Der Vertrag lag zwölf Jahre lang im Haus meiner Schwiegermutter.
Zwölf Jahre.
Während ich glaubte, die Unterlagen meines Vaters vollständig zu besitzen.
Während Tobias neben mir lebte.
Während Ingrid bei jedem Weihnachtsessen so tat, als wäre sie Teil meiner Familie.
Und während Westermann offenbar darauf vertraute, dass ich niemals erfahren würde, was mein Vater ihm hinterlassen hatte.
Neumann legte das Handy weg.
„Die Kollegen sichern gerade alles.“
„Was genau steht in dem Vertrag?“
„Das möchte ich Ihnen erst vollständig sagen, wenn wir ihn geprüft haben.“
„Herr Neumann.“
Meine Stimme zitterte.
„Ich habe heute erfahren, dass mein Mann mich ursprünglich auf Wunsch seiner Mutter kennengelernt hat, dass meine Unterschrift gefälscht wurde und dass jemand versucht hat, auf mein Vermögen zuzugreifen. Bitte sagen Sie mir nicht noch einmal, ich müsse warten.“
Er sah mich einige Sekunden an.
Dann nickte er.
„Ihr Vater hatte Westermann vor zwölf Jahren Geld für ein gemeinsames Grundstücksprojekt zur Verfügung gestellt.“
„Wie viel?“
„Nach dem, was wir bisher sehen: 1,2 Millionen Euro.“
Ich musste mich am Tisch abstützen.
„Mein Vater hatte so viel investiert?“
„Offenbar.“
„Und die 1,8 Millionen?“
„Westermann sollte innerhalb von zwei Jahren mindestens 1,8 Millionen zurückzahlen. Dazu gibt es Sicherheiten.“
Sabine Keller fragte:
„Welche Sicherheiten?“
Neumann sah auf seine Notizen.
„Grundstücke.“
Mein Blick fiel sofort auf den Lageplan.
„Dieses Grundstück?“
„Zum Teil.“
Tobias hob plötzlich den Kopf.
„Das stimmt nicht.“
Alle sahen ihn an.
Neumann wurde sehr ruhig.
„Woher wissen Sie das?“
Tobias merkte, was er gesagt hatte.
Zu spät.
„Ich habe nur geraten.“
„Nein.“
Ich ging auf ihn zu.
„Du weißt, worum es in dem Vertrag geht.“
Er sagte nichts.
„Tobias.“
„Katharina, bitte.“
„Wie lange kennst du diesen Vertrag?“
„Nicht lange.“
„Was bedeutet nicht lange?“
„Drei Jahre.“
Miriam flüsterte:
„Drei Jahre?“
Er nickte.
Und mit diesem einen Nicken brach der letzte Rest dessen zusammen, was ich noch für unsere Ehe gehalten hatte.
„Seit Westermann Kontakt zu dir aufgenommen hat.“
„Ja.“
„Hat er dir gesagt, was darin steht?“
„Nicht alles.“
„Aber genug, um zu wissen, dass ich einen Anspruch gegen ihn haben könnte.“
Tobias sah mich endlich an.
„Ja.“
Ich nickte langsam.
Kein Schreien.
Keine Tränen.
Nur Klarheit.
„Deshalb musste die rote Mappe verschwinden.“
„Meine Mutter hatte sie längst.“
„Und deshalb musste ich verkaufen.“
Er senkte den Kopf.
„Westermann sagte, wenn du das Grundstück überträgst, würde er den alten Vertrag als erledigt betrachten.“
Ich starrte ihn an.
„Einen Vertrag, von dem ich nichts wusste.“
„Ja.“
„Und wenn ich nicht verkauft hätte?“
Tobias antwortete nicht.
Neumann stellte dieselbe Frage.
„Was hat Westermann für diesen Fall angekündigt?“
„Er sagte, dann würde alles kompliziert.“
„Was bedeutet das?“
„Ich weiß es nicht.“
Martin lachte bitter.
