Für einen einzigen Herzschlag bewegte sich niemand.
Dann war Hauptmann Berger an der Hintertür.
„Nina, bei Frau Wagner bleiben. Lukas, weg von den Fenstern.“
Ihre Stimme war ruhig, aber so scharf, dass niemand widersprach.
Ich zog das Messer aus der Tischplatte.
Berger fuhr herum.
„Nicht anfassen.“
Zu spät.
Unter dem Griff klebte ein schmaler Streifen durchsichtiges Klebeband. Darunter war etwas eingeschlossen.
Ein winziger Schlüssel.
Hartmann trat näher.
„Emma.“
Ich hielt ihn gegen das Licht.
Auf dem Metall war eine Nummer eingraviert.
317.
Mein Magen zog sich zusammen.
Dieselbe Zahl stand auf dem Zugticket.
Wagen 3. Platz 17.
„Das ist kein Zufall“, sagte ich.
Hartmann sah mich an, sagte aber nichts.
„Sie wissen, wozu der Schlüssel gehört.“
„Nein.“
„Sie haben gerade zu lange gezögert.“
Berger stellte sich zwischen uns.
„Herr Oberst, wenn Sie noch irgendetwas zurückhalten, ist jetzt der Zeitpunkt.“
Hartmann rieb sich mit einer Hand über das Gesicht.
Zum ersten Mal wirkte er nicht wie der Mann, der vor Hunderten Menschen salutiert hatte.
Er wirkte müde.
„Andreas benutzte Zahlenkombinationen, wenn er Informationen weitergeben musste. Drei eins sieben war eine davon.“
„Was bedeutet sie?“
„Nicht was. Wo.“
Er sah zum dunklen Fenster.
„Schließfach 317. Berlin Hauptbahnhof.“
Mir wurde kalt.
Mama setzte sich schwer auf einen Stuhl.
„Robert wusste davon.“
Hartmann nickte langsam.
„Offenbar.“
Lukas starrte zur Hintertür, durch die unser Vater verschwunden war.
„Warum würde Papa jetzt nach Berlin fahren?“
Niemand antwortete ihm.
Ich tat es schließlich.
„Weil dort etwas liegt, das er achtzehn Jahre lang nicht finden konnte.“
Berger nahm ihr Handy heraus.
„Ich lasse Robert Wagner zur Fahndung ausschreiben.“
Hartmann hob sofort die Hand.
„Nein.“
Berger sah ihn an.
„Wie bitte?“
„Wenn Sie eine offene Fahndung auslösen, erfährt jeder, der noch zu diesem Netzwerk gehört, innerhalb von Minuten davon.“
„Sie behaupten gerade, dass es immer noch Leute innerhalb der Bundeswehr gibt, die ihn schützen könnten.“
„Ich behaupte, dass Andreas wegen genau dieser Annahme verschwunden ist.“
Der Raum wurde still.
In diesem Moment verstand ich etwas, das mir beinahe noch mehr Angst machte als die Nachricht auf dem Tisch.
Mein Vater war nicht nur geflohen.
Er wusste, wie wir reagieren würden.
Er hatte achtzehn Jahre lang gelernt, wie man Angst wie eine Waffe benutzt.
„Dann fahren wir nicht offiziell nach Berlin“, sagte ich.
Berger schüttelte sofort den Kopf.
„Sie fahren überhaupt nirgendwohin.“
„Das Ticket war an mich gerichtet.“
„Genau deshalb.“
„Und wenn Schließfach 317 Beweise enthält?“
„Dann werden Ermittler es sichern.“
Hartmann lachte leise, ohne jede Spur von Humor.
„Welche Ermittler?“
Berger drehte sich zu ihm.
„Das reicht.“
„Nein“, sagte ich.
Beide sahen mich an.
„Er hat recht.“
Berger schloss kurz die Augen.
„Emma, Sie wurden heute zum Leutnant ernannt. Das macht Sie nicht unverwundbar.“
„Das habe ich nie behauptet.“
„Ihr Vater könnte gefährlich sein.“
„Mein Vater hat ein Messer in unseren Tisch gerammt, ein Zugticket gestohlen und ist verschwunden, nachdem meine Mutter gesagt hat, dass sie Blut auf seinem Hemd gesehen hat. Ich glaube, wir sind über den Punkt hinaus, an dem ich ihn für harmlos halte.“
Mama begann zu weinen.
Ich bereute die Härte meiner Worte sofort.
Doch ich nahm sie nicht zurück.
Lukas setzte sich neben sie.
