„Krüger!“
Ich rutschte auf den Knien zu ihm.
Blut breitete sich dunkel über seine Jacke aus, knapp unterhalb der Schulter. Berger presste sofort beide Hände auf die Wunde.
„Bleiben Sie bei mir.“
Krügers Atem ging stoßweise.
„Hartmann“, sagte ich. „Ich habe Hartmann gesehen.“
Berger blickte zur Galerie.
Der Platz, an dem er gestanden hatte, war leer.
„Sind Sie sicher?“
„Ja.“
Krüger packte plötzlich mein Handgelenk.
„Nicht hinterher.“
Seine Finger waren erschreckend kalt.
„Sie verstehen nicht.“
„Dann erklären Sie es mir.“
„Das Schließfach.“
Berger sah mich an.
„Öffnen Sie es.“
Meine Hände zitterten, als ich den Schlüssel aus der Tasche zog.
Hinter uns schrien Menschen durcheinander. Sicherheitskräfte liefen durch den Bahnhof. Eine Stimme forderte über Lautsprecher alle auf, den Bereich zu verlassen.
Ich steckte den Schlüssel in Schließfach 317.
Er passte.
Im Inneren lag kein Metallkoffer.
Nur ein kleiner schwarzer Rucksack.
Ich zog ihn heraus.
Darin befanden sich drei Dinge.
Eine alte Audiokassette.
Ein versiegelter Umschlag mit meinem Namen.
Und ein USB-Stick, der in eine Plastikhülle eingeschweißt war.
Krüger sah sie und schloss für einen Moment die Augen.
„Er hat es geschafft.“
„Wer? Andreas?“
Krüger antwortete nicht.
Berger drückte fester auf seine Wunde.
„Herr Krüger, hören Sie mich?“
„Ja.“
„Wer hat geschossen?“
Krüger öffnete die Augen wieder.
„Wenn Emma Hartmann gesehen hat, dann wollte jemand genau das.“
Ich starrte ihn an.
„Ich habe ihn gesehen.“
„Oder jemanden, der seine Jacke trug.“
„Sie verteidigen ihn.“
„Nein.“
Er verzog das Gesicht vor Schmerz.
„Ich sage nur, dass Schwarzer Grat genau so funktioniert hat. Jeder Beweis zeigte in eine Richtung. Bis man ihm folgte.“
Sanitäter drängten sich durch die Menge.
Krügers Griff um mein Handgelenk wurde fester.
„Der Brief.“
„Was ist damit?“
„Lesen Sie ihn nicht hier.“
Dann ließ er mich los.
Die Sanitäter schoben mich zurück und begannen, ihn zu versorgen.
Berger zog mich zur Seite.
„Wir verschwinden.“
„Krüger—“
„Kommt ins Krankenhaus.“
„Und Hartmann?“
„Wenn er geschossen hat, ist er längst weg. Wenn er nicht geschossen hat, will jemand, dass wir unsere Zeit mit ihm verschwenden.“
Zum ersten Mal verstand ich, warum Berger Hauptmann geworden war.
Sie ließ sich nicht von dem lautesten Verdacht führen.
Wir verließen den Bahnhof über einen Dienstausgang, bevor die Bundespolizei den gesamten Bereich sperren konnte.
Im Auto legte ich den Rucksack zwischen meine Füße.
„Wohin?“
„An einen Ort, an dem niemand weiß, dass wir sind.“
Zwanzig Minuten später parkten wir in der Tiefgarage eines kleinen Hotels nahe Moabit.
Berger zahlte das Zimmer bar.
Erst als die Tür hinter uns geschlossen war, stellte ich den Rucksack auf den Tisch.
Der Umschlag trug tatsächlich meinen Namen.
**Emma.**
Nicht Leutnant Wagner.
Nicht Emma Wagner.
Nur Emma.
Ich riss ihn auf.
Darin lag eine einzelne Seite.
Die Handschrift war dieselbe wie auf dem Brief meines leiblichen Vaters.
Ich begann zu lesen.
**Emma,**
**wenn du diese Zeilen liest, bist du alt genug geworden, um selbst zu entscheiden, was du mit der Wahrheit anfängst. Wenn Robert dich großgezogen hat, dann schulde ich ihm etwas, das ich wahrscheinlich nie zurückzahlen kann.**
Ich hörte auf.
Berger sah mich an.
„Weiter.“
Ich zwang mich.
