Ich konnte nicht mehr atmen. Meine Finger schlossen sich um das Telefon, während ich immer wieder auf das Datum starrte. Gestern. Nicht vor Jahren. Nicht aus einem alten Archiv. Gestern.
„Das ist unmöglich“, flüsterte ich.
Peter sagte nichts.
„Sag mir, dass das manipuliert ist.“
Er nahm das Telefon nicht. Er betrachtete nur das Bild, als hätte er gerade einen Geist gesehen.
„Peter.“
„Ich weiß es nicht.“
„Du weißt immer irgendetwas.“
Er hob den Blick. „Diesmal nicht.“
Hinter uns begann die Hochzeitsmusik erneut. Die Gäste warteten offenbar auf das Brautpaar, während draußen Kellner Tabletts durch die Säle trugen. Niemand ahnte, dass meine ganze Vergangenheit gerade auseinanderbrach.
Helene trat näher. „Zeigen Sie mir das Bild.“
Ich reichte ihr das Telefon.
Ihre Augen wurden sofort feucht.
„Sie ist es“, sagte sie.
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich dieses Kleid kenne.“
Ich nahm ihr das Telefon wieder ab. Das grüne Kleid. Meine Mutter hatte es geliebt. Ich erinnerte mich an ein Foto aus meiner Kindheit, auf dem sie dasselbe Kleid trug. Damals hatte ich gedacht, es sei nur ein altes Kleidungsstück.
„Wo wurde das aufgenommen?“
Peter deutete auf den Hintergrund. „Das ist der Parkplatz hinter dem alten Verwaltungsgebäude der Steinbach-Gruppe.“
Ich sah ihn an.
„Warum sollte meine Mutter dort sein?“
„Vielleicht war sie nie weg.“
„Das hast du gerade behauptet.“
Peter schwieg.
Ich spürte, wie die Wut in mir hochstieg.
„Du hast mir jahrelang nichts gesagt.“
„Ich kannte dich nicht.“
„Du kanntest meine Familie.“
„Nein. Ich kannte die Version deiner Familie, die mein Vater mir erzählt hatte.“
„Und du glaubst, dass das eine Entschuldigung ist?“
„Nein.“
Seine Stimme war ruhig.
„Aber wenn du mir jetzt nicht vertraust, kann ich dich nicht schützen.“
Ich lachte bitter.
„Schon wieder dieses Wort.“
Schutz.
Dasselbe Wort, das mein Vater benutzt hatte.
Ich nahm den USB-Stick aus der Tasche.
Peter sah ihn sofort.
„Wir müssen herausfinden, was darauf ist.“
„Hier?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Er blickte zur Tür.
„Weil jemand genau darauf wartet.“
Georg kam erneut herein. „Peter, die Gäste werden langsam unruhig.“
Peter nickte. „Sag ihnen, wir brauchen fünfzehn Minuten.“
Georg wollte gehen, doch ich hielt ihn zurück.
„Georg.“
Er drehte sich um.
„Kennst du Falkenstein Beteiligungen?“
Sein Gesicht veränderte sich.
Nur kurz.
Aber diesmal bemerkte Peter es ebenfalls.
„Warum fragst du?“, sagte Georg.
„Weil sie gerade versuchen, die Firma zu übernehmen.“
Georg sah Peter an.
Dann mich.
„Das ist komplizierter, als ihr denkt.“
„Dann erklär es.“
Er senkte die Stimme.
„Falkenstein ist keine gewöhnliche Holding. Sie wurde vor zwölf Jahren gegründet.“
„Von wem?“
Georg schluckte.
„Von Daniel Steinbach.“
Ich sah Peter an.
Sein Gesicht wurde starr.
„Mein Bruder ist tot“, sagte er.
„Das wissen wir.“
„Dann ist das unmöglich.“
Georg antwortete nicht.
Ich verstand plötzlich, dass er etwas zurückhielt.
„Du hast ihn gesehen“, sagte ich.
Georg schloss kurz die Augen.
„Vor drei Monaten.“
Peter packte ihn am Arm.
„Was hast du gerade gesagt?“
„Ich habe Daniel vor drei Monaten gesehen.“
„Wo?“
„In Zürich.“
Peter ließ ihn los.
Ich bemerkte, wie sich seine Hände langsam zu Fäusten schlossen.
„Warum hast du mir das nicht erzählt?“
„Weil Daniel mich darum gebeten hat.“
„Warum?“
Georg sah mich an.
„Wegen Adelaide.“
Mir wurde kalt.
„Was hat Daniel mit mir zu tun?“
„Alles.“
Er zog sein Handy heraus und öffnete eine verschlüsselte Datei.
„Daniel sagte, deine Mutter habe nie versucht, sich zu verstecken. Sie hat nur darauf gewartet, dass du alt genug bist, die Wahrheit selbst zu erkennen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich verstehe nichts.“
„Das wirst du.“
Er zeigte mir ein Foto.
Darauf standen drei Menschen vor einem Gebäude.
Meine Mutter.
Heinrich Falk.
Und ein junger Mann.
Daniel.
Auf der Rückseite stand ein Datum.
17. April 2012.
Der Todestag von Heinrich Falk.
Doch diesmal fiel mir etwas anderes auf.
Meine Mutter trug keinen Ehering.
Aber Daniel hielt ihre Hand.
„Was ist das?“, fragte ich.
Georg antwortete nicht.
Peter trat näher.
„Das Foto wurde kurz vor Heinrichs Tod aufgenommen.“
Ich sah ihn an.
„Warum waren sie zusammen?“
Peter öffnete den Mund, doch in diesem Moment klingelte sein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Er nahm ab.
„Steinbach.“
Zuerst sagte niemand etwas.
Dann hörte ich eine Männerstimme.
Leise.
Verzerrt.
„Du hast sie geheiratet.“
Peter wurde blass.
„Wer ist da?“
„Du solltest sie niemals finden.“
„Daniel?“
Stille.
Dann ein kurzes Lachen.
„Du hast immer noch nicht verstanden, warum dein Vater diese Ehe wollte.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Peter starrte auf das Telefon.
Ich ging auf ihn zu.
„Was hat er gesagt?“
Peter antwortete nicht.
„Peter.“
Er sah mich an.
„Er hat meinen Vater erwähnt.“
„Was genau?“
„Er sagte, mein Vater wollte diese Ehe nicht wegen der Firma.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Sondern?“
Peter sah auf den USB-Stick in meiner Hand.
„Wegen dir.“
Bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Tür.
Ein Mann in schwarzem Anzug stand dort.
Er sagte kein Wort.
Er legte lediglich einen Umschlag auf den Tisch.
Dann ging er wieder.
Ich öffnete ihn mit zitternden Händen.
Darin lag eine Kopie meiner Geburtsurkunde.
Ich kannte meinen Namen.
Ich kannte das Geburtsdatum.
Ich kannte den Namen meiner Mutter.
Doch bei der Zeile für den Vater stand etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Nicht der Name meines Vaters.
Nicht Steinbach.
Sondern:
**Daniel Steinbach.**







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