Ich hörte Friedrichs Worte.
Aber mein Verstand weigerte sich, sie anzunehmen.
„Du lügst.“
Friedrich blieb auf dem Bildschirm vollkommen ruhig.
„Nein.“
Katharina trat neben mich.
„Dann erklär es.“
Zum ersten Mal veränderte sich sein Gesicht.
„Nicht über dieses Telefon.“
Eva schüttelte sofort den Kopf.
„Dann gibt es nichts zu besprechen.“
Friedrich sah direkt in die Kamera.
„Kriminalhauptkommissarin Stein, wenn Sie mich festnehmen wollen, bekommen Sie Ihre Gelegenheit. Aber Iris sollte vorher erfahren, warum Markus sie geheiratet hat.“
Mein Magen verkrampfte sich.
„Sag es.“
„Deine Mutter war bereits mit dir schwanger, als sie mich kennenlernte.“
„Wer war mein Vater?“
„Dr. Adrian Falk.“
Katharina setzte sich abrupt.
Sie kannte den Namen.
Ich sah es sofort.
„Wer ist das?“
„Ein Biomediziner“, sagte sie leise. „Sein Name taucht in den ältesten Helios-Unterlagen auf.“
Friedrich nickte.
„Adrian entwickelte die ursprüngliche Sensortechnologie. Ich finanzierte seine Forschung. Nach seinem Tod gelangten seine Unterlagen zu mir.“
„Nach seinem Tod?“
„Er starb kurz vor deiner Geburt.“
Ich dachte an die Laborbücher, die ich für Friedrichs Arbeit gehalten hatte.
„Dann basierte unsere Technologie auf Adrians Forschung.“
„Teilweise.“
„Und deshalb hat Markus mich geheiratet?“
Friedrichs Schweigen war Antwort genug.
Ich spürte, wie mir die Luft aus der Brust wich.
Zehn Jahre Ehe.
Jede Berührung.
Jedes Versprechen.
Selbst die ersten Jahre, die ich für glücklich gehalten hatte.
„Er wusste, wer ich war.“
„Ja.“
„Von Anfang an?“
„Ja.“
Katharina flüsterte einen Fluch.
Friedrich fuhr fort.
„Adrian hatte seine entscheidenden Patentrechte nicht an Helios übertragen. Nach seinem Tod gingen bestimmte Ansprüche an seine Erben. An dich.“
Daniel verstand als Erster.
„Markus konnte die gesamte Technologie also nie rechtmäßig kontrollieren.“
„Nicht ohne Iris.“
Ich begann bitter zu lachen.
„Deshalb die Ehe.“
„Zunächst ja.“
Dieses eine Wort ließ mich aufhorchen.
„Zunächst?“
Friedrich blickte kurz zur Seite.
Dann hörten wir hinter ihm eine Stimme.
Markus.
„Genug.“
Das Bild schwankte.
Friedrich drehte sich um.
„Du hast lange genug entschieden, was sie wissen darf.“
Markus trat ins Bild.
Sein Anzug war zerknittert. Die Krawatte fehlte. Von der Überlegenheit im Gerichtssaal war nichts geblieben.
„Iris“, sagte er.
„Wo bist du?“
„Das spielt keine Rolle.“
Eva gab dem Techniker ein Zeichen, die Verbindung zurückzuverfolgen.
Markus bemerkte offenbar nichts.
„Mein Vater erzählt dir nur die Hälfte.“
„Er ist nicht dein Vater?“
„Doch. Friedrich ist mein Vater.“
„Und du wusstest, dass er nicht meiner ist.“
„Ja.“
„Du hast mich geheiratet, um an Adrians Rechte zu kommen.“
Markus schwieg.
„Sag es.“
„Am Anfang.“
Mir wurde schlecht.
„Und später? Soll ich glauben, du hättest mich geliebt?“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Ich habe dich geliebt.“
Ich sah auf die Narben an meinen Armen.
„So nennst du das?“
Er schloss kurz die Augen.
„Nein.“
Zum ersten Mal hörte ich keine Rechtfertigung.
„Was ich dir angetan habe, lässt sich nicht rechtfertigen.“
Laura lachte bitter vom anderen Ende des Raumes.
„Jetzt entdeckt er sein Gewissen.“
Markus ignorierte sie.
„Aber du verstehst nicht, was Helios ist.“
„Dann erklär es.“
Friedrich trat wieder ins Bild.
„Markus, hör auf.“
„Nein.“
Markus sah direkt zu mir.
„Helios steht kurz vor dem Zusammenbruch. Wenn die Originaldaten veröffentlicht werden, werden nicht nur wir vernichtet. Produkte, die auf dieser Technologie basieren, werden weltweit eingesetzt.“
Daniel wurde blass.
„Wie viele?“
„Hunderttausende Patienten.“
Stille.
Das war größer als unser Vermögen.
Größer als die Scheidung.
Größer sogar als Markus.
„Sind die Geräte gefährlich?“, fragte ich.
„Die aktuellen Generationen nicht.“
Katharina trat näher.
„Aber die klinischen Studien wurden manipuliert.“
Markus nickte.
„Von Friedrich.“
Friedrichs Gesicht verhärtete sich.
„Du hast davon profitiert.“
„Ja. Und ich werde dafür bezahlen.“
Eva sah mich kurz an.
Markus hatte gerade vor laufender Aufzeichnung belastende Aussagen gemacht.
„Warum bist du geflohen?“, fragte ich.
„Weil Hartmann mir sagte, dass Friedrich Laura töten lassen wollte.“
Friedrich drehte sich zu ihm.
