Ich starrte auf die drei Worte, bis sie vor meinen Augen verschwammen.
**Vertrau Hartmann nicht.**
„Von wem ist das?“, fragte Berger.
Ich hob den Blick nicht.
„Unbekannte Nummer.“
Hartmann streckte die Hand aus.
„Zeigen Sie mir das.“
Ich sperrte das Handy.
„Nein.“
Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich sein Gesicht.
Es war kaum mehr als ein Zucken in seinem Kiefer.
Doch ich bemerkte es.
Und diesmal beschloss ich, nicht einfach darauf zu warten, dass andere Männer mir erklärten, welche Wahrheit ich glauben sollte.
„Emma“, sagte er ruhig, „wenn das von Krüger kommt, versucht er, uns gegeneinander auszuspielen.“
„Und wenn es nicht von Krüger kommt?“
„Dann ist die Situation noch gefährlicher.“
„Das ist keine Antwort.“
Berger stellte sich leicht seitlich zwischen uns.
„Sie hat recht.“
Hartmann sah sie an.
„Hauptmann—“
„Sie haben bereits Informationen zurückgehalten.“
„Um sie zu schützen.“
„Menschen, die Informationen zurückhalten, sagen fast immer, es sei zum Schutz anderer.“
Die Worte trafen sichtbar.
Hartmann nahm seine Schirmmütze vom Tisch.
„Dann machen Sie, was Sie für richtig halten.“
Er ging zur Tür.
„Wohin wollen Sie?“, fragte ich.
„Dafür sorgen, dass Robert Wagner nicht vor uns in Berlin ankommt.“
„Allein?“
Er blieb stehen.
„Je weniger Menschen davon wissen, desto besser.“
„Genau das hätte mein Vater wahrscheinlich auch gesagt.“
Hartmann drehte sich langsam um.
Mein Herz schlug schneller, doch ich wich seinem Blick nicht aus.
„Von jetzt an“, sagte ich, „glaube ich niemandem mehr etwas, nur weil er einen höheren Dienstgrad trägt.“
Für einen Moment sah ich etwas in seinen Augen.
Keinen Zorn.
Fast so etwas wie Anerkennung.
„Dann haben Sie heute vielleicht doch etwas Wichtiges gelernt, Leutnant Wagner.“
Er verließ das Haus.
Berger wartete, bis die Tür geschlossen war.
Dann wandte sie sich mir zu.
„Sie fahren trotzdem nicht nach Berlin.“
„Doch.“
„Das war keine Diskussion.“
„Dann machen wir daraus eine.“
„Emma.“
Ich legte den Schlüssel 317 auf den Tisch.
„Jemand hat mir dieses Ticket geschickt. Mein Vater hat es gestohlen. Krüger war vor unserem Haus. Und jemand weiß offenbar genug über Hartmann, um mich vor ihm zu warnen.“
Berger verschränkte die Arme.
„Genau deswegen bleiben Sie hier.“
„Wenn ich hierbleibe, reagieren wir nur auf das, was die anderen tun.“
Sie schwieg.
„Seit heute Morgen“, fuhr ich fort, „entscheiden andere Menschen, wo ich sein soll, was ich wissen darf und was angeblich zu meinem Besten ist. Damit bin ich fertig.“
Mama sah mich an.
In ihren Augen lag Schmerz.
Aber auch etwas anderes.
Scham.
„Emma“, flüsterte sie, „bitte.“
Ich ging zu ihr.
„Ich komme zurück.“
„Das kannst du nicht wissen.“
„Nein.“
Ich nahm ihre Hand.
„Aber ich kann wissen, dass ich nicht länger zulasse, dass Robert die Wahrheit bestimmt.“
Lukas stand auf.
„Dann komme ich mit.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil Mama dich braucht.“
Sein Gesicht fiel kurz zusammen.
Dann nickte er.
Früher hätte er gestritten.
Heute nicht.
Berger fluchte leise.
„Gut.“
Ich sah sie an.
„Gut?“
„Sie fahren nicht allein.“
Sie griff nach ihrer Jacke.
„Und wir nehmen nicht den Zug.“
Vierzig Minuten später saßen wir in einem unscheinbaren grauen Wagen auf der Autobahn Richtung Berlin.
Berger hatte niemandem gesagt, wohin wir fuhren.
Zumindest behauptete sie das.
Ich hatte aufgehört, Behauptungen mit Wahrheit zu verwechseln.
Der Schlüssel lag in meiner geschlossenen Hand.
317.
Ich drehte ihn immer wieder zwischen meinen Fingern.
„Sie kennen Hartmann lange“, sagte ich.
Berger behielt den Blick auf der Straße.
„Zwölf Jahre.“
„Vertrauen Sie ihm?“
Eine Pause.
„Ich habe ihm vertraut.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein.“
Draußen zogen Felder und Rastplätze vorbei.
„Was wissen Sie über Schwarzer Grat?“
„Nur das, was offiziell dokumentiert wurde.“
„Also wahrscheinlich fast nichts.“
„Wahrscheinlich.“
Ich sah aus dem Fenster.
