„Meine Schwester.“
Die beiden Worte trafen mich härter als alles, was an diesem Tag zuvor gesagt worden war.
Ich starrte Richard an.
„Du hast eine Schwester?“
Er antwortete nicht.
Klara sah zwischen uns hin und her.
„Du hast mir gesagt, du seist Einzelkind.“
Arthur hob langsam den Kopf.
„Mir gegenüber wurde dasselbe angegeben.“
Die Richterin blätterte durch die Unterlagen vor sich.
„In den Akten, die diesem Gericht vorliegen, ist ebenfalls keine Schwester vermerkt.“
Richard sah auf den Tisch.
Zum ersten Mal wirkte er nicht wie ein Mann, der nach einer neuen Lüge suchte.
Er wirkte wie jemand, der wusste, dass jede Antwort eine weitere Tür öffnen würde.
„Herr Wagner“, sagte die Richterin, „Sie werden diese Frage beantworten.“
Richard hob den Blick.
„Anna ist meine ältere Schwester.“
„Warum existiert sie in Ihren heutigen Unterlagen praktisch nicht?“
„Weil sie ihren Namen geändert hat.“
Der Ermittler schüttelte den Kopf.
„Das erklärt nicht, warum wir sie bislang in keinem Ihrer familiären Dokumente gefunden haben.“
Richards Mund wurde schmal.
„Unsere Familie war kompliziert.“
Ich hätte beinahe gelacht.
Kompliziert.
So nannte er also siebzehn Jahre Lügen, eine tote Ehefrau, eine versteckte Schwester und ein Anwesen, das mit gestohlenem Geld finanziert worden war.
„Und Sophie?“, fragte ich.
Er sah mich an.
„Was ist mit ihr?“
„War sie deine Frau?“
„Ja.“
„Ist sie bei dem Brand gestorben?“
Richard schwieg.
„Richard.“
Seine Augen wurden kalt.
„Ja.“
Der Ermittler trat näher.
„Dann erklären Sie, warum Fotos Ihrer Schwester als Sophie Hartmann gespeichert wurden.“
Richards Blick wanderte zum Telefon.
„Das habe ich nicht getan.“
Klara lachte bitter.
„Natürlich nicht.“
Er fuhr zu ihr herum.
„Du weißt überhaupt nichts.“
„Dann erklär es.“
Richard sagte nichts.
Der Ermittler nahm das Telefon wieder an sich.
„Die Dateien befanden sich in einem Ordner, der mit den Initialen S.H. gekennzeichnet war.“
Arthur fragte:
„Könnte Herr Wagner damit bewusst eine falsche Identität dokumentiert haben?“
„Möglich.“
„Zu welchem Zweck?“
„Das müssen wir klären.“
Richard sagte plötzlich:
„Anna war krank.“
Seine Stimme war leiser geworden.
Ich spürte sofort, dass er eine neue Richtung einschlug.
Nicht unbedingt eine Lüge.
Etwas Gefährlicheres.
Eine halbe Wahrheit.
„Was meinen Sie mit krank?“, fragte die Richterin.
„Psychisch instabil.“
Ich sah Arthur an.
Er sah zurück.
Dasselbe Muster.
Wieder eine Frau.
Wieder sollte sie plötzlich instabil sein.
Richard bemerkte meinen Blick.
„Das ist nicht dasselbe wie bei dir.“
„Nein?“
„Anna hatte echte Probleme.“
„Und deshalb hast du sie siebzehn Jahre versteckt?“
„Ich habe sie nicht versteckt.“
Der ältere Ermittler sagte:
„Eine Frau lebt in einem abgelegenen Haus, dessen Kosten über verschachtelte Firmen bezahlt werden, die mit verschwundenem Vermögen Ihrer Ehefrau verbunden sind. Sie besitzt offenbar keine eigene finanzielle Unabhängigkeit und wurde unter einem anderen Namen fotografiert.“
Er machte eine Pause.
„Wie würden Sie das nennen?“
Richard antwortete nicht.
Mein Herz schlug schneller.
Plötzlich dachte ich an mich selbst.
An das Haus am See.
An die verschlossenen Türen.
An die Medikamente, die Richard mir manchmal hingestellt hatte, wenn ich „zu aufgebracht“ gewesen war.
An die Gutachten.
An die unterschriebenen Papiere.
