Katharina hielt das Telefon so fest, dass ihre Finger schmerzten.
„Das ist unmöglich.“
Johannes Falkenberg schwieg am anderen Ende.
„Alexander hätte es mir erzählt.“
„Er kann Ihnen nichts erzählen, was er selbst nicht weiß.“
Katharina ging zur Terrassentür und sah hinaus in den dunklen Garten. Im oberen Stock schliefen Paul, Jonas und Emil. Vor wenigen Stunden hatten sie zum ersten Mal erfahren, wer ihr Vater war. Und nun behauptete ein Mann, der seit Jahren unter falschem Namen lebte, dass Alexander bereits lange vor ihnen ein Kind gehabt hatte.
„Wie alt ist Clara?“
„Siebzehn.“
Katharina rechnete automatisch zurück.
Alexander wäre damals dreiundzwanzig gewesen.
„Wer ist ihre Mutter?“
„Das sollte Alexander von Clara selbst erfahren.“
„Sie rufen mich an, erzählen mir, mein Exmann habe eine siebzehnjährige Tochter, und erwarten dann, dass ich keine Fragen stelle?“
„Ich erwarte, dass Sie verstehen, warum Margarethe Angst hat.“
„Dann erklären Sie es.“
Johannes atmete schwer.
„Claras Existenz beweist, dass Margarethe schon einmal entschieden hat, welches Kind Alexander kennen darf und welches nicht.“
Katharina schloss die Augen.
Plötzlich sah sie nicht mehr nur ihre eigene Vergangenheit. Sie sah ein Muster.
„Wo ist Clara?“
„In Zürich.“
„Bei Ihnen?“
„Nein. Aber ich weiß, wo sie ist.“
„Dann geben Sie mir die Adresse.“
„Nicht am Telefon.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Katharina rief sofort Alexander an.
Er nahm nach dem ersten Klingeln ab.
„Ist etwas mit den Jungen?“
Diese Frage traf sie unerwartet. Noch vor wenigen Tagen wäre sein erster Gedanke vermutlich geschäftlich gewesen.
„Nein. Sie schlafen.“
„Was ist passiert?“
„Johannes Falkenberg hat mich angerufen.“
Stille.
„Woher hat er deine Nummer?“
„Das wollte er nicht sagen.“
„Was wollte er?“
Katharina zögerte.
„Alexander, du solltest dich hinsetzen.“
„Sag es einfach.“
Sie hasste, wie sehr dieser Satz sie an jene Nacht vor fünf Jahren erinnerte.
„Clara ist angeblich deine Tochter.“
Nichts.
Katharina hörte nur seinen Atem.
„Meine was?“
„Deine Tochter.“
„Das ist absurd.“
„Sie ist siebzehn.“
„Nein.“
Seine Stimme wurde härter.
„Mit dreiundzwanzig war ich mit niemandem zusammen, der ein Kind von mir bekommen hätte.“
„Johannes behauptet, du hättest es nie erfahren.“
„Wer ist die Mutter?“
„Das wollte er nicht sagen.“
Alexander fluchte leise.
„Ich komme.“
„Wohin?“
„Zu dir.“
„Die Jungen schlafen.“
„Dann bleibe ich draußen.“
Zwanzig Minuten später stand Alexander tatsächlich vor dem Gartentor. Katharina ging hinaus. Die Nacht war kühl, und er hatte offenbar nicht einmal daran gedacht, einen Mantel mitzunehmen.
„Erzähl mir alles.“
Sie wiederholte das Gespräch Wort für Wort.
Alexander hörte schweigend zu.
Als sie fertig war, setzte er sich auf die niedrige Steinmauer.
„Es gab damals eine Frau“, sagte er schließlich.
Katharina setzte sich nicht.
„Wer?“
„Sophie Hartmann.“
Der Name sagte ihr nichts.
„Wir waren an der Universität zusammen. Es war keine richtige Beziehung. Vielleicht drei Monate.“
„Was ist passiert?“
„Sie verschwand.“
„Einfach so?“
„Sie schrieb mir, sie würde nach Kanada gehen. Studium, Neuanfang. Ich versuchte noch ein paarmal, sie zu erreichen. Ihre Nummer war irgendwann nicht mehr vergeben.“
Katharina beobachtete sein Gesicht.
„Und du hast nie daran gedacht, dass sie schwanger gewesen sein könnte?“
„Nein.“
Seine Antwort kam sofort.
„Nicht einmal ansatzweise.“
Dann hielt er inne.
„Aber meine Mutter kannte Sophie.“
Katharina spürte, wie ihr Rücken kalt wurde.
„Wie gut?“
„Gut genug, um sie nicht zu mögen.“
Am nächsten Morgen fuhren sie gemeinsam nach Zürich.
Johannes hatte ihnen kurz nach Mitternacht eine Adresse geschickt: ein kleines Café nahe dem Zürichsee.
