Unterhaltung

Mein Schwager drohte, mir vor meiner Tochter den Arm zu brechen – dann nannte mich ein General „Major Keller“

Hartmann antwortete nicht sofort.

Ich kannte Schweigen aus Verhören.

Es gab das Schweigen eines Menschen, der nach Worten suchte.

Und es gab das Schweigen eines Menschen, der wusste, dass die Wahrheit alles zerstören würde, was danach kam.

Hartmanns war das zweite.

„Wer liegt in dem Grab?“, fragte ich erneut.

„Wir wissen es nicht.“

Ich starrte ihn an.

„Falsche Antwort.“

„Die sterblichen Überreste wurden damals unter der Identität von Linas Vater überführt.“


„Das habe ich nicht gefragt.“

Hartmann rieb sich über die Stirn.

„Die Identifizierung wurde über militärische Unterlagen bestätigt. Nicht durch Sie.“

Mir wurde übel.

Elf Jahre zuvor war ich noch selbst in medizinischer Behandlung gewesen. Man hatte mir erklärt, der Zustand des Körpers mache einen Abschied unmöglich.

Ich hatte es geglaubt.

Weil die Männer, die es mir sagten, dieselbe Uniform trugen wie ich.

„Wer unterschrieb die Identifizierung?“

Hartmann schwieg.

„Wer?“


„Adrian Falk.“

Für einen Moment hörte ich nichts mehr.

Nicht Lina im Wohnzimmer.

Nicht die Polizeifahrzeuge draußen.

Nichts.

„Der tote Mann hat den anderen toten Mann identifiziert.“

Hartmann verzog das Gesicht.

„So sahen die Unterlagen damals nicht aus.“

„Und niemand fand das verdächtig?“

„Falk wurde erst einige Stunden später als vermisst gemeldet.“


Ich lachte einmal.

Es klang nicht nach Humor.

„Praktisch.“

Rike stand noch immer im Wohnzimmer. Sie hatte jedes Wort gehört.

„Emilia“, flüsterte sie.

Ich ignorierte sie.

„Name.“

Hartmann sah mich an.

„Was?“

„Linas Vater hat einen Namen. Benutzen Sie ihn.“


„Thomas Keller.“

Ich schloss kurz die Augen.

Thomas.

Elf Jahre lang hatte ich Lina erzählt, ihr Vater sei bei einem Auslandseinsatz gestorben, bevor er erfahren konnte, dass sie unterwegs war.

Das war die Wahrheit gewesen, die man mir gegeben hatte.

Jetzt wusste ich nicht einmal mehr, welcher Teil davon real war.

„Glauben Sie, Thomas lebt?“

„Ich weiß es nicht.“

„Aber Sie vermuten es.“

„Seit drei Wochen.“


Ich ging auf Hartmann zu.

„Sie wissen das seit drei Wochen und haben mich nicht informiert?“

„Wir hatten keine Bestätigung.“

„Ich bin seine Familie.“

„Und Sie waren möglicherweise das eigentliche Ziel.“

„Das entscheiden nicht Sie.“

„Damals schon.“

Der Satz hing zwischen uns.

Hartmann bereute ihn sofort.

Ich nicht.


Endlich sagte jemand laut, worum es wirklich ging.

Andere Menschen hatten über mein Leben entschieden.

Über mein Team.

Über Thomas.

Und vielleicht sogar darüber, welche Wahrheit meine Tochter elf Jahre lang glauben durfte.

Mein Telefon vibrierte.

Eine Nachricht von einem der Männer draußen erschien auf Hartmanns Gerät fast gleichzeitig.

Er las sie und seine Miene verhärtete sich.

„Was?“

„Der Lieferwagen wurde gefunden.“


„Adrian?“

„Weg.“

„Natürlich.“

„Das Fahrzeug steht drei Kilometer entfernt auf einem verlassenen Parkplatz.“

„Fingerabdrücke? Kameras?“

„Das Team prüft es.“

Ich griff nach meiner Jacke.

