Unterhaltung

Der Restaurantleiter Feuerte Nina Vor Allen Gästen – Doch Dann Stand Der Neue Besitzer Auf Und Enthüllte Ein Geheimnis Über Ihren Toten Vater

Nina las die Nachricht dreimal. 23:30 Uhr. Alter Lieferanteneingang. Allein. Der Regen rauschte inzwischen stärker gegen das Vordach, doch sie nahm ihn kaum noch wahr. Vor ihren Augen stand nur der Name ihres Vaters. Wolfgang Hoffmann. Sie kannte seine Unterschrift. Als Kind hatte sie sie auf Geburtstagskarten gesehen, später auf Versicherungsunterlagen und schließlich auf den Papieren, die nach seinem Tod durch ihre Hände gegangen waren. Die Unterschrift auf dem Foto sah erschreckend echt aus.

„Du gehst da nicht allein hin“, sagte Kathrin.

„Ich gehe überhaupt nicht hin“, antwortete Nina, doch schon während sie es sagte, wusste sie, dass es nicht stimmte.

Thomas nahm ihr das Telefon nicht aus der Hand, sondern betrachtete nur das Foto. „Schicken Sie mir einen Screenshot.“

Nina sah ihn scharf an. „Nein.“

Thomas hob überrascht den Blick.

„Bis vor einer Stunde wusste ich nicht einmal, wer Sie sind. Jetzt soll ich Ihnen ein Dokument schicken, auf dem der Name meines toten Vaters steht?“

„Das ist vernünftig“, sagte er nach kurzem Schweigen.

Diese Antwort irritierte sie mehr als Widerspruch.

Kathrin legte Nina eine Hand auf den Arm. „Was weißt du über die Verbindung deines Vaters zu diesem Restaurant?“

„Nichts.“

Doch das Wort kam zu schnell.

Eine Erinnerung war plötzlich da. Nina war siebzehn gewesen. Ihr Vater hatte damals einige Monate lang fast jeden Donnerstag spät nach Hause gekommen. Wenn ihre Mutter fragte, wo er gewesen sei, hatte er immer dieselbe Antwort gegeben: bei einem Kunden in Düsseldorf. Nina hatte nie darüber nachgedacht. Wolfgang Hoffmann war Buchhalter gewesen. Kunden gehörten zu seinem Beruf.

„Er war Buchhalter“, sagte sie langsam.

Thomas' Aufmerksamkeit veränderte sich sofort. „Für wen?“

„Er hatte eine kleine eigene Kanzlei. Viele mittelständische Kunden.“

„Auch Gastronomie?“

„Vielleicht.“

Thomas blickte zurück zum Restaurant. „Dann könnte er die Bücher gekannt haben.“

Nina wollte widersprechen, doch plötzlich erinnerte sie sich an etwas anderes. Als sie sich vor sechs Jahren hier beworben hatte, hatte ihre Mutter ungewöhnlich heftig reagiert. Nicht verboten, nicht erklärt. Nur gefragt: Ausgerechnet dort?

Damals hatte Nina geglaubt, ihre Mutter halte die Stelle für unterbezahlt.

Jetzt bekam dieser Satz ein anderes Gewicht.

„Ich muss meine Mutter anrufen.“

Sie ging einige Meter zur Seite und wählte. Einmal. Zweimal. Beim dritten Versuch nahm ihre Mutter ab.

„Nina? Ist etwas passiert?“

„Mama, hat Papa für das Restaurant gearbeitet, in dem ich arbeite?“

Stille.

Keine Nachfrage. Kein überraschter Laut.

Nur Stille.

Nina schloss die Augen.

„Du weißt etwas.“

„Wo bist du?“

„Beantworte meine Frage.“

„Nina, fahr nach Hause.“

„Hat Papa für dieses Restaurant gearbeitet?“

Ihre Mutter atmete hörbar aus. „Nicht am Telefon.“

Nina spürte, wie sich ihre Finger um das Handy verkrampften. „Seit sechs Jahren arbeite ich hier. Sechs Jahre, Mama.“

„Genau deshalb wollte ich nicht, dass du dort anfängst.“

„Warum hast du mir nie gesagt, weshalb?“

Wieder Schweigen.

Dann sagte ihre Mutter etwas, das Nina noch weniger verstand.

„Weil dein Vater mich darum gebeten hat.“

Nina blickte automatisch zu Thomas und Kathrin.

„Papa war damals schon drei Jahre tot.“

„Er hat mich vor seinem Tod darum gebeten.“

„Worum?“

Die Stimme ihrer Mutter wurde leiser. „Dir niemals zu erzählen, was er dort gefunden hat.“

Nina konnte für einen Moment nicht sprechen.

„Was hat er gefunden?“

„Komm zu mir.“

„Mama—“

„Nicht dort. Nicht mit Leuten aus dem Restaurant. Und vor allem geh nicht in diesen Keller.“

Nina erstarrte.

„Woher weißt du vom Keller?“

Am anderen Ende wurde es vollkommen still.

Dann brach die Verbindung ab.

Nina rief sofort zurück. Keine Antwort.

