Johannes saß vor dem Laborbericht, als hätte das Papier etwas in ihm geöffnet, das er sein ganzes Leben lang verschlossen gehalten hatte.
„Meine Mutter brachte Zwillinge zur Welt“, sagte er schließlich. „Das wusste ich erst, als sie im Sterben lag. Sie erzählte mir, der zweite Junge sei wenige Stunden nach der Geburt gestorben. Mein Vater verbot ihr danach, jemals darüber zu sprechen.“
Alexander lehnte am Fenster.
„Und Friedrich behauptete, er hätte überlebt.“
„Ja.“
„Wann?“
„Vier Monate vor seinem Tod.“
Katharina legte Friedrichs schwarzes Notizbuch auf den Tisch. „Warum sollte er so etwas wissen?“
Johannes blickte auf das Buch.
„Weil unsere Väter Geschäftspartner waren.“
Er erzählte ihnen von einer Zeit lange vor Bergmann Energie. Die Familien Falkenberg und Bergmann hatten gemeinsam Industrieunternehmen aufgebaut. Johannes' Vater starb früh. Friedrich übernahm später mehrere Beteiligungen und wurde zum Vormund über Teile des Falkenberg-Vermögens.
„Friedrich sagte, mein Bruder sei als Kind zu einer anderen Familie gekommen.“
„Warum?“, fragte Clara.
Johannes sah sie an, und in seinem Gesicht lag Scham für etwas, das Jahrzehnte vor ihrer Geburt geschehen war.
„Wegen eines Erbes.“
Wieder ging es um Geld.
„Meine Großmutter hatte verfügt, dass ihr Vermögen zwischen allen männlichen Nachkommen aufgeteilt werden sollte. Zwei Söhne bedeuteten zwei Erben. Einer bedeutete vollständige Kontrolle über den Anteil des anderen.“
Alexander lachte bitter. „Natürlich.“
Katharina blätterte durch Friedrichs Notizen.
Diesmal suchte sie nicht nach Namen.
Sie suchte nach Daten.
Und dann fand sie etwas.
J.F. glaubt weiterhin, sein Bruder sei tot. M. kennt die Wahrheit.
Darunter:
Rainer weigert sich, weiter zu schweigen.
„Rainer“, sagte Katharina.
Johannes hob den Kopf.
„Was?“
Sie zeigte ihm den Eintrag.
Seine Hände begannen zu zittern.
„Meine Mutter wollte meinen Bruder Rainer nennen.“
Niemand sprach.
Plötzlich klingelte Claras Telefon.
Eine Nachricht.
Sie las sie und wurde blass.
„Von wem?“, fragte Alexander.
Clara drehte das Display um.
Unbekannte Nummer.
Wenn du wissen willst, wer dein Vater ist, komm allein. Hotel Adler, Zimmer 408.
Alexander stand sofort auf.
„Du gehst nirgendwo allein hin.“
Clara sah ihn an. „Vielleicht ist es Rainer.“
„Oder jemand will genau, dass du das glaubst.“
Katharina nahm Claras Telefon.
„Wir gehen gemeinsam.“
Eine Stunde später betraten sie das Hotel Adler. Johannes blieb unten in der Lobby. Alexander, Katharina und Clara fuhren in den vierten Stock.
Zimmer 408 stand offen.
Alexander schob die Tür auf.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Das Zimmer war leer.
Auf dem Tisch lag nur ein Umschlag.
Darin befand sich ein Foto.
Sophie Hartmann, deutlich jünger.
Neben ihr ein Mann.
Katharina betrachtete sein Gesicht.
Dann sah sie Alexander an.
Die Ähnlichkeit war erschreckend.
Nicht vollkommen.
Aber genug.
„Das könnte dein Vater sein“, sagte sie.
Alexander nahm das Bild.
Auf der Rückseite stand:
Rainer Falkenberg, Zürich, 2008.
Clara setzte sich.
„Dann war er mein Vater.“
„Wahrscheinlich“, sagte Katharina.
Alexander blickte zur offenen Zimmertür.
„Aber wer hat uns das geschickt?“
In diesem Moment hörten sie Schritte.
Margarethe erschien im Türrahmen.
Zum ersten Mal seit Katharina sie kannte, trug sie weder perfekte Kleidung noch jene kontrollierte Maske gesellschaftlicher Überlegenheit. Ihr Haar war vom Regen feucht. Ihre Augen wirkten erschöpft.
Alexander stellte sich sofort vor Clara.
„Bleib weg von ihr.“
Margarethe blieb stehen.
„Du glaubst immer noch, ich sei wegen des Geldes hier.“
„Bist du das nicht?“
„Nein.“
Sie blickte auf das Foto.
„Ich bin hier, weil Rainer lebt.“
Johannes erschien hinter ihr.
Als er das Foto sah, musste er sich am Türrahmen festhalten.
„Wo ist er?“
Margarethe antwortete nicht.
Alexander trat auf sie zu.
„Jetzt erzählst du alles.“
Sie sah ihren Sohn lange an.
„Rainer kam vor achtzehn Jahren nach Frankfurt. Er wusste inzwischen, wer er war. Er wollte Johannes kennenlernen.“
„Und Sophie?“
Margarethe senkte den Blick.
„Sie lernte ihn zufällig kennen. Rainer sah Johannes so ähnlich, dass sie ihn zunächst für ihn hielt.“
Clara schluckte.
„Meine Mutter liebte ihn?“
„Für kurze Zeit.“
„Und dann wurde sie schwanger.“
Margarethe nickte.
„Rainer wollte bleiben. Friedrich bekam Panik. Wenn Rainer seine Identität öffentlich gemacht hätte, wären jahrzehntealte Erbschaftsvereinbarungen neu aufgerollt worden.“
Alexander sah sie voller Abscheu an.
