Ich las die Nachricht ein zweites Mal.
**DIE DATEIEN GEGEN DAS MÄDCHEN.**
Thomas sah mein Gesicht.
„Zeig her.“
Ich reichte ihm das Telefon.
Für einen Augenblick verschwand alles Militärische aus seiner Haltung. Er war nur ein Vater, der zum ersten Mal das verängstigte Gesicht seiner Tochter sah und wusste, dass jemand sie wegen ihm in Gefahr gebracht hatte.
„Ich bringe sie um.“
„Nein.“
Er sah mich an.
„Wir bringen Lina zurück.“
Adrian deutete auf den Computer.
„Die Übertragung läuft bereits.“
„Stoppen.“
„Emilia—“
„Nicht löschen. Stoppen.“
Er tippte.
Der Fortschrittsbalken blieb bei zwölf Prozent stehen.
Thomas starrte mich an.
„Du willst ihnen die Dateien geben?“
„Nein.“
„Dann was?“
„Ich will, dass sie glauben, dass ich es tue.“
Draußen herrschte plötzlich Stille.
Keine Befehle mehr.
Keine Schüsse.
Das gefiel mir weniger als der Lärm.
Ich ging zurück in die Halle.
Hartmann lag hinter einem Fahrzeug, eine Hand gegen seine Schulter gepresst. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor.
„General.“
„Nur gestreift.“
„Wer hat geschossen?“
„Einer von Voss' Männern. Danach haben sie sich zurückgezogen.“
„Warum?“
Hartmann sah mein Telefon.
Er verstand.
„Lina.“
„Ja.“
Sein Gesicht wurde hart.
„Es tut mir leid.“
„Später.“
Wolfgang saß noch immer auf dem Stuhl.
Als ich auf ihn zuging, lächelte er.
„Jetzt verstehst du endlich.“
Ich blieb vor ihm stehen.
„Wo bringen sie sie hin?“
„Keine Ahnung.“
„Falsche Antwort.“
„Du kannst mir nichts tun.“
„Stimmt.“
Ich zog einen zweiten Stuhl heran und setzte mich ihm gegenüber.
„Aber ich muss dir auch nichts tun.“
Sein Lächeln wurde unsicher.
„Was soll das heißen?“
Ich hielt ihm das Telefon hin.
„Sie haben Lina genommen, obwohl du noch hier bist.“
Er sagte nichts.
„Denk darüber nach, Wolfgang. Wenn du wirklich so wichtig wärst, hätten sie dich mitgenommen.“
Seine Augen zuckten.
„Sie kommen zurück.“
„Nein.“
„Du kennst Voss nicht.“
„Offenbar besser als du.“
Ich beugte mich vor.
„Du bist der Mann, dessen Stimme auf den Originalaufnahmen zu hören ist. Wenn alles auffliegt, braucht Voss jemanden, der die Verantwortung trägt.“
Wolfgangs Atem veränderte sich.
„Du lügst.“
„Warum sollte er sonst zulassen, dass du gefesselt in einer Halle zurückbleibst?“
Thomas trat hinter mich.
Wolfgang sah ihn an.
„Du bist genauso tot wie ich, wenn das rauskommt.“
Thomas antwortete ruhig:
„Vielleicht. Aber ich habe nicht mehr viel zu verlieren.“
Wolfgang schon.
Das sah ich.
„Wo ist Lina?“
Er schwieg.
Ich stand auf.
„Dann warten wir auf Voss.“
„Warte.“
Ich blieb stehen.
Wolfgang schluckte.
„Es gibt ein ehemaliges Kommunikationszentrum.“
„Wo?“
„Nordöstlich. Etwa zwölf Kilometer.“
„Adresse.“
Er nannte sie.
Hartmann gab die Information sofort über Funk an seine eigenen Leute weiter.
„Keine Annäherung“, sagte ich.
„Emilia—“
„Wenn dort Beobachter sitzen und plötzlich ein Einsatzkommando auftaucht, stirbt meine Tochter vielleicht, bevor wir die Tür erreichen.“
Thomas nickte.
„Sie erwartet dich.“
Ich sah ihn an.
