Alexander brauchte mehrere Sekunden, bis er verstand, was Mara gerade gesagt hatte.
„Sie haben eine Nachricht meiner Frau vom Morgen ihres Todes?“
Mara nickte kaum sichtbar.
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
„Ich hatte sie.“
Alexander stand so abrupt auf, dass der Stuhl hinter ihm über den Teppich schrammte. Leonhard zuckte zusammen, und sofort zwang Alexander sich, die Stimme zu senken.
„Was bedeutet das?“
Mara fuhr sich über die Stirn.
„Katharina hatte mir am Abend vorher geschrieben, dass sie etwas gefunden habe. Sie wollte mich am nächsten Morgen um halb acht in der Bäckerei treffen. Sie kam nicht.“
Alexander kannte den Rest dieses Morgens.
Um 8:17 Uhr hatte Katharina ihn angerufen. Er war in einer Besprechung gewesen und hatte den Anruf weggedrückt.
Um 8:24 Uhr hatte sie ihm eine Nachricht geschickt.
Melde dich bitte, wenn du kannst.
Um 8:51 Uhr war ihr Wagen auf der A7 verunglückt.
Ein Jahr lang hatte Alexander sich gefragt, was sie ihm sagen wollte.
„Wann schickte sie Ihnen die Datei?“
„Kurz nach sieben.“
„Haben Sie sie noch?“
Mara schüttelte den Kopf.
„Mein altes Handy ging einige Wochen später kaputt.“
Alexander starrte sie fassungslos an.
„Und Sie haben keine Sicherung gemacht?“
„Damals wusste ich nicht, was darauf war!“
„Meine Frau war tot.“
„Und ich hatte Angst!“
Maras Stimme brach zum ersten Mal.
Sie presste eine Hand vor den Mund, sammelte sich und sah Alexander dann direkt an.
„Am Nachmittag nach Katharinas Tod stand ein Mann vor meiner Wohnung.“
Denise bewegte sich am Fenster.
Nur eine kleine Bewegung.
Alexander bemerkte sie trotzdem.
„Was für ein Mann?“
„Ich kannte ihn nicht. Er sagte, Katharina habe Unterlagen bei mir hinterlassen und die Familie wolle sie zurück.“
„Welche Familie?“
„Er sagte: Familie von Stein.“
Alexander drehte sich zu Denise.
„Hast du jemanden geschickt?“
„Nein.“
Die Antwort kam sofort.
„Mutter?“
„Nicht dass ich wüsste.“
„Wer dann?“
„Alexander, unsere Familie beschäftigt Dutzende Anwälte, Berater und Sicherheitsleute. Ich kann nicht wissen, wer damals—“
„Er wusste, wo Mara wohnte.“
Denise verstummte.
Mara fuhr fort.
„Ich sagte ihm, ich hätte nichts. Zwei Tage später wurde in meine Wohnung eingebrochen.“
Leonhard drückte ihre Hand fester.
„Wurde etwas gestohlen?“, fragte Alexander.
„Mein Laptop. Einige Ordner. Das Handy lag in einer Schublade und war noch da. Danach habe ich aufgehört, Fragen zu stellen.“
Scham lag in ihrer Stimme.
„Ich hatte meine Tochter.“
Alexander sah sie überrascht an.
Natürlich.
Alleinerziehende Mutter.
Leonhard hatte genau diese Frau gewählt, ohne dass Alexander überhaupt gewusst hatte, dass sie ein Kind hatte.
„Wie alt ist sie?“
„Acht.“
„Damals also sieben?“
„Sieben.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Ich konnte nicht riskieren, dass jemand vor ihrer Schule auftaucht. Also habe ich gekündigt, bin umgezogen und habe alles verdrängt.“
„Bis heute.“
Mara sah zu Leonhard.
„Bis heute.“
Alexander ging zum Fenster. Draußen begannen einige Gäste bereits zu gehen. Schwarze Wagen rollten langsam über die Auffahrt. Das Leben setzte sich fort, während seines gerade rückwärtslief.
Hinter ihm sagte Denise:
„Wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Ein Einbruch beweist nichts.“
Alexander drehte sich um.
„Warum verteidigst du ständig jemanden, dessen Identität wir nicht einmal kennen?“
„Ich verteidige niemanden.“
„Dann hilf mir.“
Denise schwieg.
Alexander trat näher.
„Du hast gesagt, Katharina habe mit dir über die verschwundenen Gelder gesprochen. Was genau hat sie dir erzählt?“
Denise sah kurz zu Leonhard.
„Nicht vor ihm.“
„Ich bleibe“, sagte Leonhard sofort.
Diesmal widersprach niemand.
Denise atmete langsam aus.
„Katharina glaubte, die Hanseatische Projektverwaltung sei nur eine Durchlaufgesellschaft. Geld kam hinein und wurde an andere Firmen weitergeschickt.“
„Welche Firmen?“
„Das wusste sie noch nicht.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Doch.“
Denise sah sie an.
„Was?“
„Sie wusste es.“
Mara ging zum Laptop und deutete auf die Tabelle.
„Scrollen Sie nach rechts.“
Alexander tat es.
Neben den Beträgen erschienen zunächst interne Kennziffern. Dann eine ausgeblendete Spalte.
Alexander öffnete sie.
Darin standen Abkürzungen.
NW-Immobilien.
Alster Treuhand.
KS Consulting.
Bei der letzten Bezeichnung hielt Alexander inne.
„KS.“
Niemand sagte etwas.
Katharina Stein.
