Nina starrte auf die Nachricht ihrer Mutter, während Thomas neben ihr die wichtigsten Unterlagen aus Archiv 2 sicherte. Thomas und du seid schon einmal miteinander verbunden gewesen. Sie versuchte sich zu erinnern, doch in ihrem Kopf fand sich nichts. Thomas Berger war für sie bis zu diesem Abend ein Fremder gewesen. Sie kannte sein Gesicht nicht, seinen Namen nicht, nicht einmal die Familie Berger. Trotzdem hatte ihre Mutter ausdrücklich geschrieben, dass Thomas nichts erfahren durfte.
„Alles in Ordnung?“, fragte Thomas.
Nina sperrte das Display. „Meine Mutter hat geantwortet.“
„Was sagt sie?“
„Dass ich kommen soll.“
Thomas nahm seinen Mantel vom Stuhl. „Gut. Dann fahren wir.“
„Allein.“
Er hielt inne.
„Sie will mich allein sprechen.“
„Nach dem Anruf von Stein halte ich das für keine gute Idee.“
„Sie ist meine Mutter.“
„Und Konrad Stein wusste offenbar, dass sie Informationen besitzt.“
Nina schwieg. Genau deshalb musste sie hin. Nicht weil sie Thomas grundsätzlich misstraute, sondern weil ihr Vater in seinem Brief ausdrücklich vor Menschen gewarnt hatte, die behaupteten, das Restaurant kaufen zu wollen. Vielleicht bezog sich diese Warnung nicht auf Thomas. Vielleicht doch.
„Ich fahre zu ihr“, sagte Nina. „Kathrin kann mich bringen.“
Thomas musterte sie lange. Er merkte offensichtlich, dass sie ihm etwas verschwieg, drängte aber nicht weiter. „Dann nehmen Sie wenigstens Kopien mit, nicht die Originale.“
„Warum?“
„Weil Stein weiß, dass wir sie gefunden haben.“
Dieser Gedanke genügte. Thomas fotografierte die wichtigsten Seiten, während Nina den Brief ihres Vaters einsteckte. Mehmet blieb bei Jan, bis Kathrin zurückkam. Die Polizei war informiert worden, allerdings zunächst nur wegen des Verdachts auf manipulierte Geschäftsunterlagen und der Kanister. Jan hatte inzwischen jede Gegenwehr aufgegeben. Bevor Nina ging, hielt er sie noch einmal zurück.
„Nina.“
Sie drehte sich um.
„Stein hat mich vor drei Wochen nicht nur nach dir gefragt.“
„Nach wem noch?“
Jan sah zu Thomas.
„Nach ihm.“
Thomas runzelte die Stirn.
„Was wollte er wissen?“
„Ob ihr euch schon begegnet seid.“
Nina spürte sofort wieder das Gewicht des Handys in ihrer Tasche.
Thomas dagegen wirkte vollkommen verwirrt. „Warum sollte Stein glauben, dass wir uns kennen?“
Jan schüttelte den Kopf. „Das hat er nicht erklärt.“
Nina sagte nichts mehr.
Vierzig Minuten später saß sie in Kathrins Wagen. Düsseldorf lag hinter ihnen, und die nächtlichen Straßen wurden ruhiger. Ninas Mutter lebte seit dem Tod ihres Mannes in einem kleinen Reihenhaus in Ratingen. Während der Fahrt erzählte Nina Kathrin nichts von den letzten Nachrichten. Sie sah nur hinaus und versuchte, Erinnerungen zu ordnen. Ihr Vater. Heinrich Berger. Thomas. Irgendwo musste es eine Verbindung geben.
Als sie vor dem Haus ankamen, brannte Licht im Wohnzimmer.
„Soll ich mitkommen?“, fragte Kathrin.
„Nein. Warte bitte hier.“
Ninas Mutter öffnete die Tür, noch bevor Nina klingeln konnte. Ingrid Hoffmann war siebenundsechzig, eine sonst beherrschte Frau, die selbst bei schlechten Nachrichten zunächst Kaffee aufsetzte. Heute jedoch wirkte sie, als hätte sie seit Stunden geweint.
„Wo ist Thomas Berger?“
„Nicht hier.“
Ingrid blickte über Ninas Schulter zur Straße.
„Mama, was passiert hier?“
„Komm rein.“
Im Wohnzimmer standen mehrere alte Kartons auf dem Tisch. Nina kannte sie. Nach dem Tod ihres Vaters waren sie jahrelang auf dem Dachboden geblieben.
Ingrid setzte sich nicht.
„Hast du Wolfgangs Brief gefunden?“
„Ja.“
Ihre Mutter schloss die Augen.
„Dann hat Stein recht gehabt.“
Nina wurde kalt. „Du hast mit Konrad Stein gesprochen?“
„Heute nicht.“
„Wann dann?“
„Vor neun Jahren.“
Nina starrte sie an.
