Alexander las den Satz ein zweites Mal.
Vertrau meiner Schwester nicht blind.
Fünf Wörter. Nicht mehr. Und trotzdem schienen sie den Raum enger zu machen.
Er kannte Katharinas Handschrift so gut, dass es keinen Zweifel geben konnte. Das leicht nach rechts geneigte V, die schmale Schleife beim „r“, der kräftigere Druck am Ende eines Satzes. Sie hatte Einkaufslisten so geschrieben, Geburtstagskarten, kleine Zettel, die sie ihm morgens neben die Kaffeemaschine gelegt hatte. Ein Jahr lang hätte Alexander beinahe alles dafür gegeben, noch einmal etwas Neues von ihr lesen zu können.
Nun hielt er genau das in der Hand.
Und wünschte für einen Augenblick, er hätte es nie gefunden.
„Was bedeutet das?“
Seine Stimme war ruhig, doch Denise kannte ihren Bruder gut genug, um die Warnung darin zu hören.
„Ich weiß es nicht.“
Alexander hob den Blick.
„Du bist innerhalb von zwei Minuten zweimal blass geworden, seit dieser Umschlag aufgetaucht ist. Versuch es noch einmal.“
Denises Gesicht verhärtete sich.
„Katharina und ich hatten Meinungsverschiedenheiten. Das weißt du.“
„Meinungsverschiedenheiten?“
„Ja.“
„Meine tote Frau schreibt unserem Sohn drei Tage vor ihrem Tod, er solle dir nicht blind vertrauen, und du nennst das Meinungsverschiedenheiten?“
Leonhard zuckte leicht zusammen.
Alexander sah es sofort.
Seine Wut brach ab.
Er hatte für einen Moment vergessen, dass sein Sohn im Raum war.
„Leonhard“, sagte Mara sanft.
Der Junge sah zu ihr.
„Vielleicht möchtest du kurz nach draußen.“
„Nein.“
„Das hier könnte unangenehm werden.“
„Mama hat den Brief mir gegeben.“
Diese einfache Antwort brachte alle zum Schweigen.
Leonhard setzte sich wieder in den Sessel und legte beide Hände auf die Knie.
„Ich bleibe.“
Alexander erkannte Katharina in dieser Haltung so deutlich, dass es wehtat.
Denise ging zum Fenster. Draußen bewegten sich die Gäste inzwischen unruhig über den Rasen. Jonas versuchte offenbar, das Gedenkessen irgendwie fortzuführen, während im Haus eine ganz andere Form des Gedenkens begonnen hatte.
„Katharina hatte in den letzten Monaten vor ihrem Tod eine fixe Idee“, sagte Denise schließlich.
Mara reagierte sofort.
„Nenn es nicht so.“
Denise drehte sich um.
„Du weißt überhaupt nicht, wovon ich spreche.“
„Doch.“
Das Wort kam so schnell, dass Alexander zu Mara blickte.
„Dann erklären Sie es mir.“
Mara strich sich nervös eine Haarsträhne hinter das Ohr.
„Ihre Frau glaubte, dass jemand Geld aus einer Stiftung abzweigte.“
Alexander runzelte die Stirn.
„Welche Stiftung?“
Mara sah ihn an, als hätte sie erwartet, dass er es wusste.
„Die Katharina-von-Stein-Stiftung.“
Jetzt war Alexander wirklich verwirrt.
„Diese Stiftung finanziert Frauenhäuser, Kinderbetreuung und Notunterkünfte. Die Konten werden extern geprüft.“
„Offiziell.“
Denise lachte trocken.
„Da haben wir es. Eine Servicekraft aus Altona erklärt einem Unternehmer seine eigenen Finanzen.“
Mara wandte den Kopf zu ihr.
„Ich war damals keine Servicekraft.“
„Was waren Sie denn?“
Mara schwieg einen Moment.
„Buchhalterin.“
Alexander sah sie überrascht an.
„Bei der Stiftung?“
„Nein. Bei einer gemeinnützigen Beratungsstelle, die Fördermittel von Ihrer Stiftung erhalten sollte.“
Sollte.