„Du weißt heute erstaunlich oft nichts.“
Tobias fuhr sich über das Gesicht.
„Er wollte, dass Katharina freiwillig unterschreibt. Mehr weiß ich nicht.“
Ich zeigte auf die gefälschten Unterlagen.
„Freiwillig.“
„Das mit dem Depot war nicht meine Idee.“
„Aber das mit dem Haus schon.“
„Ja.“
Das erste klare Ja.
Es fühlte sich fast erleichternd an.
Neumanns Telefon klingelte erneut.
Diesmal hörte er länger zu.
Dann fragte er:
„Ist das Original dabei?“
Pause.
„Gut. Sichern. Nichts weiter öffnen.“
Er legte auf.
„Was?“, fragte ich.
„Die Kollegen haben noch etwas gefunden.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was?“
„Einen verschlossenen Umschlag Ihres Vaters.“
„Bei Ingrid?“
„Ja.“
„An wen adressiert?“
Neumann sah mich an.
„An Sie.“
Tobias wurde bleich.
„Davon wusste ich nichts.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Ich habe dich nicht gefragt.“
Eine Stunde später brachte ein Ermittler mehrere versiegelte Beweismittel zurück.
Die rote Mappe blieb beschlagnahmt.
Der Umschlag wurde dokumentiert und anschließend in meiner Anwesenheit geöffnet.
Mein Name stand vorn in der Handschrift meines Vaters.
Innen lag nur eine einzige Seite.
Ich erkannte seine Schrift sofort.
Katharina,
wenn du diesen Brief liest, dann ist wahrscheinlich eingetreten, wovor ich Angst hatte.
Westermann wird versuchen, dich glauben zu lassen, es gehe nur um ein Grundstück.
Das stimmt nicht.
Er schuldet mir Geld, aber Geld war nie der gefährlichste Teil.
Vor vielen Jahren habe ich entdeckt, dass Westermann Grundstücke über Strohleute kaufte, nachdem er vertrauliche Informationen über geplante Bebauungsänderungen erhalten hatte.
Ich hatte Belege.
Er wusste davon.
Ich habe ihm angeboten, sich aus unserem gemeinsamen Projekt zurückzuziehen und meine Einlage zurückzuzahlen.
Stattdessen hat er versucht, mich unter Druck zu setzen.
Ingrid Albrecht half ihm.
Mir wurde plötzlich übel.
Ich las weiter.
Die wichtigsten Originalunterlagen befinden sich nicht in meinem Haus.
Nicht in der Werkstatt.
Nicht bei einer Bank.
Ich habe sie dort hinterlegt, wo Westermann niemals suchen würde.
Bei Rechtsanwalt Friedrich Hansen in Hamburg.
Sollte mir etwas geschehen, geht alles an dich.
Vertraue keinem Angebot, das dich zwingt, schnell zu handeln.
Und Katharina:
Falls Tobias noch an deiner Seite ist, wenn du das liest, frage ihn, ob seine Mutter ihm je erzählt hat, warum sie unbedingt wollte, dass er dich heiratet.
Ich legte den Brief langsam auf den Tisch.
Miriam weinte.
Martin sagte nichts.
Tobias sah aus, als hätte man ihm den Boden weggezogen.
„Sie wollte nicht nur, dass du mich kennenlernst.“
Er schloss die Augen.
„Nein.“
„Sie wollte, dass du mich heiratest.“
Stille.
„Ja.“
Das Wort war kaum hörbar.
Ich nickte.
„Warum?“
Tobias zog zitternd Luft ein.
„Weil dein Vater krank war.“
Mir wurde kalt.
„Was?“
„Er hatte damals schon Herzprobleme. Meine Mutter wusste, dass du wahrscheinlich alles erben würdest.“
Neumann schrieb nicht mehr.
