Unterhaltung

Mein Mann wollte mir bei der Scheidung alles nehmen – dann zog ich vor Gericht meinen Mantel aus

„Was hast du gesagt?“

Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Markus antwortete nicht.

Für einen Moment schien selbst er zu begreifen, dass er gerade etwas ausgesprochen hatte, das gefährlicher war als sämtliche Unterlagen auf Daniels Tisch.

Die Richterin richtete sich auf.

„Herr Weber“, sagte sie scharf. „Sie werden ab sofort kein weiteres Wort an Frau Weber richten.“

Einer der Kriminalbeamten trat neben Markus. Doch ich konnte den Blick nicht von ihm lösen.

Sie lebt noch.

Sieben Jahre lang hatte ich geglaubt, meine Schwester sei tot.

Sieben Jahre lang hatte ich an jedem Jahrestag ihres angeblichen Todes eine Kerze angezündet.


Und Markus hatte es gewusst.

Daniel legte mir vorsichtig eine Hand auf den Unterarm.

„Iris.“

Ich sah ihn an.

„Du wusstest davon?“

„Nein.“ Seine Antwort kam sofort. „Von der Blutprobe ja. Von dem Ergebnis seit gestern Abend. Aber nicht davon, dass Markus behaupten würde, sie lebe.“

Mein Magen zog sich zusammen.

Die Richterin ordnete eine kurze Unterbrechung an. Noch bevor Markus aus dem Saal geführt wurde, wandte er sich ein letztes Mal um.

Diesmal grinste er nicht.

Er sah mich an, als wollte er mir etwas mitteilen, ohne es auszusprechen.


Dann schlossen sich die Türen hinter ihm.

Laura blieb zurück.

Plötzlich wirkte das weiße Kleid, in dem sie wenige Minuten zuvor so selbstbewusst neben meinem Mann gestanden hatte, wie eine Verkleidung.

Sie griff nach ihrer Handtasche.

„Ich gehe.“

„Nein“, sagte einer der Ermittler.

Laura erstarrte.

„Sie bleiben für einige Fragen hier.“

„Ich habe damit nichts zu tun.“

Ihre Stimme überschlug sich beinahe.


„Ich wusste nichts von irgendeiner Frau. Markus hat mir gesagt, Iris sei psychisch instabil und wolle ihm die Firma wegnehmen.“

Ich stand langsam auf.

„Und deshalb hast du zwei Jahre lang mit ihm geschlafen?“

Laura senkte den Blick.

„Er sagte, eure Ehe sei längst vorbei.“

Ich hätte sie hassen können.

Vielleicht tat ein Teil von mir das noch immer.

Aber in diesem Augenblick war Laura nicht das Zentrum meiner Welt.

Meine Schwester war es.

Daniel führte mich in einen kleinen Besprechungsraum neben dem Gerichtssaal. Kaum war die Tür geschlossen, zog er eine Kopie des Laborberichts aus seiner Aktentasche.


„Die Spur wurde aus einer Vertiefung unter dem alten Bodenbelag in Markus’ Büro gesichert“, erklärte er. „Das Gebäude wurde vor drei Monaten renoviert. Ein Arbeiter entdeckte eine verfärbte Stelle. Weil die Ermittler wegen deiner Aufnahmen bereits Zugang hatten, wurde sie untersucht.“

Ich starrte auf den Namen.

Katharina Weber.

Meine Schwester.

Elf Jahre älter als ich.

Die Frau, die mich nach dem Tod unserer Eltern praktisch großgezogen hatte.

Die Frau, die Markus überhaupt erst kennengelernt hatte, weil sie mit mir gemeinsam an den ersten medizinischen Sensorsystemen arbeitete.

Und die Frau, deren Verschwinden alles verändert hatte.

„Man sagte mir, sie sei nach Zürich gegangen“, flüsterte ich.

Daniel nickte.


„Sechs Monate später erhieltst du die Nachricht über ihren angeblichen Tod.“

Ich erinnerte mich noch genau an diesen Anruf.

Markus hatte neben mir gesessen.

Er hatte meine Hand gehalten, während ich weinte.

Er hatte sogar die Beerdigung organisiert.

Eine Beerdigung ohne Leichnam.

Damals hatte ich nicht gefragt, warum der Sarg geschlossen blieb.

Ich hatte ihm vertraut.

Dieser Gedanke traf mich härter als alles andere.

„Wir müssen herausfinden, wo sie ist.“


Daniel antwortete nicht sofort.

„Iris, wir müssen vorsichtig sein. Markus könnte gelogen haben.“

„Warum sollte er?“

„Um dich aus dem Gleichgewicht zu bringen.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Du hast sein Gesicht gesehen.“

Daniel schwieg.

Ja.

Er hatte es ebenfalls gesehen.

Es war keine spontane Lüge gewesen.


Markus wusste etwas.

Die Tür öffnete sich.

Kriminalhauptkommissarin Eva Stein trat herein. Sie gehörte zu dem Team, das seit Wochen diskret mit Daniel zusammenarbeitete.

