt“, sagte sie. „Als das Krankenhaus umgebaut wurde, verschwanden einige Unterlagen. Ich dachte, die Akte wäre vernichtet worden.“
„Und jetzt?“, fragte Anna.
„Jetzt weiß ich, dass sie jemand versteckt hat.“
Lukas sah auf den Schlüssel.
„Warum haben Sie uns nicht früher gesucht?“
Katharina antwortete erst nach langer Stille.
„Weil ich Angst hatte.“
„Vor wem?“
„Vor meinem eigenen Fehler.“
Sie öffnete die Mappe ein letztes Mal und zog ein kleines, altes Foto heraus. Es zeigte den Krankenhausflur. Unscharf, vergilbt, offensichtlich hastig aufgenommen. Im Hintergrund stand eine Frau.
Lukas erstarrte.
Er kannte diese Frau.
„Das…“, flüsterte er.
Lea nahm das Foto.
„Wer ist das?“
Lukas konnte den Blick nicht von dem Bild lösen.
„Das ist eure Mutter.“
Anna schüttelte langsam den Kopf.
„Aber sie ist doch im Krankenhaus gestorben.“
„Ja.“
„Dann warum steht sie hier draußen?“
Niemand antwortete.
Lukas drehte das Foto um.
Auf der Rückseite stand eine handschriftliche Notiz.
23:40 Uhr. Patientin lebt. Kinder wurden bereits abgeholt.
Lukas ließ das Foto beinahe fallen.
„Abgeholt?“
Katharina nickte mit gesenktem Blick.
„Genau das steht dort.“
„Von wem?“
Katharina öffnete den Mund, doch bevor sie antworten konnte, ertönte draußen ein lautes Geräusch. Ein Auto fuhr abrupt an. Sophie sprang auf und sah durch das Fenster.
Der silberne Wagen vom Parkplatz der Hochschule stand auf der anderen Straßenseite.
Dann fuhr er langsam an ihnen vorbei.
Auf dem Rücksitz saß ein Mann.
Lukas sah nur für einen Sekundenbruchteil sein Gesicht.
Doch er erkannte ihn.
Die randlose Brille.
„Dr. Reuter“, sagte Lukas.
Katharina wurde kreidebleich.
Und dann vibrierte ihr eigenes Handy.
Eine Nachricht war eingegangen.
Sie hätten Lukas niemals die Wahrheit zeigen dürfen.







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