Unterhaltung

Mein Mann lud heimlich einen Notar ein, um mein geerbtes Haus zu verkaufen – dann fand ich meine Unterschrift auf einer Vollmacht

Vier Wochen.

So lange hatte Tobias gewusst, dass hinter meinem Haus möglicherweise ein Grundstück lag, das Millionen wert war.

Vier Wochen hatte er morgens neben mir Kaffee getrunken.

Mich gefragt, ob ich Milch brauche.

Mich zum Abschied auf die Stirn geküsst.

Und geschwiegen.

„Wer hat das Schreiben zuerst gesehen?“

Meine Stimme klang fremd.

Tobias starrte auf den Boden.

„Meine Mutter.“


„Natürlich.“

„Sie hat mir eine Kopie geschickt.“

„Und was genau sollte danach passieren?“

Er antwortete nicht.

Neumann verschränkte die Arme.

„Herr Albrecht, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, vollständig zu werden.“

Tobias schloss kurz die Augen.

„Westermann wollte das gesamte Grundstück über Nordhafen übernehmen.“

„Für 1,18 Millionen?“, fragte ich.

„Das Haus war nur der sichtbare Teil.“


Ich lachte bitter.

„Und der Rest sollte einfach mitgehen.“

„So hat er es dargestellt.“

„Was hat er dir versprochen?“

Tobias sah mich endlich an.

„Dass meine Schulden verschwinden.“

„Alle?“

„Ja.“

„Dreihunderttausend Euro.“

„Etwas mehr.“


„Und deiner Mutter?“

Er schwieg wieder.

Miriam trat näher.

„Tobi.“

Er sah seine Schwester an.

„Was hat Mama bekommen sollen?“

Sein Gesicht sackte zusammen.

„Eine Beteiligung.“

„Wie hoch?“

„Zehn Prozent.“


Martin pfiff leise.

Sabine Keller schüttelte den Kopf.

„Wenn die Fläche tatsächlich entwickelt werden kann, reden wir möglicherweise über sehr viel mehr als den aktuellen Bodenwert.“

In mir wurde es kalt.

„Und ich?“

Niemand antwortete.

„Was sollte ich bekommen?“

Tobias presste die Lippen zusammen.

„Die Wohnung.“

Ich starrte ihn an.


„Welche Wohnung?“

„Die, von der ich gesprochen habe.“

Jetzt musste selbst Neumann wegsehen.

Vielleicht weil die Antwort so absurd war.

Vielleicht weil sie so viel über meinen Mann sagte.

Sie wollten mein Haus.

Das Land meines Vaters.

Mein Depot.

Und als Gegenleistung sollte ich mit Tobias in eine kleinere Wohnung ziehen.

„Du wolltest mir mit meinem eigenen Geld eine Wohnung kaufen.“


„So war es nicht gedacht.“

„Genau so war es gedacht.“

Ich trat einen Schritt zurück.

Zum ersten Mal wollte ich nicht mehr hören, warum er das getan hatte.

Warum interessierte mich plötzlich weniger als wie weit er gegangen war.

„Die gefälschte Vollmacht.“

Ich zeigte auf ihn.

„Wer hat sie erstellt?“

Tobias antwortete nicht.

„Sag es.“


„Daniel.“

Neumann reagierte sofort.

„Daniel Kruse?“

Tobias nickte.

„Er hat mir die Datei geschickt.“

„Und Sie wussten, dass die Unterschrift nicht von Ihrer Frau stammt?“

Lange Pause.

Dann:

„Ja.“

Miriam begann leise zu weinen.


Ich fühlte nichts.

„Und das Depot?“

„Das war nicht geplant.“

„Aber es wurde versucht.“

„Westermann wollte Sicherheit.“

„Welche Sicherheit?“

„Dass genug Vermögen da ist, falls irgendetwas mit dem Grundstück schiefgeht.“

Ich sah ihn fassungslos an.

„Mein Vermögen als Sicherheit für meinen eigenen Betrug.“

Tobias schüttelte den Kopf.


„Ich habe den Zugriff nicht beantragt.“

„Wer dann?“

„Daniel.“

„Mit deiner Hilfe?“

Er antwortete nicht.

Neumann nahm das Schweigen als Antwort.

„Herr Albrecht, ich werde Sie gleich bitten, mit uns zur Dienststelle zu kommen.“

Tobias wurde blass.

