„Frau Albrecht, hören Sie mir gut zu.“
Die Stimme des Kommissars wurde ruhiger.
„Diskutieren Sie jetzt mit niemandem über das Konto. Verlassen Sie das Haus nicht mit irgendwelchen Unterlagen, ohne vorher Fotos davon zu machen. Und wenn Sie sich bedroht fühlen, sagen Sie nur ein Wort.“
Ich sah Tobias an.
Er hatte offenbar genug gehört, um zu verstehen, wer am anderen Ende der Leitung war.
„Katharina“, sagte er leise. „Mach das Telefon aus.“
Ich antwortete ihm nicht.
„Bin ich in Gefahr?“, fragte ich stattdessen.
„Das kann ich noch nicht beurteilen“, sagte Neumann. „Aber wir schicken eine Streife zu Ihnen.“
Ingrid schnaubte.
„Das ist doch absurd.“
Der Kommissar hörte sie.
„Wer ist bei Ihnen?“
„Mein Mann. Meine Schwiegermutter. Meine Schwägerin mit ihrem Mann. Ein Notar und eine Immobiliengutachterin.“
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
„Und das Dokument mit der angeblichen Vollmacht liegt vor Ihnen?“
„Ja.“
„Fassen Sie es möglichst nicht weiter an.“
Ich blickte auf meine Finger.
Zu spät.
„Verstanden.“
Tobias trat auf mich zu.
„Gib mir das Handy.“
Ich machte einen Schritt zurück.
Der Notar stellte sich plötzlich zwischen uns.
Nicht dramatisch.
Nur einen halben Schritt.
Aber genug.
„Herr Albrecht“, sagte Dr. Reuter, „ich würde Ihnen dringend raten, jetzt nichts anzufassen.“
Tobias starrte ihn an.
„Sie halten sich da raus.“
„Das kann ich nicht mehr.“
Ingrid fuhr herum.
„Sie wurden bezahlt, um einen Vertrag vorzubereiten.“
Der Notar sah sie lange an.
„Ich wurde nicht dafür bezahlt, möglicherweise mit einer gefälschten Vollmacht zu arbeiten.“
Das Wort hing im Raum.
Gefälscht.
Nun sagte es jemand anderes.
Nicht ich.
Nicht aus Wut.
Sondern ein Notar.
Miriam begann zu weinen.
„Tobi, was hast du gemacht?“
„Gar nichts!“
Er schrie so plötzlich, dass alle zusammenzuckten.
Dann zeigte er auf mich.
„Sie versteht es absichtlich falsch.“
Ich hätte beinahe gelacht.
„Eine gefälschte Unterschrift kann man schwer romantisch missverstehen.“
„Ich habe deine Unterschrift nicht gefälscht.“
„Wer dann?“
Er sah zu seiner Mutter.
Nur eine Sekunde.
Vielleicht weniger.
Aber ich sah es.
Und Ingrid auch.
Ihr Gesicht veränderte sich.
„Was soll dieser Blick?“
Tobias schwieg.
Ich legte das Handy auf Lautsprecher und stellte es auf den Tisch.
„Herr Kommissar, ich möchte, dass Sie mithören.“
Neumann antwortete sofort.
„In Ordnung.“
Ingrid wurde rot.
„Das ist mein gutes Recht zu gehen.“
„Natürlich“, sagte Neumann aus dem Telefon. „Niemand hält Sie fest. Die eintreffenden Kollegen werden Ihre Personalien aufnehmen.“
Sie blieb.
Das überraschte mich.
Oder vielleicht auch nicht.
Menschen, die überzeugt davon sind, alles erklären zu können, gehen selten früh genug.
Ich zog einen Stuhl zurück und setzte mich.
Zum ersten Mal an diesem Abend war ich die ruhigste Person im Raum.
„Tobias“, sagte ich. „Erklär mir die 640.000 Euro.“
„Ich weiß nichts von 640.000 Euro.“
„Die Bank weiß offenbar etwas.“
„Dann hat jemand einen Fehler gemacht.“
„Mit einer Vollmacht, die meine Unterschrift trägt?“
Sein Kiefer spannte sich an.