„Also habt ihr Sophie weggeschickt.“
„Friedrich wollte es.“
„Und du hast geholfen.“
Margarethe schwieg.
Das genügte.
„Warum hast du später Katharina und meine Söhne getrennt?“
Margarethes Augen füllten sich überraschend mit Tränen.
„Weil Friedrichs Testament nicht nur Vermögen verteilt.“
Katharina wurde aufmerksam.
„Was noch?“
Margarethe sah zu Johannes.
„Es enthält ein Geständnis.“
Johannes wurde blass.
„Welches Geständnis?“
„Darüber, wie die Bergmanns das Falkenberg-Vermögen übernommen haben.“
Alexander verstand.
„Wenn meine Kinder Ansprüche anmelden, wird das Testament vollständig aktiviert.“
„Ja.“
„Und dann kommt alles heraus.“
Margarethe nickte.
„Betrug. Urkundenfälschung. Verdeckte Treuhandgeschäfte. Jahrzehnte davon.“
„Also hast du mein Leben zerstört, um den Familiennamen zu schützen.“
Margarethe sah ihn an.
„Anfangs ja.“
„Anfangs?“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Später ging es um etwas anderes.“
Katharina spürte sofort, dass dies der Teil war, vor dem Margarethe wirklich Angst hatte.
„Was?“
Margarethe blickte sie an.
„Als du schwanger wurdest, wusste ich, dass Friedrichs Stiftung aktiviert werden würde. Deshalb ließ ich deine Unterlagen überwachen.“
„Und manipulieren.“
Margarethe schloss kurz die Augen.
„Ja.“
Alexander drehte sich angewidert weg.
Doch Katharina fragte: „Warum die gefälschten Briefe? Warum verhindern, dass Alexander seine Söhne kennenlernt?“
Margarethe antwortete nicht sofort.
Dann öffnete sie ihre Handtasche und nahm einen versiegelten Umschlag heraus.
„Weil Friedrich eine letzte Bedingung eingebaut hatte.“
Alexander sah auf den Umschlag.
„Welche?“
„Sobald Alexander nachweislich biologische Kinder hat, verliert der bisherige Stiftungsvorstand seine Kontrolle. Ein unabhängiger Testamentsvollstrecker übernimmt und öffnet Friedrichs vollständigen Nachlass.“
„Wer ist der Testamentsvollstrecker?“
Margarethe sah Katharina direkt an.
„Du.“
Katharina glaubte, sich verhört zu haben.
„Ich?“
„Friedrich hatte deine Arbeit an Bergmann Energie verfolgt. Er wusste, dass viele der Technologien, mit denen Alexander reich wurde, auf deinen Entwürfen basierten.“
Alexander wurde still.
Margarethe reichte Katharina den Umschlag.
„Er vertraute dir mehr als seiner eigenen Familie.“
Katharina öffnete ihn.
Darin lag eine notarielle Verfügung.
Ihr vollständiger Name.
Ihre frühere Unterschrift.
Und eine Klausel.
Sie las sie zweimal.
Dann hob sie den Kopf.
„Alexander.“
„Was?“
„Wenn dieses Dokument gültig ist, besitzt deine Familie nicht mehr die Kontrolle über Bergmann Energie.“
Margarethe schüttelte den Kopf.
„Noch schlimmer.“
Sie deutete auf die letzte Seite.
Katharina blätterte um.
Dort befand sich eine Liste von Patenten.
Sie erkannte jedes einzelne.
Es waren jene Technologien, die sie in den ersten Jahren ihrer Ehe entwickelt hatte.
Daneben stand ein Name.
Nicht Bergmann Energie.
Nicht Friedrich.
Nicht Alexander.
Katharina Winter.
Ihr wurde schwindelig.
Margarethe sah sie an.
„Friedrich wusste, dass die Patente ursprünglich von dir stammten.“
Alexander nahm ihr das Dokument ab.
Seine Augen wanderten über die letzte Klausel.
Dann erstarrte er.
„Das kann nicht sein.“
Katharina las über seine Schulter.
Mit Aktivierung der Stiftung sind sämtliche daraus hervorgegangenen Lizenzrechte rückwirkend der ursprünglichen Entwicklerin beziehungsweise ihren rechtmäßigen Erben zuzuordnen.
Katharina flüsterte: „Meinen Erben.“
Margarethe nickte.
„Paul, Jonas und Emil.“
In diesem Augenblick vibrierte Alexanders Telefon.
Eine Nachricht seines Finanzvorstands.
Alexander, wir haben ein Problem. Jemand hat heute Morgen beim Handelsregister und bei der Stiftung die Aktivierung des Nachlasses beantragt.
Eine zweite Nachricht folgte.
Der Antragsteller nennt sich Rainer Falkenberg.
Johannes ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen.
Margarethe wurde kreidebleich.
Alexander sah zur Tür.
„Du hast gesagt, er lebt.“
Margarethe antwortete kaum hörbar:
„Ja.“
„Wo ist er?“
Sie blickte zu Clara.
„Wenn er den Antrag wirklich selbst gestellt hat, dann ist er bereits in Frankfurt.“
Claras Telefon vibrierte erneut.
Diesmal war es keine Nachricht.
Ein Foto erschien.
Darauf standen Paul, Jonas und Emil vor Helenes Haus.
Aufgenommen aus einiger Entfernung.
Darunter nur ein Satz:
Bevor ihr über das Erbe entscheidet, solltet ihr erfahren, warum Friedrich ausgerechnet diese drei Kinder in seinem letzten Nachtrag erwähnt hat.







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