Unterhaltung

Der Restaurantleiter Feuerte Nina Vor Allen Gästen – Doch Dann Stand Der Neue Besitzer Auf Und Enthüllte Ein Geheimnis Über Ihren Toten Vater

Thomas löste sich von dem älteren Mann und sagte etwas, das Nina durch die geschlossene Fensterscheibe nicht verstehen konnte. Ingrid stand neben ihr wie erstarrt. Ihre Hand umklammerte Ninas Arm so fest, dass es beinahe schmerzte.

„Bist du sicher, dass er es ist?“, fragte Nina.

„Ich vergesse diese Stimme nicht.“

„Du hast ihn damals gesehen?“

Ingrid nickte. „Nur einmal. Nach Wolfgangs Tod stand er plötzlich vor unserer Tür. Er stellte sich als Matthias Berger vor und behauptete, Heinrichs Bruder zu sein. Er wollte wissen, ob Wolfgang Unterlagen hinterlassen hatte.“

„Und du hast ihm geglaubt?“

„Anfangs. Bis ich später herausfand, dass Heinrich Einzelkind war.“

Nina sah wieder hinaus. Thomas und der Fremde standen inzwischen einige Meter voneinander entfernt. Ihre Körpersprache wirkte nicht vertraut. Die Umarmung hatte etwas Einseitiges gehabt, begriff Nina jetzt. Der ältere Mann hatte Thomas an sich gezogen; Thomas selbst war steif geblieben.

„Vielleicht kennt Thomas ihn unter einer anderen Identität.“

„Oder er weiß genau, wer er ist“, sagte Ingrid.

Nina nahm die schwarze Mappe vom Tisch. „Ich werde ihn fragen.“

„Nein.“

„Mama, ich kann nicht jede Person verdächtigen und gleichzeitig erwarten, irgendwann die Wahrheit zu erfahren.“

Sie ging zur Haustür. Ingrid folgte ihr, blieb jedoch im Flur zurück.

Als Nina hinaustrat, drehte Thomas sich sofort zu ihr um.

„Warum sind Sie hier?“, fragte sie.

„Kathrin hat mir geschrieben, dass Sie angekommen sind. Dann bekam ich einen Anruf.“

Er deutete auf den älteren Mann.

„Von ihm.“

Der Fremde lächelte schwach. Er mochte Mitte sechzig sein, trug einen dunklen Mantel und wirkte eher wie ein pensionierter Anwalt als wie jemand, dessen Auftauchen eine Frau nach neun Jahren noch immer erschreckte.

„Nina Hoffmann“, sagte er.

Es war keine Frage.

„Kennen wir uns?“

„Nein. Aber ich kannte Ihren Vater.“

Thomas bemerkte sofort Ninas Reaktion. „Was ist los?“

„Wie heißt er für Sie?“, fragte Nina.

Thomas runzelte die Stirn. „Martin Keller.“

Der Mann zeigte keinerlei Überraschung.

„Und wer ist Martin Keller?“

„Der ehemalige Steuerberater meines Vaters.“

Hinter Nina öffnete sich die Haustür.

Ingrid trat hinaus.

„Lügner.“

Martin Keller sah sie an. Sein Lächeln verschwand.

„Frau Hoffmann.“

„Diesen Namen haben Sie damals nicht benutzt.“

Thomas blickte zwischen ihnen hin und her. „Was bedeutet das?“

„Er stand nach Wolfgangs Tod vor meiner Tür“, sagte Ingrid. „Als Matthias Berger.“

Thomas sah Keller scharf an.

„Stimmt das?“

Keller schwieg.

„Stimmt das?“

„Ja.“

Thomas machte einen Schritt zurück. „Sie haben mir erzählt, Sie hätten Wolfgang Hoffmann kaum gekannt.“

„Weil ich wusste, dass du irgendwann anfangen würdest, dieselben Fragen zu stellen wie dein Vater.“

Das vertrauliche du ließ Nina aufhorchen.

Thomas ebenfalls. „Seit wann kennen Sie mich wirklich?“

Keller atmete langsam aus. „Seit deiner Geburt.“

Die Straße schien plötzlich vollkommen still.

„Mein Vater hat Sie erst kennengelernt, als ich fünfzehn war.“

„Das hat Heinrich dir erzählt.“

Thomas' Gesicht wurde hart. „Was wollen Sie hier?“

Keller blickte zur schwarzen Mappe in Ninas Händen. „Verhindern, dass ihr mit unvollständigen Informationen denselben Fehler macht wie eure Väter.“

„Unsere Väter haben Beweise gesammelt“, sagte Nina.

„Ja. Und dabei glaubten sie lange, Konrad Stein sei der Kopf hinter allem.“

„War er es nicht?“

„Stein war nützlich. Mehr nicht.“

Nina dachte an den Brief. Die gefährlichste Person ist nicht diejenige, deren Name auf den Verträgen steht, sondern diejenige, die Zugang zu allen Konten hatte.

„Sie“, sagte sie.

Keller sah sie an.

Thomas reagierte sofort. „Nina, Vorsicht.“

„Er war Steuerberater. Er hatte Zugang zu den Konten.“

Keller lächelte traurig. „Ihr Vater dachte dasselbe.“

„Und lag er falsch?“

„Teilweise.“

Er griff langsam in seinen Mantel. Thomas spannte sich sichtbar an, doch Keller zog nur einen kleinen USB-Stick heraus.

„Darauf befinden sich Kopien der ursprünglichen Buchhaltung von 2008 bis 2017.“

Nina bewegte sich nicht.

