Die Richterin hob das Foto mit beiden Händen an.
Ich konnte es von meinem Platz aus nicht vollständig erkennen, doch selbst aus der Entfernung sah ich, dass es sich um eine alte Aufnahme handeln musste.
Körnig.
Dunkel.
Offenbar von einer Überwachungskamera.
Arthur beugte sich leicht vor.
„Darf ich?“
Die Richterin reichte ihm das Bild.
Er sah es nur wenige Sekunden an, bevor sich sein Gesichtsausdruck veränderte.
Dann schob er es zu mir.
Mein Herz schlug schneller.
Das Foto zeigte den Eingang zu einem Keller.
Am oberen Rand war ein eingeblendetes Datum zu erkennen.
Siebzehn Jahre zuvor.
Und mitten im Bild stand ein Mann.
Jünger.
Schlanker.
Mit dunklerem Haar.
Aber ich erkannte ihn sofort.
Richard.
In seiner rechten Hand hielt er einen Metallkanister.
Ich starrte auf das Bild.
„Was war darin?“
Der Ermittler antwortete:
„Das wissen wir noch nicht mit Sicherheit.“
Richard lachte plötzlich.
Es war kein selbstsicheres Lachen mehr.
Es klang dünn und gezwungen.
„Sehen Sie? Sie wissen gar nichts.“
Arthur legte das Foto zurück auf den Tisch.
„Interessant ist nicht nur der Kanister.“
Richard verstummte.
Arthur deutete auf die Uhrzeit am unteren Rand.
„Wann begann der Brand?“
Der Ermittler sah in seine Unterlagen.
„Laut Feuerwehrbericht um 23.48 Uhr.“
Arthur tippte auf das Foto.
„Diese Aufnahme ist von 23.31 Uhr.“
Siebzehn Minuten.
Richard war im Keller gewesen, siebzehn Minuten bevor das Haus brannte.
Die Richterin richtete sich auf.
„Und wo befand sich Sophie Hartmann zu diesem Zeitpunkt?“
„Nach den damaligen Ermittlungen im Obergeschoss.“
Mir wurde übel.
Klara presste beide Hände vor den Mund.
„Richard…“
Er sah sie nicht an.
Der Ermittler fuhr fort.
„Der ehemalige Hausmeister, Herr Paul Brenner, gab damals zunächst an, Herr Hartmann habe das Grundstück etwa eine halbe Stunde vor Ausbruch des Feuers betreten.“
„Warum hat er seine Aussage zurückgezogen?“, fragte die Richterin.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann legte der Ermittler ein weiteres Dokument auf den Tisch.
„Weil ihm drei Tage später ein hoher Geldbetrag überwiesen wurde.“
Richard sprang fast wieder auf, blieb diesmal aber sitzen.
Arthur fragte ruhig:
„Von wem?“
„Von einer Firma, die inzwischen aufgelöst ist.“
„Und wem gehörte diese Firma?“
Der Ermittler sah zu Richard.
„Einem Geschäftspartner seines verstorbenen Vaters.“
Ich schloss kurz die Augen.
Das Muster war dasselbe.
Geld.
Druck.
Dokumente.
Menschen, die plötzlich schwiegen.
Jahrelang hatte Richard mir eingeredet, ich sei schwach.
Dass niemand mir glauben würde.
Dass Geld immer stärker sei als Wahrheit.
Jetzt begann ich zu verstehen, warum er davon so überzeugt gewesen war.
Es hatte offenbar schon einmal funktioniert.
Die Richterin wandte sich an Richards Anwälte.
„Wussten Sie von dieser früheren Ehe?“
Beide schüttelten beinahe gleichzeitig den Kopf.
Richard sah sie an, als hätten sie ihn verraten.
„Das ist irrelevant.“
Seine Anwältin erwiderte diesmal nichts.
Arthur jedoch wandte sich direkt an die Richterin.
„Frau Vorsitzende, ich beantrage, dass sämtliche Vermögensübertragungen meines Mandanten—“
„Ihrer Mandantin“, korrigierte Richard höhnisch.
Arthur sah ihn an.
„Danke, dass Sie unter Beweis stellen, wie aufmerksam Sie gerade sind.“
Ein paar Menschen im Saal atmeten hörbar ein.
Arthur fuhr fort:
„Ich beantrage, sämtliche Vermögensübertragungen im Zusammenhang mit Frau Wagner sofort einzufrieren, bis die Echtheit der Unterschriften geprüft ist.“
Die Richterin nickte.
„Dem Antrag wird vorläufig stattgegeben.“
Richard erstarrte.
Zum ersten Mal an diesem Tag traf ihn etwas, das er wirklich verstand.
Sein Geld.
Seine Kontrolle.
Seine Möglichkeit, alles noch schnell zu verschieben.
