Klara griff instinktiv an ihren Hals. Der kleine Halbmond lag unter dem Kragen ihres Krankenhaushemdes, dort, wo er seit unserer Kindheit gelegen hatte. Ich hatte ihn tausendmal gesehen. Unsere Mutter hatte immer behauptet, Papa habe Klara die Kette kurz nach unserer Geburt geschenkt, während ich ein silbernes Armband bekommen hatte, das Jahre später verloren gegangen war.
„Mach sie ab“, sagte ich.
„Frida, draußen steht die Polizei“, flüsterte Brigitte.
Wieder schlug jemand gegen die Tür.
„Frau Wagner! Öffnen Sie sofort!“
Diesmal erkannte ich Hartmanns Stimme.
Klara löste mit zitternden Fingern den Verschluss. Ich nahm den Anhänger und betrachtete ihn genauer. Auf der Rückseite verlief eine winzige Kerbe, die ich nie bemerkt hatte.
Ich drückte mit dem Fingernagel dagegen.
Der Halbmond sprang auf.
Darin befand sich kein Foto, keine Gravur.
Eine winzige Metallplatte kam zum Vorschein.
Darauf standen sechs Ziffern.
**170609.**
„Unser Geburtstag“, sagte Klara.
„Nein“, flüsterte Brigitte.
Wir sahen sie an.
„Euer Geburtstag ist der siebzehnte Juni. Aber 09 war nicht euer Geburtsjahr.“
„Was ist dann 2009 passiert?“
Brigitte wurde bleich.
Bevor sie antworten konnte, wurde die Tür geöffnet. Hartmann trat mit zwei Beamten herein. Ihr Blick fiel sofort auf meine Mutter.
„Brigitte Wagner, Sie kommen jetzt mit uns.“
Meine Mutter wich keinen Schritt zurück. „Weswegen?“
„Verdacht auf Beweismittelunterdrückung und Behinderung laufender Ermittlungen.“
„Weil ich das Telefon genommen habe?“
„Unter anderem.“
Hartmann bemerkte den geöffneten Anhänger in meiner Hand.
Etwas blitzte in ihren Augen auf.
„Woher habt ihr den?“
Das war der Moment, in dem ich wusste, dass sie ihn kannte.
Ich schloss meine Faust darum.
„Von Klara.“
„Das sehe ich.“
„Dann warum fragen Sie?“
Hartmann schwieg.
Brigitte wurde von den Beamten hinausgeführt. Bevor sie die Tür passierte, drehte sie sich zu mir.
„Der siebzehnte Juni 2009“, sagte sie. „Frag Lena, wo sie an diesem Tag war.“
Hartmanns Gesicht wurde hart.
Die Tür fiel zu.
Klara und ich waren allein mit ihr.
„Also?“, fragte ich.
Hartmann setzte sich nicht.
„Am 17. Juni 2009 wurde ein Informant namens Matthias Dorn offiziell für tot erklärt.“
Mir wurde kalt.
„Offiziell?“
„Sein Wagen wurde ausgebrannt gefunden. Man fand menschliche Überreste. Die Identifizierung erfolgte über persönliche Gegenstände und Zahnunterlagen.“
„Aber Sie glauben nicht, dass er darin war.“
„David glaubte es nicht.“
Ich dachte an die Nachrichten mit dem Buchstaben M.
„Und Sie?“
Hartmann sah mich direkt an. „Ich auch nicht.“
Klara hielt den Anhänger fest.
„Was ist der zweite Schlüssel?“
„Das weiß ich nicht.“
„Lüge“, sagte ich.
Hartmanns Kiefer spannte sich an.
„Ich weiß, dass David zwei Zugangselemente geschaffen hat. Eines sollte bei Andreas bleiben. Das andere wollte er bei jemandem verstecken, den niemand verdächtigen würde.“
Klara blickte auf ihre Kette.
„Bei einem Baby.“
„Bei seiner Tochter“, sagte Hartmann.
„Warum Klara und nicht ich?“
Darauf wusste sie offenbar tatsächlich keine Antwort.
Dann erinnerte ich mich an Papas Worte.
*Welche von euch beiden den zweiten Schlüssel besitzt.*
Erik hatte also all die Jahre nicht gewusst, dass es Klara war.
Vielleicht deshalb hatte er uns unterschiedlich behandelt. Vielleicht waren seine grausamen „Entscheidungen“, welche von uns zuerst leiden sollte, nie nur Kontrolle gewesen.
Vielleicht hatte er auf Reaktionen gewartet.
„Wir müssen zu Schließfach 314“, sagte ich.
Hartmann schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Warum?“
„Weil jemand Andreas dafür benutzt, euch dorthin zu locken.“
„Dann schicken Sie Beamte.“
„Das habe ich bereits.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Wann?“
„Vor vierzig Minuten.“
Sie zog ihr Telefon hervor.
„Das Schließfach war leer.“
Klara und ich sahen uns an.
„Unmöglich.“
„Nicht ganz. Es wurde heute Morgen um 6:17 Uhr geöffnet.“
6:17.
Wieder diese Zahlen.
„Von wem?“
Hartmann zeigte uns ein Standbild einer Überwachungskamera.
Eine Frau mit Kapuze stand vor den Schließfächern. Das Gesicht war kaum zu erkennen, aber ihre Haltung kannte ich.
Unsere Mutter.
„Brigitte war dort, bevor sie zu euch kam.“
Ich dachte an den Umschlag, die Speicherkarte, das alte Telefon.
„Was hat sie herausgenommen?“
„Das versuchen wir herauszufinden.“
Plötzlich vibrierte mein Krankenhaus-Handy.
Eine Nachricht von Andreas.
**Glaubt nicht dem Foto. Mir geht es gut. Ich bin nicht in Frankfurt. Jemand benutzt meine alte Nummer.**
Darunter folgte eine Standortfreigabe.
Zürich.
Klara flüsterte: „Dann wer hat uns angerufen?“
Bevor ich antworten konnte, erschien eine zweite Nachricht.
**Und Frida – der Mann, den ihr als Matthias Dorn sucht, heißt heute anders. David hat ihm geholfen, eine neue Identität anzunehmen.**
Ein Foto wurde geladen.
Ich kannte das Gesicht.
Wir beide kannten es.
Klara ließ das Telefon beinahe fallen.
Auf dem Bild stand Matthias Dorn vor einer Klinik, ungefähr zehn Jahre älter als auf Papas Foto. Unter dem Bild befand sich sein heutiger Name.
**Dr. Markus Köhler.**
Der Arzt, der uns in der vergangenen Nacht untersucht hatte.
Der Mann, der die Tür verriegelt und die Polizei gerufen hatte.
Und der Mann, der vor weniger als einer Stunde allein mit Klara und mir im Untersuchungszimmer gewesen war.







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