Niemand sagte etwas.
Richard saß vollkommen reglos da, doch ich sah, wie sich sein Kiefer verhärtete.
Zum ersten Mal an diesem Tag wirkte seine Angst nicht mehr wie Panik.
Sie wirkte wie Erinnerung.
Der Ermittler legte sein Telefon auf den Tisch.
„Die österreichischen Kollegen durchsuchen gerade den bezeichneten Bereich.“
Arthur fragte:
„Wo genau?“
„Hinter einer alten Natursteinmauer am Rand des Grundstücks. Anna sagt, Sophie habe dort etwas versteckt, wenige Tage bevor sie starb.“
Richard lachte leise.
„Sophie hat ständig Dinge versteckt.“
Ich sah ihn an.
„Woher weißt du das?“
Er schwieg.
Arthur reagierte sofort.
„Herr Wagner, Sie sollten sich wirklich entscheiden, ob Sie nichts wissen oder plötzlich sehr viel.“
Richards Blick wurde hart.
„Ich war mit ihr verheiratet.“
„Dann kannten Sie also ihre Gewohnheiten.“
„Natürlich.“
„Und Sie wussten möglicherweise auch, dass sie Unterlagen gesammelt hatte.“
Richards Anwältin hob die Hand.
„Mein Mandant wird dazu keine weitere Aussage machen.“
Diesmal hörte Richard auf sie.
Aber es war zu spät.
Arthur schrieb etwas auf.
Ich versuchte währenddessen, die letzten Jahre neu zu betrachten.
Richards Verhalten.
Seine panische Kontrolle über Dokumente.
Seine Wut, wenn ich unangekündigt sein Arbeitszimmer betrat.
Seine Besessenheit davon, dass nichts ohne seine Zustimmung kopiert, verschickt oder unterschrieben wurde.
Früher hatte ich geglaubt, es gehe nur um Geld.
Jetzt verstand ich, dass Papier für Richard immer Gefahr bedeutet hatte.
Papier konnte erinnern.
Papier konnte widersprechen.
Papier konnte beweisen.
„Frau Wagner.“
Der Ermittler sprach mich an.
„Ja?“
„Wir müssen Ihnen einige Fragen zu den gefälschten Unterschriften stellen.“
„Natürlich.“
Er legte mehrere Kopien vor mich.
„Erkennen Sie diese Dokumente?“
Ich überflog die Seiten.
Übertragungen von Unternehmensanteilen.
Vollmachten.
Immobilienurkunden.
Einige hatte ich schon während der Vorbereitung auf das Verfahren gesehen.
Andere nicht.
„Diese Unterschrift sieht aus wie meine.“
„Ist sie Ihre?“
„Nein.“
Ich zeigte auf die untere Ecke.
„Ich schreibe das W in Wagner anders.“
Arthur nickte.
„Das hatten wir bereits dokumentiert.“
Der Ermittler legte ein zweites Blatt daneben.
„Und dieses?“
Ich wollte automatisch wieder Nein sagen.
Dann hielt ich inne.
Die Unterschrift war anders.
Fast perfekt.
Ich kannte sie.
„Die könnte tatsächlich von mir sein.“
Richard hob den Kopf.
Sofort.
Arthur bemerkte es ebenfalls.
„Unter welchen Umständen haben Sie unterschrieben?“
Ich starrte auf das Datum.
Drei Jahre zuvor.
Dann erinnerte ich mich.
Nicht klar.
Nur in Bruchstücken.
Ein Schlafzimmer.
Geschlossene Vorhänge.
Ein Glas Wasser auf dem Nachttisch.
Richard, der sagte, ich müsse nur ein paar Versicherungsunterlagen unterschreiben.
„Ich war damals krank.“
Richard schnaubte.
Ich drehte mich zu ihm.
„Oder zumindest dachte ich das.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Ich war tagelang benommen.“
Arthur wurde still.
„Haben Sie Medikamente genommen?“
„Richard gab mir Tabletten.“
„Verschrieben?“
„Er sagte, ja.“
Der Ermittler fragte:
„Wissen Sie noch, von welchem Arzt?“
Ich schüttelte den Kopf.
Dann erinnerte ich mich an etwas.
Einen Namen.
Immer derselbe Name auf den kleinen weißen Packungen.
„Dr. Falk.“
Arthur sah mich an.