**Robert war nicht der Verräter am Schwarzen Grat. Er war der Mann, dem ich befohlen habe, mit dem Koffer zu verschwinden.**
Meine Knie wurden weich.
Ich setzte mich.
**Ich wusste, dass jemand aus unserer eigenen Befehlskette Informationen weitergab. Ich wusste nur nicht, wer. Daniel glaubte, es sei Felix. Felix glaubte, es sei Daniel. Robert war der Einzige, dem ich in diesem Moment vertraute.**
Ich sah Berger an.
Sie sagte nichts.
Ich las weiter.
**Wenn Robert später schweigt, verurteile ihn nicht zu schnell. Schweigen kann Feigheit sein. Aber manchmal ist Schweigen der Preis dafür, dass jemand anderes weiterlebt.**
Unter dem Text stand nur:
**A. Voss**
Kein Datum.
Keine Erklärung.
Ich legte den Brief langsam auf den Tisch.
Alles, was ich seit gestern über meinen Vater geglaubt hatte, verschob sich.
Nicht Robert.
Zumindest nicht damals.
„Warum ist er dann geflohen?“, fragte ich.
Berger setzte sich mir gegenüber.
„Vielleicht weil das, was er danach getan hat, schlimmer ist als das, was damals passiert ist.“
Ich sah zur Kassette.
„Wir brauchen ein Abspielgerät.“
„Später.“
Sie nahm den USB-Stick.
„Das hier zuerst.“
„Offline.“
Ein kurzes Nicken.
Berger zog einen alten Laptop aus ihrer Tasche.
„Sie reisen vorbereitet.“
„Ich arbeite mit Menschen, die Geheimnisse haben.“
Der Rechner hatte keine Netzwerkverbindung.
Sie steckte den USB-Stick ein.
Darauf befand sich nur ein Ordner.
**SCHWARZER_GRAT**
Vier Dateien.
Drei verschlüsselt.
Eine nicht.
**EVAKUATION_17_AUDIO.wav**
Berger öffnete sie.
Zuerst hörten wir nur Wind.
Dann Schüsse.
Eine Männerstimme.
„Konvoi zwei, sofort zurückziehen!“
Hartmann.
Eine zweite Stimme antwortete.
Andreas.
„Negativ. Daniel, bring die Zivilisten raus.“
Dann Roberts Stimme.
„Andreas, der Koffer!“
„Nimm ihn.“
Schüsse.
Schreie.
Dann eine vierte Stimme.
Ruhig.
Fast erschreckend ruhig.
„Voss weiß zu viel. Keiner von ihnen darf mit den Unterlagen zurückkommen.“
Berger stoppte die Aufnahme.
Ich sah sie an.
„Wer ist das?“
Sie war kreidebleich geworden.
„Ich kenne die Stimme.“
„Wer?“
Sie antwortete nicht sofort.
Dann öffnete sie ihre Tasche und zog das Foto vom Schwarzen Grat heraus.
Ihr Finger blieb nicht bei Hartmann stehen.
Nicht bei Robert.
Nicht bei Krüger.
Er zeigte auf den Rand des Fotos.
Dort war, fast abgeschnitten, die Schulter eines fünften Mannes zu erkennen.
Ich hatte ihn bisher nicht einmal bemerkt.
„Das ist Generalleutnant Viktor Rehm“, sagte Berger.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Der Name war mir sehr wohl bekannt.
Viktor Rehm war der Mann, der zwei Tage zuvor meine Ernennungsurkunde unterschrieben hatte.
Und der Vorsitzende der Kommission, die mich für den militärischen Nachrichtendienst ausgewählt hatte.
In genau diesem Moment klingelte Bergers Telefon.
Sie sah auf das Display.
Dann zu mir.
„Rehm.“
Das Klingeln hörte nicht auf.
Berger nahm ab.
Sie sagte kein Wort.
Am anderen Ende erklang eine ruhige Männerstimme.
„Hauptmann Berger, geben Sie Leutnant Wagner das Telefon.“
Sie schaltete den Lautsprecher ein.
„Ich höre Sie“, sagte ich.
Eine kurze Pause.
Dann:
„Emma, Sie haben etwas genommen, das Ihnen nicht gehört.“
Ich sah auf den Brief meines Vaters.
„Da irren Sie sich.“
Rehm lachte leise.
„Dann fragen Sie Robert, warum Andreas Voss noch lebt.“
Die Verbindung brach ab.
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.







No comments yet