Ingrid zog einen Umschlag aus einem Karton. „Dein Vater wusste, dass er krank war. Nicht viele wussten davon, weil er nicht wollte, dass du dir Sorgen machst. In seinen letzten Monaten wollte er die Sache mit dem Restaurant beenden.“
Nina erinnerte sich an jene Zeit. Ihr Vater war dünner geworden, hatte ständig behauptet, es sei Stress. Erst sehr spät hatte die Familie erfahren, wie ernst seine Erkrankung war.
„Was hat das mit Thomas zu tun?“
Ingrid setzte sich schließlich.
„Heinrich Berger hatte einen Sohn. Thomas. Nach Heinrichs Tod kümmerte sich Wolfgang eine Zeit lang um bestimmte Unterlagen der Familie.“
„Das erklärt noch nicht die Nachricht.“
„Nein.“
Ingrid öffnete den Umschlag und legte ein altes Foto auf den Tisch.
Nina nahm es.
Darauf stand ihr Vater vor einem Krankenhaus. Neben ihm ein deutlich jüngerer Thomas Berger, vielleicht Anfang zwanzig. Zwischen ihnen stand Nina selbst.
Sie war neunzehn.
Nina ließ das Foto beinahe fallen.
„Das ist unmöglich.“
Sie erinnerte sich an den Mantel, den sie auf dem Foto trug. Sogar an diesen Tag. Ihr Vater hatte sie gebeten, ihn nach Köln zu fahren, weil er sich nach einer Behandlung nicht gut fühlte. Vor dem Krankenhaus hatte er kurz mit einem jungen Mann gesprochen.
Nina hatte dessen Gesicht vergessen.
„Thomas“, flüsterte sie.
„Ihr habt vielleicht fünf Minuten miteinander gesprochen“, sagte Ingrid. „Für dich bedeutete es nichts.“
„Aber für Papa?“
Ingrid zog ein zweites Dokument hervor.
„Sehr viel.“
Es war eine Erklärung, unterschrieben von Wolfgang Hoffmann und Heinrich Berger. Darin verpflichteten sich beide Männer, Beweismaterial über mehrere Scheinfirmen getrennt aufzubewahren. Falls einem von ihnen etwas geschah, sollte jeweils die Familie des anderen geschützt werden.
„Deshalb hat Papa Thomas getroffen?“
„Wolfgang wollte wissen, ob Heinrichs Sohn etwas über die Unterlagen wusste. Thomas wusste damals nichts.“
Nina atmete erleichtert aus. Zumindest das erklärte einen Teil.
Doch Ingrid schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht die Verbindung, vor der ich dich warnen wollte.“
Nina sah sie an.
Ihre Mutter griff tiefer in den Karton und zog eine dünne schwarze Mappe hervor.
„Nach Heinrichs Tod stellte dein Vater fest, dass jemand weiterhin Geld über ein Konto bewegte, das Heinrich gehörte. Wolfgang glaubte zuerst, seine Unterschrift werde gefälscht.“
„Wie bei Papas Unterschrift.“
„Ja. Dann entdeckte er etwas anderes.“
Ingrid öffnete die Mappe.
Darin lag ein alter Kontoauszug.
Thomas Bergers Name stand darauf.
Nina spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog.
„Thomas war damals Anfang zwanzig“, sagte Ingrid. „Auf seinen Namen liefen mehrere Zahlungen. Sehr hohe Zahlungen.“
„Vielleicht wusste er nichts davon.“
„Das glaubte dein Vater auch.“
„Und später?“
Ingrid sah ihre Tochter lange an.
„Später wollte Wolfgang Thomas warnen. Am Abend vor dem Treffen bekam dein Vater einen Anruf.“
„Von Stein?“
„Nein.“
„Von wem?“
Ingrid öffnete den Mund, doch draußen hielt ein Wagen.
Scheinwerfer glitten über die Wohnzimmerwand.
Nina ging sofort zum Fenster.
Kathrin stieg aus ihrem Auto. Gleichzeitig öffnete sich die Tür eines zweiten Wagens.
Thomas.
„Was macht er hier?“, flüsterte Ingrid.
Nina griff nach ihrem Handy. Keine Nachricht von ihm.
Thomas ging nicht zum Haus.
Er blieb auf dem Gehweg stehen und blickte zu dem zweiten Wagen, der unmittelbar hinter ihm angehalten hatte.
Ein älterer Mann stieg aus.
Ingrid trat neben Nina ans Fenster.
Als sie ihn erkannte, verlor ihr Gesicht jede Farbe.
„Mama?“
Ihre Mutter griff nach Ninas Arm.
„Das kann nicht sein.“
„Wer ist das?“
Ingrid antwortete kaum hörbar.
„Der Mann, der deinen Vater am Abend vor seinem Tod angerufen hat.“
Draußen ging Thomas auf den Fremden zu.
Und dann geschah etwas, womit Nina nicht gerechnet hatte.
Thomas umarmte ihn.
Ingrid starrte durch das Fenster.
„Nina“, flüsterte sie, „dieser Mann hat damals behauptet, Heinrich Bergers Bruder zu sein.“
Sie machte eine Pause.
„Aber Heinrich Berger hatte keinen Bruder.“







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