Alexander starrte auf das Datum, als könne er es durch bloßes Hinsehen verändern.
Zwölf Jahre vor der Geburt seiner Söhne.
„Das kann sich nicht auf Paul, Jonas und Emil beziehen.“
„Nein“, sagte Dr. Keller.
Katharina bemerkte sofort, dass er mehr wusste.
„Dann öffnen Sie den Brief.“
Keller schüttelte den Kopf. „Er ist an Alexander adressiert.“
Alexander nahm den vergilbten Umschlag. Seine Finger zitterten leicht, als er die Lasche öffnete. Darin lag nur ein einzelnes Blatt.
Er begann zu lesen.
Nach wenigen Zeilen setzte er sich.
„Was steht dort?“, fragte Katharina.
Alexander antwortete nicht.
Sie trat näher.
Sein Gesicht hatte jene starre Blässe angenommen, die sie inzwischen kannte. Dann reichte er ihr schweigend das Blatt.
Der Brief war von Johannes Falkenberg.
Alexander, wenn du das liest, ist entweder Friedrich tot oder Margarethe hat begonnen, dieselben Fehler zu wiederholen. Du musst wissen, dass du nicht das einzige Kind bist, dessen Herkunft in dieser Familie verborgen wurde. Es gab vor dir ein Mädchen. Friedrich wusste von ihr. Margarethe ebenfalls.
Katharina hielt inne.
„Ein Mädchen?“
Alexander schüttelte fassungslos den Kopf.
Sie las weiter.
Friedrich sorgte dafür, dass sie aus allen Familienunterlagen verschwand. Ich habe ihm dabei geholfen. Dafür werde ich mich bis zu meinem Tod schämen. Wenn Margarethe jemals versucht, Einfluss auf deine Kinder zu nehmen, suche zuerst nach Clara. Sie ist der Beweis dafür, was diese Familie getan hat.
Dann endete der Brief.
Keine Adresse.
Kein Nachname.
Nur Clara.
Alexander stand abrupt auf.
„Wer ist Clara?“
Keller hob die Hände. „Ich weiß es nicht.“
„Sie bewahren diesen Brief seit Jahren auf und wissen es nicht?“
„Johannes gab ihn mir persönlich.“
„Wann?“
„Vor sieben Jahren.“
Alexander verstummte.
Zwei Jahre vor seiner Scheidung.
„Warum Ihnen?“
Keller sah zu Katharina.
„Weil Johannes wusste, dass ich später Ihre Kinderwunschbehandlung betreuen würde.“
Katharina spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Woher sollte er das wissen? Damals hatten Alexander und ich noch nicht einmal entschieden, eine Klinik aufzusuchen.“
Keller antwortete leise: „Weil Ihre Schwierigkeiten, Kinder zu bekommen, nicht zufällig waren.“
Alexander fuhr herum.
„Was soll das heißen?“
Keller wirkte plötzlich müde.
„Nach mehreren Untersuchungen stellte ich damals bei Katharina hormonelle Auffälligkeiten fest. Nichts Ungewöhnliches, dachte ich zunächst. Jahre später, als Margarethe versuchte, ihre Krankenakten anzufordern, überprüfte ich ältere Befunde.“
Katharina wurde kalt.
„Welche älteren Befunde?“
„Eine Untersuchung, die Sie ungefähr ein Jahr vor Beginn Ihrer Kinderwunschbehandlung durchführen ließen.“
Katharina erinnerte sich. Eine private Klinik in Frankfurt. Margarethe hatte sie damals empfohlen.
„Sie sagten, alles sei normal.“
„Die Kopie, die Sie erhielten, ja.“
Keller öffnete eine weitere Mappe.
„Das Original sah anders aus.“
Katharina las die Laborwerte, verstand aber zunächst kaum etwas.
Dann sah sie zwei unterschiedliche Einträge.
„Die Ergebnisse wurden verändert?“
„Ja.“
Alexander schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Von wem?“
„Das kann ich nicht beweisen.“
„Aber Sie vermuten es.“
Keller sah ihn an. „Die Klinik gehörte damals zu einer medizinischen Beteiligungsgesellschaft, an der die Bergmann-Familienstiftung beteiligt war.“
Alexander trat zurück.
Katharina hingegen wurde vollkommen ruhig.
Diese Art von Ruhe kannte sie.
Sie kam immer dann, wenn der Schmerz so groß wurde, dass er zunächst nichts mehr fühlen ließ.
„Margarethe wollte also verhindern, dass ich schwanger werde.“
„Möglicherweise“, sagte Keller.
„Warum?“
Darauf hatte niemand eine Antwort.
Eine Stunde später saßen Katharina und Alexander in einem kleinen Café abseits der Praxis. Keiner von beiden hatte seinen Kaffee angerührt.