Alexander bemerkte das Wort.
„Hat sie nicht?“
Mara schüttelte den Kopf.
„Zweihundertachtzigtausend Euro waren bewilligt. Wir haben knapp neunzigtausend bekommen.“
Alexander brauchte einen Augenblick.
„Das ist unmöglich.“
„Das dachte ich auch.“
Mara trat näher an den Schreibtisch. Ihre Stimme war jetzt weniger unsicher. Sobald sie über Zahlen sprach, verschwand etwas von der überrumpelten Aushilfe, die vor wenigen Minuten noch ein Tablett getragen hatte.
„In den Unterlagen stand, dass die vollständige Summe ausgezahlt worden war. Auf unserem Konto kam sie aber nie an. Als ich nachfragte, wurde mir erklärt, die Auszahlung sei auf mehrere Projektpartner verteilt worden.“
„Und?“
„Zwei dieser Projektpartner existierten praktisch nicht.“
Alexander sah Denise an.
Sie schüttelte sofort den Kopf.
„Damit hatte ich nichts zu tun.“
Mara antwortete:
„Das habe ich nicht behauptet.“
„Aber du willst, dass er es denkt.“
„Nein. Ich will, dass er endlich Fragen stellt.“
Die Worte trafen Alexander fast ebenso hart wie Katharinas Nachricht.
„Wie kam meine Frau ins Spiel?“
Mara senkte den Blick.
„Ich habe ihr geschrieben.“
„Warum ihr?“
„Weil alle anderen mich ignoriert haben.“
Sie erzählte von drei E-Mails, zwei Einschreiben und einem Termin, zu dem niemand erschienen war. Dann, eines kalten Morgens im November, hatte plötzlich Katharina selbst vor der kleinen Bäckerei gestanden, in der Mara nebenbei arbeitete, weil ihr damaliges Einkommen nicht gereicht hatte.
Katharina hatte keine Assistentin mitgebracht.
Keinen Anwalt.
Nur einen Notizblock.
„Sie setzte sich an den Tisch am Fenster“, sagte Mara, „und ließ mich alles erklären.“
Alexander konnte die Szene beinahe sehen.
Das war Katharina.
Nicht die Frau auf den Wohltätigkeitsfotos, sondern die wirkliche Katharina. Wenn sie glaubte, jemand werde übergangen, konnte sie erschreckend hartnäckig werden.
„Was fand sie heraus?“
Mara sah zu Denise.
„Dass die fehlenden Gelder über eine Verwaltungsgesellschaft gelaufen waren.“
„Welche?“
Mara öffnete den Mund.
Denise unterbrach sie.
„Alexander, bevor du dich da hineinsteigerst, solltest du wissen, dass Katharina mir damals selbst gesagt hat, sie habe keine Beweise.“
Mara erstarrte.
Alexander ebenfalls.
Langsam drehte er sich zu seiner Schwester.
„Woher weißt du, was Katharina über die Untersuchung gesagt hat?“
Denise merkte ihren Fehler.
Zu spät.
„Weil sie mit mir darüber gesprochen hat.“
„Wann?“
„Ich weiß es nicht mehr genau.“
„Dann erinner dich.“
„Alexander—“
„Wann?“
Denise atmete scharf aus.
„Einige Tage vor dem Unfall.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Das stimmt nicht.“
Denise fuhr herum.
„Du warst nicht dabei.“
„Nein. Aber Katharina war am Abend danach bei mir.“
Alexander spürte eine unangenehme Kälte im Rücken.
„Was hat sie gesagt?“
Mara zögerte.
„Dass sie einen Fehler gemacht hatte.“
„Welchen?“
„Sie hatte jemandem erzählt, wie viel sie bereits wusste.“
Denise trat einen Schritt auf Mara zu.
„Pass sehr genau auf, was du jetzt behauptest.“
Mara wich nicht zurück.
„Warum?“
„Weil du über eine Tote sprichst, die sich nicht verteidigen kann.“
„Ich verteidige sie gerade.“
Denise verlor für einen Sekundenbruchteil ihre Beherrschung.
