Viktoria Hartmanns kaum sichtbares Kopfschütteln dauerte vielleicht zwei Sekunden. Für Anna fühlte es sich länger an. Sie hatte diese Frau zwölf Jahre lang gekannt, hatte mit ihr an langen Weihnachtstafeln gesessen, ihre spitzen Bemerkungen über Kleidung, Herkunft und „angemessenes Auftreten“ ertragen und erlebt, wie Viktoria jeden Fehler ihres Sohnes in eine Tugend verwandelte. Doch diesen Ausdruck hatte Anna noch nie in ihrem Gesicht gesehen.
Es war Angst.
Alexander bemerkte, dass Anna seine Mutter beobachtete.
„Meine Mutter hat damit nichts zu tun“, sagte er plötzlich.
Der Richter hob langsam den Blick.
„Niemand hat Ihre Mutter beschuldigt, Herr Hartmann.“
Alexander schwieg.
Ein Fehler.
Anna sah, wie seine Anwälte einander ansahen. Auch sie hatten verstanden, dass Alexander gerade auf eine Frage geantwortet hatte, die niemand gestellt hatte.
„Ich beantrage eine kurze Unterbrechung“, sagte einer seiner Anwälte.
Der Richter blickte auf die Uhr. „Zehn Minuten. Die Kinder bleiben währenddessen bei Frau Keller und der Verfahrensbeiständin. Der USB-Stick bleibt beim Gericht.“
Alexander sprang beinahe wieder auf.
„Herr Vorsitzender—“
„Das war keine Einladung zur Diskussion.“
Als der Richter den Saal verließ, brach das kontrollierte Schweigen auseinander. Menschen flüsterten, Stühle rückten, irgendwo fiel eine Mappe zu Boden. Anna hörte nichts davon richtig. Sie kniete vor Elias und Jonas und legte beiden die Hände an die Wangen.
„Warum habt ihr mir nichts gesagt?“
Jonas begann sofort zu weinen.
„Weil Papa gesagt hat, du würdest alles abstreiten.“
Anna zog ihn an sich.
Elias blieb stehen.
„Und er sagte, wenn wir dir von dem Video erzählen, kommst du wieder ins Krankenhaus.“
Anna löste sich langsam von Jonas.
„Welches Krankenhaus?“
Elias’ Blick wanderte über ihre Schulter.
Alexander stand einige Meter entfernt zwischen seinen Anwälten. Einer sprach eindringlich auf ihn ein. Alexander hörte offenbar nicht zu.
Er beobachtete Elias.
„Das weiß ich nicht“, flüsterte der Junge.
Dann griff er nach Annas Hand.
„Aber Papa hatte Papiere.“
„Was für Papiere?“
„Mit deinem Namen. Und oben stand irgendwas mit Klinik.“
Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
Sie war niemals stationär psychiatrisch behandelt worden.
Nicht einen einzigen Tag.
Nach der Trennung hatte sie zwei Gespräche bei einer Therapeutin geführt, weil sie nicht mehr schlafen konnte. Alexander hatte genau das später benutzt, um sie als psychisch instabil darzustellen.
Mehr nicht.
„Elias“, fragte Anna vorsichtig, „wo hast du diese Papiere gesehen?“
„In dem Schrank.“
„Zusammen mit dem USB-Stick?“
Er nickte.
„Warum hast du nur den Stick genommen?“
Elias sah zu Boden.
„Weil jemand kam.“
Anna erstarrte.
„Wer?“
Bevor er antworten konnte, erschien Viktoria neben ihnen.
„Anna.“
Anna stand sofort auf und stellte sich vor die Jungen.
„Bleiben Sie weg von ihnen.“
Viktorias Gesicht zuckte.
„Ich möchte nicht mit den Kindern sprechen.“
„Dann haben wir überhaupt nichts zu besprechen.“
Viktoria blickte zu Alexander. Er diskutierte noch immer mit seinen Anwälten.
Dann senkte sie die Stimme.
„Doch. Haben wir.“
Anna wollte gehen, aber Viktorias nächste Worte hielten sie fest.
„Wenn Reinhardt wirklich aussagt, darfst du nicht glauben, dass damit alles vorbei ist.“
Anna drehte sich langsam um.
„Was wissen Sie?“
Viktoria presste die Lippen zusammen.