„Ich werde Johannes finden“, sagte Alexander.
„Wir.“
Er blickte auf.
„Was?“
„Wir werden ihn finden.“
„Katharina, das betrifft meine Familie.“
„Seit jemand meine medizinischen Unterlagen manipuliert hat, betrifft es auch mich. Seit jemand versucht hat, die Existenz meiner Kinder vor ihrem Vater zu verbergen, betrifft es vor allem sie.“
Alexander nickte.
„Du hast recht.“
Wieder diese Worte.
Katharina hätte nie gedacht, wie traurig sie klingen konnten, wenn sie fünf Jahre zu spät kamen.
„Und bis wir wissen, was passiert ist“, sagte sie, „bleibt Margarethe von den Jungen fern.“
„Einverstanden.“
Katharina musterte ihn überrascht.
„Kein Anwalt? Kein Sorgerechtsantrag?“
Alexander sah aus dem Fenster.
„Gestern hätte ich vielleicht noch gedacht, ich müsste sofort meine Rechte durchsetzen.“
„Und heute?“
„Heute verstehe ich, dass Rechte nicht dasselbe sind wie Vertrauen.“
Katharina sagte nichts.
„Ich möchte sie kennenlernen“, fuhr er fort. „Aber nur, wenn du glaubst, dass es ihnen nicht schadet.“
Zum ersten Mal seit dem Flughafen wurde ihre Stimme weicher.
„Langsam.“
„Langsam.“
Am Nachmittag brachte Katharina die Jungen in einen kleinen Park. Alexander wartete bereits auf einer Bank, ohne Chauffeur, ohne Anzug, nur in Pullover und Jeans.
Paul erkannte ihn sofort.
„Der Mann vom Flughafen.“
Alexander stand auf.
„Hallo.“
Jonas versteckte sich halb hinter Katharina.
Emil hingegen zeigte auf Alexander.
„Du hast Mamas Augen traurig gemacht.“
Alexander schluckte.
Katharina wollte eingreifen, doch er kniete sich hin.
„Ja“, sagte er. „Das habe ich einmal getan.“
„Warum?“
„Weil ich einen großen Fehler gemacht habe.“
Paul betrachtete ihn lange.
„Bist du unser Papa?“
Katharinas Herz blieb beinahe stehen.
Alexander sah zuerst zu ihr.
Er wartete.
Katharina nickte kaum sichtbar.
„Ja“, sagte Alexander.
Die drei Jungen reagierten vollkommen unterschiedlich.
Jonas drückte sich enger an seine Mutter.
Emil sagte nur: „Oh.“
Paul fragte: „Warum warst du dann nie da?“
Alexander schloss für einen Moment die Augen.
„Weil ich nicht wusste, dass es euch gibt.“
„Mama wusste es.“
„Ja.“
„Dann hat sie es dir nicht gesagt?“
Katharina spannte sich an.
Doch Alexander antwortete sofort.
„Doch. Sie hat es versucht. Ich habe nicht gut genug zugehört.“
Katharina sah ihn überrascht an.
Keine Ausrede.
Keine Schuldverschiebung.
Nur die Wahrheit.
Am Abend schliefen die Jungen ungewöhnlich früh ein. Katharina saß noch im Wohnzimmer ihrer Mutter, als ihr Telefon klingelte.
Unbekannte Schweizer Nummer.
Sie nahm ab.
„Katharina Winter?“
Eine Männerstimme. Alt, rau, vorsichtig.
„Ja.“
Langes Schweigen.
„Mein Name ist Johannes Falkenberg.“
Katharina stand langsam auf.
„Woher haben Sie meine Nummer?“
„Das spielt keine Rolle. Alexander darf nicht zu seiner Mutter zurück.“
„Warum?“
Der Mann atmete schwer.
„Weil Margarethe inzwischen weiß, dass Keller gesprochen hat.“
Katharina wurde kalt.
„Woher wissen Sie das?“
„Weil sie mich vor zwanzig Minuten angerufen hat.“
„Was wollte sie?“
Wieder Schweigen.
Dann sagte Johannes:
„Sie wollte wissen, ob ich Alexander von Clara erzählt habe.“
Katharina umklammerte das Telefon.
„Wer ist Clara?“
Am anderen Ende hörte sie einen langen Atemzug.
„Clara ist nicht Alexanders Schwester.“
Katharina erstarrte.
„Dann wer?“
Johannes' Stimme sank beinahe zu einem Flüstern.
„Seine Tochter.“
Katharina sagte kein Wort mehr.
„Und bevor Sie fragen“, fuhr Johannes fort, „Alexander weiß nicht, dass sie existiert.“
Dann kam der Satz, der Katharina endgültig den Boden unter den Füßen wegzog.
„Aber Margarethe weiß es seit dem Tag, an dem Clara geboren wurde.“







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