„Woher soll ich das wissen?“
„Weil du heute einen Notar in mein Haus gebracht hast, nachdem du heimlich meinen Schlüssel kopiert und meine Unterlagen genommen hast.“
„Das hatte damit nichts zu tun.“
„Dann erklär mir, womit es zu tun hatte.“
Er schwieg.
Ich sah zum Kommissar auf dem Display.
„Können Sie mir sagen, welches Wertpapierkonto gemeint ist?“
„Das Konto bei der Hanseatischen Privatbank.“
Mein Blick ging zu Tobias.
Keine Reaktion.
Doch Ingrid blinzelte.
Nur einmal.
„Kennst du die Bank?“, fragte ich.
„Natürlich kenne ich Banken.“
„Diese?“
„Nein.“
Zu schnell.
Ich erinnerte mich plötzlich an meinen Vater.
Nicht an seinen Tod.
An einen Sonntagmorgen zwei Jahre davor.
Er hatte am Küchentisch gesessen und einen Umschlag vor mich gelegt.
„Man muss nicht alles im selben Schrank aufbewahren“, hatte er gesagt.
Damals hatte ich gelacht.
Er nicht.
Nach seinem Tod hatte ich das Depot übernommen.
Ich sprach kaum darüber.
Selbst Tobias wusste nur, dass mein Vater „ein bisschen Geld angelegt“ hatte.
Zumindest hatte ich das geglaubt.
„Woher wusste jemand von diesem Konto?“, fragte ich.
Neumann antwortete:
„Das versuchen wir gerade herauszufinden.“
Ich blickte auf die blaue Mappe.
Dann verstand ich.
„Die Unterlagen.“
Ich schlug sie nicht auf.
Ich sah nur darauf.
„In der Mappe waren alte Kontoübersichten meines Vaters.“
Tobias drehte den Kopf weg.
„Du hast sie gesehen.“
„Ich habe doch gesagt, dass ich die Mappe genommen habe.“
„Du hast sie gelesen.“
„Natürlich habe ich reingesehen.“
„Warum?“
„Weil wir verheiratet sind!“
Seine Stimme überschlug sich.
„Du behandelst dieses Haus, dieses Geld, alles, als hätte ich elf Jahre lang hier nur zur Untermiete gewohnt!“
Da war es.
Nicht mehr der Familienplan.
Nicht mehr Miriams Zwillinge.
Nicht mehr Ingrids barrierefreie Wohnung.
Etwas viel Ehrlicheres.
Anspruch.
„Du meinst also, weil wir verheiratet sind, gehört dir mein Erbe.“
„Ich habe nie gesagt, dass es mir gehört.“
„Aber du hast ohne meine Zustimmung damit geplant.“
„Weil du mit Geld nicht vernünftig umgehen kannst.“
Ich sah ihn an.
„Interessant.“
„Du lässt es einfach liegen.“
„Es ist mein Geld.“
„Unser Leben bezahlt sich nicht von Gefühlen.“
Miriam hob den Kopf.
„Tobias, hör auf.“
Er drehte sich zu ihr.
„Du hast doch selbst gesagt, dass ihr euch dieses Haus niemals leisten könnt!“
Miriam wurde kreidebleich.
„Was?“
Tobias merkte seinen Fehler sofort.
Zu spät.
„Welches Haus?“, fragte ich.
Niemand antwortete.
Ich sah Miriam an.
„Welches Haus könnt ihr euch nicht leisten?“
Ihre Lippen zitterten.
„Tobi hat gesagt …“
„Miriam.“
Ingrid sagte ihren Namen wie eine Warnung.
Miriam sah ihre Mutter an.
Dann mich.
„Er hat uns vor drei Wochen ein Haus in Bad Schwartau gezeigt.“
Martin schloss die Augen.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Und?“
„Er sagte, nach dem Verkauf hier könnten wir es kaufen.“
„Mit welchem Geld?“
Miriam begann wieder zu weinen.
„Er sagte, es sei bereits geklärt.“
Ich sah Tobias an.
„Bereits geklärt.“
„So habe ich das nicht gesagt.“
Martin widersprach ihm sofort.
„Doch.“
Zum ersten Mal sprach er fest.
„Genau so hast du es gesagt.“
Ingrid schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Das führt zu nichts.“
Ich wandte mich zu ihr.
„Im Gegenteil.“
Ich sah auf die gefälschte Vollmacht.
