Unterhaltung

Meine Eltern Schwänzten Meine Abschlussfeier Für Das Basketballspiel Meines Bruders – Doch Dann Salutierte Ein Oberst Vor Mir

Berger legte das Hoteltelefon langsam zurück.

„Wenn Rehm eine interne Fahndung gegen uns ausgelöst hat, können wir keine offiziellen Gebäude mehr betreten.“

Robert zog den Vorhang wieder zu.

„Das Krankenhaus auch nicht.“

Ich sah auf die Kassette, den USB-Stick und Andreas’ Brief.

„Dann hören wir auf, dorthin zu gehen, wo Rehm uns erwartet.“

Berger hob eine Augenbraue.

„Was schlagen Sie vor?“

Ich dachte an meine Abschlussrede.

An die Handys, die überall hochgehalten worden waren.


An Millionen Menschen, die gesehen hatten, wie Oberst Hartmann vor mir salutierte.

Und an Nina.

„Wir brauchen eine Versicherung.“

Ich nahm mein Handy.

„Wenn Rehm uns verschwinden lassen kann, müssen wir dafür sorgen, dass die Wahrheit verschwindet, sobald wir es tun.“

Robert verstand als Erster.

„Nein.“

„Doch.“

„Du ziehst Nina da nicht hinein.“

„Sie ist längst darin.“


Ich sah ihn an.

„Sie hat meine gesamte Abschlussfeier gefilmt. Sie kennt Hartmann. Sie kennt mich. Und sie ist die einzige Person außerhalb dieses Zimmers, der ich vollständig vertraue.“

Robert schüttelte den Kopf.

„Rehm wird sie finden.“

„Deshalb soll sie nichts untersuchen.“

Ich wandte mich an Berger.

„Wir geben ihr nur Kopien. Mit einer klaren Anweisung.“

Berger dachte wenige Sekunden nach.

„Automatische Veröffentlichung.“

Ich nickte.


„Wenn ich mich bis zu einer bestimmten Uhrzeit nicht melde, gehen Andreas’ Brief, die Aufnahme von Schwarzer Grat und die Information über Rehm gleichzeitig an mehrere Journalisten.“

Robert sah mich an, als hätte er plötzlich vergessen, dass ich nicht mehr das Kind war, das er achtzehn Jahre lang zu schützen versucht hatte.

„Das könnte nicht nur Rehm treffen.“

„Gut.“

„Emma.“

„Achtzehn Jahre Schweigen haben ihn geschützt. Vielleicht ist es Zeit, etwas anderes zu versuchen.“

Berger sagte nichts mehr dagegen.

Nina nahm beim zweiten Klingeln ab.

„Emma? Wo bist du? Überall heißt es, du sollst dich bei deiner Dienststelle melden.“

„Nina, hör mir zu. Stell keine Fragen.“


Am anderen Ende wurde es still.

„Okay.“

„Ich schicke dir drei Dateien. Öffne sie nicht auf deinem Handy. Speichere sie an zwei verschiedenen Orten.“

„Was ist los?“

„Nina.“

Eine Pause.

„Schon gut.“

„Wenn ich mich morgen früh bis acht Uhr nicht mit unserem Satz vom ersten Akademiejahr bei dir melde, schickst du alles an jede große Redaktion, die du erreichen kannst.“

„Welcher Satz?“

Zum ersten Mal an diesem Abend musste ich fast lächeln.


„Wer zuerst aufgibt, putzt das Bad.“

Nina atmete hörbar aus.

„Du hast mir damals sechs Wochen das Badputzen eingebrockt.“

„Deshalb wirst du ihn nicht vergessen.“

Ihre Stimme wurde plötzlich ernst.

„Emma, bist du in Gefahr?“

Ich sah Robert an.

„Ja.“

Nina schwieg nur eine Sekunde.

„Dann schick die Dateien.“


Keine weiteren Fragen.

Keine Dramatik.

Nur Loyalität.

Genau die Art von Loyalität, über die ich auf dem Paradeplatz gesprochen hatte.

Berger kopierte die Dateien über eine verschlüsselte Verbindung, die nur wenige Minuten aktiv blieb.

Danach zerstörte Robert die verwendete SIM-Karte.

„Jetzt zum Krankenhaus“, sagte ich.

„Wir können nicht hinein“, erinnerte Berger mich.

„Wir müssen auch nicht.“

Hartmann kam zu uns.


Dreißig Minuten später parkte ein dunkler Wagen in der Tiefgarage.

Hartmann stieg aus.

Allein.

Robert stand sofort auf.

Achtzehn Jahre Misstrauen lagen zwischen den beiden Männern.

Hartmann blieb einige Schritte entfernt stehen.

„Felix lebt.“

Robert nickte nur.

„Wie schlimm?“

„Die Kugel ging durch die Schulter. Er kann sprechen.“


„Und Rehm?“

„Hat versucht, ihn unter militärischer Bewachung verlegen zu lassen.“

Hartmanns Mund wurde hart.

„Ich habe den Befehl schriftlich verlangt.“

Berger verstand.

„Den gab es nicht.“

„Natürlich nicht.“

Hartmann zog einen kleinen digitalen Rekorder aus seiner Jacke.

„Aber es gab einen Anruf.“

Er drückte auf Wiedergabe.


Rehms Stimme erklang.

Ruhig.

Kontrolliert.

„Daniel, Sie machen gerade einen Fehler. Krüger gehört in unsere Hände.“

Hartmanns Stimme antwortete:

„Wessen Hände sind das genau, Herr Generalleutnant?“

Eine kurze Pause.

Dann Rehm:

„Vergessen Sie nicht, wem Sie Ihre Karriere verdanken.“

Die Aufnahme endete.


Robert lachte bitter.

