Ich starrte auf das Foto, bis der Bildschirm dunkel wurde.
Dann tippte ich ihn wieder an.
Thomas.
Elf Jahre älter. Graue Strähnen an den Schläfen. Schmaler im Gesicht.
Aber Thomas.
Lebendig.
Rike trat neben mich.
„Mein Gott.“
Hartmann streckte die Hand nach meinem Telefon aus.
Ich zog es weg.
„Nein.“
„Ich muss die Nachricht sehen.“
„Sie haben genug gesehen.“
„Emilia.“
„Er hat ausdrücklich geschrieben, dass ich Sie nicht fragen soll.“
Hartmanns Kiefer spannte sich an.
„Und genau deshalb sollten Sie mir jetzt zuhören.“
Lina stand noch immer im Türrahmen.
Ich sperrte das Telefon und steckte es ein.
„Lina, geh bitte mit Frau Baumann nach Hause.“
„Nein.“
„Diesmal diskutiere ich nicht.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Das ist mein Vater.“
Der Satz traf jeden Menschen im Raum.
Ich ging zu ihr.
„Ich weiß.“
„Dann will ich wissen, warum er lebt.“
„Das will ich auch.“
„Und warum er mich nie besucht hat.“
„Lina—“
„Hat er mich nicht gewollt?“
Ich nahm ihr Gesicht zwischen meine Hände.
„Denk das niemals.“
„Woher weißt du das?“
Ich dachte an das Polaroid.
Thomas mit dem neugeborenen Baby.
„Weil er dich im Arm gehalten hat.“
Sie blinzelte.
„Wann?“
„Kurz nach deiner Geburt.“
„Aber du hast gesagt, er war da schon tot.“
„Das dachte ich.“
Lina sah mich lange an.
Dann flüsterte sie:
„Also hat jemand uns beide belogen.“
„Ja.“
Zum ersten Mal musste ich ihr keine abgeschwächte Wahrheit geben.
Frau Baumann nahm Lina mit.
Ich wartete am Fenster, bis sie im Haus gegenüber verschwunden waren.
Dann wandte ich mich Hartmann zu.
„Alles.“
„Was?“
„Keine Geheimhaltungsstufen mehr. Keine halben Wahrheiten. Wenn Sie noch irgendetwas über Thomas wissen, sagen Sie es jetzt.“
Hartmann schwieg.
Ich ging einen Schritt näher.
„Sie haben mich einmal als Köder benutzt. Machen Sie denselben Fehler nicht noch einmal.“
Er setzte sich.
„Thomas war an Nachtfalke beteiligt.“
Ich hatte es erwartet.
Trotzdem tat es weh.
„In welcher Funktion?“
„Er arbeitete verdeckt.“
„Gegen wen?“
„Ursprünglich gegen den Ring.“
„Und später?“
Hartmann sah mich an.
„Gegen uns.“
Rike sog hörbar Luft ein.
Ich blieb reglos.
„Er hat die Seite gewechselt?“
„Das war unsere Annahme.“
„Annahme.“
„Wir fanden Hinweise, dass er interne Informationen weitergab.“
„An Wolfgang?“
„Unter anderem.“
„Und Adrian?“
„Falk war sein Verbindungsmann.“
Ich ging langsam durch das Zimmer.
Thomas.
Adrian.
Wolfgang.
Drei Männer, die in völlig unterschiedlichen Teilen meines Lebens existiert hatten.
Jetzt standen sie auf demselben Foto.
„Warum sollte Thomas mich glauben lassen, er sei tot?“
„Vielleicht wollte er Sie schützen.“
Ich drehte mich um.
„Oder?“
„Vielleicht waren Sie Teil seiner Tarnung.“
Das war die Antwort, die Hartmann nicht hatte aussprechen wollen.
Ich ließ sie stehen.
Dann zog ich mein Telefon heraus.
Unter dem Foto befand sich inzwischen eine weitere Nachricht.
Koordinaten.
Hartmann sah sie ebenfalls.
„Industriegebiet südlich der Stadt.“
„Kennen Sie den Ort?“
„Altes Logistikzentrum. Seit Jahren geschlossen.“
„Natürlich.“
Ich nahm meine Jacke.