Hartmann stellte sich mir in den Weg.

„Sie bleiben hier.“

Ich sah ihn an.


„Versuchen Sie es.“

Er bewegte sich nicht.

„Major, jemand hat heute absichtlich eine Situation vor Ihrem Haus eskalieren lassen.“

Ich hielt inne.

„Was meinen Sie?“

„Denken Sie nach.“

Ich tat es.

Markus' Herausforderung.

Wolfgangs Provokationen.

Vier Männer aus dem Kampfsportstudio.


Adrian darunter.

Mein Blick wanderte zum Fenster.

„Das war geplant.“

„Davon gehe ich aus.“

„Markus wusste nichts.“

„Wahrscheinlich nicht.“

Ich sah zu Rike.

„Und Wolfgang?“

Sie schüttelte sofort den Kopf.

„Ich weiß es nicht.“


Hartmann öffnete die Wohnzimmertür.

„Wir sollten davon ausgehen, dass Wolfgang wusste, dass Sie reagieren würden.“

„Er wollte, dass ich mich vor Zeugen enttarne.“

„Oder dass Sie die Kontrolle verlieren.“

Ich dachte an das Messer.

Markus hatte es erst gezogen, nachdem ich ihn zweimal zu Boden gebracht hatte.

Was wäre passiert, wenn ich langsamer gewesen wäre?

Was wäre passiert, wenn Lina zwischen uns geraten wäre?

Meine Hände wurden kalt.

„Wo ist Wolfgang?“

Hartmann ging zum Fenster.

Dann erstarrte er.

Die beiden Männer, die ihn bewacht hatten, standen neben dem Gehweg.

Wolfgang war nicht mehr zwischen ihnen.

Hartmann riss die Tür auf.

„Wo ist Keller?“

Einer der Männer zeigte auf einen Polizeiwagen.

„Die örtlichen Beamten haben ihn übernommen.“

Der General blieb stehen.

„Auf wessen Anweisung?“

„Ihre, Sir.“

Hartmann drehte langsam den Kopf.

„Ich habe keine solche Anweisung gegeben.“

Alle bewegten sich gleichzeitig.

Einer der Männer griff zum Funkgerät.

Ich lief zur Straße.

Der Polizeiwagen, in den Markus gesetzt worden war, stand noch dort.

Der zweite war verschwunden.

„Wann?“, fragte Hartmann.

„Vielleicht vor zwei Minuten.“

„Kennzeichen?“

Ein Beamter nannte es.

Sein Kollege wurde bleich.

„Das ist nicht unser Wagen.“

Stille.

„Was?“

„Unsere zweite Streife hat ein anderes Kennzeichen.“

Hartmann begann Befehle zu geben.

Straßensperren.

Fahndung.

Kameras.

Ich ging zurück zu Rike.

„Hat Wolfgang heute jemanden erwartet?“

„Nein.“

„Denk nach.“

„Ich weiß es nicht!“

„Rike.“

Sie presste die Hände gegen ihre Schläfen.

Dann hob sie plötzlich den Kopf.

„Heute Morgen.“

„Was?“

„Er bekam einen Anruf.“

„Von wem?“

„Keine Ahnung. Aber danach fragte er Markus, ob seine Freunde wirklich kommen würden.“

Das bestätigte es.

„Was hat er noch gesagt?“

Rike dachte nach.

„Etwas über dich.“

„Was?“

„Er sagte: Heute sehen wir endlich, ob die Akte stimmt.“

Hartmann und ich sahen uns an.

Meine Akte.

Nicht meine zivile.

„Wolfgang hatte Zugang zu Informationen über meine Ausbildung.“

Hartmann nickte langsam.

„Offenbar.“

Ich ging zu dem schwarzen Umschlag zurück und sah die Fotos noch einmal durch.

Wolfgang.

Adrian.

Zahlungen.

Prag.

Dann fiel mir etwas auf.