„Bin ich festgenommen?“

„Noch nicht.“


Das Wort noch traf ihn sichtbar.

Miriam setzte sich wieder.

„Mama steckt da komplett drin.“

Neumann sah sie an.

„Das müssen wir prüfen.“

„Nein.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich meine … ich glaube, ich weiß, wo noch etwas ist.“

Alle drehten sich zu ihr.

„Was?“

Sie wischte sich über die Augen.

„Vor ungefähr sechs Wochen war ich bei Mama.“

„Und?“

„Sie hatte Besuch.“

„Von wem?“

„Einem Mann.“

„Westermann?“

„Ich wusste damals nicht, wer er war.“

Sie sah das Foto in meiner Hand an.

„Aber jetzt schon.“

Ich hielt es hoch.

„Er?“

Miriam nickte.

„Rolf Westermann.“

Mein Herz schlug schneller.

„Worüber haben sie gesprochen?“

„Ich habe nur einen Satz gehört.“

„Welchen?“

Sie sah zu Tobias.

Dann zu mir.

„Mama sagte: ‚Wenn Katharina erst unterschrieben hat, gibt es keinen Weg zurück.‘“

Stille.

Tobias setzte sich.

Neumann schrieb jedes Wort auf.

„Haben Sie noch etwas gehört?“

Miriam dachte nach.

„Westermann sagte, Daniel müsse schneller arbeiten.“

Ich sah Neumann an.

„Das war vor sechs Wochen.“

„Dann läuft die Sache länger als vier.“

„Offenbar.“

Miriam hob plötzlich den Kopf.

„Da war noch etwas.“

„Was?“

„Eine rote Mappe.“

Ich erstarrte.

„Welche rote Mappe?“

„Mama hatte sie auf dem Esstisch.“

„Was war darin?“

„Ich weiß es nicht. Aber außen stand Katharinas Name.“

Tobias sah seine Schwester an.

„Davon weiß ich nichts.“

„Ich glaube dir kein Wort mehr.“

Der Satz traf ihn.

Aber Miriam war noch nicht fertig.

„Mama hat die Mappe in ihren alten Sekretär gelegt.“

„Ist sie dort noch?“, fragte Neumann.

„Keine Ahnung.“

„Wo wohnt Ihre Mutter?“

Miriam nannte die Adresse.

Neumann sah zu Petersen.

„Wir lassen prüfen, ob wir dafür einen Beschluss bekommen.“

Tobias stand abrupt auf.

„Das ist doch Wahnsinn.“

Petersen trat vor ihn.

„Setzen Sie sich.“

„Sie können nicht einfach das Haus meiner Mutter durchsuchen.“

„Wenn ein Richter einen entsprechenden Beschluss erlässt, doch.“

Tobias sah plötzlich nicht mehr nur nervös aus.

Er sah panisch aus.

Ich bemerkte es.

Neumann auch.

„Was ist in der roten Mappe?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie haben Angst davor.“

„Nein.“

„Doch.“

Tobias schüttelte den Kopf.

„Es hat nichts mit Katharina zu tun.“

„Ihr Name steht außen drauf“, sagte Miriam.

Er schloss die Augen.

„Tobias.“

Ich trat näher.

„Was ist darin?“

Seine Schultern sanken.

„Alte Unterlagen.“

„Welche?“

„Von deinem Vater.“

Mein Atem stockte.

„Wie kommen Unterlagen meines Vaters zu deiner Mutter?“

Er antwortete nicht.

Neumann trat näher.

„Herr Albrecht.“

Tobias flüsterte:

„Weil sie nicht alle nach seinem Tod bei Katharina angekommen sind.“

Ich spürte, wie mir schwindelig wurde.

„Was meinst du?“

„Meine Mutter war nach seinem Tod einmal im Haus.“

„Wann?“

„Bevor du alles sortiert hattest.“

Ich sah ihn an.

„Du hast sie reingelassen.“

Er nickte.

„Was hat sie genommen?“

„Ich weiß es nicht genau.“

„Du lügst schon wieder.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich wusste damals wirklich nicht alles.“

„Aber genug.“

Seine Augen füllten sich.

„Ja.“

Ein Teil von mir wollte schreien.

Ein anderer wollte nur, dass die Wahrheit endlich vollständig wurde.

„Was war in dieser roten Mappe?“

Tobias sah auf die Notizen meines Vaters.

Dann auf den Lageplan.

„Unterlagen über Westermann.“

Neumann hob den Kopf.