„Sie gehen nirgendwo allein hin.“
„Doch.“
„Das könnte eine Falle sein.“
„Es ist eine Falle.“
Hartmann runzelte die Stirn.
„Und Sie wollen trotzdem hingehen?“
„Der Unterschied zwischen einer Falle und einem Hinterhalt besteht darin, ob man weiß, dass sie da ist.“
Zum ersten Mal an diesem Tag sah ich etwas Vertrautes in seinem Gesicht.
Er erinnerte sich daran, warum ich Major geworden war.
„Dann nehmen Sie wenigstens einen Sender.“
„Wenn Adrian noch halb so gut ist wie früher, findet er ihn.“
„Genau deshalb gebe ich Ihnen keinen militärischen.“
Er zog einen kleinen Gegenstand aus seiner Tasche.
Autoschlüssel.
„Fahrzeugortung.“
Ich nahm ihn.
„Ihre Leute halten Abstand.“
„Wie weit?“
„So weit, dass Adrian sie nicht sieht.“
„Und wenn Sie Hilfe brauchen?“
„Dann werden Sie es merken.“
Zwanzig Minuten später fuhr ich allein durch das Industriegebiet.
Verlassene Lagerhallen zogen an mir vorbei.
Keine Fußgänger.
Kaum Verkehr.
Die Koordinaten führten zu einem ehemaligen Logistikzentrum hinter einem verrosteten Zaun.
Das Tor stand offen.
Absichtlich.
Ich parkte.
Die Hallentür war ebenfalls nicht verschlossen.
Drinnen roch es nach Staub, Öl und kaltem Metall.
„Adrian.“
Meine Stimme hallte durch die Halle.
„Ich bin allein.“
Ein Scheinwerfer ging an.
Wolfgang saß ungefähr zwanzig Meter vor mir auf einem Stuhl.
Seine Hände waren gefesselt.
Sein Gesicht war geschwollen.
„Emilia!“
„Still.“
Er verstummte.
Schritte erklangen auf einer Metalltreppe.
Adrian kam herunter.
Keine Waffe sichtbar.
Das bedeutete nichts.
„Du bist tatsächlich gekommen.“
„Du kennst mich.“
„Früher.“
„Offenbar nicht gut genug.“
Er blieb einige Meter entfernt stehen.
„Das gilt für uns beide.“
„Wo ist Thomas?“
Adrian lächelte schwach.
„Direkt zur Sache.“
„Elf Jahre reichen für Smalltalk.“
Sein Lächeln verschwand.
„Thomas lebt.“
„Das sehe ich.“
„Das Foto wurde heute aufgenommen.“
„Wo ist er?“
„Sicher.“
Ich blickte zu Wolfgang.
„Und warum ist der hier?“
Wolfgang begann zu sprechen.
„Hör nicht auf ihn. Diese Männer sind—“
Adrian schlug mit der Hand gegen die Rückenlehne seines Stuhls.
Wolfgang verstummte.
„Er hat dein Team verkauft“, sagte Adrian.
„Das behauptet Hartmann auch.“
„Hartmann erzählt dir nur den Teil, bei dem seine Hände sauber aussehen.“
„Dann wasch sie schmutzig.“
Adrian betrachtete mich einen Moment.
Dann warf er mir einen kleinen Datenträger zu.
Ich fing ihn.
„Was ist darauf?“
„Nachtfalke.“
„Das beantwortet nichts.“
„Originalbefehle. Keine bereinigten Berichte.“
Ich steckte ihn ein.
„Warum jetzt?“
„Weil Wolfgang heute versucht hat, dich zu töten.“
Ich sah zu dem gefesselten Mann.
„Markus sollte mich töten?“
„Markus sollte dich provozieren. Wenn das nicht funktionierte, hatte Wolfgang einen zweiten Plan.“
„Welchen?“
Adrian deutete zur Tür.
„Der Lieferwagen.“
Mir wurde klar, dass Adrian selbst dort gewesen war.
„Du solltest es tun.“
„Ich sollte sicherstellen, dass es nicht passiert.“
Ich schwieg.
„Warum sollte ich dir glauben?“
„Solltest du nicht.“
Das war zumindest eine ehrliche Antwort.
Hinter mir erklang ein Geräusch.
