Ich nahm den Anruf nicht sofort an. Das Telefon vibrierte in meiner Hand, während Klara mich ansah, als könnte allein meine Entscheidung darüber bestimmen, ob unser Vater vor elf Jahren durch einen Unfall gestorben war oder durch etwas, das unsere Familie all die Jahre verschwiegen hatte.
„Geh ran“, flüsterte sie.
Ich drückte auf den grünen Hörer.
„Frida?“
Onkel Andreas’ Stimme klang älter, rauer, aber ich erkannte sie sofort. Plötzlich war ich wieder sechs Jahre alt und saß auf seinen Schultern, während Klara neben uns durch Papas Garten rannte.
„Woher weißt du, dass wir im Krankenhaus sind?“
Am anderen Ende entstand eine Pause.
„Eure Mutter hat mich angerufen.“
„Wo ist sie?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
„Frida, hör mir zu. Ihr seid in Gefahr.“
Ich musste beinahe lachen. Nach zwei Jahren mit Erik klang dieser Satz absurd.
„Das wissen wir.“
„Nein. Ihr versteht nicht, warum.“
Ich sah Klara an und stellte den Lautsprecher an.
„Dann erklär es uns.“
Andreas atmete schwer aus. „Nicht am Telefon.“
„Elf Jahre lang hast du gar nichts erklärt.“
Stille.
„Du hast recht.“
Seine Antwort nahm mir für einen Moment den Zorn.
„Warum bist du weggegangen?“
„Weil David mich darum gebeten hat.“
Klara richtete sich auf.
„Papa hat dich weggeschickt?“
„Nicht sofort. Drei Wochen vor seinem Tod gab er mir einen versiegelten Umschlag und sagte, ich solle Deutschland verlassen, wenn ihm etwas passiert. Er sagte, ich dürfe erst zurückkommen, wenn ihr beide kurz vor eurem achtzehnten Geburtstag steht.“
„Warum?“
„Weil er glaubte, jemand beobachte unsere Familie.“
Ich dachte an das Foto von David, Erik und Hartmann.
„Erik?“
„Erik war nur ein Teil davon.“
Bevor Andreas mehr sagen konnte, hörten wir ein Geräusch hinter ihm. Eine Tür vielleicht.
Dann wurde seine Stimme leiser.
„Ich komme heute nach Deutschland. Sprecht bis dahin mit niemandem über den Inhalt des Cloud-Speichers.“
„Auch nicht mit Hartmann?“
Wieder diese Pause.
„Vor allem bei Lena wäre ich vorsichtig.“
Die Verbindung brach ab.
Klara starrte mich an.
„Alle warnen uns vor allen.“
„Genau das macht mir Angst.“
Am Morgen wurden wir auf eine geschützte Station verlegt. Erik blieb in Polizeigewahrsam, während über weitere Maßnahmen entschieden wurde. Unsere Mutter war weiterhin verschwunden. Hartmann kam gegen acht Uhr zurück und teilte uns mit, dass die Nummer, von der die Nachricht mit dem Foto gekommen war, nicht mehr erreichbar sei.
Ich erzählte ihr nichts von Andreas.
Noch nicht.
Stattdessen fragte ich: „Was ist mit Erik?“
„Er bestreitet alles.“
„Natürlich.“
„Aber die medizinischen Befunde sind eindeutig. Und wenn wir eure Aufnahmen sichern können, wird seine Situation erheblich schwieriger.“
„Das Handy hat unsere Mutter.“
Hartmann nickte. „Deshalb müssen wir sie finden.“
Klara sah sie scharf an. „Als Opfer oder als Verdächtige?“
Hartmann antwortete vorsichtig. „Im Moment als vermisste Zeugin.“
Gegen Mittag kam Dr. Köhler herein und erklärte, dass Klara mindestens zwei weitere Tage bleiben müsse. Bei mir wollte er ebenfalls noch Beobachtung. Als er gegangen war, fiel mir etwas auf, das zwischen unseren Sachen auf dem Tisch lag.
Meine Jacke.
Die Polizei hatte unsere persönlichen Gegenstände aus dem Haus holen lassen.
Ich griff hinein.
In der Innentasche steckte etwas Hartes.
Ein kleiner Messingschlüssel.
„Der war gestern nicht da“, sagte ich.
Klara nahm ihn. An einem schwarzen Anhänger stand eine Nummer.
**314.**
Darunter befand sich ein gefalteter Zettel.
Die Handschrift erkannte ich sofort.
Mama.
**Hauptbahnhof. Schließfach. David wollte, dass ihr es gemeinsam öffnet.**
Mein Herz raste.
„Wir müssen Hartmann davon erzählen“, sagte Klara.
„Und wenn Andreas recht hat?“
„Und wenn Andreas lügt?“
Das war das Problem. Jeder Mensch in unserem Leben schien nur einen Teil der Wahrheit zu besitzen.
Am Nachmittag erschien eine Mitarbeiterin des Jugendamtes. Während sie mit Klara sprach, ging ich zur Toilette. Als ich zurückkam, stand Hartmann am Ende des Flurs und telefonierte.
Sie bemerkte mich nicht.
„Nein“, sagte sie leise. „Die Mädchen wissen noch nichts von Schließfach 314.“
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Meine Finger schlossen sich um den Schlüssel in meiner Hosentasche.
Hartmann wusste davon.
Ich ging rückwärts, bevor sie mich sehen konnte.
Zurück im Zimmer erzählte ich Klara, was ich gehört hatte.
„Dann müssen wir vor ihr dort sein.“
„Wir dürfen das Krankenhaus nicht verlassen.“
Klara blickte auf die Uhr.
„Andreas landet heute.“
Eine Stunde später erhielten wir eine Nachricht von ihm.
**Bin in Frankfurt. Komme direkt zu euch. Öffnet nichts ohne mich.**
Doch fünf Minuten danach kam eine zweite Nachricht von derselben Nummer.
Nur ein Foto.
Darauf lag Andreas’ Reisepass auf dem Boden eines Parkhauses.
Daneben sein zerbrochenes Telefon.
Unter dem Bild stand:
**Wenn ihr euren Onkel lebend sehen wollt, bringt den Schlüssel zu Schließfach 314. Keine Polizei.**
Klara griff nach meiner Hand.
Ich wollte antworten, doch plötzlich klopfte es.
Die Tür öffnete sich.
Meine Mutter stand davor.
Ihr Mantel war durchnässt, ihr Gesicht kreidebleich. In einer Hand hielt sie das alte Handy mit dem gesprungenen Display.
In der anderen hielt sie einen versiegelten Umschlag, auf dem Papas Handschrift stand.
**Für Frida und Klara – nur öffnen, wenn Andreas nicht mehr zurückkommt.**
„Packt eure Sachen“, sagte Brigitte.
Ihre Stimme zitterte.
„Wir haben höchstens zwanzig Minuten, bevor Erik erfährt, dass ich noch lebe.“







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