Für einen Moment sagte niemand etwas. Selbst das Summen der Neonröhre schien verschwunden zu sein. Lea hielt das Blatt mit beiden Händen, doch ihre Finger zitterten so stark, dass das Papier raschelte. Anna stand neben ihr und las den Namen noch einmal, als könnte sich die Tinte beim zweiten Blick verändern.
Lukas Weber.
„Das ist nicht dein Ernst“, flüsterte Sophie.
Lukas sah sie an. Er hatte das Gefühl, als würde jemand die letzten zweiundzwanzig Jahre seines Lebens vor seinen Augen auseinandernehmen.
„Ich war nicht euer Vater.“
„Das wissen wir“, sagte Lea.
„Dann warum steht mein Name hier?“
Niemand antwortete.
Dr. Reuter trat näher. „Weil dieses Dokument nicht behauptet, dass Sie ihr biologischer Vater sind.“
Lukas fuhr zu ihm herum.
„Was soll dieser Satz dann bedeuten?“
Reuter deutete auf die untere Ecke des Dokuments. Dort befand sich eine kaum lesbare Archivnummer.
„Lesen Sie die ganze Seite.“
Lukas beugte sich darüber. Unter dem Satz über seinen Namen stand eine handschriftliche Ergänzung.
Person, der die Kinder nach meinem Tod anvertraut werden sollen: Lukas Weber. Nicht der Vater. Der Einzige, dem ich vertraue.
Lukas schloss die Augen.
Eine Welle aus Erleichterung und Schmerz überrollte ihn gleichzeitig.
„Sie wusste, dass sie sterben würde“, sagte Anna leise.
„Ja“, antwortete Reuter.
„Und sie wusste, dass unser Vater uns nicht behalten würde“, sagte Sophie.
Reuter nickte.
Lea sah ihn scharf an. „Aber warum? Warum hat sie das gewusst?“
Reuter schwieg lange.
Dann sagte er: „Weil Ihr Vater bereits vor ihrem Tod versucht hatte, die drei Kinder voneinander trennen zu lassen.“
Lukas erstarrte.
„Was?“
„Er hatte einen Antrag gestellt.“
„Welchen Antrag?“
„Er wollte, dass jedes Kind bei einer anderen Familie untergebracht wird.“
Anna begann zu weinen. „Warum sollte er das tun?“
Reuter sah sie an, und sein Blick wurde weicher.
„Weil er glaubte, dass eine von euch nicht seine Tochter sein könnte.“
Die Worte trafen wie ein Schlag.
Lukas erinnerte sich plötzlich an jene Nacht. An seinen Bruder, der im Flur auf und ab gegangen war. An seine ungewöhnlich blasse Haut. An den Satz, den Lukas damals nicht verstanden hatte:
„Sie sind nicht alle von mir.“
Damals hatte Lukas geglaubt, sein Bruder spreche aus Verzweiflung.
Jetzt wusste er, dass es vielleicht keine Verzweiflung gewesen war.
Es war Verdacht.
„Welche von uns?“, fragte Lea.
Reuter antwortete nicht.
„Welche von uns?“, wiederholte sie.
„Das weiß ich nicht.“
„Sie lügen.“
„Nein.“
„Dann zeigen Sie uns die Akte.“
Reuter sah zur roten Mappe.
„Die Antwort steht dort.“
Lea öffnete die nächste Seite. Es war ein Laborbericht. Drei Proben, drei Nummern. Die Namen waren geschwärzt, aber daneben standen Geburtszeiten.
Anna: 02:11 Uhr.
Sophie: 02:14 Uhr.
Lea: 02:19 Uhr.
Unter jeder Zeit befand sich eine weitere Kennzeichnung.
A-17. B-17. C-17.
„Was sind diese Buchstaben?“, fragte Sophie.
Katharina wurde plötzlich unruhig.
„Die darf es nicht geben.“
Lukas sah sie an.
„Was meinen Sie?“
Sie setzte sich langsam auf einen alten Karton.
„Die Kennzeichnungen waren Teil eines internen Systems. Niemand außerhalb der Klinik durfte wissen, dass die Embryonen vor der Einsetzung getrennt dokumentiert wurden.“
Lea verstand zuerst.
„Embryonen.“
Katharina nickte.
„Eure Mutter bekam eine Behandlung. Aber…“
Sie brach ab.
„Aber was?“, fragte Anna.
„Die Protokolle stimmen nicht mit der offiziellen Geburtsakte überein.“
Lukas spürte erneut diesen Druck in der Brust.
„Was bedeutet das?“
Katharina sah ihn direkt an.
„Es bedeutet, dass mindestens eine der drei Geburtsangaben nachträglich verändert wurde.“
Plötzlich hörte man ein Geräusch an der Tür.
Ein Schlüssel.
Alle verstummten.
Reuter hob warnend eine Hand.
Der Schlüssel drehte sich langsam im Schloss.
Lukas trat vor seine Nichten.
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
Eine Männerstimme sagte:
„Matthias?“
Reuter wurde kreidebleich.
„Das ist unmöglich.“
„Wer ist da?“, flüsterte Sophie.
Reuter antwortete nicht.
Dann öffnete sich die Tür vollständig.
Ein älterer Mann stand im Korridor. Sein Gesicht war schmal, sein Haar fast vollständig grau.
Lukas kannte ihn.
Er hatte ihn auf einem alten Foto gesehen.
Im Krankenhaus.
Neben seiner Schwägerin.
Der Mann sah Lukas an und sagte nur:
„Sie haben die falsche Akte geöffnet.“
Dann blickte er zu Lea.
„Und du bist diejenige, die wir damals gesucht haben.“







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