Thomas blieb einige Meter vor Nina stehen. Der Regen hatte seine Schultern dunkel gefärbt, und für einen Moment sagte keiner von ihnen etwas. Mehmet stand noch immer in der geöffneten Metalltür, während Nina das Handy so fest hielt, dass ihre Finger schmerzten. Auf dem Display leuchtete der Satz, der innerhalb weniger Sekunden alles verändert hatte: Frag Thomas Berger, warum sein Vater zusammen mit deinem Vater auf den alten Konten steht.
„Wie hieß Ihr Vater?“, fragte Nina.
Thomas blieb stehen. „Was?“
„Ihr Vater. Wie hieß er?“
Etwas in seinem Gesicht verriet ihr, dass die Frage keineswegs überraschend war.
„Nina“, begann er.
„Sein Name.“
„Heinrich Berger.“
Mehmet sog hörbar Luft ein.
Nina drehte sich zu ihm. „Du kennst den Namen?“
Mehmet sah Thomas an, als hätte er plötzlich einen Mann vor sich, den er seit Jahren vermeiden wollte. „Berger“, murmelte er. „Natürlich.“
Thomas trat näher. „Was wissen Sie über meinen Vater?“
„Nicht viel.“ Mehmet schüttelte den Kopf. „Aber genug, um zu wissen, dass Wolfgang Hoffmann nicht allein hierherkam.“
Nina spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Mein Vater und Heinrich Berger waren gemeinsam hier?“
„Manchmal.“
Thomas schloss kurz die Augen. Keine Überraschung. Eher Bestätigung.
„Sie wussten es“, sagte Nina.
„Ich vermutete es.“
„Sie haben mir erzählt, Sie hätten meinen Namen erst in diesen anonymen Berichten gesehen.“
„Das stimmt.“
„Aber Hoffmann war Ihnen vorher schon ein Begriff.“
Thomas schwieg.
Nina ging auf ihn zu. „Sie standen vor einer Stunde neben mir und haben so getan, als hätten Sie keine Ahnung, wer mein Vater ist.“
„Ich wusste nicht, dass Wolfgang Hoffmann Ihr Vater war.“
„Wann haben Sie es verstanden?“
Thomas sah auf ihr Handy. „Als Sie seinen Namen auf dem Foto erkannt haben.“
„Und danach haben Sie nichts gesagt.“
„Weil ich selbst nicht weiß, was zwischen unseren Vätern passiert ist.“
Nina lachte bitter. „Aber genau deshalb wollen Sie dieses Restaurant kaufen.“
Thomas antwortete nicht sofort.
Das Schweigen war Antwort genug.
„Unglaublich.“
Sie wandte sich ab, doch Thomas sagte hinter ihr: „Mein Vater starb vor elf Jahren.“
Nina blieb stehen.
„Zwei Jahre vor Ihrem Vater“, fuhr er fort. „Offiziell hatte Heinrich Berger mit diesem Restaurant nie etwas zu tun. Trotzdem fand ich nach dem Tod meiner Mutter vor knapp einem Jahr Unterlagen in ihrem Haus. Überweisungen. Rechnungen. Kopien von Verträgen. Auf mehreren davon tauchte der Name dieses Restaurants auf.“
„Und Wolfgang Hoffmann?“
„Auf zwei Dokumenten.“
Nina drehte sich langsam zurück.
„Deshalb begann ich nachzuforschen“, sagte Thomas. „Nicht wegen einer Investition. Die Idee einer Übernahme kam später. Ich wollte Zugang zu den Geschäftsbüchern.“
„Dann war alles geplant.“
„Ja.“
Das Wort traf Nina härter als jede Ausrede.
„Und ich? War ich auch Teil Ihres Plans?“
„Nein.“
„Woher soll ich das wissen?“
Thomas machte einen Schritt auf sie zu. „Weil ich bis heute Abend nicht wusste, wer Sie sind.“
Aus dem Keller drang plötzlich wieder ein Geräusch. Metall schabte über Beton.
Mehmet drehte sich erschrocken um. „Jan.“
Nina erinnerte sich an die Kanister.
„Wir müssen runter.“
Thomas griff nach ihrem Arm, ohne sie festzuhalten. „Nicht, bevor wir wissen, was er dort macht.“
„Wenn er Unterlagen vernichtet, haben wir in zehn Minuten vielleicht gar nichts mehr.“
Damit ging Nina an Mehmet vorbei in das Gebäude.
Die Kellertreppe war nur schwach durch die Notbeleuchtung erhellt. Thomas folgte ihr, Mehmet unmittelbar dahinter. Kathrin, die inzwischen vom Wagen gekommen war, blieb oben und sollte den derzeitigen Eigentümer sowie notfalls die Polizei verständigen.
Unten roch es nach Feuchtigkeit, Reinigungsmitteln und etwas Scharfem. Nina dachte sofort an Benzin.
Am Ende des Ganges stand eine Tür offen.
Dahinter bewegte sich Licht.
Thomas hob die Hand und bedeutete ihr, langsamer zu werden. Sie näherten sich dem normalen Archiv. Kartons standen auf dem Boden, einige geöffnet. Ordner lagen verstreut herum.
