Unterhaltung

Mein Schwager drohte, mir vor meiner Tochter den Arm zu brechen – dann nannte mich ein General „Major Keller“

Der weiße Lieferwagen verschwand mit quietschenden Reifen hinter der nächsten Kreuzung.

Zwei der schwarzen SUVs setzten sich sofort in Bewegung.

Ich stand wie angewurzelt auf dem Rasen.

Elf Jahre.

Elf Jahre lang hatte ich geglaubt, dieser Mann sei tot.

Ich hatte hinter Lina gestanden, als sie Blumen auf sein Grab gelegt hatte.

„Wer war das?“, fragte Rike.

Ich hörte sie kaum.

General Hartmann trat neben mich.

„Gehen wir ins Haus.“


„Nein.“

„Major—“

„Sie erklären mir das jetzt.“

Hartmann sah zu den Nachbarn, zu den Polizeibeamten und schließlich zu Wolfgang.

„Nicht hier.“

Diesmal hatte er recht.

Ich ging zur Haustür, doch bevor ich sie erreichte, packte Rike meinen Arm.

„Emilia, ich wusste nichts davon.“

Ich zog meinen Arm weg.

„Nenn mich nicht so.“


Sie erstarrte.

„Ich wollte dich wirklich warnen.“

„Vor drei Jahren.“

„Wolfgang hat—“

„Vor drei Jahren, Rike.“

Meine Stimme blieb ruhig.

Das machte sie offenbar nervöser als jedes Schreien.

„Du hattest über tausend Tage Zeit.“

Sie senkte den Blick.

Ich ging hinein.


Lina saß mit Frau Baumann am Küchentisch. Vor ihr stand ein Glas Wasser, das sie nicht angerührt hatte.

Als sie mich sah, sprang sie auf.

„Ist alles vorbei?“

Ich blickte zu Hartmann.

„Noch nicht.“

Lina bemerkte meinen Gesichtsausdruck.

„Was ist passiert?“

„Die Polizei kümmert sich um Markus. Du bleibst heute bei mir.“

„Ich wollte sowieso nirgendwohin.“

Ich kniete mich vor sie.


„Frau Baumann wird noch ein paar Minuten bei dir bleiben. Ich muss im Wohnzimmer etwas besprechen.“

„Geheim?“

„Leider.“

Sie verzog das Gesicht.

Dann nahm sie meine Hand.

„Du gehst nicht weg, oder?“

„Nein.“

Diesmal konnte ich es versprechen.

Im Wohnzimmer schloss Hartmann die Tür.

Rike kam ebenfalls herein. Zwei seiner Männer blieben draußen bei Wolfgang.


Ich verschränkte die Arme.

„Fangen Sie mit dem Mann im Lieferwagen an.“

Hartmann legte den versiegelten Umschlag auf meinen Couchtisch.

„Hauptfeldwebel Adrian Falk.“

Der Name fühlte sich an wie ein Schlag.

Adrian war Teil meines Teams gewesen.

Nicht irgendein Soldat.

Er war der Mann gewesen, dem ich den Rücken zugewandt hatte, weil ich wusste, dass er ihn schützen würde.

„Er starb bei der Operation“, sagte ich.

„Das glaubten wir.“


„Ich habe seinen Sarg gesehen.“

„Sie haben einen geschlossenen Sarg gesehen.“

Ich sagte nichts.

Hartmann öffnete den Umschlag und legte mehrere Fotografien auf den Tisch.

Die erste zeigte Adrian, wie ich ihn kannte.

Kürzeres Haar. Tarnuniform. Ein schiefes Grinsen.

Die zweite Aufnahme war nur acht Monate alt.

Adrian verließ ein Gebäude in Hamburg.

Die dritte zeigte ihn mit Wolfgang.

Mein Blick blieb darauf hängen.


„Wo?“

„Prag. Vor sechs Monaten.“

Rike setzte sich schwer auf die Sofakante.

„Das kann nicht sein.“

„Doch“, sagte ich.

Plötzlich ergaben kleine Dinge Sinn, die nie wichtig genug gewirkt hatten, um sie miteinander zu verbinden.

Wolfgangs merkwürdige Fragen über meine früheren Dienstorte.

Sein Interesse daran, wann ich verreiste.

Seine ständigen Witze über meine angebliche Bürokarriere.

Ich hatte seine Neugier für Arroganz gehalten.


Vielleicht hatte er getestet, wie viel ich wusste.

„Was geschah damals wirklich?“

Hartmann schob mir einen Ausdruck zu.

„Falk wurde während des Angriffs von Ihrem Team getrennt. Seine Kennung brach ab. Später fanden unsere Leute verbrannte persönliche Ausrüstung und biologische Spuren, die ihm zugeordnet wurden.“

„DNA?“

„Blut.“

„Nicht genug für einen sicheren Todesnachweis.“

„Nein.“

Ich sah ihn scharf an.

„Und trotzdem haben Sie ihn für tot erklärt.“


Hartmann hielt meinem Blick stand.

„Damals gab es weitere Informationen, die wir für zuverlässig hielten.“

„Von wem?“

Er blickte auf das Foto von Wolfgang.

Damit hatte ich meine Antwort.

Ich ging zum Fenster.

Draußen wurde Markus gerade in einen Polizeiwagen gesetzt.

Sein Vater dagegen stand noch immer bei Hartmanns Leuten.

„Wolfgang hat seinen Tod bestätigt.“

„Über die Firma, für die er damals tätig war. Sie unterstützte unter anderem die technische Logistik mehrerer Einsätze.“


„Und Adrian?“

„Wir glauben inzwischen, dass Falk bereits vor der Operation mit ihm zusammenarbeitete.“

Etwas in mir weigerte sich noch, diesen Satz zu akzeptieren.