In ihrer Hand hielt sie einen durchsichtigen Beweisbeutel.

Darin lag ein kleines schwarzes Speichermedium.

„Wir haben das in Webers Aktentasche gefunden.“

Daniel nahm den Beutel nicht entgegen.

„Was ist darauf?“

„Noch unbekannt. Aber auf dem Gehäuse steht etwas.“

Eva drehte den Beutel um.


Mir wurde kalt.

Mit silbernem Permanentmarker waren drei Buchstaben darauf geschrieben.

K.W.

Katharina Weber.

„Wann können Sie es auslesen?“, fragte ich.

„Die Forensik arbeitet bereits daran.“

Dann sah Eva mich ungewöhnlich lange an.

„Es gibt noch etwas.“

Sie legte ein Foto auf den Tisch.

Es zeigte Markus, aufgenommen von einer Verkehrskamera.


Der Zeitstempel war nur sechs Wochen alt.

Neben ihm saß eine Frau auf dem Beifahrersitz.

Das Bild war unscharf.

Das Gesicht kaum zu erkennen.

Aber ich kannte diese Haltung.

Die leicht nach links geneigte Schulter.

Die dunklen Haare.

Und an ihrem Hals hing eine kleine silberne Kette.

Meine Kette.

Unsere Mutter hatte zwei identische Anhänger besessen.


Einen hatte sie Katharina gegeben.

Den anderen mir.

Meine Knie wurden weich.

„Das kann nicht sein.“

Eva zog einen Stuhl für mich heran.

„Das Fahrzeug wurde auf dem Weg zu einem Grundstück außerhalb der Stadt erfasst. Das Anwesen gehört keiner Firma, die offiziell mit Markus Weber verbunden ist.“

Daniel verstand sofort.

„Aber indirekt?“

Eva nickte.

„Es gehört einer Stiftung.“

„Welche Stiftung?“

Sie schob ein zweites Dokument über den Tisch.

Ich las den Namen.

Helios Stiftung für medizinische Forschung.

Mir stockte der Atem.

Diesen Namen kannte ich.

Vor neun Jahren hatte Markus mir erzählt, Helios sei einer unserer ersten ausländischen Investoren gewesen.

Über diese Stiftung waren Millionen in die Weber Medizintechnik GmbH geflossen.

„Wer kontrolliert sie?“

„Auf dem Papier mehrere Treuhänder“, sagte Eva. „Aber wir haben heute Morgen etwas gefunden. Einer davon starb vor vier Jahren. Trotzdem wurden noch letzte Woche Dokumente mit seiner digitalen Signatur genehmigt.“

Daniel lehnte sich zurück.

„Jemand benutzt tote Personen, um Geldströme zu verschleiern.“

„Nicht nur Geld.“

Eva sah zu mir.

„Auch Patente.“

Ich hob den Kopf.

Sie legte mehrere Ausdrucke vor mich.

Auf einem davon erkannte ich sofort eine technische Zeichnung.

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Das ist unmöglich.“

Es war ein Sensorentwurf, den Katharina und ich gemeinsam entwickelt hatten.

Ein Prototyp, der offiziell nie fertiggestellt worden war.

Nach ihrem Verschwinden hatte ich sämtliche Arbeiten daran eingestellt.

Doch auf dem Dokument stand ein Datum von vor acht Monaten.

Der Entwurf war weiterentwickelt worden.

Und unten auf der Seite befanden sich zwei Initialen.

K.W.

Daniel sah mich an.

„Wenn das echt ist …“

„Dann hat Katharina in den vergangenen sieben Jahren weitergearbeitet.“

Plötzlich klopfte es heftig.

Eva öffnete die Tür.

Ein Beamter stand draußen.

„Frau Stein, Sie müssen kommen.“

„Was ist passiert?“

Er warf mir einen kurzen Blick zu.

„Weber ist weg.“

Daniel sprang auf.

„Was heißt weg?“

„Während der Überstellung ist im Untergeschoss der Feueralarm ausgelöst worden. Eine Sicherheitstür wurde automatisch entriegelt. Als die Beamten den Bereich kontrollierten, war Weber verschwunden.“

Eva griff sofort nach ihrem Funkgerät.

Doch ich hörte kaum noch etwas.

Mein Telefon vibrierte.

Eine unbekannte Nummer.

Eine Nachricht.

Nur ein Foto.

Ich öffnete es.

Darauf war Markus zu sehen.

Hinter ihm stand dieselbe Frau aus der Verkehrskamera.

Diesmal war ihr Gesicht deutlich zu erkennen.

Sie war älter.

Blasser.

Aber es gab keinen Zweifel.

Katharina.

Meine Schwester lebte.

Unter dem Bild stand nur ein einziger Satz:

**„Wenn du deine Schwester lebend wiedersehen willst, komm allein.“**

Und darunter eine Adresse.

Die Adresse des alten Gebäudes, in dem Katharina und ich unseren allerersten Prototyp gebaut hatten.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 4, um weiterzulesen.**

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