Unterhaltung

Mein Mann lud heimlich einen Notar ein, um mein geerbtes Haus zu verkaufen – dann fand ich meine Unterschrift auf einer Vollmacht

Ich legte die beiden Blätter nebeneinander.

Auf dem einen stand der Name im Kaufvertragsentwurf.

Auf dem anderen in der Handschrift meines Vaters.

Dr. Reuter beugte sich vor, ohne etwas zu berühren.

„Darf ich?“

Ich nickte.

Er las die Zeile meines Vaters noch einmal.

Dann sah er auf den Vertragsentwurf.

„Das ist ungewöhnlich.“

„Ungewöhnlich?“


Meine Stimme klang schärfer, als ich wollte.

„Mein Vater warnt mich Jahre vor seinem Tod vor einem Mann, und genau dieser Mann will jetzt mein Haus kaufen. Ich würde sagen, das ist etwas mehr als ungewöhnlich.“

Die Polizistin Petersen trat näher.

„Wie heißt der Mann?“

„Rolf Westermann.“

Tobias’ Gesicht veränderte sich.

Nur leicht.

Aber diesmal entging es mir nicht.

„Du kennst ihn.“

„Nein.“


„Doch.“

„Katharina, ich habe den Namen vielleicht irgendwo gelesen.“

„Im Vertrag vielleicht?“

„Natürlich im Vertrag.“

Petersen sah ihn an.

„Herr Albrecht, wann hatten Sie zum ersten Mal Kontakt zu Herrn Westermann?“

„Ich hatte gar keinen direkten Kontakt.“

„Wer dann?“

Tobias schwieg.

Ingrid schaltete sich ein.


„Das ist doch alles völlig überzogen. Ein Käufer hat einen Namen. Katharinas Vater kann denselben Mann aus irgendeinem alten Geschäft gekannt haben.“

Ich drehte die zweite Seite um.

Darunter standen mehrere handschriftliche Notizen meines Vaters.

Kurze Sätze.

Daten.

Firmenbezeichnungen.

Eine davon war dreimal unterstrichen.

Westermann Projektentwicklung GmbH.

Daneben:

„Nie allein verhandeln.“


Und darunter:

„Er arbeitet über Mittelsmänner.“

Ich hörte, wie Dr. Reuter scharf Luft holte.

„Was?“, fragte ich.

Er antwortete nicht sofort.

Dann nahm er sein Handy aus der Tasche.

„Ich muss etwas prüfen.“

Petersen hob die Hand.

„Nicht ohne uns zu sagen, was.“

Der Notar nickte.


„Der Kaufinteressent ist nicht persönlich an mich herangetreten. Die Kommunikation lief über eine Beteiligungsgesellschaft.“

„Name?“

Er öffnete eine E-Mail.

„Nordhafen Beteiligungs GmbH.“

Ich sah auf die Notizen meines Vaters.

Dort stand derselbe Name nicht.

Aber darunter war ein Kürzel.

NH.

„Das kann Zufall sein“, sagte Martin leise.

„Vielleicht“, antwortete ich.


Doch niemand im Raum klang überzeugt.

Petersens Kollege nahm die Dokumente auf.

Ingrid verschränkte die Arme.

„Und jetzt? Wollen Sie uns alle verhaften, weil ein alter Mann vor Jahren paranoide Notizen gemacht hat?“

Ich sah sie an.

„Sprich nicht so über meinen Vater.“

„Er ist tot, Katharina.“

Der Satz war kaum ausgesprochen, da wurde es still.

Miriam schloss die Augen.

„Mama.“


Ingrid merkte, dass sie zu weit gegangen war.

Aber entschuldigen konnte sie sich nicht.

Das hatte sie nie gekonnt.

Ich wandte mich wieder den Papieren zu.

Unter den Firmennamen hatte mein Vater drei Daten notiert.

Das letzte lag zwölf Jahre zurück.