„Welche Art Unterlagen?“

„Verträge. Zahlungsbelege. Vielleicht Tonaufnahmen.“

„Vielleicht?“

„Mein Vater—“

Tobias stoppte.

Ich sah ihn an.

„Was wolltest du gerade sagen?“

Er wurde kreidebleich.

„Nichts.“

„Du hast gesagt: mein Vater.“

„Versprochen.“

„Nein.“

Ich ging näher.

„Du wolltest sagen: mein Vater.“

Miriam starrte ihren Bruder an.

Martin ebenfalls.

„Tobi“, flüsterte sie.

Er setzte sich wieder.

Seine Hände zitterten.

Dann sagte er den Satz, der den ganzen Raum verstummen ließ.

„Weil Westermann möglicherweise mein Vater ist.“

Ich verstand die Worte.

Aber mein Kopf weigerte sich, sie zusammenzufügen.

„Was?“

Tobias sah mich nicht an.

„Meine Mutter hatte vor meiner Geburt eine Beziehung mit ihm.“

Miriam stand wie versteinert da.

„Das hast du nie gesagt.“

„Weil ich es selbst erst seit drei Jahren weiß.“

Ich sah auf das alte Foto.

Westermann.

Ingrid.

Mein Vater.

Kruse.

Plötzlich war dies nicht mehr nur ein Geschäft, das vor zwölf Jahren schiefgelaufen war.

Es war etwas, das unsere Familien viel länger miteinander verband.

Neumann fragte:

„Weiß Westermann, dass Sie möglicherweise sein Sohn sind?“

Tobias nickte.

„Ja.“

„Und seit wann hat er Kontakt zu Ihnen?“

„Seit ungefähr drei Jahren.“

Ich sah meinen Mann an.

Drei Jahre.

Nicht fünf Monate.

Nicht vier Wochen.

Drei Jahre.

„Und in diesen drei Jahren habt ihr gemeinsam geplant, an das Vermögen meines Vaters zu kommen.“

„Nein.“

„Wann fing es an?“

Tobias antwortete nicht.

Ich musste nicht mehr fragen.

Ich wusste, dass es früher begonnen hatte, als er bisher zugegeben hatte.

Viel früher.

Draußen hörte ich ein Auto vorfahren.

Petersen sah aus dem Fenster.

„Weitere Kollegen.“

Neumann nickte.

„Gut.“

Dann klingelte sein Handy.

Er ging ein paar Schritte zur Seite.

Ich hörte nur einzelne Worte.

Richter.

Durchsuchung.

Sofort.

Als er zurückkam, war sein Gesicht ernst.

„Wir haben den Beschluss.“

Miriam stand auf.

„Für Mamas Haus?“

„Ja.“

Neumann sah mich an.

„Frau Albrecht, Sie bleiben bitte hier.“

Ich wollte widersprechen.

Dann erinnerte ich mich an die rote Mappe.

An meinen Namen darauf.

„Wenn dort Unterlagen meines Vaters sind, will ich wissen, was darin steht.“

„Das werden Sie.“

Weniger als eine Stunde später kam der Anruf.

Neumann nahm ab.

Hörte zu.

Sagten nichts.

Dann sah er mich an.

„Sie haben die rote Mappe gefunden.“

Mein Herz schlug bis in den Hals.

„Was ist drin?“

Er antwortete nicht sofort.

„Unter anderem ein unterschriebener Vertrag zwischen Ihrem Vater und Rolf Westermann.“

„Was für ein Vertrag?“

Neumann hielt meinen Blick.

„Eine Vereinbarung, die Westermann verpflichtet hätte, Ihrem Vater eine sehr große Summe zu zahlen.“

„Wie groß?“

Kurze Pause.

„Damals bereits 1,8 Millionen Euro.“

Mir wurde kalt.

„Und heute?“

„Mit Zinsen möglicherweise deutlich mehr.“

Tobias schloss die Augen.

Jetzt verstand ich.

Vielleicht war das Grundstück gar nicht das Einzige, was Westermann wollte.

Vielleicht wollte er nicht nur etwas bekommen.

Vielleicht wollte er auch verhindern, dass ich etwas fand.

Etwas, das mein Vater mir hinterlassen hatte.

Eine Forderung.

Einen Beweis.

Einen Anspruch.

Und Ingrid hatte die Unterlagen zwölf Jahre lang versteckt.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**

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