Sechs Minuten. Mehr brauchte mein Kopf nicht, um aus Angst wieder etwas Brauchbares zu machen. Wut. Ich zog meine Pistole, während Vincent bereits sein Funkgerät an den Mund hob.
„Niemand verlässt dieses Gebäude“, sagte ich. „Keine Ärzte, keine Patienten, keine Lieferwagen. Gar nichts.“
„Gabriel, wir können kein ganzes Krankenhaus—“
„Dann sperr die Ebene ab, auf der dieses Foto aufgenommen wurde.“
Elena stand noch immer vor dem Laptop.
„Transfer“, flüsterte sie. „Was bedeutet das?“
Margarete antwortete nicht.
Ich sah sie an.
„Du weißt es.“
„Nicht genau.“
„Diese Antwort höre ich heute zum letzten Mal.“
Sie zuckte zusammen.
„Bei Orpheus bedeutete Transfer früher, dass ein Proband an einen anderen Standort gebracht wurde.“
„Lebend?“, fragte Elena.
Margarete schwieg eine Sekunde zu lange.
Elena wurde bleich.
„Ich gehe nirgendwohin.“
„Das entscheiden jetzt wir“, sagte ich.
Sie fuhr zu mir herum.
„Nein. Genau das ist das Problem. Seit Stunden entscheiden andere Menschen, was mit meinem Leben passiert. Adler. Margarete. Ihre tote Frau. Mein angeblicher Großvater. Jetzt Sie. Niemand entscheidet mehr für mich.“
Ihre Stimme zitterte, aber sie wich meinem Blick nicht aus.
Ich steckte die Waffe weg.
„Gut. Dann entscheiden Sie.“
Sie sah auf Daniel.
„Ich bleibe bei ihm.“
In diesem Moment flackerte das Licht.
Einmal.
Zweimal.
Dann fiel es aus.
Notstrom sprang an. Rote Lampen tauchten den Flur in ein unnatürliches Licht. Gleichzeitig ertönte über die Lautsprecher eine automatische Durchsage.
„Technische Störung. Bitte bleiben Sie in Ihren Bereichen.“
Vincent fluchte.
„Zu sauber.“
Sein Funkgerät knackte.
„Keller, wir haben Rauch im Osttrakt.“
Noch bevor er antworten konnte, kam eine zweite Meldung.
„Brandmelder im Erdgeschoss. Evakuierung läuft an.“
Ich verstand sofort.
„Sie wollen Chaos.“
Vincent nickte.
„Und Elena darin verschwinden lassen.“
Plötzlich öffnete sich die Tür zu Daniels Zimmer.
Ein Pfleger kam herein und schob eine Transportliege.
„Wir müssen den Patienten verlegen.“
Vincent richtete seine Waffe auf ihn.
„Stehen bleiben.“
Der Mann erstarrte.
„Was—“
„Name.“
„Jonas Weber.“
Elena sah auf sein Namensschild.
Dann auf sein Gesicht.
„Sie arbeiten nicht auf dieser Station.“
Der Mann griff in seine Tasche.
Vincent war schneller.
Er rammte ihn gegen die Wand. Eine kleine Spritze fiel auf den Boden.
„Nicht anfassen!“, rief Elena.
Der Mann kämpfte nicht lange. Als Vincent ihm den Arm auf den Rücken drehte, begann er zu lachen.
„Ihr seid zu spät.“
„Wofür?“, fragte ich.
Sein Blick ging zu Elena.
„Der Transfer hat längst begonnen.“
Dann biss er plötzlich zusammen.
Ich erinnerte mich an den Gefangenen.
„Seinen Mund!“
Vincent packte seinen Kiefer rechtzeitig. Unter seiner Zunge fanden wir eine winzige Kapsel.
Diesmal starb niemand.
„Wer schickt dich?“
Der Mann schwieg.
Ich kniete vor ihm.
„Du wirst mir sagen, wer Orpheus führt.“
Keine Reaktion.
Elena trat neben mich.
„Fragen Sie ihn nicht nach Orpheus.“
Ich sah sie an.
Sie blickte auf die Spritze.
„Fragen Sie ihn, warum sie mich brauchen.“
Der Mann lächelte.
Elena ging näher.
„Ich bin nicht schwanger. Also kann ich nicht die Mutter von Proband acht sein.“
Zum ersten Mal verschwand sein Lächeln.
„Wer sagt, dass acht ein Baby ist?“
Margarete sog scharf Luft ein.
„Was bedeutet das?“
Der Mann schwieg wieder.
Elena hob die Spritze mit einem Tuch auf.