An die Reisen, die ich angeblich gemacht hatte, obwohl ich zu Hause eingesperrt gewesen war.
Vielleicht hatte er dieses System nicht für mich erfunden.
Vielleicht hatte er es perfektioniert.
„Kann die Polizei dort mit Anna sprechen?“, fragte ich.
Der Ermittler nickte.
„Sie sprechen bereits mit ihr.“
„Allein?“
Er verstand sofort, warum ich fragte.
„Ohne Richard. Ohne Personen aus seinem Umfeld.“
Ich atmete zum ersten Mal etwas leichter.
„Gut.“
Richard sah mich an.
„Du glaubst, du rettest sie.“
Ich erwiderte seinen Blick.
„Vielleicht muss sie vor dir gerettet werden.“
Er lächelte schwach.
„Du kennst Anna nicht.“
„Du kanntest mich auch nie.“
Das Lächeln verschwand.
Klara sank wieder auf ihren Stuhl.
Die Halskette meiner Großmutter lag noch immer um ihren Hals.
Sie berührte sie plötzlich.
Dann öffnete sie hastig den Verschluss.
„Emilia.“
Ich sah zu ihr.
Sie hielt mir die Kette entgegen.
„Die gehört dir.“
Vor wenigen Stunden hätte dieser Moment etwas in mir ausgelöst.
Wut.
Demütigung.
Vielleicht Genugtuung.
Jetzt wirkte die Kette beinahe bedeutungslos.
Arthur nahm sie für mich entgegen und legte sie auf den Tisch.
„Sie wird später ordnungsgemäß gesichert.“
Klara nickte.
Dann sagte sie:
„Es gab in dem Schrank auch Briefe.“
Richard hob sofort den Kopf.
„Welche Briefe?“, fragte Arthur.
Klara runzelte die Stirn.
„Alte Briefe. Handschriftlich.“
„Von wem?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe nur zwei gelesen.“
Richards Hände schlossen sich zu Fäusten.
„Was stand darin?“
Klara sah ihn an.
„Da schrieb jemand immer wieder, sie wolle nach Hause.“
Mir wurde kalt.
„Sie?“
Klara nickte.
„Und dass sie niemandem mehr glaube.“
Der Ermittler fragte:
„Haben Sie diese Briefe fotografiert?“
Klara schüttelte den Kopf.
„Nein. Als ich sie fand, hörte ich Richard im Flur. Ich habe alles wieder zurückgelegt.“
„Befinden sie sich noch dort?“
Sie sah auf den Boden.
„Ich weiß es nicht.“
Richard lächelte.
„Natürlich nicht.“
Arthur wandte sich an ihn.
„Was soll das bedeuten?“
„Nur, dass Klara gern dramatisiert.“
„Oder dass Sie den Schrank inzwischen geleert haben.“
Richard zuckte mit den Schultern.
Die Richterin sah zum Ermittler.
„Das Apartment wird durchsucht.“
Richard reagierte sofort.
„Dafür gibt es keine Grundlage.“
„Doch“, sagte der Ermittler. „Inzwischen mehr als genug.“
Richards Anwalt griff sich an die Stirn.
Seine Anwältin flüsterte mit ihm.
Dann stand sie auf.
„Frau Vorsitzende, unter diesen Umständen müssen wir dringend mit unserem Mandanten über seine weitere Vertretung sprechen.“
Richard drehte sich scharf zu ihr.
„Was soll das heißen?“
Sie sah ihn diesmal vollkommen nüchtern an.
„Dass uns wesentliche Tatsachen verschwiegen wurden.“
„Ich bezahle Sie.“
„Das ist nicht die einzige Voraussetzung für anwaltliche Vertretung.“
Zum ersten Mal zerfiel Richards sorgfältig aufgebautes Schutzschild direkt vor meinen Augen.
Seine Geliebte hatte sich gegen ihn gestellt.
Seine Anwälte wussten nicht mehr, was sie glauben sollten.
Sein Vermögen war eingefroren.
Seine Vergangenheit wurde geöffnet.
Und irgendwo in Österreich sprach gerade seine Schwester mit der Polizei.
Der zweite Ermittler erhielt eine Nachricht.
Er las sie.
Dann noch einmal.
„Frau Vorsitzende.“
Alle Blicke gingen zu ihm.
„Wir haben eine erste Aussage von Anna Wagner.“
Richard richtete sich ruckartig auf.