„Was ist passiert?“, fragte Kathrin.

Nina erzählte ihnen nur einen Teil. Dass ihr Vater offenbar tatsächlich mit dem Restaurant verbunden gewesen war. Die Warnung vor dem Keller behielt sie zunächst für sich. Nicht weil sie Thomas oder Kathrin für gefährlich hielt, sondern weil sie plötzlich nicht mehr wusste, wem sie überhaupt vertrauen konnte.

Thomas sah auf seine Uhr. „Es ist kurz nach elf. Ich fahre Sie zu Ihrer Mutter.“

„Nein.“

„Dann nehmen Sie ein Taxi.“

„Ich bleibe.“

Kathrin starrte sie an. „Wegen der Nachricht?“

Nina nickte. „Wenn jemand etwas über meinen Vater weiß, will ich hören, was er zu sagen hat.“

Thomas schüttelte den Kopf. „Allein hinzugehen wäre genau das, was der Absender will.“

„Dann gehe ich offiziell allein.“

Zwanzig Minuten später stand Nina am Ende der schmalen Gasse hinter dem Restaurant. Thomas und Kathrin warteten außer Sichtweite im Auto auf der Parallelstraße. Nina hatte darauf bestanden, dass niemand näher kam, solange sie kein Zeichen gab.

23:29 Uhr.

Der alte Lieferanteneingang lag zwischen Müllcontainern und einer stillgelegten Kühlanlage. Eine einzelne Lampe über der Metalltür flackerte. Nina hörte ihren eigenen Atem.

23:30 Uhr.

Niemand kam.

23:32 Uhr.

Noch immer nichts.

Dann vibrierte ihr Telefon.

Unter der dritten Stufe.

Nina blickte auf die kleine Betontreppe vor dem Eingang. Sie kniete sich hin und tastete unter die dritte Stufe. Ihre Finger berührten Plastik.

Dort klebte ein kleiner Schlüssel in einem durchsichtigen Beutel.

Auf dem Anhänger stand:

ARCHIV 2

Nina richtete sich auf.

In diesem Moment öffnete sich hinter ihr die Metalltür.

Sie fuhr herum.

Doch es war nicht der unbekannte Absender.

Mehmet stand im Türrahmen.

Der sonst so ruhige Küchenmitarbeiter war kreidebleich.

„Nina? Was machst du hier?“

Sie versteckte den Schlüssel reflexartig in ihrer Faust. „Dasselbe könnte ich dich fragen.“

Mehmet sah nervös in die Gasse. „Jan hat uns alle nach Hause geschickt. Dann ist er in den Keller gegangen.“

Ninas Herz schlug schneller.

„Wann?“

„Vor zehn Minuten.“ Mehmet zögerte. „Mit zwei Benzinkanistern.“

Nina griff sofort nach ihrem Handy, doch Mehmet hielt ihren Arm fest.

„Warte.“

„Was?“

Er sah sie an, als müsse er innerhalb weniger Sekunden entscheiden, ob er etwas sagen durfte, das er jahrelang verschwiegen hatte.

„Es gibt etwas, das du wissen musst.“

„Dann sag es.“

„Ich habe deinen Vater gekannt.“

Nina bewegte sich nicht mehr.

Mehmet schluckte.

„Nicht gut. Ich war damals nur Aushilfe. Aber ich habe ihn mehrmals hier gesehen. Immer nachts. Immer im Keller.“

„Warum hast du mir nie etwas erzählt?“

„Weil ich erst später verstanden habe, dass du seine Tochter bist.“

„Und danach?“

Mehmet senkte den Blick.

„Danach hatte ich Angst.“

„Vor Jan?“

„Jan war damals noch gar nicht hier.“

Diese Antwort traf sie unerwartet.

„Vor wem dann?“

Mehmet öffnete den Mund, doch aus dem Gebäude drang plötzlich ein dumpfer Schlag. Sekunden später erlosch das Licht hinter der Kellertür.

Mehmet drehte sich um.

Nina zog den Schlüssel aus der Tasche.

„Wo ist Archiv 2?“

Als Mehmet den kleinen Anhänger sah, wich er einen Schritt zurück.

„Woher hast du den?“

„Wo ist es?“

Er zeigte auf die dunkle Treppe hinter sich.

„Ganz unten. Hinter dem normalen Archiv.“ Seine Stimme sank fast zu einem Flüstern. „Aber Nina, wenn du diesen Schlüssel hast, dann hat ihn dir jemand gegeben, der damals schon hier war.“

Sie wollte fragen, was er meinte, doch ihr Telefon vibrierte erneut.

Eine neue Nachricht.

Jan ist nicht das Problem. Er räumt nur für jemanden auf.

Darunter erschien ein zweiter Satz.

Frag Thomas Berger, warum sein Vater zusammen mit deinem Vater auf den alten Konten steht.

Nina hob langsam den Blick.

Draußen, am Ende der Gasse, erschien Thomas.

Er kam direkt auf sie zu.

Und zum ersten Mal seit diesem Abend fragte Nina sich nicht mehr, warum Thomas ihr helfen wollte.

Sondern was er ihr verschwieg.

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