Unterhaltung

Meine Eltern Schwänzten Meine Abschlussfeier Für Das Basketballspiel Meines Bruders – Doch Dann Salutierte Ein Oberst Vor Mir

Das Freizeichen nach Rehms Anruf klang plötzlich lauter als alles andere im Zimmer.

Ich starrte auf Bergers Telefon.

„Er weiß, dass wir den USB-Stick haben.“

Berger beendete die Verbindung und schaltete ihr Handy vollständig aus.

„Nicht nur das.“

Sie nahm den Akku aus ihrem Diensttelefon.

„Er wusste auch, dass Sie bei mir sind.“

Ich sah zur Tür des Hotelzimmers.

„Dann müssen wir hier raus.“

„Noch nicht.“


„Warum?“

„Weil genau das die erste Reaktion wäre, die er von uns erwartet.“

Sie ging zum Fenster, zog den Vorhang nur einen Spalt auseinander und beobachtete die Straße.

„Rehm hat Sie nicht angerufen, um uns zu bedrohen.“

„Was dann?“

„Um uns zu bewegen.“

Ich dachte an seine letzten Worte.

**Fragen Sie Robert, warum Andreas Voss noch lebt.**

„Er will, dass ich meinen Vater suche.“

„Ja.“


„Warum?“

Berger sah mich an.

„Weil Robert wahrscheinlich etwas hat, das Rehm braucht.“

Der Metallkoffer.

Ich dachte an Mamas Aussage.

An Blut auf Roberts Hemd.

An achtzehn Jahre Schweigen.

Und daran, wie schnell ich bereit gewesen war, ihn für einen Verräter zu halten.

„Wir müssen mit Robert reden.“

„Wir müssen ihn finden, bevor Rehm es tut.“


Ich griff zu meinem Handy.

Berger schüttelte den Kopf.

„Nicht damit.“

„Lukas.“

„Emma.“

„Mein Bruder könnte wissen, wohin Robert gegangen ist.“

„Und wenn seine Kommunikation überwacht wird?“

Ich schwieg.

Berger hatte recht.

Seit meiner Abschlussfeier war alles, was ich für privat gehalten hatte, zu einem offenen Fenster geworden.


Sie öffnete erneut den Laptop.

„Sehen wir zuerst, was noch auf dem Stick ist.“

Drei Dateien waren verschlüsselt.

Berger versuchte nichts.

„Zu riskant“, sagte sie. „Zu viele Fehlversuche könnten sie löschen.“

Ich nahm Andreas’ Brief.

Beim ersten Lesen hatte ich nur die Worte gesehen, die Robert entlasteten.

Jetzt las ich langsamer.

Ein Satz blieb hängen.

**Wenn Robert später schweigt, verurteile ihn nicht zu schnell.**


Später.

Nicht damals.

Andreas hatte also erwartet, dass Robert irgendwann schweigen würde.

Als hätte es einen Plan gegeben.

„Die Kassette.“

Berger sah mich an.

„Was?“

„Warum würde mein Vater eine Audiokassette zusammen mit digitalen Dateien hinterlassen?“

Sie blickte auf den Tisch.

„Weil sie nicht gehackt werden kann.“


„Oder weil darauf etwas ist, das Robert erkennen würde.“

Wir brauchten ein Abspielgerät.

Berger telefonierte über das Festnetz des Hotels mit einem kleinen Elektronikladen zwei Straßen weiter und fragte nach einem alten Kassettenrekorder.

Zwanzig Minuten später hatte sie tatsächlich einen besorgt.

Wir schoben die Kassette hinein.

Ein Klicken.

Rauschen.

Dann Andreas’ Stimme.

Diesmal war sie nicht hektisch.

Sie klang ruhig.


Geplant.

„Robert, wenn du das hörst, ist der erste Plan gescheitert.“

Ich hörte auf zu atmen.

„Bring den Koffer nicht zur Militärpolizei. Nicht zum Ministerium. Nicht zu Daniel. Nicht zu Felix.“

Berger und ich sahen uns an.

Andreas hatte keinem von ihnen vertraut.

„Die Liste im Koffer reicht weiter nach oben, als wir gedacht haben. Rehm ist nicht allein. Wenn ich nicht zurückkomme, verschwindest du mit den Beweisen.“

Eine lange Pause.

Dann:

„Und falls Klara schwanger ist, sorg dafür, dass sie und das Kind nichts davon erfahren.“


Meine Kehle zog sich zusammen.

Klara.

Meine Mutter.

„Du sollst sie nicht belügen, weil du mir etwas schuldest. Du sollst sie belügen, weil jeder Mensch, der weiß, dass das Kind von mir ist, zu einem Druckmittel werden kann.“

Meine Hände begannen zu zittern.

Berger drückte die Stopptaste.

„Emma.“

„Weiter.“

„Vielleicht sollten Sie—“

„Weiter.“


Sie drückte auf Play.

