Peter stellte sich sofort vor mich. Sein Körper spannte sich an, während der Schatten im Türrahmen langsam näher kam. Ich konnte das Gesicht des Mannes noch nicht erkennen, nur seine Silhouette im kalten Licht des Flurs.
„Wer sind Sie?“, fragte Peter.
Der Mann blieb stehen.
„Du hast dich kaum verändert, Peter.“
Peter wurde kreidebleich.
Ich sah ihn an. „Du kennst ihn.“
Er antwortete nicht.
Der Mann trat einen Schritt ins Licht.
Ich hielt unwillkürlich den Atem an.
Er war vielleicht Anfang fünfzig, trug einen dunklen Mantel und hatte graue Schläfen. Doch es waren seine Augen, die mich trafen. Diese Augen hatte ich schon einmal gesehen.
Auf dem Foto.
Neben meiner Mutter.
„Heinrich Falk“, flüsterte Peter.
Der Mann lächelte traurig.
„Nicht ganz.“
Peter machte einen Schritt nach vorn.
„Du bist tot.“
„Das dachte ich auch über Daniel.“
Mein Herz raste.
„Wo ist meine Mutter?“, fragte ich.
Der Mann sah mich an.
Lange.
„Sie lebt.“
Ich wollte auf ihn zulaufen, doch Peter hielt mich zurück.
„Wo?“
„Sicher.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist die einzige, die ich Ihnen geben kann.“
Peter ballte die Hände.
„Warum hast du uns hierhergelockt?“
Der Mann deutete auf den Kassettenrekorder.
„Weil Adelaide die Wahrheit hören musste, bevor sie den USB-Stick öffnet.“
Ich griff instinktiv nach meiner Tasche.
„Woher wissen Sie davon?“
„Weil ich ihn damals selbst verschlüsselt habe.“
Stille.
„Sie waren Heinrich Falk?“, fragte ich.
Er nickte.
„Heinrich Falk ist mein Name.“
Ich konnte kaum sprechen.
„Aber man hat gesagt, Sie seien tot.“
„Man hat vieles gesagt.“
Er ging zum Fenster und zog den Vorhang zurück. Auf der Straße stand ein schwarzer Wagen.
„Ihr Vater hat die Geschichte geschrieben. Mein Tod war notwendig, damit die Beweise verschwinden konnten.“
„Mein Vater?“
Heinrich nickte.
„Dein Vater und mein damaliger Geschäftspartner haben gemeinsam versucht, das Unternehmen zu kontrollieren. Deine Mutter fand es heraus.“
„Und Daniel?“
Heinrich sah Peter an.
„Daniel fand noch mehr heraus.“
Peter wurde unruhig.
„Was?“
„Dass die Firma nie wirklich deinem Vater gehört hat.“
Peter runzelte die Stirn.
„Was redest du da?“
Heinrich griff in seine Manteltasche und holte einen alten Schlüsselbund hervor.
„Deine Großmutter gründete das Unternehmen. Sie übertrug die Mehrheit nicht deinem Vater, sondern einer Stiftung.“
Peter sah ihn fassungslos an.
„Welche Stiftung?“
Heinrich antwortete nicht.
Stattdessen sah er mich an.
„Die Stiftung trägt den Namen deiner Mutter.“
Mir blieb der Atem weg.
„Was?“
„Adelaide Müller Stiftung.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
„Warum habe ich davon nie gehört?“
„Weil dein Vater dafür gesorgt hat, dass du glaubst, du seist mittellos.“
Peter sah mich an.
„Deine Familie besitzt einen Teil der Steinbach-Gruppe.“
„Nein.“
„Doch.“
Heinrich trat näher.
„Und deshalb wurde deine Ehe arrangiert.“
Ich sah Peter an.
„Von wem?“
Heinrichs Antwort kam leise.
„Von deinem Vater.“
Peter schüttelte sofort den Kopf.
„Nein. Er wollte, dass ich heirate, um seine Anteile zu bekommen.“
„Das war nur die halbe Wahrheit.“
Heinrich zog ein Dokument aus seinem Mantel.
„Dein Vater wusste, dass die Stiftung nach deiner Hochzeit ihre Kontrollrechte zurückfordern konnte.“
Ich nahm das Dokument.
Dort stand mein vollständiger Name.
Adelaide Müller.
Darunter eine Klausel, die mir den Boden unter den Füßen wegzog.
**Mit der Eheschließung von Adelaide Müller gehen sämtliche treuhänderischen Kontrollrechte auf sie über.**
Ich sah Peter an.
„Deshalb hat die Firma heute reagiert.“
„Ja“, sagte Heinrich.
„Und die Klausel im Ehevertrag?“
„Eine Falle.“
Peter wurde blass.
„Welche Falle?“
Heinrich sah ihn direkt an.
„Dein Vater wollte nicht, dass Adelaide die Firma übernimmt. Er wollte, dass du sie heiratest, damit du sie kontrollieren kannst.“
Peter trat zurück.
„Nein.“
„Doch.“
Ich spürte, wie Wut und Enttäuschung in mir aufstiegen.
„Dann war alles eine Lüge.“
Peter sah mich an.
„Adelaide, ich wusste nichts davon.“
„Aber du hast mich wegen einer Wette geheiratet.“
„Ja.“
„Und du hast mich trotzdem unterschätzt.“
„Ja.“
Seine Stimme brach beinahe.
„Aber das hat sich geändert.“
Heinrich beobachtete uns schweigend.
Dann sagte er:
„Es gibt noch etwas.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Was?“
„Daniel ist nicht dein Vater.“
Ich erstarrte.
„Aber die Geburtsurkunde—“
„Gefälscht.“
„Dann wer ist mein Vater?“
Heinrich sah Peter an.
Peter wurde plötzlich ganz still.
„Sag es ihr“, sagte Heinrich.
Peter schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Du schuldest ihr die Wahrheit.“
„Nicht diese Wahrheit.“
Ich trat zwischen die beiden.
„Welche Wahrheit?“
Peter sah mich an.
In seinen Augen lag etwas, das ich dort noch nie gesehen hatte.
Angst vor meiner Reaktion.
„Adelaide“, sagte er leise, „dein Vater ist nicht der Mann, den du dein ganzes Leben lang dafür gehalten hast.“
„Wer dann?“
Peter öffnete den Mund.
Doch bevor er antworten konnte, zersprang unten auf der Straße eine Scheibe.
Heinrich fuhr herum.
„Sie sind hier.“
„Wer?“, fragte ich.
Heinrich griff nach meiner Hand.
„Die Menschen, vor denen deine Mutter dich all die Jahre versteckt hat.“
Peter zog mich zur Treppe.
„Wir müssen raus.“
Doch Heinrich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Er sah zur Wohnungstür.
„Wenn sie uns hier finden, müssen wir ihnen etwas geben.“
„Was?“, fragte ich.
Heinrich blickte auf den USB-Stick.
„Die falsche Wahrheit.“
Er nahm ihn mir aus der Hand.
Dann lächelte er zum ersten Mal.
„Und jetzt werden wir herausfinden, wem du wirklich vertrauen kannst.“







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