Ein Jahr vor meiner Hochzeit mit Tobias.

„Herr Dr. Reuter“, sagte ich, „wie hoch ist das Angebot für mein Haus?“

Er nannte die Summe.

1,18 Millionen Euro.


Martin pfiff leise durch die Zähne.

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist zu wenig.“

Sabine Keller, die Immobiliengutachterin, sagte zum ersten Mal seit Minuten etwas.

„Deutlich.“

Alle sahen sie an.

Sie zog ihre Unterlagen aus der Tasche.

„Ich hatte heute nur eine grobe Vorprüfung. Aber Lage, Grundstücksgröße und Zustand berücksichtigt, würde ich das Objekt eher zwischen 1,55 und 1,7 Millionen einordnen.“

Mein Blick wanderte zu Tobias.

„Du wolltest mein Haus also für mindestens 370.000 Euro unter Wert verkaufen.“


„Das war nur ein erstes Angebot.“

„Das du offenbar schon akzeptabel fandest.“

„Weil es schnell gehen sollte.“

„Warum?“

„Weil Miriam das Haus in Bad Schwartau sonst verliert.“

Miriam fuhr herum.

„Benutz mich nicht dafür.“

Tobias starrte sie an.

„Was?“

„Du hast gesagt, das sei eine Chance für alle.“


„Ist es auch.“

„Nein. Du hast gesagt, Katharina wolle ohnehin verkaufen.“

Ich sah meine Schwägerin an.

„Hat er das wirklich gesagt?“

Sie nickte.

Tränen standen ihr in den Augen.

„Er sagte, ihr hättet schon länger darüber gesprochen. Dass du nur noch zögerst, weil du an deinem Vater hängst.“

Etwas in mir brach.

Nicht laut.

Nicht dramatisch.

Nur endgültig.

Elf Jahre lang hatte ich Tobias für schwach gehalten.

Für konfliktscheu.

Für jemanden, der seiner Mutter zu viel erlaubte.

Zum ersten Mal fragte ich mich, ob ich ihn falsch eingeschätzt hatte.

Vielleicht war er nicht schwach.

Vielleicht war er nur sehr gut darin gewesen, mich glauben zu lassen, dass er es war.

„Seit wann planst du das?“

Er antwortete nicht.

„Seit wann, Tobias?“

„Ein paar Wochen.“

Martin lachte trocken.

„Lüge.“

Tobias drehte sich zu ihm.

„Halt dich da raus.“

„Nein.“

Martin stand jetzt gerade.

„Du hast mir im Frühjahr schon gesagt, dass bei Katharina irgendwann ‚Kapital frei wird‘.“

Ich sah Tobias an.

„Im Frühjahr?“

Es war September.

Petersen machte sich eine Notiz.

„Können Sie das genauer eingrenzen?“

„Ende März.“

Martin dachte nach.

„Wir waren bei Ingrid zum Geburtstag.“

Miriam nickte langsam.

„Da hast du auch zum ersten Mal von Bad Schwartau gesprochen.“

Mein Herz schlug schwer.

Fünf Monate.

Mindestens.

Vielleicht länger.

Ich blickte auf die Warnung meines Vaters.

Dann auf Tobias.

„Wann hast du Westermann kennengelernt?“

„Gar nicht.“

„Du lügst.“

„Beweis es.“

Die Worte kamen so schnell, dass er selbst erschrak.

Niemand sagte etwas.

Petersen sah ihn lange an.

„Herr Albrecht“, sagte sie schließlich, „ich würde Ihnen empfehlen, Ihre nächsten Antworten sorgfältiger zu wählen.“

Tobias rieb sich über das Gesicht.

„Ich habe nichts Illegales getan.“

„Dann sollte es einfach sein, das zu erklären.“

„Ich wollte nur eine Lösung.“

„Mit einer gefälschten Vollmacht?“, fragte ich.

