Daniel sah auf das Foto in meiner Hand.
Dann setzte er sich langsam.
„Ich habe Markus gewarnt.“
Eva machte einen Schritt auf ihn zu.
„Warum?“
Daniel hob den Blick zu mir.
„Weil ich damals glaubte, damit Katharinas Leben zu retten.“
Ich sagte nichts.
„Sie hatte Beweise gesammelt“, fuhr er fort. „Genug, um Markus wegen Betrugs und der gefälschten Patentübertragungen anzuzeigen. Aber sie wollte sofort handeln. Ich wusste, dass Markus gefährlich war, nur nicht, wie gefährlich.“
„Also bist du zu ihm gegangen?“
„Ja.“
Meine Finger schlossen sich um das Foto.
„Du hast ihm gesagt, dass meine Schwester ihn anzeigen wollte.“
„Ich sagte ihm, dass jemand seine Geschäftspraktiken untersuchte. Ich nannte Katharinas Namen nicht.“
„Aber er wusste es.“
Daniel senkte den Blick.
„Offenbar.“
Ich wollte ihn anschreien.
Doch plötzlich verstand ich etwas anderes.
„Der Übergriff in seinem Büro.“
Daniel nickte langsam.
„Geschah zwei Tage später.“
Die Blutspur.
Katharinas Blut.
„Du hast sieben Jahre damit gelebt?“
„Jeden einzelnen Tag.“
„Und deshalb hast du meinen Fall übernommen.“
„Deshalb habe ich nie aufgehört, nach ihr zu suchen.“
Eva verschränkte die Arme.
„Das erklärt noch nicht, warum Frau Weber Ihnen vertrauen sollte.“
„Sollte sie vielleicht nicht.“
Seine Antwort überraschte mich.
Daniel sah mich an.
„Aber das Schließfach habe ich nie geöffnet, nachdem Katharina verschwunden war. Ich wusste nichts von diesem Foto. Und wenn sie gerade wirklich mit uns kommuniziert, dann kann sie uns sagen, was damals passiert ist.“
Ich blickte auf das alte Telefon.
Keine neue Nachricht.
„Katharina?“
Nichts.
Dann bemerkte Eva etwas.
„Das Gerät.“
Sie nahm es vorsichtig.
„Die Nachrichten laufen nicht über das Mobilfunknetz.“
Daniel runzelte die Stirn.
„Wie dann?“
„Über eine verschlüsselte Anwendung.“
Sie rief einen Techniker hinzu.
Wenige Minuten später betrachtete er die Verbindungsdaten.
„Das Signal wird über mehrere Server geleitet. Aber die Anwendung versucht regelmäßig, einen lokalen Knoten zu erreichen.“
„Wie lokal?“, fragte ich.
„Im Moment? Weniger als fünf Kilometer.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Katharina war in der Nähe.
Oder jemand mit ihrem Zugang.
Dann kam eine neue Nachricht.
**Iris, du musst dich an unsere erste Nacht im Labor erinnern.**
Ich starrte darauf.
Das konnte Markus nicht wissen.
„Was bedeutet das?“, fragte Eva.
Ich dachte zurück.
Katharina und ich hatten damals die ganze Nacht versucht, den ersten Sensor zum Laufen zu bringen. Kurz vor Sonnenaufgang hatte sie mit rotem Lackstift etwas auf die Rückseite des Gehäuses geschrieben.
„Zwei Schwestern. Ein Herz.“
Ich tippte die Worte.
Sekunden später kam die Antwort.
**Jetzt weiß ich, dass du es bist.**
Meine Kehle wurde eng.
**Wo bist du?**
Eine Adresse erschien.
Daniel sah sie.
„Das ist eine Klinik.“
Eva überprüfte sie sofort.
„Private Rehabilitationsklinik. Offizieller Betreiber ist eine gemeinnützige Gesellschaft.“
Ich kannte die Antwort bereits.
„Helios?“
Eva nickte.
Diesmal fuhren wir nicht allein.
Die Klinik lag hinter hohen Bäumen und wirkte von außen beinahe verlassen. Das Einsatzteam sicherte die Zugänge, während Eva mit einem Durchsuchungsbeschluss hineinging.
Ich musste im Eingangsbereich warten.
Fünf Minuten.
Zehn.
Dann öffnete sich die Tür am Ende des Korridors.
Eine Frau erschien.
Sie blieb stehen.
Ich ebenfalls.
Sie war dünner als auf dem Foto.
In ihrem dunklen Haar lagen graue Strähnen.
Aber ihre Augen waren dieselben.