„Wer?“
„Lina.“
„Sie kennt mich kaum noch.“
„Sie kennt dich besser, als ich sie kenne.“
Der Satz kostete ihn sichtbar etwas.
Ich wandte mich Adrian zu.
„Kannst du eine Übertragung vortäuschen?“
Er lächelte zum ersten Mal ohne Bitterkeit.
„Jetzt erkenne ich meine Majorin wieder.“
Zwölf Minuten später fuhr ich mit Wolfgangs Telefon in der Tasche zum Kommunikationszentrum.
Allein.
Zumindest sollte es so aussehen.
Adrian hatte eine Kopie der Daten vorbereitet, deren Verschlüsselung sich nach dem Öffnen selbst sperren würde. Hartmanns Leute hielten mehrere Kilometer Abstand.
Thomas war nicht bei ihnen.
Ich wusste es, ohne fragen zu müssen.
Er war irgendwo näher.
Das alte Zentrum lag hinter einem Waldstück.
Betonmauern.
Ein rostiges Tor.
Keine sichtbaren Wachen.
Mein Telefon klingelte.
Unbekannte Nummer.
„Ja.“
Eine tiefe Männerstimme.
„Major Keller.“
Voss.
Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr gehört.
„Generaloberst.“
„Sie haben etwas, das mir gehört.“
„Sie haben etwas, das mir gehört.“
„Das Mädchen ist unverletzt.“
„Sie heißt Lina.“
Kurze Pause.
„Bringen Sie den Datenträger hinein.“
„Erst sehe ich meine Tochter.“
„Sie sind nicht in der Position, Bedingungen zu stellen.“
„Dann veröffentliche ich alles.“
Stille.
„Sie bluffen.“
„Zwölf Prozent sind bereits draußen.“
Das stimmte sogar.
Adrian hatte die ersten Dateien an mehrere gesicherte Empfänger geschickt.
Voss wusste nicht, welche.
„Wenn mir oder Lina etwas passiert, geht der Rest automatisch raus.“
Wieder Stille.
Dann öffnete sich das Tor.
„Kommen Sie.“
Ich ging hinein.
Das Gebäude war fast leer.
In einem ehemaligen Kontrollraum saß Lina auf einem Stuhl.
Ihre Hände waren nicht gefesselt.
Ein Mann stand hinter ihr.
Voss.
Älter als auf den offiziellen Fotos, aber dieselben kalten Augen.
Lina sah mich.
„Mama.“
„Alles gut.“
„Das sagen Erwachsene immer, wenn nichts gut ist.“
Selbst jetzt.
Meine Tochter.
Ich musste beinahe lächeln.
Voss hielt eine Pistole locker an seiner Seite.
„Der Datenträger.“
Ich hob ihn.
„Lina kommt zuerst.“
„Nein.“
„Dann haben wir nichts zu besprechen.“
Voss musterte mich.
„Sie waren schon immer schwierig.“
„Deshalb bin ich noch hier.“
Er nickte seinem Mann zu.
Der trat von Lina weg.
„Komm zu mir“, sagte ich.
Lina stand auf.
Drei Schritte.
Vier.
Dann packte Voss sie am Arm.
Die Pistole hob sich.
„Jetzt.“
Ich warf den Datenträger auf den Boden zwischen uns.
Voss' Mann hob ihn auf und steckte ihn in einen Laptop.
„Dateien vorhanden.“
„Löschen Sie die Kopien“, befahl Voss.
„Erst Lina.“
„Sie haben noch immer nicht verstanden, wie das funktioniert.“
Eine Stimme kam aus der Dunkelheit hinter ihm.
„Doch. Aber du nicht.“
Thomas.
Voss wirbelte herum.
Im selben Moment trat ich vor.
Ich packte sein Waffenhandgelenk und schlug es gegen die Tischkante.
Die Pistole fiel.
Lina rannte.
„Boden!“, rief ich.
Sie warf sich hin.
Thomas überwältigte den zweiten Mann.
Voss versuchte nach seiner Waffe zu greifen.
Ich trat sie weg.
Dann hörte ich Sirenen.
Viele.
Voss lachte.
„Glauben Sie, Hartmann rettet Sie?“
„Nein.“
Die Türen wurden aufgerissen.