„Mehr, als mir lieb ist.“
„Dann sagen Sie es dem Richter.“
„Das kann ich nicht.“
„Warum?“
Viktoria sah zu Elias und Jonas.
„Weil Alexander nicht der Einzige ist, den du damit zu Fall bringen würdest.“
Anna spürte einen eisigen Stich.
„Wen noch?“
Doch Viktoria trat bereits zurück.
„Frag Reinhardt nach dem 17. Februar.“
Dann ging sie.
Anna wollte ihr folgen, doch Elias zog an ihrer Hand.
„Mama.“
Sein Gesicht war plötzlich vollkommen blass.
„Das war der Tag.“
„Welcher Tag?“
„Als Papa mich aus der Schule geholt hat.“
Anna konnte sich sofort erinnern.
- Februar.
Alexander hatte ihr damals geschrieben, Elias habe Fieber. Später hatte er behauptet, der Junge habe den Nachmittag schlafend in der Villa verbracht.
„Wo hat er dich hingebracht?“
Elias schüttelte den Kopf.
„Nicht nach Hause.“
Noch bevor Anna weiterfragen konnte, öffnete sich die Tür. Der Gerichtsdiener bat alle zurück auf ihre Plätze.
Der Richter kehrte wenige Minuten später zurück.
„Dr. Reinhardt befindet sich auf dem Weg hierher. Bis zu seinem Eintreffen wird dieses Gericht keine weiteren Dateien abspielen. Zunächst möchte ich die Kinder anhören.“
Alexander flüsterte seinem Anwalt etwas zu.
Der Mann erhob sich.
„Wir halten eine weitere Befragung angesichts der emotionalen Belastung der Minderjährigen für unverantwortlich.“
„Interessant“, sagte Annas Anwältin, „nachdem Ihr Mandant offenbar keine Bedenken hatte, ihnen manipuliertes Videomaterial zu zeigen.“
„Das ist nicht bewiesen.“
„Genug“, unterbrach der Richter.
Dann sah er Elias an.
„Du hast gesagt, du möchtest mir etwas zeigen. Hast du den USB-Stick selbst kopiert?“
Elias schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Wer dann?“
Alexander hob langsam den Kopf.
Elias zögerte.
Anna konnte sehen, wie der Junge innerlich kämpfte.
„Du bist hier sicher“, sagte der Richter.
Elias atmete tief ein.
„Eine Frau.“
Ein Raunen ging durch den Saal.
Alexander wurde regungslos.
„Welche Frau?“, fragte der Richter.
„Ich kenne ihren Namen nicht.“
„Wie hast du sie getroffen?“
Elias sah zu seiner Mutter.
„Am 17. Februar.“
Anna hörte Viktoria hinter sich scharf einatmen.
„Papa hat mich von der Schule abgeholt. Er sagte, wir müssten jemanden besuchen. Wir sind zu einem Büro gefahren.“
„Wo?“
„Ich weiß es nicht genau. Da war ein großer Fernsehturm zu sehen.“
Berlin. Das konnte vieles bedeuten.
„Was geschah dort?“
Elias rieb nervös seine Finger aneinander.
„Papa ging mit einem Mann in einen anderen Raum. Ich sollte draußen warten. Dann kam eine Frau zu mir.“
„Wie sah sie aus?“
„Vielleicht so alt wie Mama. Dunkle Haare. Eine Narbe hier.“
Er zeigte auf die Stelle unter seinem linken Ohr.
Anna hörte plötzlich auf zu atmen.
Sie kannte eine Frau mit genau dieser Narbe.
Eine Frau, die sie seit fast zehn Jahren nicht gesehen hatte.
„Hat sie dir etwas gesagt?“, fragte der Richter.
Elias nickte.
„Sie kannte meinen Namen.“
Anna umklammerte die Tischkante.
„Was hat sie gesagt?“
Elias sah seine Mutter an.
„Sie sagte: Wenn dein Vater dir irgendwann etwas über deine Mutter zeigt, glaub nicht sofort, was du siehst.“
Anna wurde schwindelig.
„Und dann?“
„Später, als Papa wieder im Raum war, hat sie mir heimlich einen Zettel gegeben. Darauf stand eine Nummer. Ich habe sie angerufen, nachdem Jonas und ich Papas Gespräch gehört hatten.“
„Und diese Frau hat den USB-Stick kopiert?“
„Ja.“
Alexander stand abrupt auf.
