Unterhaltung

Mein Mann lud heimlich einen Notar ein, um mein geerbtes Haus zu verkaufen – dann fand ich meine Unterschrift auf einer Vollmacht

„Westermann will heute Nacht Gewissheit.“

Der Satz stand nicht mehr auf dem Display.

Aber er war jetzt im Raum.

Petersen drehte Tobias’ Handy um und legte es mit der Bildschirmseite nach unten auf den Tisch.

„Herr Albrecht“, sagte sie ruhig, „ab jetzt sagen Sie am besten gar nichts mehr, bevor Sie verstanden haben, worum es hier möglicherweise geht.“

Tobias lachte kurz.

Trocken.

Fast verzweifelt.

„Worum es geht? Meine Frau macht aus einem Immobilienverkauf eine Verschwörung.“

Ich sah ihn an.


„Dann erklär Daniel.“

„Geschäftskontakt.“

„Dann erklär Westermann.“

„Kenne ich nicht.“

„Dann erklär die Nachricht.“

Er schwieg.

Ingrid stand abrupt auf.

„Ich fahre nach Hause.“

Petersen drehte sich zu ihr.

„Ihre Personalien sind aufgenommen. Sie dürfen gehen, sofern Sie keine Unterlagen mitnehmen.“


„Ich brauche keine Erlaubnis.“

„Das habe ich auch nicht gesagt.“

Ingrid griff nach ihrer Handtasche.

Dann blieb sie stehen.

Ihr Blick fiel auf die blaue Mappe.

Nur einen Moment.

Aber Petersen bemerkte es.

„Die bleibt hier.“

Ingrid hob das Kinn.

„Natürlich.“


Miriam trat zur Seite, als ihre Mutter an ihr vorbeiging.

„Mama.“

Ingrid blieb stehen.

„Was?“

„Wusstest du von Daniel Kruse?“

Stille.

„Nein.“

„Und von Westermann?“

Ingrid sah ihre Tochter direkt an.

„Nein.“


Miriam nickte langsam.

Nicht, weil sie ihr glaubte.

Sondern weil sie verstanden hatte, dass mehr nicht kommen würde.

Die Haustür fiel ins Schloss.

Ich hörte Ingrids Schritte draußen.

Dann den Motor ihres Wagens.

Erst als das Geräusch verschwunden war, atmete Miriam wieder aus.

„Sie lügt.“

Tobias fuhr herum.

„Jetzt fang du nicht auch noch an.“


Miriam sah ihren Bruder an, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.

„Sie hat vor zwei Monaten nach Katharinas Vater gefragt.“

Ich erstarrte.

„Was genau?“

„Ob er früher Immobiliengeschäfte gemacht hat.“

Tobias schüttelte sofort den Kopf.

„Das beweist gar nichts.“

„Ich rede nicht mit dir.“

Miriam wandte sich mir zu.

„Sie wollte wissen, ob dein Vater Geschäftspartner hatte, mit denen es Streit gab.“


Mein Herz schlug schneller.

„Warum?“

„Ich dachte, sie wäre einfach neugierig.“

Martin stieß bitter Luft aus.

„Deine Mutter ist nie einfach neugierig.“

Petersen machte sich wieder Notizen.

„Frau Albrecht, wissen Sie etwas über geschäftliche Streitigkeiten Ihres Vaters?“

„Nein.“

Dann korrigierte ich mich.

„Nicht wirklich.“


Mein Vater hatte selten über Arbeit gesprochen.

Er hatte ein kleines Bauunternehmen geführt, später Grundstücke gekauft, renoviert und wieder verkauft.

Solide.

Vorsichtig.

Langweilig, hatte ich früher gedacht.

Jetzt lagen seine Notizen vor mir, und plötzlich wirkte nichts daran langweilig.

Ich nahm die zweite Seite aus dem Umschlag.

Darauf standen mehrere Namen.

Westermann.

Nordhafen.


Ein Kürzel: DK.

Und darunter ein Datum.

14. Oktober.

Vor zwölf Jahren.

Daneben nur zwei Worte:

„Lagerhalle Travemünde.“

Martin beugte sich vor.

„Was ist da?“

„Keine Ahnung.“

Petersen sah auf die Uhr.


„Wir können das prüfen.“

Dr. Reuter sagte plötzlich:

„Travemünde.“

Wir sahen ihn an.

„Was?“

Er setzte sich langsam.

„Der Vertragsentwurf enthält eine Nebenanlage. Ich habe sie heute Nachmittag bekommen, aber noch nicht vollständig geprüft.“

Er öffnete seine Aktentasche.

„Es ging um eine Grundschuld, die nach dem Verkauf abgelöst werden sollte.“

Mein Magen zog sich zusammen.


„Auf meinem Haus liegt keine Grundschuld.“

„Nach meinen Unterlagen ebenfalls nicht.“

Er zog drei Blätter heraus.

