Unterhaltung

Mein Mann wollte mir bei der Scheidung alles nehmen – dann zog ich vor Gericht meinen Mantel aus

„Auf keinen Fall.“

Eva nahm mir das Telefon beinahe aus der Hand, noch bevor ich etwas sagen konnte.

„Sie gehen dort nicht hin. Schon gar nicht allein.“

Ich starrte weiter auf das Foto.

Katharina.

Sieben Jahre.

Sieben verlorene Jahre lagen zwischen dem Gesicht, an das ich mich erinnerte, und der Frau auf diesem Bildschirm.

Ihre Wangen waren schmaler geworden. Um ihre Augen lagen tiefe Schatten. Doch es war meine Schwester.

„Er weiß, dass wir die Spur gefunden haben“, sagte Daniel. „Der Zeitpunkt ist kein Zufall.“

Eva nickte.


„Und die Nachricht ist eine Falle.“

„Natürlich ist sie das.“

Ich nahm mein Telefon zurück.

„Aber Markus erwartet, dass ich komme.“

„Genau deshalb werden Sie es nicht tun.“

Ich sah Eva an.

„Sie verstehen nicht. Dieses Gebäude gehörte früher Katharina und mir. Bevor es die Weber Medizintechnik GmbH gab, bevor Markus die Kontrolle über alles übernahm, haben wir dort gearbeitet.“

Daniel runzelte die Stirn.

„Gibt es einen zweiten Zugang?“

Ich antwortete nicht sofort.


Dann erinnerte ich mich.

„Einen Versorgungstunnel.“

Eva sah mich scharf an.

„Woher wissen Sie das?“

„Das Gebäude war früher Teil eines kleinen Industriekomplexes. Der Tunnel führte zu einem inzwischen stillgelegten Heizungsraum. Katharina und ich benutzten ihn manchmal, um Geräte zu transportieren.“

Eva griff wieder zum Funkgerät.

„Dann gehen wir hin. Aber nach meinen Regeln.“

Vierzig Minuten später saß ich auf der Rückbank eines unscheinbaren Fahrzeugs.

Die Stadt verschwand hinter uns.

Je näher wir dem alten Industriegebiet kamen, desto stärker kehrten Erinnerungen zurück.


Katharina, die nachts Pizza auf Laborkartons stellte.

Unsere ersten Fehlversuche.

Unser Jubel, als ein Sensor zum ersten Mal zuverlässig einen Herzrhythmus übertrug.

Und Markus.

Damals war er nur der charmante Mann gewesen, der behauptete, an unsere Idee zu glauben.

Ich hatte nie verstanden, dass er vor allem an ihren Wert glaubte.

Das Einsatzteam hielt mehrere hundert Meter vom Gebäude entfernt.

Eva beugte sich zu mir.

„Sie bleiben im Wagen.“

„Das war nicht die Abmachung.“


„Die Abmachung war, dass Sie uns den Ort zeigen.“

„Die Nachricht verlangt mich.“

„Und genau deshalb—“

Ein Beamter unterbrach sie.

„Bewegung im Gebäude.“

Auf einem kleinen Monitor erschien das Wärmebild.

Eine Person im Erdgeschoss.

Dann eine zweite.

Und eine dritte.

Eva fluchte leise.


„Drei Personen.“

Ich dachte an das Foto.

Markus.

Katharina.

Wer war die dritte Person?

Plötzlich klingelte mein Telefon.

Markus.

Eva bedeutete mir, anzunehmen, und aktivierte die Aufzeichnung.

„Hallo?“

„Du hast die Polizei mitgebracht.“


Seine Stimme war ruhig.

Zu ruhig.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

Er lachte leise.

„Du warst nie gut im Lügen, Iris.“

Dann hörte ich im Hintergrund etwas.

Ein metallisches Geräusch.

Und danach eine Frauenstimme.

„Iris?“

Mein gesamter Körper erstarrte.


„Katharina?“

Stille.

Dann wieder diese Stimme.

Schwächer diesmal.

„Glaub ihm nichts.“

Die Verbindung brach ab.

Ich sprang aus dem Wagen.

Eva folgte sofort.

„Iris!“

„Das war sie.“


„Ich weiß.“

„Dann wissen Sie auch, dass wir keine Zeit haben.“

Das Einsatzteam rückte vor.

Ich blieb zunächst hinter Eva, bis wir die Rückseite des Gebäudes erreichten. Der alte Versorgungseingang war noch vorhanden, halb von Unkraut überwuchert.

Die Tür stand offen.

Das gefiel Eva überhaupt nicht.

„Er kennt den Tunnel“, flüsterte sie.

Natürlich kannte Markus ihn.

Er hatte unsere Vergangenheit studiert, bevor er sie gestohlen hatte.