Selbst er sah Tobias jetzt nur noch an.
„Und Ingrid dachte, als mein Ehemann würdest du irgendwann Zugriff bekommen.“
„Ja.“
Ich musste mich setzen.
Elf Jahre Ehe.
Geburtstage.
Urlaube.
Versprechen.
Unser Hochzeitsfoto im Wohnzimmer.
Ich sah plötzlich nicht mehr eine Beziehung.
Ich sah einen Plan, der irgendwann zu Gefühlen geworden sein mochte.
Aber eben als Plan begonnen hatte.
„Hast du mich jemals geliebt?“
Tobias sah mich an.
Diesmal antwortete er sofort.
„Ja.“
„Das Schlimme ist, dass ich dir das sogar glaube.“
Sein Gesicht zerfiel.
„Katharina—“
„Und trotzdem hast du dich am Ende wieder für den Plan entschieden.“
Er begann zu weinen.
Ich nicht.
Neumann räusperte sich.
„Frau Albrecht, wir sollten Rechtsanwalt Hansen kontaktieren.“
Ich nahm mein Handy.
Es war kurz nach Mitternacht.
„Jetzt?“
„Wenn die Kanzlei noch existiert, finden wir zumindest heraus, ob dort etwas hinterlegt ist.“
Ich suchte den Namen.
Friedrich Hansen.
Hamburg.
Die Kanzlei existierte noch.
Auf der Website stand allerdings:
Dr. Friedrich Hansen – verstorben 2021.
Mein Herz sank.
Darunter:
Kanzleinachfolge: Rechtsanwältin Dr. Lena Hansen.
Seine Tochter.
Neumann rief die geschäftliche Notfallnummer an, die für laufende Treuhandangelegenheiten angegeben war.
Zehn Minuten später klingelte sein Telefon zurück.
Er hörte zu.
Dann sah er mich an.
„Die Kanzlei hat tatsächlich ein versiegeltes Depot auf Ihren Namen.“
Ich stand auf.
„Was ist darin?“
„Das konnte Frau Hansen am Telefon nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Weil Ihr Vater eine Bedingung hinterlegt hat.“
„Welche?“
Neumann sah kurz zu Tobias.
Dann wieder zu mir.
„Das Depot darf nur geöffnet werden, wenn Rolf Westermann erneut versucht, Eigentum Ihres Vaters oder seiner Erben zu erwerben.“
Mir stockte der Atem.
Genau das war geschehen.
„Dann kann es geöffnet werden.“
„Ja.“
„Wann?“
Neumann antwortete:
„Morgen früh.“
Tobias schüttelte plötzlich den Kopf.
„Dann ist es zu spät.“
Alle drehten sich zu ihm.
„Was soll das heißen?“, fragte ich.
Er sah aus, als hätte er etwas entschieden.
„Westermann weiß, dass die Polizei hier ist.“
Neumann wurde sofort aufmerksam.
„Woher?“
Tobias hob den Blick.
„Weil ich ihm vor einer Stunde geschrieben habe.“
Petersen trat auf ihn zu.
„Was haben Sie geschrieben?“
„Dass Katharina alles gefunden hat.“
„Warum?“
„Weil ich Angst hatte.“
„Vor wem?“
Tobias antwortete ohne zu zögern:
„Vor Westermann.“
Neumann griff nach seinem Telefon.
Doch Tobias war noch nicht fertig.
„Wenn er glaubt, dass Hansen die Originale hat, wird er nicht bis morgen warten.“
„Was wird er tun?“
Tobias sah mich an.
„Er wird versuchen, sie heute Nacht verschwinden zu lassen.“
Und zum ersten Mal an diesem Abend wusste ich, dass wir nicht mehr nur versuchten, die Vergangenheit meines Vaters aufzudecken.
Wir mussten verhindern, dass jemand die letzten Beweise vernichtete, bevor ich sie überhaupt sehen konnte.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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