Der Alarm des Monitors zerriss jede Frage, bevor sie ausgesprochen werden konnte. Der Arzt drückte einen Notfallknopf, zwei Pflegekräfte kamen herein, und plötzlich war Daniels Bett von Menschen umgeben. Ich stand nur einen Meter entfernt und konnte nichts tun. Das war das Unerträglichste daran. Ich konnte Männer verschwinden lassen, Grenzen schließen, Konten einfrieren, ganze Organisationen innerhalb einer Nacht zerstören, aber ich konnte meinem Sohn nicht einmal helfen, wieder regelmäßig zu atmen.
„Raus!“, rief der Arzt.
„Ich bleibe.“
„Dann stehen Sie nicht im Weg.“
Daniel zuckte noch einmal, dann wurde sein Körper schlaff. Die Linie auf dem Monitor stolperte gefährlich.
„Daniel.“
Niemand reagierte auf mich.
„Daniel!“
Elena griff nach meinem Unterarm.
„Lassen Sie sie arbeiten.“
Ich wollte ihre Hand abschütteln. Stattdessen blieb ich stehen.
Nach endlosen Sekunden stabilisierte sich der Rhythmus. Der Arzt atmete aus.
„Wir haben ihn.“
Meine Knie wurden weich.
„Was war in der Infusion?“
„Das Labor muss es bestätigen. Aber offenbar eine Substanz, die seine bestehende Medikation beeinflusst hat.“
„Bestehende Medikation“, wiederholte ich bitter. „Die Medikamente, mit denen man ihn seit Jahren krank macht?“
Der Arzt schwieg.
„Ab sofort bekommt Daniel nichts, was nicht vor meinen Augen versiegelt wurde.“
Vincent stellte zwei Männer an die Tür. Dann drehte ich mich zu Margarete.
„Jetzt.“
Sie wusste, was ich meinte.
„Was bedeutet Nummer acht?“
Margarete sah Elena an.
„Ich weiß es nicht sicher.“
„Vor einer Minute klangst du ziemlich sicher.“
„Ich kenne nur einen Teil.“
Elena trat vor.
„Dann erzählen Sie diesen Teil.“
Margarete schloss die Augen.
„Orpheus war ursprünglich keine Medikamentenstudie. Vittorio wollte eine seltene erbliche Stoffwechselveränderung untersuchen, die in Sofias Familie vorkam.“
„Welche Veränderung?“, fragte Elena.
„Die Betroffenen reagieren ungewöhnlich auf bestimmte Wirkstoffe. Ihr Körper verarbeitet sie anders. Vittorio glaubte, daraus könnten Medikamente entwickelt werden.“
„Und deshalb experimentierte er an Kindern?“
Margarete antwortete nicht.
Elena wurde blass.
„An mir.“
„Sofia entdeckte alte Unterlagen über dich. Danach fand sie Daniel in derselben Datenbank.“
Ich verstand.
„Weil Elena und Daniel dieselbe Mutter haben.“
„Halbgeschwister“, sagte Margarete. „Und deshalb dieselbe genetische Besonderheit tragen könnten.“
Elena ging zum Fenster.
„Nummer acht.“
„Sofia fand einen Vermerk“, fuhr Margarete fort. „Orpheus sollte nicht mit Daniel enden. Es gab einen Plan für die nächste Generation.“
„Ein ungeborenes Kind“, sagte Vincent.
Margarete nickte.
„Aber wessen?“
„Das wusste Sofia nicht.“
Elena drehte sich um.
„Dann warum haben Sie mich angesehen?“
Margarete antwortete nicht sofort.
„Weil Sofia glaubte, dass sie dich beobachten.“
Elena lachte fassungslos.
„Mich? Ich putze Krankenhausflure.“
„Vielleicht genau deshalb lebst du noch.“
Diese Worte ließen sie verstummen.
Vincent erhielt eine Nachricht. Sein Gesicht wurde sofort hart.
„Wir haben Adlers Wohnung durchsucht.“
„Und?“
„Keine persönlichen Sachen. Aber einen versteckten Safe.“
Er zeigte mir Fotos. Im Safe lagen Patientenakten, Bargeld und mehrere alte Datenträger. Auf einem Foto erkannte ich das Orpheus-Symbol.
„Bring alles her.“
„Meine Leute sind bereits unterwegs.“
Dann wischte Vincent zum nächsten Bild.
