Ich nahm Elena den Anhänger nicht sofort ab. Meine Hand blieb wenige Zentimeter davor in der Luft, als könnte dieses kleine Stück Silber gefährlicher sein als jede Waffe, die jemals auf mich gerichtet worden war. Ich hatte Sofia den Anhänger an unserem zweiten Hochzeitstag geschenkt. Auf der Vorderseite war eine winzige Lilie eingraviert, weil sie diese Blumen liebte. Nach ihrem Tod hatte ich ihn gesucht. Margarete hatte damals behauptet, Sofia müsse ihn in jener Nacht verloren haben. Sechs Jahre lang hatte ich ihr geglaubt. Nun lag er unter dem Bett meines Sohnes.
„Wo genau war er?“
„Unter dem Gestell, direkt neben dem linken Rad“, sagte Elena. „Er war mit Klebeband befestigt.“
Vincent zog Handschuhe an und nahm die Speicherkarte vorsichtig heraus.
„Das könnte eine Falle sein.“
„Dann öffnen wir sie auf einem isolierten Rechner.“
„Gabriel, wenn darauf Schadsoftware ist—“
„Öffne sie.“
Zehn Minuten später saßen wir in einem fensterlosen Verwaltungsraum, während zwei meiner Männer die Tür bewachten. Daniel wurde auf eine gesicherte Intensivstation gebracht. Niemand durfte zu ihm außer einem Arzt, den Vincent persönlich überprüft hatte. Elena hätte längst behandelt werden müssen, doch sie weigerte sich zu gehen.
„Sie müssen mir nichts beweisen“, sagte ich.
„Das tue ich nicht.“
„Warum bleiben Sie dann?“
Sie sah auf den Anhänger.
„Weil jemand ihn unter dem Bett versteckt hat, während ich auf dieser Station gearbeitet habe. Vielleicht habe ich etwas gesehen, ohne zu wissen, dass es wichtig war.“
Vincent steckte die Speicherkarte in einen abgeschirmten Laptop.
Drei Dateien erschienen.
Eine Audiodatei.
Ein Foto.
Und ein verschlüsseltes Dokument.
Ich klickte auf die Aufnahme.
Zunächst rauschte es nur. Dann hörte ich Sofias Stimme.
Sechs Jahre waren verschwunden.
Ich war wieder in unserer Wohnung, hörte sie morgens in der Küche summen, sah sie barfuß mit Daniel auf dem Arm durch den Flur laufen.
„Falls du das hörst, Gabriel, ist wahrscheinlich etwas passiert.“
Ich konnte nicht atmen.
Vincent sah zu Boden.
„Ich weiß, dass du mir nicht glauben wirst“, fuhr Sofia auf der Aufnahme fort. „Deshalb habe ich Beweise gesammelt. Daniel wurde nicht mit einem Herzfehler geboren.“
Ich griff so fest an die Tischkante, dass meine Finger schmerzten.
„Was?“
Natürlich konnte sie mir nicht antworten.
„Die ersten Untersuchungen nach seiner Geburt waren unauffällig. Die Probleme begannen drei Wochen später. Adler sagte, die ursprünglichen Befunde seien falsch gewesen. Aber ich habe Kopien gefunden.“
Ein Rascheln.
Dann wurde ihre Stimme leiser.
„Jemand gibt unserem Sohn etwas. Ich weiß noch nicht wer.“
Die Aufnahme endete abrupt.
Ich spielte sie erneut ab.
Dasselbe Ende.
„Das ist nicht alles“, sagte Elena.
Sie deutete auf das Foto.
Vincent öffnete es.
Es zeigte einen medizinischen Bericht aus Daniels Geburtsklinik. Datum: sechs Jahre zuvor. Herzfunktion normal. Keine strukturellen Auffälligkeiten.
Darunter stand eine Unterschrift.
Nicht Adlers.
Eine Ärztin namens Dr. Miriam Falk.
„Findet sie“, sagte ich.
Vincent tippte den Namen in sein Telefon. Nach wenigen Sekunden veränderte sich sein Gesicht.
„Sie ist tot.“
„Wann?“
„Vier Tage nach Sofia.“
Ich sagte nichts.
„Autounfall“, fügte er hinzu.
Zwei Frauen, die offenbar dieselbe Wahrheit kannten, waren innerhalb weniger Tage gestorben.
Zufälle existierten in meiner Welt selten.