„Warum geben Sie uns die jetzt?“

„Weil Konrad Stein heute Nacht verschwinden wird.“

Thomas sah auf die Uhr. „Woher wissen Sie das?“

„Weil er seit Jahren einen Fluchtplan hat.“

„Dann rufen wir die Polizei.“

„Tun Sie das. Aber wenn Sie nur Stein festhalten, werden Sie niemals erfahren, wer das Geld tatsächlich bekommen hat.“

Keller hielt Thomas den USB-Stick hin.

Thomas nahm ihn nicht.

„Warum sollte ich Ihnen vertrauen?“

„Solltest du nicht.“

Diese Antwort ließ selbst Ingrid kurz irritiert wirken.

Keller legte den Stick auf die Motorhaube von Kathrins Wagen.

„Prüft alles selbst.“

Dann sah er Nina an.

„Und bevor Sie Ihrer Mutter jedes Wort glauben, fragen Sie sie, warum Wolfgang Hoffmann seine letzten Unterlagen nicht ihr anvertraut hat.“

Ingrid wurde blass.

„Verschwinden Sie.“

„Warum, Ingrid? Weil Nina sonst erfährt, dass Wolfgang Ihnen am Ende ebenfalls nicht mehr vertraute?“

Nina drehte sich zu ihrer Mutter.

„Was meint er?“

„Nichts.“

Keller schüttelte langsam den Kopf. „Wolfgang wusste, dass Informationen aus seinem Haus weitergegeben wurden.“

„Hören Sie auf!“, rief Ingrid.

Zum ersten Mal verlor sie die Kontrolle.

Nina wich einen Schritt zurück.

„Mama?“

Ingrids Augen füllten sich mit Tränen. „Ich habe niemanden verraten.“

„Das habe ich nicht behauptet“, sagte Keller.

Gerade deshalb traf der Satz.

Thomas nahm schließlich den USB-Stick. „Genug. Sie gehen jetzt.“

Keller nickte. Bevor er sich umdrehte, sagte er leise: „Auf dem Stick gibt es einen Ordner namens H-17. Öffnet ihn zuletzt.“

Dann ging er zu seinem Wagen.

Nina wollte ihm folgen, doch Thomas hielt sie zurück. „Wir haben sein Kennzeichen. Lassen Sie ihn.“

Im Haus schlossen sie den USB-Stick an Ninas alten Laptop an, nachdem Thomas darauf bestanden hatte, das Gerät vom Internet zu trennen. Dutzende Tabellen und gescannte Dokumente erschienen. Lieferanten, Überweisungen, Rechnungen. Nina verstand zunächst kaum etwas, doch Thomas erkannte schnell das Muster: Geld war über Scheinfirmen aus dem Restaurant abgeflossen und anschließend auf mehrere Privatkonten verteilt worden.

Eines gehörte Konrad Stein.

Ein weiteres hatte Heinrich Berger gehört.

Und eines lief auf Wolfgang Hoffmann.

„Deshalb wurden ihre Unterschriften benutzt“, sagte Nina.

Thomas nickte. „Jemand hat ihre Namen benutzt, um die Zahlungen legitim aussehen zu lassen.“

Sie arbeiteten fast eine Stunde. Ingrid saß schweigend am anderen Ende des Tisches. Kathrin war inzwischen ebenfalls hereingekommen.

Schließlich blieb nur noch der Ordner H-17.

Nina öffnete ihn.

Darin befand sich keine Buchhaltung.

Nur eine Audiodatei.

Datum: neun Jahre zuvor, drei Tage vor Wolfgangs Tod.

Nina klickte darauf.

Zunächst rauschte es. Dann hörte sie die Stimme ihres Vaters.

„Wenn diese Aufnahme gefunden wird, ist etwas schiefgegangen.“

Nina hielt den Atem an.

Wolfgang sprach weiter.

„Konrad Stein ist beteiligt, aber er arbeitet nicht allein. Heinrich und ich haben den Zugang zu den Konten zurückverfolgt. Die Person, die sämtliche Überweisungen freigegeben hat, gehört zu meiner eigenen Familie.“

Nina sah langsam zu Ingrid.

Ihre Mutter begann zu weinen.

Doch auf der Aufnahme sagte Wolfgang noch einen Satz.

„Ingrid weiß nichts davon. Sie darf niemals dafür verantwortlich gemacht werden.“

Nina erstarrte.

Ihre Mutter hob den Kopf.

Dann kam aus den Lautsprechern ein Name.

„Es ist mein Bruder, Ralf Hoffmann.“

Nina fühlte, wie ihr der Boden unter den Füßen entglitt.

„Papa hatte keinen Bruder“, flüsterte sie.

Ingrid schüttelte unter Tränen den Kopf.

„Doch.“

Nina starrte sie an.

„Warum habe ich nie von ihm gehört?“

Ingrid brauchte mehrere Sekunden für ihre Antwort.

„Weil Ralf Hoffmann seit zweiunddreißig Jahren offiziell tot ist.“

Thomas sah auf den Bildschirm.

Die Audiodatei lief weiter.

Wolfgangs Stimme wurde leiser.

„Und wenn Ralf noch lebt, dann ist Martin Keller nicht der Mann, für den er sich ausgibt.“

In diesem Moment vibrierte Thomas' Telefon.

Eine automatische Nachricht seiner Bank war eingegangen.

Thomas öffnete sie – und verlor jede Farbe im Gesicht.

Von einem seit Jahren ungenutzten Konto seines verstorbenen Vaters waren gerade 480.000 Euro überwiesen worden.

Empfänger:

Ralf Hoffmann.

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