Der Name meines Onkels blieb im Raum hängen, obwohl das Video längst beendet war. Klara schüttelte immer wieder den Kopf, als könnte sie dadurch verhindern, dass sich die vergangenen elf Jahre erneut veränderten.
„Das ist manipuliert“, sagte sie schließlich. „Erik würde alles sagen.“
„Vielleicht“, antwortete Hartmann. „Aber warum sollte Brigitte ausgerechnet Andreas nennen?“
Ich öffnete die Nachricht von meinem angeblichen Onkel noch einmal. Der Standort in Zürich. Seine Warnung vor Köhler. Die Behauptung, jemand benutze seine alte Nummer.
Plötzlich fiel mir etwas auf.
„Ruf ihn an.“
„Wen?“, fragte Klara.
„Andreas.“
Ich drückte auf die Nummer. Es klingelte einmal.
Dann nahm jemand ab.
„Frida.“
Dieselbe Stimme wie zuvor.
„Wo bist du?“
„Zürich. Ich habe dir doch—“
„Wie hieß mein Stoffhase?“
Stille.
Klara sah mich an. Als Kinder hatten wir bei Andreas oft übernachtet. Mein Stoffhase war irgendwann in seinem Garten verschwunden. Papa, Andreas und wir beide hatten einen ganzen Nachmittag danach gesucht.
„Frida, dafür haben wir keine Zeit.“
Ich legte auf.
Klara flüsterte: „Hugo.“
„Ja.“
Der Mann am Telefon war nicht Andreas.
Hartmann ließ die Nummer sofort überprüfen. Währenddessen starrte ich wieder auf das Standbild des Videos. Mama, Köhler und Erik. Drei Menschen, die eigentlich Gegner sein sollten, im selben Raum.
„Vielleicht hält Mama sie nicht gefangen“, sagte ich.
Hartmann sah mich an.
„Erik wirkt verängstigt, aber Köhler nicht.“
Wir vergrößerten das Bild.
Köhlers Schultern waren entspannt. Keine sichtbaren Fesseln. Vor seinem linken Fuß stand eine Wasserflasche.
Klara begriff zuerst.
„Das ist inszeniert.“
Ich nickte.
Vielleicht nicht vollständig. Aber unsere Mutter wollte, dass wir glaubten, sie bedrohe uns.
Warum?
Ich spielte das Video erneut ab.
*Ihr habt bis Mitternacht. Bringt den Halbmond und Davids Speicherkarte.*
„Sie sagt nicht, wohin.“
Hartmann runzelte die Stirn.
„Weil sie erwartet, dass wir es bereits wissen“, sagte ich.
Mein Blick fiel auf Klaras Anhänger.
170609.
Ein Datum.
Vielleicht aber auch etwas anderes.
17 – 06 – 09.
„Koordinaten?“, fragte Klara.
„Zu kurz.“
Dann erinnerte ich mich an das Foto von Papa, Andreas und Matthias vor dem Ferienhaus.
Hartmann zog die alte Fallakte heran. Nach wenigen Minuten fand sie etwas: Eine der Firmen aus Papas Ermittlungen hatte früher ein Archivgebäude besessen.
Adresse:
**Industriestraße 17, Halle 6, Lager 09.**
Niemand sagte etwas.
17. 6. 9.
Der Anhänger enthielt keine Zahlenkombination.
Er enthielt eine Adresse.
Am frühen Abend bestand Hartmann darauf, ein Einsatzteam vorzubereiten. Klara und ich sollten im Krankenhaus bleiben. Diesmal widersprach ich nicht. Nicht sofort.
Denn ich hatte einen anderen Plan.
Ich kopierte die Speicherkarte.
Das Original gab ich Hartmann.
Die Kopie steckte ich in meinen Schuh.
Kurz nach neun Uhr erschien Dr. Köhler plötzlich wieder auf der Station.
Allein.
Hartmann zog sofort ihre Dienstwaffe, hielt sie jedoch gesenkt.
„Keinen Schritt weiter.“
Köhler hob die Hände.
„Das Video war Brigittes Idee.“
„Das haben wir vermutet.“
Er sah Klara und mich an.
„Eure Mutter versucht, euch am Leben zu halten.“
Wut stieg in mir auf.
„Darin war sie bisher nicht besonders erfolgreich.“
Der Satz traf ihn sichtbar.
„Nein“, sagte er. „Das war sie nicht.“
Er erklärte, dass Brigitte ihn nach ihrem Verschwinden kontaktiert hatte. Sie hatte das alte Handy aus unserem Haus geholt und darin eine Datei entdeckt, die Erik niemals hatte finden dürfen. Danach hatte sie Köhler aufgesucht.
„Warum war Erik bei euch?“
„Weil Brigitte ihn aus dem Polizeitransport holen ließ.“
Hartmann starrte ihn an.
„Sie hat seine Flucht organisiert?“
„Ja.“
„Warum?“
Köhler antwortete: „Weil Erik reden wollte.“
Dann erzählte er uns etwas, das alles verschob.
Erik war vor elf Jahren tatsächlich von Andreas engagiert worden. Aber nicht, um David zu töten.
Um ihn zu überwachen.
Andreas hatte geglaubt, sein Bruder sei dabei, Millionen aus gemeinsamen Firmen zu verstecken. Erst später hatte Erik begriffen, dass David Beweise sammelte.
„Wer hat Papas Auto manipuliert?“, fragte Klara.
Köhler schüttelte den Kopf. „Das weiß selbst Erik nicht.“
„Dann wer weiß es?“
Köhler sah auf Klaras Halbmond.
„Derjenige, dessen Name im Archiv hinter diesem Schlüssel liegt.“
Kurz vor zehn kam die Meldung: Das Einsatzteam hatte Halle 6 erreicht.
Leer.
Keine Brigitte.
Kein Erik.
Aber an einer Wand hing ein frisches Foto von Klara und mir im Krankenhaus.
Darunter stand:
**DAVIDS TÖCHTER HABEN DEN FALSCHEN SCHLÜSSEL.**
Ich griff automatisch nach meinem Handgelenk.
Nach der Stelle, an der früher mein verlorenes silbernes Armband gesessen hatte.
Eine Erinnerung traf mich.
Ich war ungefähr acht gewesen. Erik lebte damals noch nicht bei uns. Mama hatte mein Armband eines Morgens plötzlich abgenommen.
Sie hatte gesagt, der Verschluss sei kaputt.
Ich hatte es nie wiedergesehen.
„Klara“, flüsterte ich. „Der Halbmond ist vielleicht gar nicht der zweite Schlüssel.“
Köhler wurde still.
„Was hast du bekommen?“
„Ein Armband.“
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Wie sah es aus?“
„Silber. Mit einer kleinen Sonne.“
Köhler schloss die Augen.
„David hat mir nie gesagt, welche Tochter welchen Schlüssel trägt.“
„Was öffnet die Sonne?“
Er antwortete erst nach mehreren Sekunden.
„Nicht das Archiv.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Was dann?“
„Davids Notfallkonto. Darin liegt die unverschlüsselte Liste aller Beteiligten.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Eine Polizeibeamtin kam herein und hielt einen transparenten Beweisbeutel hoch.
„Frau Hartmann? Wir haben etwas bei Erik Kaisers persönlichen Gegenständen gefunden.“
Im Beutel lag ein silbernes Kinderarmband.
Mit einer kleinen Sonne.
Doch bevor jemand etwas sagen konnte, erkannte ich die dunkle Verfärbung auf der Rückseite.
Dort waren zwei Buchstaben eingraviert.
Nicht meine Initialen.
**A.W.**
Andreas Wagner.







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