Jan kniete vor einem Metallcontainer.
Neben ihm standen tatsächlich zwei Kanister.
„Jan.“
Er fuhr herum.
Als er Nina sah, veränderte sich sein Gesicht.
„Bist du verrückt geworden?“
„Was machst du hier?“
„Das geht dich nichts mehr an.“
Thomas trat neben Nina. „Dann erklären Sie es mir.“
Jan sah die drei an. Für einige Sekunden wirkte er, als suche er nach einem Ausweg.
Dann lachte er plötzlich.
Nicht selbstsicher. Erschöpft.
„Ihr glaubt wirklich, ich wäre derjenige, vor dem ihr Angst haben solltet.“
„Sie wollten Unterlagen vernichten“, sagte Thomas.
Jan blickte auf die Kanister. „Ich sollte sie vernichten.“
„Für wen?“, fragte Nina.
Jan schwieg.
Sie ging einen Schritt näher. „Für wen?“
„Wenn ich den Namen sage, verliere ich mehr als meinen Job.“
„Sie haben gerade versucht, meine Existenz mit gefälschten Beschwerden aus diesem Restaurant zu löschen.“
„Das war nicht meine Idee.“
„Aber Sie haben es getan.“
Jan sah sie lange an. Dann senkte er den Kopf.
„Vor drei Wochen bekam ich die Anweisung, deine Personalakte vorzubereiten.“
„Von wem?“
„Jemandem, der wusste, dass Berger kurz vor der Übernahme steht.“
Thomas wurde aufmerksam. „Wer wusste davon? Die Verhandlungen sind vertraulich.“
Jan antwortete nicht.
Nina zog den kleinen Schlüssel hervor.
Als Jan ihn sah, wurde sein Gesicht schlagartig blass.
„Woher hast du den?“
„Was ist Archiv 2?“
„Gib mir den Schlüssel.“
„Nein.“
Jan kam einen Schritt näher.
Mehmet stellte sich sofort zwischen ihn und Nina.
„Fass sie nicht an.“
Jan blieb stehen. Dann sah er Nina direkt in die Augen.
„Du verstehst nicht. Wenn dieser Schlüssel wieder aufgetaucht ist, weiß jemand, dass du Wolfgangs Tochter bist.“
„Das wissen offenbar längst mehrere Menschen.“
„Nein.“ Jan schüttelte den Kopf. „Nicht so.“
Nina blickte auf die hintere Wand. Hinter einem Regal erkannte sie die Konturen einer schmalen Metalltür.
Sie ging darauf zu.
Jan sagte plötzlich: „Nina, mach sie nicht auf.“
Sie ignorierte ihn.
Der Schlüssel passte.
Ein leises Klicken.
Thomas half ihr, das schwere Regal etwas zur Seite zu ziehen. Dahinter öffnete Nina die Tür.
Archiv 2 war viel kleiner als erwartet. Kein großer Lagerraum, sondern eine fensterlose Kammer mit drei Metallschränken und einem alten Schreibtisch. Alles war mit Staub bedeckt – bis auf eine Schublade.
Jemand hatte sie vor Kurzem geöffnet.
Nina zog sie heraus.
Darin lagen mehrere Ordner. Auf einem stand handschriftlich:
Hoffmann / Berger – 2008–2017
Thomas erstarrte.
Nina öffnete den Ordner.
Bankbelege. Lieferantenrechnungen. Gesellschaftsverträge. Einige Seiten trugen die Unterschrift ihres Vaters, andere die von Heinrich Berger. Doch dann fiel ein Umschlag heraus.
Auf der Vorderseite stand nur:
Für Nina – falls sie eines Tages hier arbeitet.
Nina konnte kaum atmen.
Die Schrift kannte sie.
Es war die Handschrift ihres Vaters.
„Das hat er für mich geschrieben“, flüsterte sie.
Mit zitternden Fingern öffnete sie den Umschlag. Darin lag ein mehrseitiger Brief. Die erste Zeile ließ sie den Atem anhalten.
Meine liebe Nina, wenn du diesen Brief liest, ist genau das passiert, was ich verhindern wollte. Du bist in dieses Restaurant zurückgekehrt.
Sie las weiter.
Dann stockte sie.
Thomas bemerkte es. „Was steht da?“
Nina hob langsam den Kopf.
„Mein Vater schreibt, dass er und dein Vater keine Geschäftspartner waren.“
Thomas runzelte die Stirn.
„Was dann?“
Nina blickte wieder auf die Seite.
Dort stand:
Heinrich Berger und ich haben drei Jahre lang Beweise gesammelt. Nicht gegen das Restaurant, sondern gegen den Mann, dem es in Wahrheit gehört. Heinrich bezahlte dafür mit seinem Leben. Wenn mir ebenfalls etwas geschieht, vertraue niemandem, der behauptet, dieses Haus kaufen zu wollen.
Thomas wurde kreidebleich.
Doch Nina las den nächsten Satz nicht laut vor.
Denn darunter hatte ihr Vater einen Namen geschrieben.
Und dieser Name war nicht Thomas Berger.
Es war der Name des Mannes, der Thomas angeblich die Übernahme des Restaurants verkaufen wollte.







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