„Es führt endlich irgendwohin.“
Draußen erschienen blaue Lichtreflexe an der Wohnzimmerwand.
Keine Sirene.
Nur Licht.
Tobias ging sofort zum Fenster.
Zwei Polizeibeamte stiegen aus einem Streifenwagen.
Fast gleichzeitig klingelte es.
Niemand bewegte sich.
Dann sagte Neumann am Telefon:
„Das werden die Kollegen sein.“
Ich stand auf.
Tobias griff nach meinem Arm.
Nicht fest.
Nur instinktiv.
Doch einer der Gäste reagierte schneller.
Dr. Reuter stellte sich wieder dazwischen.
„Nehmen Sie die Hand weg.“
Tobias ließ los.
Ich öffnete die Haustür.
Eine Beamtin und ein Beamter standen davor.
„Frau Albrecht?“
„Ja.“
„Polizei Lübeck.“
Ich ließ sie herein.
Die Beamtin hieß Petersen.
Sie bat darum, dass niemand den Raum verließ, bis die Personalien aufgenommen waren.
Dann zog sie Handschuhe an und betrachtete die Vollmacht.
„Das Original?“
„Nein“, sagte Dr. Reuter. „Mir wurde nur diese Kopie übermittelt.“
„Von wem?“
Er zeigte auf Tobias.
„Von Herrn Albrecht.“
Tobias explodierte.
„Ich habe die Datei nur weitergeleitet!“
Alle sahen ihn an.
Petersen hob langsam den Blick.
„Von wem haben Sie sie bekommen?“
Stille.
Ich sah, wie Tobias schluckte.
„Per E-Mail.“
„Von wem?“
„Ich weiß nicht mehr.“
„Dann schauen Sie nach.“
„Mein Handy ist leer.“
Martin lachte bitter.
„Du hattest es vor zehn Minuten noch in der Hand.“
Tobias griff in seine Hosentasche.
„Akku.“
Die Beamtin streckte die Hand aus.
„Dann geben Sie es mir bitte.“
„Muss ich das?“
„Im Moment bitte ich Sie darum.“
Er gab es ihr nicht.
Stattdessen sah er zu Ingrid.
Wieder dieser Blick.
Diesmal sah ihn jeder.
Petersen auch.
„Frau Albrecht“, fragte sie mich, „haben Sie Hinweise darauf, dass noch weitere Unterlagen betroffen sein könnten?“
Ich wollte Nein sagen.
Dann fiel mir etwas ein.
Ein Dokument, das mein Vater nicht in der blauen Mappe aufbewahrt hatte.
Weil er niemandem traute, der wusste, wo die Mappe lag.
„Ja.“
Tobias sah mich sofort an.
Ich ging zum Bücherregal.
Hinter einer alten Ausgabe von Buddenbrooks befand sich ein schmaler Umschlag.
Mein Vater hatte ihn dort vor Jahren versteckt.
Ich zog ihn heraus.
Versiegelt.
Ungeöffnet.
Noch genauso wie an dem Tag, an dem er mir gesagt hatte:
„Wenn irgendwann jemand mehr über dein Vermögen weiß als du ihm erzählt hast, öffnest du das.“
Meine Hände zitterten jetzt zum ersten Mal.
Ich riss den Umschlag auf.
Darin lagen drei Seiten.
Die erste war eine Liste mit Konten und Depotnummern.
Die zweite enthielt handschriftliche Notizen meines Vaters.
Doch die dritte Seite ließ mich erstarren.
Oben stand ein Name.
Nicht Tobias.
Nicht Ingrid.
Mein Vater hatte darunter nur einen einzigen Satz geschrieben:
„Wenn dieser Mann jemals Kontakt zu deiner Familie aufnimmt, unterschreibe nichts.“
Ich las den Namen noch einmal.
Dr. Reuter trat näher.
„Was ist?“
Ich hob langsam den Blick.
„Der Käufer.“
„Welcher Käufer?“
Ich drehte den Kaufvertragsentwurf auf dem Tisch zu mir.
Dort stand derselbe Name.
Der Mann, der mein Haus kaufen wollte, war genau der Mann, vor dem mein Vater mich Jahre vor seinem Tod gewarnt hatte.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 3, um weiterzulesen.**







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