„Das können Sie nicht machen.“
„Doch“, sagte die Richterin.
„Das ist mein Vermögen.“
Ich sah ihn an.
„Nein.“
Er drehte sich zu mir.
„Was?“
Meine Stimme zitterte nicht mehr.
„Es war nie alles deins.“
Klara beobachtete uns schweigend.
Richard beugte sich vor.
„Du glaubst wirklich, du gewinnst hier gerade?“
Ich antwortete nicht.
„Emilia“, sagte er leise, „du hast keine Ahnung, was passiert, wenn du das hier weiterziehst.“
Arthur stand sofort auf.
„Frau Vorsitzende—“
„Ich habe nichts getan“, sagte Richard schnell. „Ich warne nur meine Frau vor den Folgen ihrer Entscheidungen.“
„Noch so eine Warnung“, sagte die Richterin, „und Sie werden sie aus einem anderen Raum heraus erklären.“
Richard lehnte sich zurück.
Aber ich kannte ihn.
Ich wusste, dass er bereits nach einem neuen Ausweg suchte.
Dann bemerkte ich etwas.
Klara.
Sie starrte nicht mehr Richard an.
Sie starrte die schwarze Beweiskiste an.
Das kleine Aufnahmegerät lag noch immer darin.
Ihre Finger bewegten sich nervös über ihre Handtasche.
„Frau Vorsitzende“, sagte sie plötzlich.
Alle sahen zu ihr.
„Ich muss etwas sagen.“
Richard wurde sofort angespannt.
„Klara, nein.“
Sie drehte sich zu ihm.
„Du hast mich angelogen.“
„Du weißt nicht, was du tust.“
„Doch.“
Sie öffnete ihre Handtasche.
Einer der Gerichtsdiener trat sofort näher.
Klara hob beide Hände.
„Es ist nur ein Schlüssel.“
Sie zog einen kleinen Messingschlüssel hervor.
Ich kannte ihn nicht.
Richard schon.
Sein Gesicht veränderte sich augenblicklich.
Nicht nur Angst.
Entsetzen.
„Gib mir den.“
Klara wich zurück.
Der Gerichtsdiener stellte sich zwischen sie.
Die Richterin fragte:
„Wozu gehört dieser Schlüssel?“
Klara sah mich an.
Dann Arthur.
„Richard hatte in unserem Apartment in München einen Schrank.“
Unser Apartment.
Diese zwei Worte trafen mich unerwartet.
Nicht wegen Eifersucht.
Das war längst vorbei.
Sondern weil ich plötzlich verstand, wie vollständig Richard parallel gelebt hatte.
„Er sagte, dort lägen nur vertrauliche Geschäftsunterlagen“, fuhr Klara fort.
„Ich durfte ihn nie öffnen.“
Richard flüsterte:
„Klara.“
„Vor zwei Wochen habe ich den Schlüssel gefunden.“
„Halt den Mund.“
„Und ich habe den Schrank geöffnet.“
Richard stand auf.
Diesmal packten ihn beide Gerichtsdiener sofort an den Armen.
„LASS MICH LOS!“
Seine Stimme überschlug sich.
Klara begann zu weinen.
„Da waren Fotos.“
Mein Körper wurde kalt.
„Was für Fotos?“, fragte die Richterin.
Klara schüttelte den Kopf.
„Von Emilia.“
Ich konnte nicht atmen.
„Von mir?“
Sie nickte.
„Sehr viele.“
Arthur sah mich an.
„Aktuelle?“
„Nein.“
Klara wischte sich über das Gesicht.
„Fotos aus Jahren.“
Sie sah Richard an.
„Manche waren aufgenommen worden, während sie schlief.“
Im Saal wurde es erneut vollkommen still.
„Und es gab noch etwas.“
Richard kämpfte gegen die Gerichtsdiener.
„Sie lügt!“
Klara zog ihr Mobiltelefon hervor.
„Ich habe alles fotografiert.“
Sie reichte das Gerät einem Ermittler.
Richard hörte auf, sich zu wehren.
Der Ermittler scrollte durch die Bilder.
Sein Blick wurde immer ernster.
„Frau Vorsitzende…“
Die Richterin sah ihn an.
„Was?“
Er drehte das Telefon zu ihr.
„Das hier sind nicht nur Fotos von Frau Wagner.“
Er wischte weiter.
„Es gibt Bilder von Sophie Hartmann.“
Mein Blick schoss zu Richard.
Und dann sagte der Ermittler einen Satz, der alles veränderte.
„Einige davon tragen ein Datum nach ihrem offiziellen Tod.“
Richard senkte langsam den Kopf.
Und ich begriff, dass die Frage vielleicht nicht länger lautete, ob Sophie ermordet worden war.
Sondern ob sie damals überhaupt gestorben war.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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