Ich starrte auf die Nachricht, bis die Buchstaben auf dem Display vor meinen Augen verschwammen. Für einen Moment hörte ich weder die Musik aus dem Festsaal noch Peters Atem noch das leise Ticken der Uhr über der Tür. Alles, was ich sah, waren diese wenigen Worte. Jemand könnte dafür sterben.
Peter trat näher. „Zeig mir das Telefon.“
„Nein.“
„Adelaide, bitte.“
Das Wort traf mich mehr als jede Drohung. Peter Steinbach sagte nicht bitte. Nicht zu Mitarbeitern, nicht zu Geschäftspartnern und schon gar nicht zu mir.
Ich steckte das Telefon in meine Handtasche.
„Du hast mich angelogen.“
„Ja.“
„Du hast Heinrich Falk gekannt.“
„Ja.“
„Und du wusstest, dass meine Mutter Beweise gegen deinen Vater hatte.“
Peter sah mich an. „Ich wusste es nicht sicher. Ich hatte nur einen Verdacht.“
„Seit wann?“
Er antwortete erst nach einigen Sekunden. „Seit dem Tag, an dem ich beschlossen habe, dich zu heiraten.“
Helene stand noch immer am Fenster. Ihr Gesicht war blass geworden.
„Dann ist es also passiert“, murmelte sie.
Peter drehte sich zu ihr. „Was ist passiert?“
„Sie haben Adelaide gefunden.“
Ich sah beide an. „Wer?“
Helene schüttelte den Kopf.
„Nicht hier.“
„Immer dieses Nicht-hier“, sagte ich scharf. „Ich habe es satt, dass alle Menschen in meinem Leben mehr wissen als ich.“
Meine Stimme brach. Ich hasste mich dafür, denn ich wollte nicht vor Peter weinen. Nicht heute. Nicht nachdem ich ihm am Altar ins Gesicht gelächelt hatte, obwohl seine Worte mich verletzt hatten.
Peter bemerkte es trotzdem.
„Adelaide.“
„Fass mich nicht an.“
Er blieb stehen.
Dann sagte er leise: „Ich habe dich nicht wegen einer Wette geheiratet.“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Die Wette existierte. Aber sie war nicht der Grund.“
„Dann erklär es.“
Er fuhr sich über das Gesicht. „Vor sechs Monaten hat mein Vater mir einen Vorschlag gemacht. Er sagte, wenn ich innerhalb eines Jahres heirate und fünf Jahre verheiratet bleibe, würde er mir seine restlichen Anteile an der Firma übertragen.“
„Das weiß ich.“
„Nein. Du weißt nicht alles.“
Peter nahm einen tiefen Atemzug.
„Die Übertragung sollte nur stattfinden, wenn meine Ehefrau eine bestimmte Klausel unterschreibt.“
Ich erinnerte mich plötzlich an meinen Vertrag.
An eine Seite, die mein Vater mir nie vollständig erklärt hatte.
„Welche Klausel?“
Peter sah mich direkt an.
„Dass deine Familie nach meinem Tod Anspruch auf einen Teil der Firma erhält.“
Ich erstarrte.
„Nach deinem Tod?“
„Ja.“
Helene schloss die Augen.
Ich verstand plötzlich, warum mein Vater immer von Schutz gesprochen hatte. Nicht vor Peter. Vielleicht vor jemand anderem.
„Mein Vater wollte, dass ich dich heirate, damit du geschützt bist“, sagte Peter. „Aber ich wusste nicht, warum.“
„Und jetzt?“
„Jetzt glaube ich, dass dein Vater und mein Vater seit Jahren gegeneinander arbeiten.“
Die Tür zum Wintergarten wurde plötzlich aufgerissen.
Georg stand dort.
„Peter.“
„Was?“
Georg hielt sein Handy hoch. „Die Bank hat gerade weitere Konten gesperrt.“
Peter fluchte leise.
„Wie viel?“
„Fast vierzig Millionen.“
Helene wich einen Schritt zurück.
Ich sah Peter an.
„Das hat nichts mit mir zu tun.“
„Das weiß ich.“
„Woher?“
Er zeigte auf sein Telefon.
„Weil jemand gerade versucht, unsere Firma von innen zu übernehmen.“
„Wer?“
Georg antwortete diesmal.
„Eine Holding namens Falkenstein Beteiligungen.“
Mein Herz blieb beinahe stehen.
Falkenstein.
Der Name stand auf dem alten Foto.
Ich nahm es vom Tisch und drehte es um. Die Handschrift meiner Mutter war noch immer dort.
**Vertrau Peter niemals – aber heirate ihn trotzdem.**
Darunter entdeckte ich etwas, das ich zuvor übersehen hatte.
Eine winzige Zahl.
17/04/2012.
„Was ist dieses Datum?“, fragte ich.
Peter trat neben mich.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Der Tag, an dem Heinrich Falk starb.“
Ich sah ihn an.
„Du wusstest das.“
„Ja.“
„Und meine Mutter?“
„Sie verschwand drei Tage später aus München.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie ist nicht verschwunden. Sie ist gestorben.“
Peter schwieg.
„Ich war dabei“, sagte ich leise. „Ich habe ihre Beerdigung gesehen.“
„Adelaide, deine Mutter ist nicht bei diesem Unfall gestorben.“
Ich fühlte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Was sagst du da?“
Peter griff in seine Jackentasche und zog einen alten Schlüssel hervor.
„Deine Mutter hat diesen Schlüssel meinem Bruder gegeben.“
Ich starrte darauf.
„Du hast einen Bruder?“
Peter sah zu Boden.
„Ich hatte einen.“
Helene begann zu weinen.
„Er hieß Daniel.“
Ich nahm den Schlüssel nicht.
„Was ist mit ihm passiert?“
Peter sah mich an.
„Er starb zwei Wochen nach Heinrich Falk.“
Draußen schlug eine Kirchenglocke.
Einmal.
Zweimal.
Dann vibrierte erneut mein Telefon.
Diesmal war keine Nachricht gekommen.
Es war ein Foto.
Ich öffnete es.
Darauf war eine Überwachungskameraaufnahme von einem dunklen Parkplatz.
Eine Frau stand vor einem schwarzen Wagen.
Unscharf, aber eindeutig.
Rote Lippen.
Grünes Kleid.
Meine Mutter.
Unter dem Bild stand nur:
**„Sie lebt.“**
Peter sah über meine Schulter.
Und zum ersten Mal sah ich echte Panik in seinen Augen.
„Adelaide“, flüsterte er, „du darfst niemandem sagen, dass du dieses Bild bekommen hast.“
Ich sah wieder auf das Foto.
Dann bemerkte ich das Datum der Aufnahme.
Es war von gestern.







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