„Vorname?“
„Matthias, glaube ich.“
Richard blickte plötzlich zur Tür.
Nur eine Sekunde.
Aber genug.
Der Ermittler tippte den Namen in sein Gerät.
„Matthias Falk.“
Er wartete.
Dann veränderte sich sein Gesicht.
„Interessant.“
„Was?“, fragte Arthur.
„Dr. Matthias Falk taucht bereits in den Unterlagen auf.“
Richard schloss die Augen.
„Wo?“
Der Ermittler drehte sein Display.
„In einem medizinischen Bericht über Anna Wagner.“
Mir wurde kalt.
„Er behandelte auch sie?“
„Offenbar.“
Arthur fragte:
„Und Sophie?“
Der Ermittler suchte weiter.
„Dazu habe ich im Moment nichts.“
Richard sagte plötzlich:
„Matthias war ein guter Arzt.“
Alle sahen ihn an.
Seine Anwältin flüsterte:
„Richard.“
Er ignorierte sie.
„Anna brauchte Hilfe.“
„Und ich?“, fragte ich.
Sein Blick traf meinen.
„Du auch.“
Etwas in mir, das früher bei diesen Worten zusammengebrochen wäre, blieb diesmal ruhig.
„Nein.“
Ich zeigte auf die Dokumente.
„Du brauchtest mich benommen.“
Er sagte nichts.
„Damit ich unterschrieb.“
„Das ist lächerlich.“
„Damit du später behaupten konntest, alles sei freiwillig gewesen.“
Seine Augen wurden schmal.
Ich spürte, wie Arthur mich kurz ansah.
Nicht um mich zu stoppen.
Sondern weil er verstand, dass ich gerade etwas begriffen hatte.
„Deshalb die Gutachten“, sagte ich.
Richard schwieg.
„Deshalb musstest du mich als instabil darstellen.“
Ich sah zur Richterin.
„Wenn irgendwann jemand die Übertragungen überprüft hätte, hätte Richard nicht nur behaupten können, ich hätte unterschrieben.“
Arthur vollendete den Gedanken.
„Er hätte behaupten können, Frau Wagner erinnere sich aufgrund ihres psychischen Zustands falsch.“
Die Richterin sah auf die gefälschten Gutachten.
Ihr Gesicht wurde hart.
„Ein vorbereitetes Verteidigungssystem.“
Der Ermittler nickte langsam.
„Und offenbar kein neues.“
Anna.
Ich dachte sofort an Anna.
Psychisch instabil.
Entmündigung.
Isolation.
Medikamente.
Vielleicht hatte Richard nicht einfach dieselben Methoden wiederholt.
Vielleicht hatte er dieselben Menschen benutzt.
Der Ermittler erhielt erneut eine Nachricht.
Diesmal las er lange.
„Sie haben etwas gefunden.“
Richard hob den Kopf.
Niemand musste fragen, wer „sie“ waren.
„Was?“
„Eine Metallkassette.“
Arthur stand auf.
„In der Mauer?“
„Dahinter, etwa vierzig Zentimeter tief.“
Richard flüsterte:
„Das ist unmöglich.“
Der Ermittler sah ihn an.
„Warum?“
Richard reagierte nicht.
Wieder ein Fehler.
Wieder hatte sein Wissen schneller gesprochen als seine Vorsicht.
„Was ist darin?“, fragte ich.
„Die Beamten öffnen sie gerade unter Dokumentation.“
Wir warteten.
Diese wenigen Minuten fühlten sich länger an als die vergangenen Jahre.
Richard bewegte nervös einen Finger über die Tischkante.
Immer wieder.
Klara beobachtete ihn.
Dann sagte sie plötzlich:
„Ich kenne diese Bewegung.“
Richard sah sie an.
„Was?“
„Mit dem Finger.“
Er hörte auf.
„Du machst das immer, wenn du Angst hast.“
„Klara, hör auf.“
„Damals im Apartment hast du es auch gemacht.“
Arthur wandte sich ihr zu.
„Wann?“
Sie dachte nach.
„An dem Abend, an dem er den Schrank ausgeräumt hat.“
Richard wurde blass.
„Du hast gesagt, du wüsstest nicht, ob die Briefe noch dort sind“, sagte Arthur.
