Das Ende der Aufnahme hinterließ eine Stille, die schwerer war als jeder Streit, den Katharina und Alexander je miteinander geführt hatten.
Alexander stand regungslos vor dem Schreibtisch. Seine Hand lag noch auf der Lehne des Stuhls, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Mein Vater ist seit acht Jahren tot.“
Katharina sagte nichts.
„Und die Behandlung war später.“ Er sah sie an. „Wie kann Keller behaupten, mein Vater hätte etwas angeordnet?“
„Vielleicht ging es nicht um unsere Behandlung.“
Alexander wandte sich wieder dem Bildschirm zu. „Dann worum?“
Katharina kannte die Antwort nicht. Aber sie sah etwas in seinem Gesicht, das sie beunruhigte. Nicht nur Verwirrung. Erinnerung.
„Du denkst an etwas.“
Alexander ging zum Fenster.
„Mein Vater wollte immer einen Erben.“
„Du warst sein Erbe.“
„Nein.“ Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich war sein Projekt.“
Friedrich von Bergmann war zu Lebzeiten eine beinahe legendäre Figur gewesen. Diszipliniert, konservativ, besessen vom Familiennamen. Alexander hatte selten über seine Kindheit gesprochen. Katharina wusste nur, dass Zuneigung im Hause Bergmann meistens an Leistung gebunden gewesen war.
„Als ich zweiundzwanzig war“, sagte Alexander langsam, „hatte ich einen Unfall beim Skifahren. Nichts Dramatisches. Aber mein Vater bestand danach auf einer vollständigen medizinischen Untersuchung.“
Katharina runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Damals dachte ich, weil er kontrollsüchtig war.“
„Und heute?“
Alexander drehte sich um.
„Heute weiß ich es nicht mehr.“
Katharina zog den USB-Stick aus dem Laptop.
„Dann müssen wir mit Andreas sprechen.“
Alexander griff sofort nach seinem Telefon.
„Ich rufe ihn an.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil Margarethe offensichtlich weiß, dass wir miteinander reden. Wenn sie damals Zugang zu medizinischen Informationen hatte, dürfen wir nicht davon ausgehen, dass sie heute plötzlich weniger Einfluss besitzt.“
Alexander sah sie einen Moment an und nickte.
Keine Diskussion.
Diese kleine Veränderung fiel Katharina sofort auf.
Früher hätte er entschieden. Heute hörte er zu.
Sie kontaktierte Andreas über eine alte private E-Mail-Adresse. Die Antwort kam überraschend schnell.
Morgen. 8:30 Uhr. Praxis Hintereingang. Kommt gemeinsam. Erzählt niemandem davon.
Am nächsten Morgen saßen Katharina und Alexander schweigend nebeneinander im Wagen. Es fühlte sich seltsam vertraut an und gleichzeitig vollkommen falsch. Wie eine Erinnerung an ein Leben, das nicht mehr existierte.
Dr. Andreas Keller erwartete sie bereits.
Er war älter geworden. Das Haar fast vollständig grau, die Schultern schmaler. Als er Alexander sah, blieb er stehen.
„Sie hätten vor fünf Jahren kommen sollen.“
Alexander nahm den Satz hin.
„Ich weiß.“
Andreas führte sie in sein Büro und schloss die Tür.
Katharina legte den USB-Stick auf den Tisch.
„Warum haben Sie meiner Mutter diese Aufnahme gegeben?“
Kellers Gesicht veränderte sich.
„Weil ich Angst hatte.“
„Vor Margarethe?“
„Nicht nur.“
Er öffnete einen verschlossenen Schrank und nahm eine dünne Akte heraus.
„Zuerst muss ich etwas klarstellen. Die Jungen sind Alexanders biologische Kinder.“
Alexander atmete hörbar aus.
Katharina merkte erst jetzt, wie sehr auch sie diesen Satz gebraucht hatte.
„Alle drei?“, fragte Alexander.
„Alle drei.“
„Dann was meinte meine Mutter mit dem genetischen Material?“
Keller setzte sich.
„Ihre Behandlung wurde mit einer Probe durchgeführt, die eindeutig Alexander zugeordnet war. Daran besteht kein Zweifel.“
„Aber?“, fragte Katharina.
Keller sah Alexander an.
„Die Probe existierte bereits, bevor Sie und Katharina überhaupt über Kinder nachgedacht hatten.“
Alexander wurde still.
„Seit meinem Unfall?“
Keller nickte.
„Ihr Vater ließ damals genetisches Material konservieren.“
„Ohne meine Zustimmung?“
„Die Unterlagen enthalten Ihre Unterschrift.“
„Ich habe nie etwas unterschrieben.“
Keller schob ihm ein Formular hin.