„Deshalb wollte ich das heute ansprechen.“

Petersen nahm das Papier.

„Gläubiger?“

Dr. Reuter deutete auf eine Zeile.

„Nordhafen Beteiligungs GmbH.“

Ich starrte ihn an.

„Die Firma, die mein Haus kaufen will, behauptet gleichzeitig, eine Forderung gegen mein Haus zu haben?“

„Offenbar.“

„In welcher Höhe?“

Der Notar schwieg einen Moment.

„420.000 Euro.“

Miriam setzte sich.

Martin fluchte leise.

Ich spürte keinen Schock mehr.

Nur noch Muster.

Immer wieder dasselbe.

Mein Haus.

Mein Depot.

Meine Unterschrift.

Und jedes Mal eine Zahl, groß genug, um mein Leben zu verändern.

„Seit wann existiert diese angebliche Grundschuld?“

Dr. Reuter sah auf die Anlage.

„Das Datum ist drei Monate alt.“

„Unmöglich.“

„Wenn Sie nichts unterschrieben haben, ja.“

Petersen hob den Blick.

„Dann haben wir möglicherweise ein zweites problematisches Dokument.“

Tobias sagte sofort:

„Damit habe ich nichts zu tun.“

Ich drehte mich zu ihm.

„Du wusstest davon.“

„Nein.“

„Du hast den Verkauf vorbereitet.“

„Nicht die Grundschuld.“

„Aber du kanntest Daniel Kruse.“

„Flüchtig.“

„Und Daniel fragt dich gerade, ob ich unterschrieben habe.“

Er schüttelte den Kopf.

„Weil er Makler ist.“

„Er ist Geschäftsführer der Käuferfirma.“

Tobias sagte nichts mehr.

Petersen bat ihren Kollegen, draußen zu telefonieren.

Dann wandte sie sich an mich.

„Frau Albrecht, gibt es einen Ort, an dem Ihr Vater alte Geschäftsunterlagen aufbewahrt haben könnte?“

Ich wollte Nein sagen.

Doch dann dachte ich an die Lagerhalle.

Nicht die in Travemünde.

Unsere.

Hinter dem Haus.

Eine alte gemauerte Werkstatt, die mein Vater bis zuletzt benutzt hatte.

Nach seinem Tod hatte ich sie abgeschlossen.

Tobias hatte irgendwann vorgeschlagen, alles auszuräumen.

Ich hatte es nie getan.

„Die Werkstatt.“

Tobias’ Kopf schoss hoch.

Zu schnell.

Wieder.

Petersen sah ihn an.

„Welche Werkstatt?“

Ich zeigte durch das Fenster in den Garten.

Das kleine Gebäude stand hinter den Bäumen.

Dunkel.

Seit Jahren fast unberührt.

„Mein Vater hat dort gearbeitet.“

Tobias stand plötzlich auf.

„Da ist nichts.“

Alle sahen ihn an.

Ich fragte leise:

„Woher weißt du das?“

Er merkte seinen Fehler.

„Weil ich schon drin war.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

„Wann?“

„Vor Jahren.“

„Du hattest keinen Schlüssel.“

„Dein Vater hat mir mal einen gegeben.“

„Nein.“

„Doch.“

„Nein, Tobias.“

Ich wusste es genau.

Mein Vater hatte Tobias nie vertraut.

Ich hatte das früher für ungerecht gehalten.

Heute schämte ich mich dafür.

Petersen stellte sich zwischen Tobias und die Terrassentür.

„Niemand geht jetzt in diese Werkstatt.“

„Warum nicht?“, fragte ich.

„Weil wir zuerst klären, ob dort etwas liegt, das für das Verfahren wichtig sein könnte.“

Ihr Kollege kam zurück.

„Die Kollegen von der Kripo übernehmen.“

Dann sah er Tobias an.

„Und wir haben Rückmeldung zur Nordhafen Beteiligungs GmbH.“

Petersen hob die Augenbrauen.

„Was?“

„Daniel Kruse ist offiziell Geschäftsführer.“

„Das wissen wir.“

„Ja.“

Er blickte auf seine Notizen.

„Aber wirtschaftlich Berechtigter ist jemand anderes.“

Mein Mund wurde trocken.

„Westermann?“

Der Beamte schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Für einen Moment verstand ich nichts.

„Wer dann?“

Er sah mich an.

Dann zu Tobias.

„Ingrid Albrecht.“

Niemand bewegte sich.

Miriam begann zu weinen.

Nicht laut.

Nur ein ersticktes Geräusch.

Tobias schloss die Augen.

Und in diesem Moment wusste ich es.

Nicht alles.

Aber genug.

Meine Schwiegermutter hatte nicht einfach gehofft, aus meinem Haus eine Wohnung finanziert zu bekommen.

Sie stand hinter der Firma, die mein Haus kaufen wollte.

Und mein Mann hatte es gewusst.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**

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