Der Mann, der dort auf sie wartete, sah nicht aus wie jener mächtige Anwalt, dessen Name früher in Frankfurter Wirtschaftskreisen Gewicht gehabt hatte. Johannes war über siebzig, dünn und trug eine einfache graue Jacke.
Als Alexander ihn sah, blieb er stehen.
„Sie.“
Johannes erhob sich.
„Hallo, Alexander.“
„Sie haben die Scheidung meiner Elternanwälte betreut. Meine Verträge. Meine Ehe. Fast mein gesamtes Leben.“
„Ich weiß.“
Alexander setzte sich ihm gegenüber.
„Sind Sie mein Vater?“
Katharina hielt den Atem an.
Johannes blickte lange auf seine Hände.
„Ja.“
Alexander lachte bitter.
„Natürlich.“
„Ich hatte eine Affäre mit Margarethe.“
„Während sie mit Friedrich verheiratet war.“
„Ja.“
„Und Friedrich wusste es?“
„Später.“
Alexander sah weg.
„Deshalb die Tests.“
Johannes nickte.
„Friedrich ließ deine Abstammung überprüfen, als du Anfang zwanzig warst. Danach änderte sich alles.“
„Und Clara?“
Johannes' Gesicht wurde schwer.
„Kurz zuvor hatte Sophie mir erzählt, dass sie schwanger war.“
Alexander wurde vollkommen still.
„Warum Ihnen?“
„Weil sie Angst vor Margarethe hatte.“
„Warum sollte sie Angst vor meiner Mutter haben?“
„Weil Margarethe sie bereits besucht hatte.“
Johannes öffnete seine Tasche und legte einen alten Umschlag auf den Tisch.
„Sophie schrieb diesen Brief an dich. Margarethe fing ihn ab.“
Alexander nahm ihn.
Der Umschlag war ungeöffnet.
Sein Name stand darauf.
In einer jungen, weiblichen Handschrift.
Er öffnete ihn vorsichtig.
Katharina beobachtete, wie seine Augen über die Zeilen wanderten.
Dann blieb er stehen.
„Sie wollte mir sagen, dass sie schwanger war.“
Johannes nickte.
„Friedrich erfuhr davon. Zu diesem Zeitpunkt wusste er bereits, dass du biologisch nicht sein Sohn warst. Er sagte Margarethe, ein weiteres Kind außerhalb seiner Blutlinie werde niemals Teil der Familie Bergmann sein.“
„Und meine Mutter?“
„Sie überzeugte Sophie, Deutschland zu verlassen.“
„Überzeugte?“
Johannes senkte den Blick.
„Sie bezahlte sie.“
Alexander stand auf.
„Wo ist Sophie jetzt?“
„Sie starb vor drei Jahren.“
Die Wut verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht.
„Und Clara?“
Johannes sah auf die Uhr.
„Deshalb sind wir hier.“
Katharina folgte seinem Blick zur Eingangstür.
Eine junge Frau war gerade hereingekommen.
Langes dunkles Haar. Schmale Gestalt. Unsicherer Blick.
Alexander hörte auf zu atmen.
Nicht weil das Mädchen ihm ähnlich sah.
Sondern weil sie fast genauso aussah wie Margarethe auf den Fotografien aus ihrer Jugend.
Clara blieb einige Meter entfernt stehen.
Ihre Augen fanden Alexander sofort.
„Herr von Bergmann?“
Alexander erhob sich langsam.
„Clara.“
Sie nickte.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann griff Clara in ihre Tasche.
„Meine Mutter hat mir vor ihrem Tod etwas gegeben.“
Sie legte einen kleinen Schlüssel auf den Tisch.
„Sie sagte, wenn ich Sie jemals treffe, soll ich Ihnen diesen geben.“
Alexander betrachtete ihn.
„Wofür ist er?“
Clara setzte sich nicht.
„Für ein Schließfach in Frankfurt.“
„Was ist darin?“
Ihre Augen wanderten zu Katharina.
„Beweise.“
„Wofür?“, fragte Katharina.
Clara schluckte.
„Dafür, dass Margarethe nicht nur verhindern wollte, dass Alexander von seinen Kindern erfährt.“
Sie sah Alexander direkt an.
„Sie wollte verhindern, dass irgendeines seiner Kinder jemals Anspruch auf das bekommt, was Friedrich von Bergmann tatsächlich hinterlassen hat.“
Alexander runzelte die Stirn.
„Mein Vater hat mir das Unternehmen hinterlassen.“
Clara schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Sie zog ein gefaltetes Dokument aus ihrer Tasche und legte es vor ihn.
„Das Unternehmen gehörte Friedrich gar nicht mehr, als er starb.“
Alexander öffnete das Papier.
Oben stand der Name einer Stiftung, die er noch nie gesehen hatte.
Darunter vier Worte:
Begünstigte: die direkten Nachkommen Alexanders.
Das Dokument war achtzehn Jahre alt.







No comments yet