Andreas’ Stimme kehrte zurück.

„Wenn die Sache irgendwann wieder hochkommt, gibt es nur einen Ort, an dem du mir antworten sollst.“

Dann sagte er eine Folge von Buchstaben und Zahlen.

Berger schrieb sie sofort auf.

Ich brauchte länger.

Doch plötzlich verstand ich.

„Das ist keine Adresse.“

„Nein.“

Ich kannte das Format aus der Akademie.


„Eine alte Feldpostkennung.“

Berger nickte.

„Und zwar eine, die seit Jahren nicht mehr verwendet wird.“

Auf der Kassette folgten nur noch wenige Worte.

„Wenn du sie benutzen musst, bedeutet das, dass Emma alt genug ist, selbst zu entscheiden.“

Das Band endete.

Ich saß reglos da.

Achtzehn Jahre lang hatte ich geglaubt, Robert interessiere sich nicht für meine Leistungen.

Dass er meine Akademie kleinredete, weil ich für ihn nie gut genug gewesen war.

Vielleicht war ein Teil davon wirklich seine eigene Härte gewesen.

Vielleicht seine Eifersucht.

Vielleicht hatte er Lukas tatsächlich bevorzugt.

Aber jetzt gab es noch eine andere Möglichkeit.

Robert hatte gewusst, dass jeder Schritt, den ich tiefer in die militärische Führung machte, mich näher an die Männer brachte, vor denen Andreas mich hatte schützen wollen.

„Meine Ernennung“, sagte ich.

Berger verstand sofort.

„Hat ihn in Panik versetzt.“

„Deshalb war er heute Morgen so wütend.“

Ich erinnerte mich an seine Worte.

**Du gehst zur Bundeswehr. Von jetzt an wird dir ständig jemand sagen, wohin du zu gehen hast.**

Ich hatte nur Verachtung gehört.

Was, wenn es Angst gewesen war?

Nicht reine Angst.

Robert hatte mich verletzt.

Das verschwand nicht plötzlich.

Aber Menschen konnten gleichzeitig Fehler machen und versuchen, jemanden zu retten.

Mein Blick fiel auf die Feldpostkennung.

„Können wir herausfinden, wohin sie führte?“

Berger zögerte.

Dann tippte sie etwas auf dem Offline-Laptop.

„Nicht direkt. Alte Kennungen wurden archiviert.“

„Sie wissen doch sicher, wer Zugriff hat.“

Sie sah mich an.

„Hartmann.“

Natürlich.

Ich lachte einmal bitter.

„Der Mann, dem ich laut Nachricht nicht vertrauen soll.“

„Und der Mann, den Sie am Bahnhof gesehen haben.“

Ich dachte an Krügers Warnung.

Vielleicht jemand in Hartmanns Kleidung.

Vielleicht wirklich Hartmann.

Wir hatten zu viele Möglichkeiten und zu wenig Beweise.

Dann klopfte es.

Dreimal.

Pause.

Zweimal.

Berger hatte ihre Waffe in der Hand, bevor ich aufstand.

Niemand wusste, welches Zimmer wir hatten.

Zumindest sollte niemand es wissen.

Sie deutete mir, hinter die Wand neben der Tür zu gehen.

„Wer ist da?“

Eine Männerstimme antwortete.

„Jemand, den Sie beide seit Stunden suchen.“

Ich erkannte die Stimme.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals.

Berger öffnete die Tür nur einen Spalt.

Robert Wagner stand draußen.

Seine Jacke war zerrissen.

An seiner Schläfe klebte getrocknetes Blut.

In beiden Händen hielt er nichts.

„Bevor Sie schießen“, sagte er zu Berger, „sollten Sie wissen, dass Rehm gerade Felix Krüger aus dem Krankenhaus holen lässt.“

Ich trat aus dem Schatten.

Robert sah mich.

Zum ersten Mal in meinem Leben wirkte mein Vater vor mir nicht überlegen.

Nur erschöpft.

„Warum ist Andreas Voss noch am Leben?“, fragte ich.

Er schloss kurz die Augen.

„Weil ich ihn am Schwarzen Grat nicht zurückgelassen habe.“

Mein Herz hämmerte.

„Wo ist er?“

Robert sah zur Kassette auf dem Tisch.

Dann zu mir.

„Seit achtzehn Jahren an einem Ort, den Rehm niemals finden durfte.“

„Und jetzt?“

„Jetzt hat Rehm ihn gefunden.“

Ich machte einen Schritt auf ihn zu.

„Wie?“

Robert antwortete so leise, dass ich ihn beinahe nicht verstand.

„Durch dich.“

Die Worte trafen mich wie ein Schlag.

„Was soll das heißen?“

„Deine Ernennung für den Nachrichtendienst war keine Belohnung, Emma.“

Er sah mir direkt in die Augen.

„Sie war Köder.“

Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.

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