„Motiv?“

„Geld ist ein Teil davon.“

„Der andere?“

Hartmann schwieg.

Ich drehte mich zu ihm um.

„Sie sind mit drei SUVs zu einem Grillfest gekommen. Also hören Sie auf, mir Informationen portionsweise zu geben.“

Er atmete langsam aus.

„Die kompromittierte Operation war wahrscheinlich nicht das eigentliche Ziel.“

„Was dann?“

„Sie.“

Rike hob den Kopf.

Ich blieb reglos.

„Warum?“

„Das wissen wir noch nicht vollständig.“

„Versuchen Sie es.“

Hartmann deutete auf eine weitere Seite.

Darauf standen Überweisungen, Firmennamen und Konten.

Eine Zahlung sprang mir sofort ins Auge.

Das Datum lag zwei Tage vor dem Einsatz.

„Was ist das?“

„Eine Zahlung an eine Tarnfirma.“

„Von wem?“

„Die ursprüngliche Spur endet bei Wolfgang.“

Ich sah die Summe.

250.000 Euro.

„Für einen Hinterhalt?“

„Vielleicht.“

Ich schob das Papier zurück.

„Vielleicht reicht mir nicht.“

Plötzlich öffnete sich die Wohnzimmertür.

Lina stand dort.

Frau Baumann hinter ihr sah entschuldigend aus.

„Sie wollte unbedingt zu Ihnen.“

Lina hielt etwas in der Hand.

Mein altes Tablet.

„Mama, draußen hat jemand geschrieben.“

„Was meinst du?“

„Auf dein Tablet.“

Mein Körper spannte sich an.

Dieses Gerät hatte seit Monaten in einer Küchenschublade gelegen.

„Zeig es mir.“

Sie reichte es mir.

Auf dem Bildschirm befand sich eine einzige Nachricht.

Keine Absenderkennung.

Nur fünf Wörter.

**DU HÄTTEST MICH RETTEN KÖNNEN.**

Hartmann fluchte leise.

Dann erschien eine zweite Nachricht.

**FRAG HARTMANN NACH NACHTFALKE.**

Ich hob langsam den Blick.

Hartmann war bleich geworden.

„Was ist Nachtfalke?“

Er antwortete nicht.

„General.“

Rike sah zwischen uns hin und her.

„Was bedeutet das?“

Hartmann nahm sein Telefon heraus.

„Wir müssen Lina an einen sicheren Ort bringen.“

Ich stellte mich zwischen ihn und meine Tochter.

„Niemand bringt sie irgendwohin, bevor Sie mir sagen, was Nachtfalke ist.“

„Emilia—“

„Major Keller.“

Er verstummte.

Ich zeigte auf das Tablet.

„Jemand weiß, wo wir sind. Jemand kann ein Gerät in meinem Haus erreichen. Und dieser Jemand benutzt einen Namen, den Sie offensichtlich kennen.“

Hartmann sah zu Lina.

„Nicht vor dem Kind.“

„Dann gehen wir in die Küche.“

Lina verschränkte die Arme.

„Ich bin elf, nicht taub.“

Unter anderen Umständen hätte ich beinahe gelächelt.

Jetzt nicht.

Ich führte Hartmann in den Flur.

„Reden Sie.“

Er senkte die Stimme.

„Nachtfalke war keine Person.“

„Was dann?“

„Eine Operation.“

Ich wartete.

„Drei Monate vor Ihrem letzten Einsatz erhielten wir Hinweise auf einen internen Ring, der geheime Bewegungsdaten verkaufte. Wir planten eine verdeckte Untersuchung.“

„Und?“

„Sie wurden ausgewählt, ohne davon zu wissen.“

Mir wurde kalt.

„Als Köder.“

Hartmann widersprach nicht.

Ich trat einen Schritt zurück.

„Sie haben mein Team benutzt.“

„Wir wollten den Verräter zu einer Reaktion zwingen.“

„Zwei meiner Männer starben.“

„Das war niemals vorgesehen.“

„Das interessiert Tote wenig.“

Hartmann senkte den Blick.

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft sah er nicht wie ein General aus.

Nur wie ein Mann, der elf Jahre lang eine Entscheidung mit sich herumgetragen hatte.

Mein Telefon klingelte.

Unbekannte Nummer.

Hartmann hob sofort die Hand.

„Nicht rangehen.“

Ich nahm ab.

„Keller.“

Zuerst hörte ich nur Atem.

Dann eine Männerstimme.

Älter als damals.

Aber unverwechselbar.

„Hallo, Emilia.“

Meine Finger schlossen sich fester um das Telefon.

Adrian.

„Du solltest tot sein.“

Ein kurzes Lachen.

„Das war der Plan.“

„Wo bist du?“

„Nicht wichtig.“

„Warum warst du hier?“

„Um zu sehen, ob du noch dieselbe bist.“

Ich blickte durch das Fenster.

„Und?“

„Schneller geworden.“

Dann veränderte sich seine Stimme.

„Aber Hartmann hat dir bestimmt noch nicht alles erzählt.“

Ich sah den General an.

„Was fehlt?“

Adrian schwieg kurz.

„Frag ihn, warum Nachtfalke am selben Tag beendet wurde, an dem Linas Vater offiziell starb.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

„Was hat er damit zu tun?“

Am anderen Ende wurde es still.

Dann sagte Adrian:

„Emilia, du hast elf Jahre lang um den falschen Mann getrauert.“

Die Verbindung brach ab.

Ich ließ das Telefon langsam sinken.

Hartmann bewegte sich nicht.

„Was meinte er damit?“

Keine Antwort.

„General, wer liegt in dem Grab?“

Hartmann sah mich an.

Und in seinem Gesicht erkannte ich, dass die Antwort noch schlimmer war als die Frage.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**

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