Auf dem dritten Foto standen beide vor einem Café.

Im Fenster spiegelte sich ein dritter Mann.

Nur ein Teil seines Gesichts war sichtbar.

Ich nahm das Foto und ging näher ans Fenster.

„Hartmann.“

Er kam zu mir.

„Wer ist das?“

„Wir konnten ihn nicht identifizieren.“

Ich hielt das Bild näher ans Licht.

Kinn.

Nase.

Eine Narbe über der rechten Augenbraue.

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

Ich kannte diese Narbe.

Ich hatte sie selbst versorgt.

Thomas hatte sie bei einer Übung bekommen, lange bevor Lina geboren wurde.

„Das ist er.“

Hartmann sagte nichts.

„Das ist Thomas.“

Rike schlug die Hand vor den Mund.

Hartmann nahm mir das Foto ab.

„Sind Sie sicher?“

„Absolut.“

Elf Jahre.

Thomas lebte mindestens vor sechs Monaten noch.

Und er hatte sich mit Wolfgang und Adrian getroffen.

Lina erschien im Türrahmen.

„Wer ist Thomas?“

Niemand antwortete.

Sie sah das Foto in Hartmanns Hand.

Dann mich.

„Mama?“

Ich ging zu ihr.

Es gab keine gute Möglichkeit mehr, sie vor allem zu schützen.

Nur noch eine Möglichkeit, sie nicht anzulügen.

„Thomas war dein Vater.“

„War?“

Meine Kehle wurde eng.

„Ich dachte elf Jahre lang, dass er tot ist.“

Ihre Augen wanderten zum Foto.

„Und jetzt?“

„Jetzt weiß ich es nicht mehr.“

Lina schwieg lange.

Dann fragte sie etwas, womit keiner von uns gerechnet hatte.

„Wenn er lebt, warum hat er mich nie gesucht?“

Ich hatte keine Antwort.

Hartmanns Telefon klingelte.

Er nahm ab.

„Hartmann.“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Wann?“

Pause.

„Schicken Sie es sofort.“

Er legte auf.

„Was ist passiert?“

„Das Team hat etwas im Lieferwagen gefunden.“

Sein Telefon vibrierte.

Ein Bild erschien.

Hartmann drehte den Bildschirm zu mir.

Auf dem Boden des Lieferwagens lag eine kleine schwarze Metallkassette.

Darauf stand meine alte Einsatzkennung.

Darunter war mit weißer Farbe ein Datum geschrieben.

Linas Geburtstag.

Ich sah Hartmann an.

„Öffnen Sie sie.“

„Das Team wartet auf die Bombenentschärfung.“

„Was glauben Sie, ist darin?“

Hartmann antwortete nicht.

Wenige Sekunden später kam eine zweite Aufnahme.

Die Kassette hatte einen durchsichtigen Einschub an der Seite.

Darin steckte ein altes Polaroid.

Ein Mann hielt ein neugeborenes Baby im Arm.

Thomas.

Und auf der Rückseite hatte jemand eine Nachricht geschrieben.

Hartmann vergrößerte das Bild.

Nur ein Satz.

**EMILIA SOLLTE NIE ERFAHREN, DASS ICH LINA GESEHEN HABE.**

Ich musste mich am Tisch festhalten.

Thomas hatte Lina gesehen.

Nach seinem angeblichen Tod.

Und irgendjemand hatte elf Jahre lang dafür gesorgt, dass ich es nicht wusste.

Dann vibrierte mein eigenes Telefon.

Eine neue Nachricht.

Diesmal war es kein Text.

Es war ein aktuelles Foto.

Wolfgang saß gefesselt auf einem Stuhl.

Hinter ihm stand Adrian.

Und neben Adrian ein Mann mit einer Narbe über der rechten Augenbraue.

Thomas.

Unter dem Bild standen vier Wörter:

**KOMM ALLEIN. FRAG NICHT HARTMANN.**

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**

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