„Was ist darin?“
Er sah weg.
Ein Arzt untersuchte sie wenige Minuten später.
„Beruhigungsmittel“, sagte er. „Starke Dosis.“
„Sie wollten mich lebend“, sagte Elena.
„Offenbar.“
Vincent zog den Gefangenen hinaus. Bevor die Tür sich schloss, rief der Mann plötzlich:
„Frag Klara!“
Elena erstarrte.
Ich ging hinaus und packte ihn.
„Klara ist tot.“
Er grinste trotz des Blutes an seiner Lippe.
„Dann habt ihr die falsche Frau begraben.“
Vincent brachte ihn weg.
Elena stand reglos da.
„Ich will zu ihrem Grab.“
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Vierzig Minuten später war das Krankenhaus unter Kontrolle. Der Rauch hatte von einem absichtlich ausgelösten kleinen Elektrobrand gestammt. Daniel blieb stabil und wurde von Vincent persönlich bewacht. Ich wollte ihn nicht verlassen, aber Elena hatte recht: Wenn Klara lebte, konnten wir nicht warten.
Der Friedhof lag im Osten Berlins. Der Morgen begann bereits grau über der Stadt aufzusteigen, als wir vor dem Grab standen.
KLARA KRÜGER
1968–2015.
Elena kniete nieder und strich über den Namen.
„Ich habe elf Jahre lang Blumen hierhergebracht.“
Hinter uns räusperte sich Margarete.
„Elena.“
Sie hielt einen Schlüssel in der Hand.
„Sofia gab mir den damals.“
„Wofür?“
„Ein Schließfach.“
„Und das sagst du erst jetzt?“
„Ich hatte geschworen, es nur zu öffnen, wenn Orpheus wieder nach dir sucht.“
Elena lachte bitter.
„Dann wäre heute wohl ein geeigneter Tag.“
Das Schließfach befand sich in einem alten Bahnhof nahe Alexanderplatz. Darin lag keine Akte.
Nur eine kleine Videokamera.
Und ein Umschlag.
Auf dem Umschlag stand in Sofias Handschrift:
FÜR ELENA.
Elena öffnete ihn.
Darin befand sich ein einzelner Satz.
Wenn Klara dir erzählt hat, dass ich deine Mutter bin, glaube ihr nicht.
Margarete sank auf einen Stuhl.
Ich nahm Elena den Brief vorsichtig ab.
„Sofia hat das geschrieben.“
Elena sah mich an.
„Dann hat Margarete gelogen.“
„Nein“, flüsterte Margarete.
„Was nein?“
„Sofia war deine Mutter.“
„Hier steht das Gegenteil!“
„Lies genau.“
Elena tat es.
Dann verstand ich.
Sofia hatte nicht geschrieben: Ich bin nicht deine Mutter.
Sie hatte geschrieben: Wenn Klara dir erzählt hat, dass ich deine Mutter bin, glaube ihr nicht.
Eine Warnung vor Klara.
Ich nahm die Videokamera aus dem Fach. Der Akku war tot, aber daneben lag ein Ladekabel. Wenige Minuten später erschien ein Bild auf dem kleinen Display.
Sofia saß in einem Hotelzimmer.
Das Datum war zwei Tage vor ihrem Tod.
Sie blickte direkt in die Kamera.
„Elena, falls du das irgendwann siehst, habe ich es nicht geschafft.“
Elena hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Ich bin deine Mutter“, sagte Sofia. „Aber Klara ist nicht die Frau, für die du sie hältst. Sie hat dich nicht vor meiner Familie gerettet.“
Sofia begann zu weinen.
„Sie hat dich meinem Vater weggenommen, weil sie für Orpheus gearbeitet hat.“
Margarete schloss die Augen.
„Und wenn Klara noch lebt“, fuhr Sofia fort, „dann wird sie irgendwann zurückkommen, um das zu beenden, was sie mit dir begonnen hat.“
Das Video flackerte.
Dann erschien Sofia erneut, diesmal näher an der Kamera.
„Proband acht ist kein Kind.“
Elena hörte auf zu atmen.
„Es bist du.“
Hinter uns klickte plötzlich das Schloss der Schließfachkabine.
Die Tür öffnete sich.
Eine ältere Frau stand draußen.
Graues Haar. Schwarzer Mantel. Ruhige Augen.
Elena ließ die Kamera fallen.
„Mama?“
Klara Krüger lächelte traurig.
„Hallo, Elena.“
Dann sah sie zu mir.
„Gabriel Moretti. Endlich lernen wir uns kennen.“







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