Alexander betrachtete es.
Die Unterschrift sah echt aus.
Zu echt.
Katharina spürte ein unangenehmes Déjà-vu.
„Noch eine gefälschte Unterschrift“, sagte sie.
Keller nickte langsam. „Genau das vermutete ich später.“
Alexander stand auf. „Warum sollte mein Vater so etwas tun?“
Keller antwortete nicht sofort.
„Weil Friedrich von Bergmann offenbar wusste, dass etwas mit Ihrer Abstammung nicht stimmte.“
Alexander lachte ungläubig.
„Meine Abstammung?“
Keller öffnete die Akte.
„Vor Ihrer Behandlung wurde routinemäßig eine genetische Analyse durchgeführt. Dabei fiel eine Besonderheit auf. Ich informierte Margarethe, weil sie damals noch als medizinische Bevollmächtigte in mehreren alten Unterlagen eingetragen war. Das war mein Fehler.“
„Welche Besonderheit?“
Keller schob ein Blatt über den Tisch.
„Ihre Blutgruppe und bestimmte genetische Marker waren mit den archivierten medizinischen Daten Friedrich von Bergmanns nicht vereinbar.“
Alexander starrte ihn an.
„Sprechen Sie Klartext.“
Keller holte tief Luft.
„Friedrich von Bergmann war mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht Ihr biologischer Vater.“
Alexander bewegte sich nicht.
Katharina spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Plötzlich bekam Margarethes Panik eine völlig neue Bedeutung.
Alexander setzte sich langsam wieder.
„Wer dann?“
„Das weiß ich nicht.“
„Meine Mutter weiß es.“
„Vermutlich.“
Alexander fuhr sich über das Gesicht.
Dann sah er Katharina an.
„Deshalb wollte sie verhindern, dass wir Kinder bekommen.“
Keller schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Beide sahen ihn an.
„Das war nicht der Grund.“
Er nahm ein weiteres Dokument aus der Akte.
„Als Katharina mit Drillingen schwanger wurde, ließ Margarethe heimlich einen Vergleich bestimmter Marker durchführen.“
Katharina wurde bleich.
„An meinen ungeborenen Kindern?“
„Nicht direkt. Sie bekam offenbar Zugriff auf Laborwerte aus Ihrer Behandlung.“
„Und was suchte sie?“
Keller schwieg so lange, dass Alexander ungeduldig wurde.
„Doktor.“
„Eine seltene genetische Variante.“
„Welche?“
Keller drehte das Dokument um.
Dort standen vier Namen.
Alexander von Bergmann.
Darunter:
Paul Winter. Jonas Winter. Emil Winter.
Und ganz unten ein fünfter Name.
Katharina kannte ihn nicht.
Alexander hingegen schon.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
Johannes Falkenberg.
Katharina sah ihn an. „Wer ist das?“
Alexander brauchte mehrere Sekunden, bevor er antwortete.
„Der Gründer von Falkenberg & Partner.“
Katharina erinnerte sich sofort.
Die Kanzlei, die seine Scheidung abgewickelt hatte.
„Und?“
Alexander blickte weiter auf den Namen.
„Er war der beste Freund meines Vaters.“
Keller schüttelte langsam den Kopf.
„Nein, Herr von Bergmann.“
Er deutete auf die genetischen Übereinstimmungen.
„Wenn diese alten Laborwerte korrekt sind, war Johannes Falkenberg sehr wahrscheinlich weit mehr als das.“
Alexander hob den Blick.
„Sie glauben, er ist mein Vater?“
„Ich glaube gar nichts mehr, ohne einen neuen Test.“
Keller lehnte sich zurück.
„Aber Sie sollten noch etwas wissen.“
Er zog einen vergilbten Brief aus der Akte.
„Johannes Falkenberg ist nicht tot.“
Alexander erstarrte.
„Was?“
„Er lebt seit fast sieben Jahren unter anderem Namen in der Schweiz.“
Katharina sah zwischen den beiden Männern hin und her.
„Warum sollte ein erfolgreicher Anwalt seine Identität aufgeben?“
Keller legte den Brief vor Alexander.
Auf dem Umschlag stand nur ein Satz, geschrieben in einer zittrigen Handschrift:
Für Alexander – falls Margarethe jemals versucht, die Kinder verschwinden zu lassen.
Alexander sah zu Katharina.
„Welche Kinder?“
Keller antwortete nicht.
Denn auf dem Brief stand ein Datum.
Es war zwölf Jahre älter als Paul, Jonas und Emil.







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