„Ich habe die nicht gefälscht!“

„Aber du hast sie benutzt.“

Er öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Die Polizistin bemerkte es.

Ich auch.

„Das ist der Unterschied“, sagte ich leise. „Du sagst die ganze Zeit, du hättest sie nicht gefälscht. Du sagst nie, dass du nicht wusstest, dass sie falsch ist.“

Ingrid verlor plötzlich ihre Ruhe.

„Jetzt hör auf, ihm Worte im Mund umzudrehen.“

Ich drehte mich zu ihr.

„Dann sag du mir, wer sie unterschrieben hat.“

„Woher soll ich das wissen?“

„Weil Tobias dich jedes Mal ansieht, wenn die Frage kommt.“

Miriam flüsterte:

„Mama?“

Ingrid wurde blass.

„Was soll das heißen?“

„Hast du Katharinas Unterschrift kopiert?“

„Natürlich nicht.“

Petersen sah zwischen ihnen hin und her.

„Wir werden das Dokument untersuchen lassen.“

Dr. Reuter hob die Hand.

„Es gibt noch etwas.“

Er hielt sein Handy hoch.

„Die Nordhafen Beteiligungs GmbH wurde erst vor acht Monaten gegründet.“

„Und?“

„Der Geschäftsführer heißt nicht Westermann.“

„Wer dann?“

Der Notar blickte zu Tobias.

„Ein Mann namens Daniel Kruse.“

Keine Reaktion.

Bis Martin plötzlich sagte:

„Den Namen kenne ich.“

Tobias wurde steif.

„Woher?“, fragte ich.

Martin sah erst ihn an.

Dann mich.

„Tobias hat ihn mir vorgestellt.“

Es war, als würde jemand im Raum das Licht ausknipsen.

Nicht wirklich.

Aber alles änderte sich.

„Wann?“

„Im Mai.“

Tobias schüttelte den Kopf.

„Das war jemand anderes.“

„Nein.“

Martin blieb ruhig.

„Daniel Kruse. Immobilien. Hamburg. Ihr wart zusammen in einem Restaurant.“

Ich sah Tobias an.

„Du kennst also den Geschäftsführer der Firma, die mein Haus kaufen will.“

„Flüchtig.“

„Vor einer Minute kanntest du niemanden.“

„Ich habe nicht gesagt—“

„Doch.“

Miriam legte eine Hand vor den Mund.

Ingrid setzte sich endlich.

Zum ersten Mal wirkte sie alt.

Nicht mächtig.

Nicht kontrollierend.

Nur alt.

Und nervös.

Petersen trat einen Schritt auf Tobias zu.

„Wir werden Ihr Mobiltelefon jetzt sicherstellen.“

„Nein.“

„Dann können Sie es freiwillig herausgeben, oder wir klären die Beschlagnahme.“

Tobias sah zur Tür.

Der zweite Beamte stellte sich unauffällig davor.

Dann zog Tobias das Handy aus der Tasche.

„Hier.“

Petersen nahm es entgegen.

Das Display leuchtete auf.

Eine Nachricht war gerade eingegangen.

Nur eine Vorschau.

Aber ich stand nah genug.

Und ich las sie.

Absender:

Daniel.

Nachricht:

„Hat sie unterschrieben? Westermann will heute Nacht Gewissheit.“

Mein Körper wurde kalt.

Tobias sah das Display.

Dann mich.

Petersen auch.

Niemand sagte etwas.

Die Nachricht verschwand nach wenigen Sekunden.

Aber es war zu spät.

Ich hatte sie gesehen.

Der Notar hatte sie gesehen.

Die Polizei hatte sie gesehen.

Und plötzlich war klar, dass der Mann, vor dem mein Vater mich gewarnt hatte, nicht zufällig am Ende dieses Vertrages stand.

Er wartete.

Auf meine Unterschrift.

Noch in dieser Nacht.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 4, um weiterzulesen.**

No comments yet