„Ich wusste es nicht.“
Sie sah Richard an.
„Aber ich habe ihn später mit einer Tasche aus dem Arbeitszimmer kommen sehen.“
„Welche Tasche?“
„Eine alte braune Aktentasche.“
Mein Atem stockte.
Ich kannte sie.
Richard hatte diese Tasche seit Jahren.
Er ließ niemanden sie anfassen.
„Wo ist sie jetzt?“, fragte der Ermittler.
Klara schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
Ich schon.
Eine Erinnerung traf mich so plötzlich, dass ich mich am Tisch festhalten musste.
Das Gästehaus.
Die Nacht, in der Richard mich dort eingeschlossen hatte.
Am nächsten Morgen hatte ich ihn durch das Fenster gesehen.
Er war zum alten Geräteschuppen gegangen.
Mit einer braunen Aktentasche.
„Ich weiß vielleicht, wo sie ist.“
Alle sahen mich an.
„Wo?“
„Auf unserem Grundstück am See.“
Richard stand so abrupt auf, dass sein Stuhl nach hinten fiel.
„Nein!“
Die Gerichtsdiener packten ihn sofort.
Arthur drehte sich zu mir.
„Emilia, sind Sie sicher?“
„Ich habe ihn gesehen.“
Richard kämpfte gegen die Männer.
„Sie lügt!“
„Wann?“, fragte der Ermittler.
Ich nannte das ungefähre Datum.
Der Ermittler notierte es.
„Wo genau?“
„Im alten Geräteschuppen hinter dem Gästehaus.“
Richard schrie:
„Da ist nichts!“
Arthur sah ihn beinahe traurig an.
„Sie machen es uns wirklich leicht.“
Richard verstummte.
Der Ermittler telefonierte sofort.
Währenddessen kam eine zweite Nachricht aus Österreich.
„Die Kassette ist offen.“
Der Gerichtssaal wurde still.
„Inhalt?“, fragte die Richterin.
Der Ermittler las.
„Mehrere Originalbuchhaltungen.“
Arthur atmete scharf ein.
„Aus welcher Zeit?“
„Vor dem Brand.“
Er scrollte weiter.
„Konten, Firmenbeteiligungen, Zahlungsanweisungen.“
Dann hielt er inne.
„Und ein handschriftliches Notizbuch.“
Richard senkte den Kopf.
„Von Sophie?“, fragte ich.
„Vermutlich.“
„Was steht darin?“
„Das muss noch geprüft werden.“
Er las weiter.
„Aber auf der ersten Seite steht ein Satz.“
Ich wusste nicht, warum ich plötzlich Angst hatte, ihn zu hören.
„Welcher?“
Der Ermittler sah mich an.
„Wenn mir etwas passiert, war es kein Unfall.“
Klara begann leise zu weinen.
Richard starrte auf den Boden.
Arthur fragte:
„Nennt sie Namen?“
Der Ermittler scrollte durch die Nachricht.
„Ja.“
Richard hob den Kopf.
„Sophie nennt Richards Vater.“
Eine kurze Pause.
„Und Richard selbst.“
Ich schloss die Augen.
Damit war der Kreis fast geschlossen.
Der Brand.
Die verschwundenen Unterlagen.
Der bezahlte Hausmeister.
Richards Namensänderung.
Die manipulierten medizinischen Berichte.
Anna.
Ich.
Es waren keine einzelnen Geheimnisse.
Es war ein System.
Ein System, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben worden war.
Doch dann klingelte das Telefon des zweiten Ermittlers.
Er nahm ab.
Sein Gesicht veränderte sich schon nach wenigen Sekunden.
„Verstanden.“
Er legte auf.
„Die Kollegen am See sind beim Geräteschuppen.“
Richard wurde kreidebleich.
„Sie haben die Aktentasche gefunden.“
Arthur fragte:
„Was ist darin?“
Der Ermittler sah Richard an.
„Keine Ahnung.“
Dann fügte er hinzu:
„Aber sie ist nicht leer.“
Richard sank langsam zurück auf seinen Stuhl.
Und zum ersten Mal begriff ich, dass Sophie uns vielleicht nicht nur Beweise aus der Vergangenheit hinterlassen hatte.
Richard selbst hatte möglicherweise die Beweise aufbewahrt, die seine Gegenwart zerstören würden.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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