„Das reicht!“
Diesmal packte sein Anwalt ihn tatsächlich am Arm.
Doch Alexander riss sich los.
„Du weißt nicht, wer diese Frau ist, Elias!“
Der Junge zuckte zurück.
Der Richter befahl dem Gerichtsdiener, Alexander von seinen Söhnen fernzuhalten.
Anna sah ihren Ex-Mann an.
Sein Gesicht war verändert.
Keine Maske mehr.
„Du kennst sie“, sagte Anna.
Alexander antwortete nicht.
„Wer ist sie?“
„Anna“, sagte er leise, „lass es.“
Diese zwei Worte erschreckten sie mehr als sein Schreien.
Denn Alexander Hartmann bat niemals.
„Wer ist sie?“
Bevor er antworten konnte, öffnete sich hinten die Tür.
Ein Mann Anfang sechzig trat herein.
Dr. Reinhardt.
Sein Gesicht war grau vor Erschöpfung. Unter seinem Arm klemmte eine dicke braune Aktenmappe.
Der Richter ließ ihn nach vorn kommen.
Reinhardt setzte sich, wurde über seine Wahrheitspflicht belehrt und legte beide Hände auf den Tisch.
Sie zitterten.
„Dr. Reinhardt“, begann der Richter, „Sie haben mitgeteilt, dass Sie relevante Informationen besitzen.“
„Ja.“
„Bezüglich Herrn Hartmann?“
Reinhardt blickte zu Alexander.
„Bezüglich der gesamten Sorgerechtssache.“
Dann sah er Anna an.
„Frau Keller, bevor ich beginne, muss ich mich bei Ihnen entschuldigen.“
Anna sagte nichts.
„Ich habe eine medizinische Einschätzung formuliert, die ich so niemals hätte formulieren dürfen.“
„Hat Alexander Sie bezahlt?“
„Nein.“
Diese Antwort überraschte sie.
„Warum dann?“
Reinhardt sah in Richtung Viktoria.
Und plötzlich verstand Anna.
„Sie“, flüsterte sie.
Viktoria schloss die Augen.
Reinhardt öffnete seine Mappe.
„Frau Hartmann hat mich nicht bezahlt. Sie hat mich unter Druck gesetzt.“
Alexander wurde blass.
„Reinhardt, denken Sie gut darüber nach.“
Der Richter fuhr herum.
„Noch ein Wort, Herr Hartmann.“
Reinhardt zog mehrere Dokumente hervor.
„Die Geschichte beginnt allerdings nicht mit Frau Keller.“
Er legte das erste Blatt vor den Richter.
„Sie beginnt mit ihrem Sohn Elias.“
Anna spürte, wie ihr Herz raste.
„Was soll das heißen?“
Reinhardt schluckte.
„Am 17. Februar wurde Elias in eine Privatklinik gebracht.“
Anna sprang auf.
„Was?“
Elias begann zu weinen.
„Warum wurde mein Sohn in eine Klinik gebracht?“
Reinhardt antwortete nicht sofort.
Er nahm ein zweites Dokument heraus.
Darauf klebte ein kleines Passfoto von Elias.
Darunter stand sein vollständiger Name.
Und daneben eine Unterschrift.
Anna starrte darauf.
„Das ist nicht meine Unterschrift.“
„Ich weiß“, sagte Reinhardt.
Der Richter nahm das Dokument.
„Wer hat es unterschrieben?“
Reinhardt blickte auf Alexander.
Dann auf Viktoria.
„Das herauszufinden ist genau der Grund, weshalb ich heute gekommen bin.“
Er zog ein weiteres Blatt aus der Mappe.
Diesmal war es eine Laboranforderung.
Der Richter las sie.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Was wurde bei dem Kind untersucht?“
Reinhardt senkte die Stimme.
„Keine psychische Erkrankung.“
Anna spürte Elias’ kleine Hand in ihrer.
„Was dann?“
Reinhardt sah sie lange an.
„Eine genetische Verwandtschaft.“
Im Gerichtssaal wurde es vollkommen still.
Alexander schloss die Augen.
Und Anna verstand plötzlich, dass der Kampf um das Sorgerecht möglicherweise nie nur darum gegangen war, ihr die Kinder wegzunehmen.







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