Ich drehte mich nicht um.
Jemand war in der Halle.
„Thomas?“
Keine Antwort.
Dann trat ein Mann aus dem Schatten.
Die Narbe über seiner Augenbraue war das Erste, was ich sah.
Danach seine Augen.
Elf Jahre verschwanden.
Ich erinnerte mich an eine Küche um zwei Uhr morgens.
An verbrannten Kaffee.
An seine Hand auf meinem Bauch, bevor wir überhaupt wussten, dass Lina existierte.
Thomas blieb stehen.
„Hallo, Emilia.“
Ich wollte tausend Dinge sagen.
Stattdessen kam nur eines.
„Du hast eine Tochter.“
Sein Gesicht zerbrach beinahe.
„Ich weiß.“
Ich ging auf ihn zu.
„Elf Jahre.“
„Ich weiß.“
„Sie glaubt, du bist tot.“
„Ich weiß.“
Meine Hand schoss hoch.
Die Ohrfeige hallte durch die Halle.
Thomas nahm sie hin.
„Die war verdient.“
„Nein.“
Meine Stimme zitterte jetzt.
„Verdient wäre gewesen, wenn du an ihrem ersten Geburtstag da gewesen wärst. Als sie eingeschult wurde. Als sie nachts nach ihrem Vater gefragt hat.“
Thomas schloss die Augen.
„Ich konnte nicht.“
„Du konntest sie als Baby besuchen.“
Seine Augen öffneten sich wieder.
„Wer hat dir das gezeigt?“
„Das Polaroid.“
Thomas sah sofort zu Adrian.
„Du hast die Kassette gefunden?“
„Ja.“
Etwas veränderte sich zwischen ihnen.
„Was?“, fragte ich.
Thomas trat näher.
„Emilia, dieses Foto sollte niemals in der Kassette sein.“
„Warum?“
„Weil nur zwei Menschen wussten, dass ich Lina nach meiner angeblichen Beerdigung gesehen hatte.“
„Du und wer?“
Thomas sah zu Wolfgang.
„Er.“
Wolfgang begann heftig den Kopf zu schütteln.
„Lügner!“
Thomas ignorierte ihn.
„Wolfgang fand mich damals. Er sagte, wenn ich mich dir oder Lina noch einmal nähere, würde er Nachtfalke öffentlich machen und dich als Verräterin darstellen.“
„Warum sollte jemand das glauben?“
Thomas' Gesicht wurde hart.
„Weil Hartmann dafür gesorgt hatte, dass alle Beweise auf dich zeigten.“
Ich dachte an den General.
An sein Schweigen.
„Warum?“
„Weil Nachtfalke außer Kontrolle geraten war. Jemand brauchte einen Schuldigen.“
„Und du hast dich geopfert?“
„Ich verschwand.“
„Ohne mir etwas zu sagen.“
„Wenn du gewusst hättest, dass ich lebte, hätten sie es gesehen.“
„Wer sind sie?“
Thomas antwortete nicht.
Adrian schon.
„Menschen weit über Wolfgang.“
Ein Geräusch knackte über uns.
Thomas' Kopf fuhr hoch.
Adrian griff unter seine Jacke.
Ich sah zur oberen Galerie.
Ein winziges rotes Licht blinkte an einem Stahlträger.
Kamera.
„Die war vorher nicht da“, sagte Adrian.
Thomas fluchte.
Dann gingen sämtliche Lichter aus.
Wolfgang begann zu lachen.
Nicht nervös.
Triumphierend.
„Zu spät.“
Im selben Moment hörte ich draußen mehrere Fahrzeuge.
Zu viele für Hartmanns zurückhaltendes Team.
Scheinwerfer schnitten durch die schmutzigen Fenster.
Eine verstärkte Stimme erklang vor der Halle.
„Major Keller! Treten Sie mit erhobenen Händen heraus!“
Ich sah Thomas im Dunkeln an.
„Hartmann?“
„Nein“, sagte er.
Draußen wiederholte die Stimme den Befehl.
Dann kam der Satz, der alles veränderte.
„Sie werden wegen des Verdachts auf Landesverrat festgenommen.“
Wolfgang lachte erneut.
„Willkommen bei Nachtfalke, Emilia.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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