Für einen Moment existierten nur die Geräusche des Hauptbahnhofs. Rollkoffer klapperten über Stein, eine Durchsage kündigte einen verspäteten Zug nach Berlin an, irgendwo lachte jemand. Mitten in dieser gewöhnlichen Welt standen sechs Menschen vor einem geöffneten Schließfach und sahen Matthias Kern an, als wäre ein Toter aus einem Grab gestiegen.
Mara fand als Erste ihre Stimme wieder.
„Was soll das heißen?“
Matthias sah sie weiterhin an.
„Dass Friedrich dir gleich eine Geschichte erzählen wird, in der er wieder nur getan hat, was notwendig war.“
Friedrich trat vor.
„Lass sie aus der Sache heraus.“
Matthias lachte leise.
„Dreißig Jahre zu spät.“
Alexander schob Leonhard hinter sich.
„Warum hast du Maras Tochter beobachten lassen?“
Matthias' Blick wechselte zu ihm.
„Ich habe das Foto nicht geschickt.“
Mara wurde wütend.
„Sie erwarten ernsthaft, dass ich Ihnen glaube?“
„Nein. Aber ich würde mich fragen, wer wusste, dass Sie heute bei den von Steins arbeiten.“
Mara erstarrte.
Nur wenige Menschen hatten ihren kurzfristigen Einsatz gekannt.
Jonas.
Die Cateringagentur.
Und jemand, der sie dorthin geschickt hatte.
„Mein Einsatz heute war kein Zufall“, flüsterte sie.
Matthias antwortete nicht.
Alexander bemerkte es.
„Wer hat dafür gesorgt?“
„Katharina.“
Mara starrte ihn an.
„Katharina ist seit einem Jahr tot.“
„Aber sie hat vorausgedacht.“
Matthias deutete auf den Brief.
„Sie wusste, dass dieses Gedenkessen stattfinden würde. Es findet jedes Jahr am selben Datum statt. Vor ihrem Tod hinterlegte sie bei einem Anwalt mehrere Anweisungen. Eine davon sollte genau ein Jahr später ausgeführt werden.“
Alexander dachte an Jonas' Worte zurück.
Drei Servicekräfte hatten kurzfristig abgesagt.
Eine Ersatzkraft war gefunden worden.
Mara.
Zu passend.
„Warum Mara?“
Matthias blickte zu Friedrich.
„Sag es ihm.“
Friedrich schwieg.
„Sag ihm endlich, wer Maras Mutter war.“
Mara trat auf ihn zu.
„Ich möchte es hören.“
Friedrich sah plötzlich sehr alt aus.
„Ihre Mutter hieß Anna Berger.“
Mara blinzelte.
„Das weiß ich. So steht es in meinen Adoptionsunterlagen.“
„Anna war nicht irgendeine Frau.“
Friedrich sah zu Alexander.
„Sie war Konstantins Ehefrau.“
Denise stieß hörbar den Atem aus.
„Konstantin war nie verheiratet.“
„Doch.“
Friedrich schloss die Augen.
„Heimlich.“
Alexander verstand langsam.
„Dann ist Mara Konstantins Tochter.“
„Ja.“
Mara schüttelte sofort den Kopf.
„Nein.“
Friedrich fuhr fort.
„Konstantin heiratete Anna wenige Monate vor seinem Tod. Niemand in der Familie wusste davon. Nicht einmal ich. Ich fand die Urkunde erst Jahre später.“
Matthias sagte:
„Und ließ sie verschwinden.“
Friedrich widersprach nicht.
Mara sah zwischen ihnen hin und her.
„Warum wurde ich adoptiert?“
„Ihre Mutter starb kurz nach Ihrer Geburt“, sagte Friedrich. „Komplikationen. Konstantin war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Annas Schwester gab Sie zur Adoption frei.“
Mara presste eine Hand an den Mund.
„Und Katharina hat das herausgefunden.“
„Ja.“
Alexander sah den Brief erneut an.
Plötzlich ergaben die Worte Sinn.
Katharina hatte Mara nicht zufällig gefunden.
Sie hatte nach Konstantins rechtmäßiger Erbin gesucht.
„Die achtzehn Prozent“, sagte Alexander.
Friedrich nickte.