Bewaffnete Beamte strömten herein.
Aber nicht Hartmann führte sie an.
Eine Frau in ziviler Kleidung trat vor und zeigte ihren Dienstausweis.
„Generaloberst Voss, Sie sind vorläufig festgenommen.“
Zum ersten Mal verlor Voss die Kontrolle über sein Gesicht.
„Auf wessen Befehl?“
„Bundesanwaltschaft.“
Adrian erschien hinter den Beamten.
„Zwölf Prozent“, sagte er zu mir.
„Mehr brauchten wir nicht.“
Die ersten übertragenen Dateien hatten Voss' Stimme enthalten.
Seine Befehle.
Seine Zahlungen.
Nachtfalke.
Voss wurde abgeführt.
Ich kniete mich neben Lina.
Sie schlang die Arme um meinen Hals.
„Ich wusste, dass du kommst.“
„Immer.“
Über ihre Schulter hinweg sah ich Thomas.
Er blieb mehrere Meter entfernt stehen.
Lina bemerkte meinen Blick.
Langsam drehte sie sich um.
Zum ersten Mal standen Vater und Tochter einander wirklich gegenüber.
Thomas' Augen wurden feucht.
„Hallo, Lina.“
Sie betrachtete ihn lange.
Dann fragte sie:
„Bist du wirklich mein Vater?“
„Ja.“
„Warum warst du nie da?“
Thomas senkte den Blick.
„Weil ich Fehler gemacht habe, die ich dir nicht in einem Satz erklären kann.“
Lina trat nicht zu ihm.
Aber sie ging auch nicht weg.
„Dann wirst du viele Sätze brauchen.“
Thomas nickte.
„So viele, wie du hören willst.“
Draußen kam Hartmann auf mich zu, die Schulter inzwischen verbunden.
„Voss redet nicht.“
„Das wird er.“
Hartmann sah zum Gebäude.
„Wolfgang dagegen schon.“
„Was hat er gesagt?“
„Genug, um die Ermittlungen auf mehrere weitere Personen auszuweiten.“
Ich atmete langsam aus.
Elf Jahre Geheimnisse begannen endlich auseinanderzufallen.
Doch Hartmann wirkte nicht erleichtert.
„Was?“
Er zog einen versiegelten Beutel hervor.
Darin lag ein Dokument.
„Das haben wir bei Wolfgang gefunden.“
Ich nahm es.
Es war eine Kopie eines alten Nachtfalke-Befehls.
Meine Einsatzkennung stand darauf.
Darunter Thomas' Name.
Und eine dritte Kennung.
Hartmanns.
„Warum zeigen Sie mir das?“
„Sehen Sie auf die letzte Seite.“
Ich blätterte um.
Dort befand sich die Genehmigung für den Einsatz, der mein Team in den Hinterhalt geschickt hatte.
Voss' Unterschrift stand unten.
Darüber jedoch war eine zweite Freigabe.
Hartmanns.
Ich hob den Blick.
Er wich ihm nicht aus.
„Sie haben es genehmigt.“
„Ja.“
„Sie wussten, dass ich der Köder war.“
„Ja.“
Meine Hände zitterten.
„Und Sie haben mich heute angesehen, als wären Sie gekommen, um mich zu retten.“
„Nein, Emilia.“
Hartmann nahm seine Dienstmarke ab und legte sie in meine Hand.
„Ich bin gekommen, weil ich wusste, dass Sie diejenige sein würden, die endlich alles ans Licht bringt.“
Hinter ihm hielten zwei Ermittler.
Nicht für Voss.
Für Hartmann.
Er streckte ihnen freiwillig die Hände entgegen.
Bevor sie ihn abführten, sah er mich ein letztes Mal an.
„Es gibt noch eine Datei, die Sie sehen müssen.“
„Welche?“
„Die ursprüngliche Aufnahme von Nachtfalke.“
„Was ist darauf?“
Sein Blick wanderte zu Thomas.
„Der Moment, in dem Thomas entscheiden musste, ob er Sie verrät.“
Thomas wurde bleich.
Und plötzlich wusste ich, dass die Wahrheit noch nicht vollständig war.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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