„Das ist absurd.“
„Ist es das?“
Markus hielt ein Dokument in die Kamera.
„Ich habe den Auftrag.“
Eva sagte leise zum Techniker:
„Haben Sie den Standort?“
Er nickte.
„Fast.“
Friedrich bemerkte etwas außerhalb des Bildes.
Plötzlich wurde die Verbindung unterbrochen.
„Verdammt.“
Der Techniker tippte weiter.
Dann erschien eine Adresse.
Katharina wurde bleich.
„Ich kenne den Ort.“
Es war ein altes Helios-Forschungslabor.
Eva setzte sofort ein Team in Bewegung.
Diesmal mussten Katharina und ich zurückbleiben.
Aber bevor die Einsatzkräfte dort ankamen, erhielten wir eine Datei.
Automatisch versendet.
Von Markus’ Telefon.
Darin befand sich der angebliche Auftrag gegen Laura.
Darunter Friedrichs digitale Signatur.
Und eine Liste weiterer Namen.
Katharina.
Laura.
Daniel.
Paul Hartmann.
Und ich.
Neben meinem Namen stand kein Auftrag zur Tötung.
Dort stand:
**IW-01 – Rückführung lebend. Priorität Alpha.**
„Rückführung wohin?“, fragte ich.
Katharina öffnete die beigefügten Koordinaten.
Sie führten nicht zum Labor.
Sie führten zu einer privaten medizinischen Anlage außerhalb der Stadt.
Eva ließ beide Orte gleichzeitig sichern.
Dann klingelte ihr Telefon.
Sie hörte nur wenige Sekunden zu.
„Markus wurde gefunden.“
Ich stand auf.
„Und Friedrich?“
„Nicht dort.“
„Ist Markus verletzt?“
„Nein. Er hat sich ergeben.“
Eine Stunde später saß Markus in einem gesicherten Vernehmungsraum.
Ich durfte ihn durch eine Glasscheibe sehen.
Der Mann, der am Morgen noch behauptet hatte, mir alles genommen zu haben, saß jetzt mit gesenktem Kopf und gefesselten Händen an einem Tisch.
Als er mich bemerkte, stand er auf.
Ich blieb hinter der Scheibe.
Er nahm den Telefonhörer.
Nach kurzem Zögern tat ich dasselbe.
„Wo ist Friedrich?“
„Auf dem Weg zu der Anlage.“
„Warum will er mich lebend?“
Markus sah mich lange an.
„Weil Adrian dir mehr hinterlassen hat als Patentrechte.“
„Was?“
„Den einzigen Schlüssel, mit dem sich das ursprüngliche Helios-Archiv vollständig entschlüsseln lässt.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe keinen Schlüssel.“
„Doch.“
Sein Blick fiel auf meine Narben.
„Du trägst ihn seit Jahren bei dir.“
Mir wurde kalt.
„Was meinst du?“
„Einer der Eingriffe, die Friedrichs Ärzte als Behandlung ausgegeben haben.“
Ich erinnerte mich an eine Operation sechs Jahre zuvor.
Markus hatte behauptet, ich hätte nach einem Sturz innere Verletzungen.
Ich war tagelang benommen gewesen.
„Was habt ihr mir eingesetzt?“
Markus’ Stimme brach.
„Einen verschlüsselten Identifikationschip.“
Meine Finger schlossen sich um den Hörer.
„Du warst dabei.“
Er nickte.
„Ja.“
„Und trotzdem willst du mir jetzt helfen?“
Markus senkte den Blick.
„Ich helfe dir nicht, damit du mir vergibst. Das wirst du niemals tun.“
Dann sah er mich wieder an.
„Ich helfe dir, weil Friedrich den Fehler wiederholen will, den wir vor Jahren mit Katharina gemacht haben.“
Hinter mir öffnete sich die Tür.
Eva kam herein.
Ihr Gesicht sagte mir sofort, dass etwas geschehen war.
„Die medizinische Anlage ist leer.“
„Friedrich?“
„Nicht dort.“
Sie legte mir ein Tablet hin.
Eine Sicherheitskamera zeigte Friedrich.
Er befand sich an einem anderen Ort.
Ich erkannte ihn sofort.
Unser altes Firmengebäude.
Genauer:
Markus’ privates Büro.
Dort, wo Katharinas Blut gefunden worden war.
Friedrich stand vor dem verborgenen Backup-System, das ich selbst entwickelt hatte.
Dann sah er direkt in die Sicherheitskamera.
Als wüsste er, dass ich zusah.
Er hob ein Telefon.
Sekunden später klingelte meines.
„Iris“, sagte er.
„Komm zurück an den Ort, an dem alles begonnen hat.“
„Warum sollte ich?“
„Weil dein Chip nur gemeinsam mit deiner biometrischen Bestätigung funktioniert.“
„Und wenn ich nicht komme?“
Friedrich lächelte nicht.
„Dann wird niemand erfahren, was Helios wirklich getan hat.“
Ich sah Markus durch die Glasscheibe an.
Dann Katharina hinter mir.
Plötzlich verstand ich, was Friedrich nicht wusste.
Er glaubte, ich hätte nur eine Möglichkeit, das Archiv zu öffnen.
Doch das Backup-System in Markus’ Büro hatte ich selbst gebaut.
Und ich hatte niemals ein System entwickelt, das nur einen Zugang besaß.
Ich sah Eva an.
„Friedrich will einen Schlüssel?“
„Iris—“
„Dann bringen wir ihm einen.“
Zum ersten Mal seit dem Gerichtssaal hatte ich nicht das Gefühl, Markus’ Spiel zu spielen.
Diesmal war es meines.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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