„Wenn Konstantins Ehe rechtsgültig war und Mara seine Tochter ist, hätte sie Anspruch auf sein damaliges Vermögen.“
„Nicht auf achtzehn Prozent des heutigen Konzerns“, sagte Matthias. „Aber auf etwas, das inzwischen trotzdem sehr viel wert ist.“
„Wie viel?“, fragte Mara.
Niemand antwortete.
„Wie viel?“
Alexander sah Friedrich an.
„Sag es.“
„Je nach gerichtlicher Bewertung“, sagte Friedrich langsam, „zwischen sechzig und neunzig Millionen Euro.“
Mara lachte.
Es war kein glückliches Lachen.
„Ich habe gestern überlegt, welche Rechnung ich diesen Monat später bezahlen kann.“
Leonhard nahm ihre Hand.
Mara blickte hinunter zu ihm und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Matthias beobachtete sie.
„Jetzt verstehst du, warum Katharina dich gesucht hat.“
Mara hob den Kopf.
„Und Sie?“
„Was ist mit mir?“
„Sie sind ebenfalls Konstantins Sohn.“
Matthias' Gesicht wurde hart.
„Ja.“
„Dann sind wir Geschwister.“
„Halbgeschwister.“
Das Wort traf Mara sichtbar.
Alexander dagegen bemerkte etwas anderes.
„Wenn ihr beide Erben seid, warum hast du versucht, Mara fernzuhalten?“
„Habe ich nicht.“
„Jemand hat ihr gedroht.“
„Nicht ich.“
„Du hast Millionen gestohlen.“
Matthias' Kiefer spannte sich an.
„Ich habe genommen, was Friedrich meiner Familie genommen hatte.“
„Mit meiner gefälschten Unterschrift.“
„Das war nicht mein Plan.“
Alexander erstarrte.
„Was?“
„Die Firmen waren meine. Die Umleitungen ebenfalls. Aber deine Unterschriften habe ich nicht gefälscht.“
Friedrich sagte scharf:
„Genug.“
Matthias sah ihn an.
„Du hast immer noch Angst vor diesem Teil.“
Denise trat vor.
„Wer hat Alexanders Signatur benutzt?“
Matthias blickte sie an.
„Du weißt es.“
Denise wurde blass.
„Nein.“
„Deshalb hast du mich gestern getroffen.“
Alexander sah seine Schwester an.
„Warum hast du ihn getroffen?“
Denise kämpfte sichtbar mit sich.
Dann zog sie ihr Telefon hervor.
„Weil Katharina mir kurz vor ihrem Tod eine Nachricht geschickt hatte.“
Sie öffnete eine Datei.
„Nicht die über Vater. Eine andere.“
Auf dem Bildschirm erschien ein Foto eines internen Autorisierungsgeräts.
Darunter Katharinas Nachricht:
Denise, jemand benutzt Alexanders Master-Zugang. Finde heraus, wer Gerät 04 hat.
Alexander kannte die Geräte.
Vier Hardware-Schlüssel ermöglichten besonders sensible Freigaben.
Gerät 01 hatte er selbst.
02 Friedrich.
03 der Finanzvorstand.
„Wer hatte 04?“
Denise sah ihn an.
„Katharina.“
Alexander spürte einen Schlag in der Brust.
Matthias schüttelte den Kopf.
„Offiziell.“
„Was bedeutet das?“
„Katharinas Gerät war sechs Monate vor ihrem Tod verschwunden.“
Friedrich sagte:
„Sie hat es verloren.“
„Nein“, erwiderte Matthias. „Es wurde gestohlen.“
Alexander dachte an die gefälschten Freigaben.
„Von wem?“
Matthias sah zur Überwachungskamera über den Schließfächern.
„Nicht hier.“
Er griff in seine Jacke und zog einen USB-Stick heraus.
„Darauf ist eine Kopie der Zugangsdaten. Uhrzeiten, Standorte, Gerätekennungen.“
Er legte ihn auf die Bank.
„Katharina hat sie mir am Tag ihres Todes gegeben.“
Alexander wurde kalt.
„Du hast sie an diesem Tag getroffen?“
„Ja.“
„Warum stand das in keinem Unfallbericht?“
„Weil sie mich unter einem falschen Namen traf.“
„Wann?“
„Etwa vierzig Minuten vor dem Unfall.“
Alexander machte einen Schritt auf ihn zu.