„Nein.“
Die Richterin hob die Hand.
„Fahren Sie fort.“
„Sie bestätigt, dass sie seit Jahren auf dem Anwesen lebt.“
„Freiwillig?“, fragte Arthur.
Der Ermittler sah auf sein Telefon.
„Sie sagt, anfangs ja.“
Richard atmete aus.
Dann folgte der nächste Satz.
„Später nicht mehr.“
Im Saal wurde es wieder still.
Ich spürte, wie sich meine Haut zusammenzog.
„Warum durfte sie nicht gehen?“
Der Ermittler las weiter.
„Sie behauptet, Richard habe ihr gedroht, sie wegen ihrer psychischen Vorgeschichte vollständig entmündigen zu lassen, wenn sie das Anwesen verlasse.“
Ich sah Richard an.
Er sah zurück.
Und diesmal wusste ich ganz genau, dass ich dieses System kannte.
Dieselben Worte.
Dieselben Drohungen.
Dass niemand mir glauben würde.
Dass ich krank sei.
Dass er mich jederzeit für unfähig erklären lassen könne.
Anna war kein Zufall.
Sie war der Beweis, dass Richards Methoden viel älter waren als unsere Ehe.
Arthur fragte:
„Hat Anna etwas zu Sophie gesagt?“
Der Ermittler zögerte.
Richard bewegte sich nicht mehr.
„Ja.“
„Was?“
„Sie sagt, Sophie habe kurz vor ihrem Tod versucht, sie aus der Familie herauszuholen.“
Richard schloss die Augen.
Die Richterin fragte:
„Warum?“
Der Ermittler scrollte weiter.
„Anna behauptet, Sophie habe herausgefunden, dass Richards Vater illegale Vermögensverschiebungen über mehrere Familienfirmen organisiert habe.“
Arthur und ich sahen uns an.
Plötzlich ergaben die alten Zahlungen Sinn.
Der Geschäftspartner seines Vaters.
Die Firma.
Der Hausmeister.
Das Schweigen.
„Und Richard?“, fragte ich.
Der Ermittler blickte zu mir.
„Anna sagt, Richard habe damals noch für seinen Vater gearbeitet.“
Richard öffnete die Augen.
„Sie lügt.“
„Warum sollte sie?“
„Weil sie ihn gehasst hat.“
„Wen?“
„Unseren Vater.“
Arthur fragte ruhig:
„Und Sophie?“
Richard antwortete nicht.
Der Ermittler tat es.
„Anna sagt, Sophie wollte Beweise zur Polizei bringen.“
Mein Blick fiel auf das alte Foto.
Richard.
Im Keller.
Mit einem Metallkanister.
Siebzehn Minuten vor dem Feuer.
Ich musste mich setzen.
„Dann war Sophie tatsächlich ein Ziel.“
„Das ist noch nicht bewiesen“, sagte Arthur vorsichtig.
Ich nickte.
Er hatte recht.
Wir durften nicht denselben Fehler machen wie Richard.
Nicht aus Vermutungen Wahrheiten bauen.
Der Ermittler erhielt eine weitere Nachricht.
Seine Stirn legte sich in Falten.
„Es gibt noch etwas.“
Richard sah ihn an.
„Anna hat den Beamten einen Ort genannt.“
„Welchen Ort?“, fragte die Richterin.
„Auf dem Grundstück.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Was ist dort?“
Der Ermittler sah Richard an.
„Laut Anna hat Sophie kurz vor dem Brand Unterlagen versteckt.“
Arthur stand langsam auf.
„Welche Unterlagen?“
„Sie weiß es nicht genau.“
Der Ermittler steckte das Telefon ein.
„Aber sie sagt, Sophie habe ihr damals versprochen, dass diese Unterlagen die gesamte Familie zu Fall bringen könnten.“
Richard wurde bleich.
„Anna weiß nicht, wo sie sind.“
Der Ermittler sah ihn ruhig an.
„Doch.“
Richards Gesicht erstarrte.
„Sie hat den Beamten gerade gezeigt, wo sie suchen müssen.“
Und in diesem Augenblick verstand ich, dass der Brand vor siebzehn Jahren vielleicht nicht nur einen Menschen zum Schweigen bringen sollte.
Vielleicht sollte er Beweise vernichten.
Beweise, die Richard sein ganzes Leben lang gefürchtet hatte.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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