Die Initialen seiner Frau.
„Jemand hat eine Firma unter ihren Initialen benutzt“, sagte Mara.
Alexander öffnete das Handelsregister, das als PDF auf der Speicherkarte gespeichert war.
KS Consulting GmbH.
Gegründet drei Jahre zuvor.
Geschäftsführerin laut Dokument:
Katharina Elisabeth von Stein.
Alexander spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen entglitt.
„Das ist unmöglich.“
„Ich weiß“, sagte Mara.
„Katharina hatte keine Firma.“
Denise trat näher.
„Bist du sicher?“
Alexander fuhr zu ihr herum.
„Natürlich bin ich sicher.“
Aber während er es sagte, begann der Zweifel.
Katharina hatte eigene Konten gehabt. Eigene Projekte. Sie waren verheiratet gewesen, keine Gefängnisinsassen. Alexander hatte nie jeden Vertrag kontrolliert, den seine Frau unterschrieb.
Doch zwei Millionen Euro?
Eine geheime Firma?
Nein.
Leonhard war inzwischen aufgestanden und betrachtete den Bildschirm.
„Das ist nicht Mamas Unterschrift.“
Alexander sah ihn an.
„Was?“
Der Junge deutete auf das eingescannte Dokument.
„Mama hat ihr K anders gemacht.“
Alexander vergrößerte die Unterschrift.
Leonhard lief zum Bücherregal, zog ein altes Kinderbuch heraus und öffnete die erste Seite.
Darin stand:
Für meinen Leonhard. Damit du nie aufhörst, Fragen zu stellen. Mama.
Er legte das Buch neben den Laptop.
Alexander verglich beide Unterschriften.
Auf den ersten Blick waren sie identisch.
Auf den zweiten nicht.
Das K.
Leonhard hatte recht.
Katharina zog beim K den unteren Strich immer leicht nach links.
Auf dem Firmendokument verlief er gerade.
„Gefälscht“, flüsterte Alexander.
Mara nickte.
„Das wollte sie beweisen.“
Denise setzte sich plötzlich.
Alexander sah sie an.
„Du wusstest davon.“
„Nein.“
„Du hast gerade reagiert, bevor Mara etwas gesagt hat.“
„Weil mir schlecht wird, Alexander.“
„Warum?“
Denise sah ihren Bruder lange an.
Dann griff sie nach ihrer Handtasche.
„Weil ich dir etwas nicht erzählt habe.“
Alexander sagte nichts.
Denise öffnete eine Seitentasche und zog einen kleinen Schlüssel hervor.
„Katharina gab ihn mir vier Tage vor ihrem Tod.“
Mara trat näher.
„Wozu gehört er?“
„Das hat sie mir nicht gesagt.“
Alexander nahm ihn.
Ein kleiner Metallschlüssel mit einer eingravierten Nummer:
314.
„Warum hast du ihn ein Jahr lang behalten?“
Denises Augen füllten sich zum ersten Mal mit Tränen.
„Weil Katharina mir gesagt hat, ich solle ihn dir nur geben, wenn jemand namens Mara Berger wieder auftaucht.“
Niemand bewegte sich.
Mara wurde kreidebleich.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
Denise sah sie an.
„Sie kannte deinen vollständigen Namen.“
Alexander schloss die Finger um den Schlüssel.
„Wo ist Nummer 314?“
Denise wischte sich über die Augen.
„Ich wusste es nicht. Deshalb habe ich gesucht.“
„Und?“
Sie öffnete ihr Telefon und zeigte ihm ein Foto.
Darauf war eine Reihe dunkelblauer Schließfächer zu sehen.
Über einem davon stand 314.
Darunter befand sich das Logo des Hamburger Hauptbahnhofs.
„Ich habe es vor drei Monaten gefunden“, sagte Denise.
Alexander starrte sie an.
„Und du hast es nicht geöffnet?“
„Ich konnte nicht.“
„Warum?“
Denise hob den Blick.
„Weil ich dort schon einmal gewesen war.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Am Tag, an dem Katharina starb.“
Alexander spürte, wie sich seine Hand um den Schlüssel verkrampfte.
„Was hast du dort gemacht?“
Denise antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Ich bin ihr gefolgt.“
Mara zog hörbar Luft ein.
Alexander stand vollkommen still.
„Warum?“
Denise sah ihn an.
Und diesmal war in ihrem Gesicht keine Kontrolle mehr.
Nur Angst.
„Weil Katharina mich am Abend zuvor beschuldigt hatte, die Person zu kennen, die ihre Unterschrift gefälscht hatte.“
Alexander wollte etwas sagen, doch Denise sprach weiter.
„Und sie hatte recht.“
Der Schlüssel lag schwer in seiner Hand.
„Wer war es?“
Denise öffnete den Mund.
In diesem Moment vibrierte Maras Telefon.
Sie blickte auf das Display.
Sämtliche Farbe verschwand aus ihrem Gesicht.
„Was ist?“, fragte Alexander.
Mara antwortete nicht. Sie drehte ihm nur das Telefon entgegen.
Eine unbekannte Nummer hatte ihr ein Foto geschickt.
Darauf war ein kleines Mädchen mit braunem Pferdeschwanz zu sehen, das vor einem Hamburger Wohnhaus aus einem Auto stieg.
Mara griff so fest nach der Tischkante, dass ihre Knöchel weiß wurden.
„Das ist meine Tochter.“
Unter dem Foto stand nur eine einzige Nachricht:
Lass Schließfach 314 geschlossen.







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