Elena lachte. Es war kein echtes Lachen, sondern jener kurze, zerbrochene Laut, den ein Mensch von sich gibt, wenn die Wahrheit so unmöglich klingt, dass der Verstand sie zurückweisen muss.
„Nein.“
Margarete versuchte aufzustehen, doch ihre gefesselten Hände hielten sie am Stuhl.
„Elena, hör mir zu.“
„Nein.“
„Bitte.“
„Meine Mutter hieß Klara Krüger.“ Elenas Stimme wurde lauter. „Sie hat mich großgezogen. Sie hat mich zur Schule gebracht. Sie saß neben meinem Bett, wenn ich krank war. Ich habe sie beerdigt.“
„Klara war deine Mutter“, sagte Margarete leise. „Nur nicht die Frau, die dich geboren hat.“
Elena wich zurück, bis sie gegen die Betonwand stieß.
Ich konnte mich selbst kaum bewegen.
Sofia.
Meine Sofia.
„Das ist unmöglich“, sagte ich.
Margarete sah mich an.
„Nein, Gabriel.“
„Sofia war dreiundzwanzig, als ich sie kennenlernte.“
„Und Elena war damals bereits ein Kind.“
Ich rechnete automatisch. Elena musste ungefähr neunundzwanzig sein. Sofia wäre heute siebenundvierzig.
Möglich.
Verdammt.
Möglich.
„Warum hat sie mir nie davon erzählt?“
Margarete senkte den Blick.
„Weil Elena nicht freiwillig weggegeben wurde.“
Bevor ich fragen konnte, krachte irgendwo im Tunnel eine Metalltür.
Vincent meldete sich über den Sender.
„Bewegung auf Ebene drei. Mindestens vier Personen. Ihr müsst sofort raus.“
Ich schnitt Margaretes Fesseln mit Adlers Skalpell durch.
„Kannst du laufen?“
„Ja.“
Elena stand noch immer an der Wand.
„Elena.“
Sie reagierte nicht.
Ich packte sie an der unverletzten Schulter.
„Wenn Sie Antworten wollen, müssen Sie jetzt leben.“
Das brachte sie zurück.
Wir verließen den Raum durch einen Wartungsgang, den Elena kannte. Hinter uns hörten wir Schritte. Keine Rufe. Keine Warnungen. Professionelle Leute.
Sie waren nicht gekommen, um uns festzunehmen.
„Hier entlang.“
Elena öffnete eine schmale Tür. Dahinter führte eine Treppe nach oben. Wir hatten kaum die erste Stufe erreicht, als eine Kugel gegen den Metallrahmen schlug.
Margarete schrie.
Ich zog meine Pistole und feuerte zweimal zurück, nicht um jemanden zu treffen, sondern um Zeit zu gewinnen.
„Lauft!“
Wir erreichten die Wäscherei. Vincent wartete dort mit zwei Männern. Kaum waren wir durch die Tür, verriegelte er sie.
„Wer war das?“
„Später.“
Sein Blick fiel auf Adler, der nicht bei uns war.
Er verstand.
„Daniel?“, fragte ich.
„Stabil. Aber wir haben ein größeres Problem.“
„Welches?“
Vincent hielt mir sein Telefon hin.
Auf dem Bildschirm liefen Aufnahmen aus Daniels Zimmer.
Leer.
Das Bett war leer.
Für einen Moment verstand ich nicht, was ich sah.
Dann packte ich Vincent am Kragen.
„WO IST MEIN SOHN?“
„Auf Intensivstation. Sicher.“
Ich ließ ihn los.
„Dann was ist das?“
„Die Aufnahmen wurden vor neun Minuten manipuliert. Jemand spielt eine Schleife ein. Wir wissen nicht, wie lange schon.“
Ich rannte.
Vier Stockwerke fühlten sich an wie vierzig. Als ich die Intensivstation erreichte, standen zwei meiner Männer vor Daniels Tür. Beide lebten.
Ich stieß sie auf.
Daniel lag im Bett.
Schlafend.
Der Monitor zeigte einen regelmäßigen Rhythmus.
Ich musste mich am Türrahmen festhalten.
Dann bemerkte ich den Umschlag auf seinem Nachttisch.
Dort hatte vorher keiner gelegen.
Mein Name stand darauf.
Gabriel.
Vincent zog Handschuhe an und öffnete ihn.