Zum ersten Mal an diesem Tag versuchte er nicht, einen Witz zu machen oder die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
„Hat Papa Andreas getötet?“, fragte er.
Mama presste beide Hände vor den Mund.
Hartmann antwortete.
„Das weiß ich nicht.“
„Aber Sie glauben es.“
Hartmann sah auf das Foto.
„Ich glaube, Robert weiß, was mit ihm passiert ist.“
Mein Blick fiel auf den vierten Mann.
Das zerkratzte Gesicht.
„Wer ist er?“
Hartmann schwieg.
Berger bemerkte es ebenfalls.
„Das war kein rhetorisches Schweigen, Herr Oberst.“
Hartmann atmete aus.
„Major Felix Krüger.“
Der Name sagte mir nichts.
Mama jedoch wurde schlagartig blass.
„Nein.“
Ich sah sie an.
„Du kennst ihn.“
Sie stand so abrupt auf, dass der Stuhl nach hinten kippte.
„Ich dachte, er sei tot.“
Hartmanns Blick verhärtete sich.
„Warum dachten Sie das?“
Mama sah nicht ihn an.
Sie sah mich an.
„Weil Robert mir vor achtzehn Jahren gesagt hat, Felix Krüger sei der Mann gewesen, der deinen Vater getötet hat.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
„Andreas ist nicht offiziell für tot erklärt worden.“
„Für mich schon.“
Ihre Stimme brach.
„Robert kam damals nach Hause und sagte, ich müsse aufhören zu warten. Er sagte, Andreas habe versucht, Krüger zu entlarven, und Krüger habe ihn beseitigt.“
Hartmann trat langsam näher.
„Robert hat Ihnen also eine Geschichte gegeben, in der Krüger der Verräter war.“
Mama nickte.
„Und kurz danach hat er angefangen, sich um uns zu kümmern.“
Ich verstand, bevor sie es aussprach.
Robert war nicht einfach irgendwann in unser Leben gekommen.
Er war direkt nach dem Verschwinden meines leiblichen Vaters dort gewesen.
„Wann habt ihr geheiratet?“
Mama schloss die Augen.
„Elf Monate später.“
Mir wurde übel.
Berger hob das Foto vom Tisch.
„Und Krügers Gesicht wurde auf diesem Bild zerkratzt.“
Hartmann betrachtete die Kratzspuren.
„Nicht von Andreas.“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich dieses Foto kenne.“
Er griff in seine Brieftasche.
Darin befand sich dasselbe Bild.
Unbeschädigt.
Vier Gesichter.
Andreas Voss.
Daniel Hartmann.
Robert Wagner.
Felix Krüger.
Auf Hartmanns Foto stand auf der Rückseite nur ein Datum.
Keine Warnung.
Keine Worte über Schuld.
„Das beschädigte Foto wurde manipuliert“, sagte ich.
Hartmann nickte.
„Jemand wollte, dass wir Krüger hassen.“
Draußen heulte plötzlich ein Motor auf.
Berger rannte zum Fenster.
Ein dunkler Wagen schoss aus unserer Straße.
„Kennzeichen?“
Lukas stand bereits neben ihr.
„Ich hab’s.“
Alle sahen ihn an.
Er hob sein Handy.
„Ich habe gefilmt.“
Zum ersten Mal war sein selbstgefälliges Grinsen verschwunden.
„Vielleicht bin ich ja doch für irgendetwas gut.“
Berger nahm ihm das Telefon ab.
Auf der Aufnahme sah man das Fahrzeug nur wenige Sekunden.
Doch bevor es um die Ecke bog, drehte sich der Fahrer zum Haus.
Hartmann erstarrte.
„Pause.“
Lukas stoppte das Video.
Hartmann trat näher an den Bildschirm.
Der Mann hinter dem Steuer war nicht mein Vater.
„Das ist Felix Krüger“, flüsterte er.
Mama stieß einen erstickten Laut aus.
Ich sah wieder auf die Nachricht.
**Dein Vater ist bereits im Haus.**
Plötzlich ergab der Satz eine andere Bedeutung.
Nicht Robert.
Nicht der Mann, der mich großgezogen hatte.
Ich griff nach dem Schlüssel mit der Nummer 317.
„Andreas lebt.“
Hartmann antwortete nicht.
Er musste es nicht.
Denn in diesem Moment vibrierte mein Handy.
Unbekannte Nummer.
Nur drei Worte.
**Vertrau Hartmann nicht.**
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 4, um weiterzulesen.







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