Ein Pass.
Elena Krüger.
Elena trat näher.
„Warum hat Adler meinen Pass?“
„Nicht deinen aktuellen.“
Vincent vergrößerte das Dokument.
Das Foto zeigte Elena, vielleicht zwanzig Jahre alt.
„Ich hatte nie diesen Pass.“
„Das Ausstellungsdatum ist neun Jahre alt.“
Elena nahm ihm das Telefon ab.
„Die Unterschrift ist nicht meine.“
„Die biometrischen Daten schon“, sagte Vincent.
Stille.
Jemand hatte jahrelang eine zweite Identität unter Elenas Namen geführt.
„Wofür?“, fragte sie.
Vincent zeigte das nächste Foto.
Flugtickets.
Zürich. Wien. Mailand. Stockholm.
Immer Elena Krüger.
Immer dieselbe Passnummer.
„Ich war nie dort.“
Ich betrachtete die Daten.
Eines fiel mir auf.
Mailand.
Sechs Jahre zuvor.
Zwei Tage vor Sofias Tod.
„Sofia war damals auch in Mailand“, sagte ich.
Margarete hob den Kopf.
„Woher weißt du das?“
„Sie sagte, sie besuche eine Freundin.“
Vincent scrollte weiter.
Dann stoppte er.
Ein Foto aus Adlers Safe zeigte eine Hotelkamera. Datum und Uhrzeit standen unten.
Sofia betrat eine Lobby.
Neben ihr ging eine Frau.
Das Gesicht war unscharf.
Aber sie trug denselben Mantel wie Elena auf dem gefälschten Passfoto.
Elena setzte sich.
„Wer ist das?“
„Jemand, der aussehen soll wie du“, sagte Vincent.
Margarete starrte auf das Bild.
„Nein.“
„Du kennst sie?“
Margarete stand auf.
„Vergrößere die linke Hand.“
Vincent tat es.
Die Frau trug einen Ring.
Margarete begann zu zittern.
„Dieser Ring gehörte Klara.“
Elena sah sie fassungslos an.
„Meiner Mutter?“
„Klara trug ihn jeden Tag.“
„Klara starb vor elf Jahren.“
Margarete antwortete nicht.
Elena packte ihren Arm.
„Ich war bei ihrer Beerdigung.“
„Hast du den Körper gesehen?“
Elena ließ sie los.
Ihre Lippen öffneten sich, aber kein Wort kam.
Offenbar nicht.
Eine Stunde später brachte Vincents Mann den Inhalt von Adlers Safe. Zwischen den Akten befand sich ein alter Laptop. Die Festplatte war verschlüsselt, doch diesmal hatte Adler sein Passwort schlampiger geschützt.
Vincent öffnete einen Ordner.
ORPHEUS – GENERATION II.
Darin waren acht Unterordner.
01 bis 08.
Wir öffneten 07.
Daniel.
Laborwerte. Fotos. Medikamente.
Dann 08.
Der Ordner enthielt nur drei Dateien.
Ein Ultraschallbild.
Eine Blutgruppenanalyse.
Und ein Dokument mit dem Titel MUTTER.
Elena wich vom Tisch zurück.
„Öffne es“, sagte ich.
Vincent klickte.
Kein Name erschien.
Nur eine Patientennummer und eine genetische Übereinstimmung.
Dann las Elena die letzte Zeile.
Ihr Gesicht verlor jede Farbe.
„Das kann nicht sein.“
Ich trat näher.
Dort stand:
MATERNALER ABGLEICH: 99,98 %.
Darunter befand sich eine Kennnummer.
Dieselbe Kennnummer, die auf Elenas gefälschtem Pass stand.
Elena schüttelte den Kopf.
„Ich bin nicht schwanger.“
Margarete starrte auf den Bildschirm.
Vincent ebenfalls.
Dann öffnete sich plötzlich von selbst eine weitere Datei.
Ein aktuelles Foto erschien.
Aufgenommen heute Nacht.
Es zeigte Elena, wie sie mit ihrem Reinigungswagen durch den Krankenhausflur ging.
Unter dem Bild stand:
PROBAND 08 – TRANSFER VORBEREITET.
Und darunter eine Uhrzeit.
04:30.
Ich sah auf meine Armbanduhr.
04:24.







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