„Du kanntest sie ein paar Monate!“
„Und trotzdem hat sie mir mehr erzählt als ihrem eigenen Mann.“
Stille.
Mara bereute den Satz sichtbar, kaum dass er ausgesprochen war.
Alexander dagegen spürte nur Schmerz.
„Warum?“
Mara sah ihn an.
„Das weiß ich nicht.“
„Doch.“
Er ging einen Schritt auf sie zu.
„Sie haben bisher jede Frage beantwortet, außer denen, bei denen es wirklich wichtig wird. Warum hat meine Frau mir nichts davon erzählt?“
Mara presste die Lippen zusammen.
Leonhard sprach plötzlich aus dem Sessel.
„Weil Mama Papa schützen wollte.“
Alle sahen zu ihm.
Alexander kniete sich vor seinen Sohn.
„Woher weißt du das?“
Leonhard deutete auf den Umschlag.
„Da ist noch etwas drin.“
Alexander starrte ihn an.
Er hatte nur die beschriebenen Seiten gesehen. Nun fuhr er vorsichtig mit zwei Fingern in den Umschlag und spürte tatsächlich etwas Hartes unter dem Papierfutter.
Eine kleine Speicherkarte.
Mara sog hörbar Luft ein.
Denise machte einen Schritt vor.
„Gib sie mir.“
Alexander sah sie an.
Die Worte waren offenbar herausgerutscht.
Denise blieb stehen.
„Ich meine nur, wir wissen nicht, was darauf ist. Es könnte private Dinge enthalten.“
Alexander schloss die Hand um die Speicherkarte.
„Genau deshalb bekommst du sie nicht.“
Zum ersten Mal fiel jede familiäre Wärme aus Denises Gesicht.
Alexander ging zum Laptop auf dem Schreibtisch. Mara stellte sich neben Leonhard. Denise blieb am Fenster.
Die Karte enthielt nur drei Dateien.
Ein Foto.
Eine Tabellenkalkulation.
Und eine Audiodatei.
Das Foto zeigte mehrere Überweisungen an dieselbe Gesellschaft.
Hanseatische Projektverwaltung GmbH.
Alexander kannte den Namen nicht.
Er öffnete die Tabelle. Hunderte Zahlungen erschienen. Kleine Beträge, große Beträge, verteilt über fast drei Jahre.
Insgesamt mehr als 2,4 Millionen Euro.
„Mein Gott“, flüsterte Mara.
Alexander klickte auf die Audiodatei.
Das Datum war der Abend vor Katharinas Tod.
Seine Finger wurden kalt.
Dann erfüllte die Stimme seiner Frau den Raum.
„Wenn du das hörst, ist wahrscheinlich etwas passiert, das ich nicht mehr erklären kann.“
Leonhard griff nach Maras Hand.
Alexander konnte sich nicht bewegen.
Katharina atmete auf der Aufnahme hörbar ein.
„Alexander darf noch nichts erfahren. Nicht weil ich ihm nicht vertraue. Sondern weil jemand seine Unterschrift benutzt hat.“
Alexander starrte auf den Bildschirm.
Denise wurde kreidebleich.
Dann sagte Katharina:
„Mara, falls ich morgen nicht zu unserem Treffen komme, geh nicht zur Polizei. Geh zuerst zu—“
Die Aufnahme brach ab.
Nicht langsam.
Abrupt.
Alexander klickte erneut darauf.
Nichts.
Die Datei endete genau dort.
Doch Mara stand plötzlich vollkommen regungslos neben ihm.
„Was?“, fragte Alexander.
Sie antwortete nicht.
„Mara.“
Ihre Augen waren auf den Dateinamen gerichtet.
K_1703_MB_2.wav
„Es gab eine zweite Aufnahme“, flüsterte sie.
Alexander sah sie an.
„Woher wissen Sie das?“
Mara hob langsam den Blick.
„Weil Katharina sie mir am Morgen ihres Todes geschickt hat.“
Eine Pause.
Dann sagte sie etwas, das Alexander den Atem nahm.
„Und ich habe sie nie geöffnet.“







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