Wir gingen trotzdem hinein.


Der Geruch von Rost und feuchtem Beton traf mich sofort.

Am Ende des schmalen Ganges führte eine Treppe nach oben.

Dann hörten wir Schritte.

Die Beamten gingen vor.

Eine Tür wurde aufgestoßen.

Niemand.

Nur ein leerer Raum.

Auf dem Boden lag ein weißes Tuch.

Darauf ein Tropfen Blut.

„Nicht anfassen“, sagte Eva.


Ich musste es nicht anfassen.

Daneben lag etwas anderes.

Ein silberner Anhänger.

Katharinas Kette.

Mein Atem stockte.

Dann gingen plötzlich sämtliche Lichter an.

Ein Monitor an der Wand erwachte zum Leben.

Markus erschien auf dem Bildschirm.

„Hallo, Iris.“

Eva gab ihren Leuten Zeichen, die übrigen Räume zu durchsuchen.

Markus lächelte.

„Du willst deine Schwester zurück? Dann solltest du zuerst verstehen, warum sie verschwinden musste.“

Auf dem Monitor erschien ein eingescanntes Dokument.

Ich trat näher.

Es war eine Patentvereinbarung.

Meine Unterschrift stand darunter.

Auch Katharinas.

Und Markus’.

Nur hatte ich dieses Dokument nie unterschrieben.

„Gefälscht“, sagte ich.

„Ja“, antwortete Markus vom Bildschirm.

Er gab es einfach zu.

„Damals brauchte ich eure Unterschriften. Katharina bemerkte es.“

Ein weiteres Bild erschien.

Katharina und Markus in seinem Büro.

Das Datum stammte von sieben Jahren zuvor.

„Sie wollte zur Polizei“, sagte er.

Meine Hände wurden kalt.

„Was hast du ihr angetan?“

Sein Lächeln verschwand.

„Nicht das, was du glaubst.“

Plötzlich ertönte aus dem Obergeschoss ein Ruf.

„Hier ist jemand!“

Ich rannte los, bevor Eva mich zurückhalten konnte.

Oben lag eine Frau auf dem Boden.

Dunkles Haar.

Dieselbe Statur.

„Katharina!“

Ich kniete neben ihr.

Die Frau drehte langsam den Kopf.

Und mein Herz sank.

Sie war nicht meine Schwester.

Ich hatte sie noch nie gesehen.

Doch sie trug Katharinas Mantel.

Eva ging neben ihr in die Hocke.

„Wo ist die andere Frau?“

Die Fremde öffnete mühsam die Augen.

„Markus … hat sie weggebracht.“

„Wohin?“

Sie hob zitternd die Hand und zeigte auf eine Metalltür am Ende des Raumes.

Dahinter befand sich ein kleines Büro.

Auf dem Tisch lag ein Laptop.

Noch eingeschaltet.

Daniel, der mit dem zweiten Team inzwischen nachgekommen war, blieb vor dem Bildschirm stehen.

„Iris.“

Ich trat neben ihn.

Darauf war eine Liste.

Überweisungen.

Scheinfirmen.

Patientennummern.

Und Namen.

Hunderte Namen.

Neben einigen stand ein rotes Zeichen.

Daniel scrollte weiter.

Dann stoppte er.

Mein Name.

**Iris Weber.**

Darunter:

**Katharina Weber.**

Und daneben ein Datum.

Mein Hochzeitsdatum.

„Was bedeutet das?“, fragte Eva.

Ich wusste es nicht.

Dann öffnete Daniel eine verknüpfte Datei.

Ein medizinischer Bericht erschien.

Mein medizinischer Bericht.

Blutwerte.

Medikamente.

Diagnosen, die ich nie erhalten hatte.

Ganz unten stand der Name des Arztes, den Markus jahrelang für mich ausgewählt hatte.

Und darunter eine Zahlungsfreigabe der Helios Stiftung.

Mir wurde übel.

Die Gewalt war nicht das Einzige gewesen, was Markus mir angetan hatte.

Jahrelang hatte er meine Medikamente kontrolliert.

„Eva …“

Meine Stimme zitterte zum ersten Mal.

„Ich glaube, er hat mich nicht nur geschlagen.“

Bevor sie antworten konnte, erschien eine neue Nachricht auf meinem Telefon.

Diesmal kam sie nicht von Markus.

Der Absender war dieselbe unbekannte Nummer.

Doch die Nachricht bestand aus zwei Worten:

**„Ich bin frei.“**

Dann folgte ein zweiter Satz.

**„Vertrau Daniel nicht.“**

Ich hob langsam den Kopf.

Daniel stand direkt neben mir.

Und auf seinem Gesicht sah ich etwas, das ich dort noch nie zuvor gesehen hatte.

Angst.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**

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