„Warst du der Letzte, der sie lebend gesehen hat?“
Matthias schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Stille.
„Wer dann?“
Matthias sah zu Denise.
Denise wurde kreidebleich.
„Nein.“
„Du wolltest Wahrheit“, sagte er.
Alexander wandte sich seiner Schwester zu.
„Denise?“
Ihre Lippen zitterten.
„Ich habe Katharina an diesem Morgen gesehen.“
Alexander konnte kaum sprechen.
„Wo?“
„Auf einem Parkplatz nahe der A7.“
„Warum hast du das nie erzählt?“
Tränen liefen über Denises Gesicht.
„Weil wir gestritten haben.“
„Worüber?“
„Sie wollte zur Polizei. Ich wollte, dass sie zuerst mit dir spricht.“
„Und dann?“
Denise schluckte.
„Sie stieg in ihr Auto und fuhr weg.“
„Das war alles?“
Denise schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
Alexander wartete.
„Bevor sie losfuhr, gab sie mir ihr Telefon.“
Mara runzelte die Stirn.
„Dann hatte Katharina beim Unfall kein Telefon bei sich?“
Denise schüttelte den Kopf.
„Das Telefon, das die Polizei fand, war nicht ihres.“
Friedrich trat plötzlich näher.
„Wo ist ihr echtes Telefon?“
Denise sah ihren Vater an.
„Bei mir.“
Alexander starrte sie an.
Ein Jahr.
Ein ganzes Jahr hatte seine Schwester das Telefon seiner Frau besessen.
„Warum?“
Denise begann zu weinen.
„Weil Katharina mich darum gebeten hat.“
„Warum?“
Denise entsperrte das alte Gerät.
„Sie sagte, wenn ihr etwas passiert, dürfe ich nur eine einzige Datei öffnen. Und erst dann, wenn Mara gefunden wurde und Vater wieder auftauchte.“
Alexander sah auf den Bildschirm.
Eine Videodatei.
Aufgenommen 23 Minuten vor Katharinas Unfall.
Denise drückte auf Wiedergabe.
Katharina erschien.
Lebendig.
Ihre Haare waren vom Regen feucht. Sie saß offenbar in ihrem Auto und sah immer wieder in den Rückspiegel.
Dann blickte sie direkt in die Kamera.
„Alexander, falls du das siehst, habe ich mich bei einer Sache geirrt.“
Alexander hörte auf zu atmen.
„Matthias ist nicht derjenige, vor dem du dich schützen musst.“
Eine kurze Pause.
„Und Denise auch nicht.“
Friedrich machte plötzlich einen Schritt auf das Telefon zu.
„Mach das aus.“
Denise wich zurück.
Katharina sprach weiter.
„Die gefälschten Unterschriften, die verschwundenen Gelder und mein Unfall, falls es wie einer aussehen sollte, führen alle zu derselben Person.“
Alexander sah seinen Vater an.
Friedrich stand regungslos.
Doch Katharina sagte nicht seinen Namen.
Stattdessen hielt sie ein Dokument in die Kamera.
Darauf war ein Firmenlogo zu erkennen.
Stein Familienverwaltung.
Und darunter eine Unterschrift.
Alexander beugte sich näher.
Nicht Friedrichs.
Nicht Denises.
Er kannte sie trotzdem.
„Nein“, flüsterte er.
Katharina sagte:
„Alexander, du hast diesem Menschen seit Jahren Zugang zu deinem Haus, deinem Unternehmen und zu Leonhard gegeben.“
Mara sah ihn an.
„Wer ist es?“
Alexander konnte den Blick nicht vom Bildschirm lösen.
Denn plötzlich erinnerte er sich an den Nachmittag.
An die drei angeblich ausgefallenen Servicekräfte.
An Mara, die genau heute als Ersatz in seine Villa gekommen war.
An jemanden, der sämtliche Abläufe organisiert hatte.
Jemanden, der wusste, wo Leonhard war.
Jemanden, dem Alexander seit Katharinas Tod beinahe blind vertraut hatte.
Er hob langsam den Kopf.
„Jonas.“







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