„Er wird nervös.“

„Nein“, sagte ich.

Alle sahen mich an.

„Er wird unvorsichtig.“

Hartmann nickte langsam.

„Felix sagte dasselbe.“

Er holte einen Zettel hervor.

Darauf stand die Feldpostkennung von Andreas’ Kassette.

Dieselbe, die Berger notiert hatte.

„Krüger hat sie erkannt.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Wo führt sie hin?“

Hartmann sah Robert an.

„Du weißt es.“

Robert antwortete nicht.

„Robert.“

„Ein ehemaliges Sanitätsdepot außerhalb Berlins.“

„Das seit Jahren leer steht“, ergänzte Hartmann.

Ich spürte, wie sich alles zusammenzog.

„Andreas.“

Robert schloss die Augen.

„Ja.“

Achtzehn Jahre.

Mein leiblicher Vater war weniger als eine Stunde von mir entfernt.

Ich hätte etwas fühlen sollen, das sich benennen ließ.

Freude.

Wut.

Angst.

Stattdessen fühlte ich alles gleichzeitig.

„Wir fahren hin.“

Robert trat sofort vor mich.

„Nein.“

„Hör auf.“

„Du verstehst nicht.“

„Dann erklär es mir endlich vollständig.“

Sein Blick wich meinem aus.

Und damit wusste ich, dass noch etwas fehlte.

„Was ist in dem Originalarchiv?“

Robert schwieg.

Hartmann antwortete für ihn.

„Nicht nur Beweise gegen Rehm.“

„Was noch?“

„Beweise gegen jeden, der nach Schwarzer Grat an der Vertuschung beteiligt war.“

Berger wurde blass.

„Wie viele?“

„Genug, dass Rehm achtzehn Jahre lang jeden getötet hätte, der den Speicherort kannte.“

Ich sah Robert an.

„Und Andreas kennt ihn.“

„Ja.“

„Deshalb lebt er versteckt.“

„Ja.“

„Und deshalb hat Rehm mich benutzt.“

Robert nickte.

„Er wusste, dass Andreas irgendwann aus seinem Versteck kommen würde, wenn er glaubte, dass du bedroht bist.“

Plötzlich dachte ich an die erste Nachricht.

**Berlin. Morgen früh. Komm allein.**

Dann an die zweite.

**Dein Vater ist bereits im Haus.**

„Die Nachrichten.“

Robert sah mich an.

„Was ist damit?“

„Die kamen nicht von Rehm.“

Hartmann schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Nicht von Krüger.“

„Nein.“

Mein Herz schlug so laut, dass ich es hören konnte.

„Andreas hat sie geschickt.“

Niemand widersprach.

„Warum sagte er dann, mein Vater sei bereits im Haus?“

Robert antwortete diesmal.

„Weil er nicht mich meinte.“

Er sah zu Hartmann.

„Er wusste, dass Daniel nach der Abschlussfeier zu dir kommen würde.“

„Aber Hartmann ist nicht mein Vater.“

„Nein.“

Robert nahm das alte Foto vom Schwarzen Grat.

„Andreas wusste nicht, wer dich großgezogen hatte.“

Ich verstand nicht.

Dann traf mich die Erkenntnis.

„Er wusste nicht, dass du Klara geheiratet hast.“

„Nein.“

„Er dachte, Hartmann hätte mich beschützt.“

Hartmann sah aus, als hätte jemand ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Andreas hat das geglaubt?“

Robert nickte.

„Achtzehn Jahre lang.“

Die vier Männer auf dem Foto hatten einander achtzehn Jahre lang misstraut.

Und Rehm hatte genau davon gelebt.

„Dann beenden wir das heute“, sagte ich.

Wir fuhren kurz nach Mitternacht los.

Hartmann voraus.

Berger und ich im zweiten Wagen.

Robert hinter uns.

Niemand sprach.

Das ehemalige Sanitätsdepot lag hinter einem überwucherten Zufahrtsweg, fern von der Hauptstraße.

Kein Licht.

Keine sichtbare Bewegung.

Hartmann stellte seinen Wagen hundert Meter entfernt ab.

Wir gingen zu Fuß weiter.

Am Eingang hing ein rostiges Schild.

Berger berührte meinen Arm.

„Emma.“

Reifenspuren.

Frisch.

Mehrere Fahrzeuge.

Robert ging in die Hocke.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Wir sind nicht die Ersten.“

Dann hörten wir aus dem Gebäude eine Stimme über einen Lautsprecher.

Rehm.

„Leutnant Wagner.“

Ich erstarrte.

„Sie haben mich sehr enttäuscht.“

Scheinwerfer gingen gleichzeitig an.

Der Hof wurde taghell.

Männer traten aus den Schatten.

Und zwischen ihnen stand Viktor Rehm.

Neben ihm Oberstleutnant Mertens.

Rehm lächelte.

„Aber wenigstens haben Sie mir endlich gebracht, was ich achtzehn Jahre lang gesucht habe.“

Eine Seitentür des Depots öffnete sich.

Ein älterer Mann wurde nach draußen geführt.

Graues Haar.

Abgemagert.

Eine alte Narbe zog sich über seine linke Schläfe.

Doch ich erkannte sein Gesicht sofort.

Andreas Voss sah mich an.

Seine Augen füllten sich mit Tränen.

„Emma.“

Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich die Stimme meines leiblichen Vaters nicht auf einer Kassette.

Rehm hob eine Pistole an Andreas’ Kopf.

„Jetzt“, sagte er ruhig, „zeigt er uns das Archiv.“

Ich machte einen Schritt vor.

Rehm lächelte noch breiter.

„Oder ich erschieße die Tochter, für die er achtzehn Jahre im Schatten gelebt hat.“

Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 9, um weiterzulesen.

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