Elena trat näher an den Bildschirm.
„Was ist mit dem verschlüsselten Dokument?“
Vincent versuchte es zu öffnen. Ein Passwortfeld erschien.
Ich probierte Sofias Geburtstag.
Falsch.
Unser Hochzeitsdatum.
Falsch.
Daniels Geburtstag.
Falsch.
Nach dem dritten Versuch erschien eine Warnung: Noch zwei Versuche.
„Nicht weiter“, sagte Vincent.
Ich stand auf und ging zum Fenster. Berlin lag dunkel und nass unter uns. Irgendwo dort draußen war Margarete. Vielleicht Gefangene. Vielleicht Verräterin. Vielleicht beides.
Elena kam neben mich.
„Ihre Frau wollte, dass Sie diese Dateien finden.“
„Dann warum schrieb sie, ich dürfe es nie erfahren?“
„Vielleicht hat sie das nicht geschrieben.“
Ich sah sie an.
Der Gedanke war so offensichtlich, dass ich ihn übersehen hatte.
Ich nahm den Anhänger wieder in die Hand. Sofia schrieb klein, elegant, leicht nach rechts geneigt. Die eingeritzten Buchstaben waren hart und kantig.
Nicht ihre Handschrift.
Jemand anderes hatte die Warnung hinterlassen.
Mein Telefon vibrierte.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Ein Foto wurde geladen.
Margarete saß auf einem Stuhl in einem dunklen Raum. Ihre Hände waren gefesselt. Neben ihrem Gesicht hielt jemand eine Zeitung mit dem heutigen Datum.
Darunter stand:
TAUSCHE DIE KARTE GEGEN DIE FRAU.
Vincent las mit.
„Sie wissen, dass wir sie haben.“
„Dann beobachtet uns jemand.“
Wir sahen gleichzeitig zur Tür.
Doch Elena starrte auf das Foto.
„Moment.“
Sie nahm mir das Telefon ab und vergrößerte den Hintergrund. Hinter Margarete war ein Teil einer Wand zu erkennen, grauer Beton, ein rotes Rohr und ein verblasstes gelbes Schild.
Elena wurde plötzlich bleich.
„Ich kenne diesen Raum.“
„Wo?“
Sie sah mich an.
„Hier.“
Vincent zog seine Waffe.
„Was heißt hier?“
„Unter dem Krankenhaus gibt es alte Versorgungstunnel. Teile davon werden seit Jahren nicht mehr benutzt. Reinigungskräfte lagern dort Maschinen und Chemikalien.“
Mein Blut wurde kalt.
Margarete hatte das Gebäude nie verlassen.
Die Aufnahme am Hinterausgang war inszeniert worden.
„Wie kommen wir runter?“
„Über den Versorgungslift.“
Wir waren bereits unterwegs, als mein Telefon erneut vibrierte.
Diesmal kein Foto.
Eine Audiodatei.
Ich drückte auf Wiedergabe.
Adlers Stimme erfüllte den Flur.
„Gabriel, bring die Speicherkarte allein. Untergeschoss drei. Du hast zwanzig Minuten. Wenn ich auch nur einen deiner Männer sehe, stirbt Margarete.“
Dann folgte eine Pause.
„Und bevor du glaubst, du könntest mich einfach töten: Frag dich lieber, warum Daniel seit sechs Jahren Medikamente bekommt, die nicht dafür gedacht sind, sein Herz zu behandeln.“
Ich blieb vor dem Aufzug stehen.
Die Türen öffneten sich.
Dahinter stand niemand.
Nur ein Rollstuhl.
Auf dessen Sitz lag eine Patientenakte.
DANIEL MORETTI.
Ich schlug sie auf.
Die erste Seite enthielt Medikamentenlisten, Laborwerte und Adlers Unterschriften.
Doch auf Seite vier fand ich eine Spalte, die in keiner Akte eines sechsjährigen Kindes hätte stehen dürfen.
„Studiennummer“, las Elena leise.
Darunter stand:
PROJEKT ORPHEUS – PROBAND 07.
Vincent fluchte.
Ich blätterte weiter.
Sechs Jahre Versuchsprotokolle.
Sechs Jahre an meinem Sohn.
Und auf der letzten Seite stand unter „Genehmigende Kontaktperson“ ein Name, bei dem selbst Vincent vollkommen verstummte.
Mein eigener.







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