Darin befand sich ein altes Foto.
Sofia.
Sie war sehr jung, vielleicht siebzehn. Neben ihr stand ein kleines Mädchen von ungefähr vier Jahren.
Das Mädchen hatte dunkle Haare.
Und Elenas Augen.
Elena kam hinter uns ins Zimmer. Als sie das Foto sah, hörte ich ihren Atem stocken.
„Das bin ich.“
Margarete nickte.
„Ja.“
Elena nahm das Bild mit zitternden Fingern.
„Warum hat sie mich weggegeben?“
„Sie hat dich nicht weggegeben.“
Margarete setzte sich schwer auf einen Stuhl.
„Sofia wurde mit sechzehn schwanger. Ihre Familie war mächtig, reich und besessen von ihrem Ruf. Als du geboren wurdest, durfte sie dich nur wenige Jahre behalten. Dann nahm ihr Vater dich ihr weg.“
„Mein Großvater?“
Margarete nickte.
„Vittorio Bellandi.“
Der Name sagte mir etwas.
Mehr als etwas.
Ich kannte ihn aus einer Zeit, über die ich nie mit Daniel sprach. Bellandi hatte in Norditalien ein Netzwerk aus Kliniken, Pharmaunternehmen und politischen Kontakten aufgebaut. Er war offiziell vor zwölf Jahren gestorben.
„Sofia sagte mir, ihr Vater sei Geschäftsmann gewesen.“
Margarete sah mich bitter an.
„Sofia hat dir vieles nicht erzählt.“
Elena klammerte sich an das Foto.
„Und Klara?“
„Sie arbeitete damals als Krankenschwester für die Familie. Sie nahm dich mit nach Deutschland und zog dich auf. Sofia durfte keinen Kontakt aufnehmen.“
„Aber später? Als sie erwachsen war?“
„Sie suchte dich.“
Elena sah mich an.
Dann wieder Margarete.
„Hat sie mich gefunden?“
„Ja.“
„Wann?“
Margaretes Antwort kam kaum hörbar.
„Zwei Monate vor ihrem Tod.“
Elena schloss die Augen.
Ich dachte an Sofias letzte Monate. Ihre Unruhe. Die Telefonate, die sie beendete, wenn ich den Raum betrat. Die Nächte, in denen sie behauptete, nicht schlafen zu können.
Ich hatte geglaubt, sie sei wegen Daniel besorgt.
Vielleicht war sie es.
Nur aus einem ganz anderen Grund.
„Was hat das mit Orpheus zu tun?“, fragte Vincent.
Margarete sah zu Daniel.
„Alles.“
Ich trat vor sie.
„Dann erzähl endlich die Wahrheit.“
Sie schwieg lange.
„Vittorio Bellandi gründete Orpheus.“
Elena wurde starr.
„Mein Großvater?“
„Ja. Aber Sofia entdeckte Jahre später, dass das Projekt weitergeführt wurde. Als sie Elena wiederfand, begriff sie, warum.“
„Warum?“
Margarete blickte Elena an.
„Weil du ebenfalls Teil davon warst.“
Elena setzte sich, als hätten ihre Beine aufgehört zu funktionieren.
„Probandin?“
„Nein.“
Margarete schüttelte den Kopf.
„Du warst der Grund, warum das Projekt überhaupt begonnen wurde.“
Bevor sie mehr sagen konnte, begann Daniels Monitor plötzlich Alarm zu schlagen.
Ein Arzt stürmte herein.
Daniels Körper verkrampfte sich.
„Was passiert mit ihm?“
Der Arzt überprüfte den Zugang und erstarrte.
„Wer hat diesen Infusionsbeutel gewechselt?“
Niemand antwortete.
Er riss ihn vom Ständer.
„Das ist nicht unsere Kennzeichnung.“
Vincent griff nach seinem Funkgerät.
Ich sah den transparenten Beutel.
Auf seiner Rückseite befand sich ein winziger schwarzer Aufkleber.
Darauf stand nur:
ORPHEUS 08.
Ich blickte zu der Akte in Vincents Hand.
Daniel war Proband 07.
„Warum acht?“, flüsterte Elena.
Margarete wurde kreidebleich.
Sie starrte nicht auf Daniel.
Sie starrte auf Elena.
„Weil Nummer acht“, sagte sie mit bebender Stimme, „noch gar nicht geboren ist.“







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