„Iris.“
Ich konnte mich nicht bewegen.
Katharina kam auf mich zu.
Dann rannte ich.
Als ihre Arme sich um mich schlossen, brach etwas in mir auf, das ich sieben Jahre lang verschlossen gehalten hatte.
„Du lebst.“
„Es tut mir leid.“
Ich hielt sie noch fester.
„Warum? Warum hast du mich allein gelassen?“
Katharina weinte.
„Weil Markus mir gezeigt hat, was er mit dir machen würde, wenn ich zurückkäme.“
Sie löste sich von mir und sah die Narben an meinen Armen.
Ihr Gesicht zerfiel.
„Mein Gott.“
„Du wusstest es nicht?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Er schickte mir Bilder von dir. Immer unverletzt. Bei Veranstaltungen, im Garten, vor der Firma. Er wollte mir beweisen, dass du sicher wärst, solange ich schweige.“
Ich begriff plötzlich die Grausamkeit dahinter.
Markus hatte uns beide kontrolliert.
Mich durch Angst.
Katharina durch meine vermeintliche Sicherheit.
„Warst du hier gefangen?“
„Nicht die ganze Zeit.“
Ihre Antwort ließ Eva aufhorchen.
Katharina setzte sich.
„Nach dem Übergriff vor sieben Jahren dachte Markus, ich würde sterben. Jemand brachte mich aus seinem Büro, bevor er zurückkam.“
„Laura?“
„Nein. Laura kannte ich damals noch nicht.“
„Wer?“
Katharina sah zu Daniel.
Er wurde bleich.
„Du“, sagte sie.
Ich drehte mich zu ihm.
Daniel schüttelte sofort den Kopf.
„Katharina, ich war nicht dort.“
„Nicht du persönlich.“
Sie zog eine alte Speicherkarte aus ihrer Tasche.
„Aber jemand, den du geschickt hattest.“
Daniel starrte sie an.
Dann verstand er.
„Paul.“
Katharina nickte.
„Dein damaliger Ermittler.“
Daniel schloss die Augen.
„Er sagte mir, er habe nichts gefunden.“
„Er fand mich. Und danach arbeitete er für Markus.“
Eva schrieb den Namen sofort auf.
„Vollständiger Name?“
„Paul Hartmann.“
Eva erstarrte.
Ich bemerkte es.
„Was?“
Sie sah Katharina an.
„Paul Hartmann ist einer der Ermittler, die heute Morgen Markus aus dem Gericht abführen sollten.“
Niemand sagte etwas.
Der Feueralarm.
Die entriegelte Sicherheitstür.
Markus’ Flucht.
Plötzlich ergab alles Sinn.
Katharina griff nach meiner Hand.
„Laura hat vor sechs Monaten Kontakt zu mir aufgenommen. Sie hatte entdeckt, dass Markus mehrere Identitäten und geheime Konten benutzte. Anfangs wollte sie nur wissen, ob er sie ebenfalls belog.“
„Und dann?“
„Dann fand sie meine Unterlagen.“
„Wo ist Laura jetzt?“
Katharina sah Eva an.
„Wenn Markus sie hat, wird er versuchen herauszufinden, was sie kopiert hat.“
Mein Telefon klingelte.
Unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Keine Stimme.
Nur schweres Atmen.
Dann hörte ich Laura.
„Iris.“
„Laura? Wo bist du?“
„Ich habe etwas, das Markus niemals vor Gericht kommen lassen darf.“
Ein dumpfes Geräusch ertönte.
Laura keuchte.
„Was hast du?“
„Die Originalverträge von Helios.“
Katharina stand abrupt auf.
Laura begann zu weinen.
„Iris, hör mir zu. Helios gehört nicht Markus.“
„Wem dann?“
Stille.
Dann sagte Laura einen Namen.
Einen Namen, bei dem Katharina meine Hand losließ.
„Was?“, flüsterte meine Schwester.
Die Verbindung brach ab.
Ich sah sie an.
„Katharina, was ist los?“
Sie wurde kreidebleich.
„Das ist unmöglich.“
„Wer ist dieser Mann?“
Katharina sah zu Daniel.
Dann zu Eva.
Und schließlich wieder zu mir.
„Unser Vater.“
Ich konnte für einen Moment nicht atmen.
„Unser Vater ist seit zweiundzwanzig Jahren tot.“
Katharina schüttelte langsam den Kopf.
„Genau das habe ich auch geglaubt.“
Dann legte sie die Speicherkarte auf den Tisch.
„Bis ich vor drei Monaten eine Aufnahme gesehen habe, auf der er neben Markus steht.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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