Ich las den Namen immer wieder, als könnte er sich verändern, wenn ich nur lange genug hinsah. Daniel Steinbach. Mein Blick wanderte von der Geburtsurkunde zu Peter, dann zurück zum Papier. Mein Körper fühlte sich plötzlich fremd an, als hätte jemand in wenigen Sekunden die Grundmauern meines gesamten Lebens herausgerissen.
„Das ist gefälscht“, sagte Peter.
Ich hob langsam den Kopf. „Woher willst du das wissen?“
„Weil Daniel nicht dein Vater sein kann.“
„Warum nicht?“
Peter schwieg.
„Warum nicht, Peter?“
Er sah aus, als hätte ich ihn mit einer Frage getroffen, auf die er seit Jahren keine Antwort geben wollte.
„Weil Daniel dein Vater nicht sein durfte.“
Das Wort blieb zwischen uns hängen.
„Nicht durfte?“
Georg schloss die Tür und trat näher. „Wir sollten diesen Raum verlassen.“
„Nein“, sagte ich. „Niemand verlässt diesen Raum, bevor ich Antworten bekomme.“
Ich zeigte auf die Urkunde.
„Warum steht dort Daniels Name?“
Peter nahm sie nicht an sich.
„Weil jemand möchte, dass du glaubst, er sei dein Vater.“
„Und wer?“
„Mein Vater.“
Ich lachte ungläubig. „Dein Vater hat eine falsche Geburtsurkunde erstellen lassen?“
„Wenn er etwas verbergen wollte, ja.“
„Was sollte er verbergen?“
Peter sah mich lange an.
„Dass Daniel und deine Mutter eine Beziehung hatten.“
Ich spürte einen Stich in der Brust.
Plötzlich ergaben das Foto, der Satz auf der Rückseite und Helens Worte ein erschreckendes Muster.
„Meine Mutter hat Daniel geliebt.“
„Das wissen wir nicht.“
„Du hast gerade selbst gesagt—“
„Ich sagte, sie hatten eine Beziehung.“
„Und wenn ich seine Tochter bin?“
Peter antwortete nicht.
Georg trat dazwischen. „Es gibt eine Möglichkeit, das herauszufinden.“
„Ein DNA-Test“, sagte ich.
Er nickte.
„Aber dafür brauchen wir Daniels DNA.“
„Er ist tot.“
Georg sah zu Peter.
„Sind wir sicher?“
Peter wurde vollkommen still.
Ich bemerkte es sofort.
„Was weißt du?“
„Nichts.“
„Du lügst.“
„Adelaide—“
„Du hast heute schon zu oft gelogen.“
Peter wandte sich ab. Seine Schultern wirkten plötzlich schwer.
„Vor acht Jahren“, begann er, „bekam ich einen Anruf. Es war spät in der Nacht. Daniel sagte, er habe Beweise gegen unseren Vater gefunden. Er wollte sich mit mir treffen.“
„Und?“
„Er kam nie.“
„Was ist passiert?“
„Am nächsten Morgen wurde mir gesagt, er sei bei einem Unfall gestorben.“
Ich wartete.
„Aber du hast seine Leiche gesehen?“
Peter schloss die Augen.
„Nein.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Warum hast du dann geglaubt, dass er tot ist?“
„Weil mein Vater es mir gesagt hat.“
Ein bitteres Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
„Und du hast ihm geglaubt?“
„Ich war ein Idiot.“
„Nein“, sagte Helene plötzlich.
Wir sahen sie an.
Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen.
„Du warst jung“, sagte sie. „Und dein Vater wusste genau, wie er dich kontrollieren konnte.“
Dann wandte sie sich an mich.
„Aber es gibt noch etwas, das Sie wissen müssen.“
Sie öffnete ihre Handtasche und holte einen kleinen Schlüssel hervor.
„Ihre Mutter hat mir diesen Schlüssel am Tag vor ihrem angeblichen Tod gegeben.“
Ich nahm ihn.
„Was öffnet er?“
„Einen Schließfachschrank.“
„Wo?“
„Im Münchner Hauptbahnhof.“
Peter trat sofort vor.
„Wir gehen nicht dorthin.“
Ich sah ihn an.
„Warum?“
„Weil wir nicht wissen, wer uns beobachtet.“
„Dann sollen sie zuschauen.“
„Adelaide.“
„Nein.“
Meine Stimme wurde fester.
„Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, mich vor Dingen zu verstecken, die andere Menschen entschieden haben. Ich werde heute nicht damit anfangen.“
Peter sah mich an.
In seinen Augen lag etwas, das ich nicht erwartet hatte.
Stolz.
Vielleicht sogar Respekt.
„Dann komme ich mit.“
„Nein.“
„Wir sind verheiratet.“
„Nur auf Papier.“
„Dann lass mich wenigstens so tun, als würde ich meine Ehefrau beschützen.“
Ich wollte widersprechen, doch plötzlich vibrierte Georgs Telefon.
Er sah auf das Display.
„Peter.“
„Was?“
„Die Übertragung der Firmenanteile wurde soeben ausgelöst.“
Peter nahm das Telefon.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Das ist unmöglich.“
„Was?“, fragte ich.
„Mein Vater hat seine Anteile übertragen.“
„An wen?“
Peter zeigte mir den Bildschirm.
Der Name des neuen Eigentümers erschien dort.
**Adelaide Müller.**
Ich starrte auf das Display.
„Was?“
„Du besitzt jetzt achtunddreißig Prozent der Steinbach-Gruppe.“
Ich konnte nicht sprechen.
„Aber ich habe nichts unterschrieben.“
„Doch“, sagte Peter.
Er zog den Ehevertrag aus seiner Jacke und schlug eine Seite auf.
Dort stand meine Unterschrift.
Und darunter eine Klausel, die ich nie gesehen hatte.
**Im Falle einer feindlichen Übernahme gehen sämtliche geschützten Familienanteile automatisch auf Adelaide Müller über.**
Ich sah Peter an.
„Das war der Grund für die Ehe.“
„Vielleicht“, sagte er.
„Was meinst du mit vielleicht?“
Er nahm mir das Dokument aus der Hand und betrachtete die Unterschrift.
Dann wurde sein Blick plötzlich ernst.
„Diese Unterschrift ist nicht von dir.“
Ich erstarrte.
„Was?“
Peter zeigte auf die letzte Seite.
„Jemand hat deinen Namen unterschrieben.“
Georg trat näher.
„Und wenn diese Klausel aktiviert wurde, bedeutet das nur eines.“
„Was?“
Er sah mich an.
„Jemand wollte, dass du offiziell Eigentümerin wirst, bevor die Firma zusammenbricht.“
Draußen ertönten plötzlich mehrere Stimmen.
Dann schnelle Schritte.
Peter drehte sich zur Tür.
„Wir müssen sofort weg.“
Doch bevor er die Tür erreichen konnte, ging das Licht aus.
Im völligen Dunkel hörte ich nur Helene flüstern:
„Zu spät.“
Dann ertönte aus dem Flur eine Männerstimme.
„Adelaide Müller. Wir wissen, dass Sie den USB-Stick haben.“
Ich spürte Peters Hand an meinem Arm.
Und diesmal zog ich sie nicht weg.







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