„Warum waren Sie heute bei uns?“
Ihre Hände wurden fester am Lenkrad.
„Wegen Hartmann.“
„Das dachte ich mir.“
„Er bat mich, nach der Abschlussfeier in Ihrer Nähe zu bleiben.“
Ich drehte mich zu ihr.
„Warum?“
„Er sagte, Ihre Ernennung könnte alte Leute nervös machen.“
„Meine Ernennung?“
Berger nickte.
„Sie wurden nicht nur regulär übernommen.“
Ich wartete.
„Sie sind für einen Auswahlprozess vorgesehen.“
„Für was?“
„Militärischer Nachrichtendienst.“
Ich starrte sie an.
Plötzlich erinnerte ich mich an all die persönlichen Gespräche, die meine Eltern nie ernst genommen hatten.
Die zusätzlichen Bewertungen.
Die Fragen zu Stress, Loyalität und Entscheidungsfähigkeit.
„Hartmann wusste das.“
„Er hat Sie vorgeschlagen.“
Ein unangenehmes Gefühl kroch meinen Rücken hinauf.
„Dann war sein Salut nicht nur wegen meines Abschlusses.“
„Nein.“
Das änderte etwas.
Vielleicht alles.
Mein Handy vibrierte.
Dieselbe unbekannte Nummer.
Diesmal war es kein Text.
Ein Foto.
Ich öffnete es.
Eine Bahnsteiguhr.
Berlin Hauptbahnhof.
Darunter nur eine Nachricht.
**Schließfach 317. 18:30. Wenn Hartmann bei dir ist, geh weg.**
Ich zeigte Berger das Display.
Sie warf einen kurzen Blick darauf.
„Jemand weiß, dass wir unterwegs sind.“
Ich sah auf die Uhr.
17:54.
„Oder jemand hofft, dass wir genau jetzt eintreffen.“
Berger beschleunigte nicht.
Das gefiel mir.
Sie dachte.
„Wir gehen nicht direkt zum Schließfach“, sagte ich.
„Endlich sagen Sie einmal etwas Vernünftiges.“
„Wir beobachten es zuerst.“
Sie sah mich kurz an.
„Sie übernehmen hier nicht das Kommando.“
„Nein.“
Ich steckte das Handy ein.
„Aber wenn jemand mich dort erwartet, bin ich der Köder. Also habe ich ein Mitspracherecht.“
Um 18:22 betraten wir den Berliner Hauptbahnhof getrennt.
Berger ging durch den unteren Eingang.
Ich kam über die Nordseite.
Keine Uniform.
Keine Rosen.
Keine Auszeichnung.
Nur Jeans, dunkle Jacke und der Schlüssel in meiner Tasche.
Menschen strömten an mir vorbei.
Koffer rollten über den Boden.
Durchsagen hallten unter dem Glasdach.
Ich sah nirgendwo Hartmann.
Auch Krüger nicht.
Schließfach 317 befand sich in einer Reihe nahe einem Seitengang.
Ich blieb auf Abstand.
18:27.
Ein Mann mit roter Mütze öffnete Schließfach 312.
Eine ältere Frau ging vorbei.
Ein Kind weinte.
18:29.
Mein Handy vibrierte.
**Jetzt.**
Ich bewegte mich nicht.
Eine Sekunde.
Zwei.
Dann ging plötzlich ein Mann aus dem Schatten direkt auf Schließfach 317 zu.
Mein Atem stockte.
Er war vielleicht Mitte fünfzig.
Graues Haar.
Schmale Schultern.
Er sah sich kein einziges Mal um.
Doch als er seine Hand nach dem Fach ausstreckte, trat Berger hinter einer Säule hervor.
„Stehen bleiben.“
Der Mann erstarrte.
Dann hob er langsam beide Hände.
Ich trat aus meiner Deckung.
Er sah mich.
Und seine Augen füllten sich mit Tränen.
Nicht Überraschung.
Erkennen.
„Emma“, flüsterte er.
Ich konnte nicht atmen.
Denn ich kannte dieses Gesicht.
Ich hatte es heute zum ersten Mal auf einem achtzehn Jahre alten Foto gesehen.
Felix Krüger.
Er griff langsam in seine Jacke.
Berger zog ihre Waffe.
„Nicht bewegen!“
Krüger blieb stehen.
„Wenn ich sterbe“, sagte er, ohne den Blick von mir zu nehmen, „wird sie niemals erfahren, warum Robert Wagner ihren Vater retten sollte.“
Meine Stimme war kaum hörbar.
„Retten?“
Krüger nickte.
„Robert hat Andreas nicht verraten.“
Dann blickte er über meine Schulter.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Runter!“
Etwas krachte.
Die Scheibe hinter uns zersprang.
Berger riss mich zu Boden.
Menschen schrien.
Krüger brach neben Schließfach 317 zusammen.
Und oben auf der Galerie sah ich für einen einzigen Augenblick einen Mann weggehen.
Oberst Daniel Hartmann.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.







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