Anna nahm Elias die Kopie langsam aus der Hand. „Bist du sicher?“ Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. Elias nickte. „Papa geht dafür immer ins Arbeitszimmer. Einmal war die Tür nicht ganz zu.“ Anna setzte sich vor ihn. „Was hast du gehört?“ Elias dachte lange nach. „Papa sagte: Ich habe getan, was du wolltest. Dann war er still. Danach sagte er: Nein, die Jungen wissen nichts.“ Anna spürte, wie sich ihre Finger um das Papier verkrampften. „Noch etwas?“ Elias zögerte. „Der Mann am Telefon hat laut geredet. Ich konnte nur einen Satz verstehen.“ – „Welchen?“ – „Er sagte: Dann sorg dafür, dass es so bleibt.“
Anna rief sofort ihre Anwältin an. Eine Stunde später saßen sie zu viert am Küchentisch. Jonas baute schweigend mit alten Legosteinen, während Elias noch einmal erzählte, was er gehört hatte. Die Anwältin machte sich Notizen, stellte aber keine suggestiven Fragen. Danach betrachtete sie die Kopie der Klinikakte. „Wir müssen vorsichtig sein. Wir wissen nicht, wer Ihnen das geschickt hat.“ Anna nickte. „Aber Konrad existiert.“ – „Das behauptet Viktoria.“ – „Und Elias hat den Namen gehört.“ Die Anwältin legte den Stift hin. „Dann finden wir zuerst heraus, ob Professor Konrad Hartmann tatsächlich tot ist.“
Die Antwort kam schneller als erwartet. Konrad Hartmann, ehemaliger Reproduktionsmediziner und Mitbegründer einer Berliner Privatklinik, war offiziell vor dreizehn Jahren aus Deutschland weggezogen. Kein öffentlich zugänglicher Nachruf. Kein Sterberegistereintrag, den die Anwältin kurzfristig finden konnte. Stattdessen gab es alte medizinische Veröffentlichungen und einen Hinweis, dass Konrad seine ärztliche Tätigkeit nach einem internen Klinikverfahren beendet hatte.
„Weswegen?“, fragte Anna.
„Das ist nicht öffentlich.“
Am Nachmittag meldete sich Reinhardt erneut. Diesmal bat er um ein persönliches Treffen. Sie trafen sich in der Kanzlei von Annas Anwältin. Reinhardt wirkte noch erschöpfter als am Vortag. Er stellte eine alte Archivbox auf den Tisch.
„Ich habe nicht alles gesagt.“
Anna spürte sofort Ärger.
„Davon scheint es in dieser Geschichte sehr viel zu geben.“
„Ich hatte Angst.“
„Vor Alexander?“
Reinhardt schüttelte den Kopf.
„Vor Konrad.“
Er öffnete die Box.
„Ich war Assistenzarzt in seiner Klinik.“
Anna sagte nichts.
„Konrad war brillant“, fuhr Reinhardt fort. „Und besessen von genetischer Diagnostik. Damals gab es Beschwerden über unzureichende Einwilligungen bei Untersuchungen. Nichts wurde öffentlich bewiesen. Die Klinik zahlte Vergleiche, Akten verschwanden, Mitarbeiter unterschrieben Verschwiegenheitserklärungen.“
„Und meine Akte?“
„Ihre Behandlung fiel in genau diese Zeit.“
Reinhardt zog eine Patientenliste hervor.
Annas Name stand darauf.
Daneben eine Nummer: K-17.
„Was bedeutet K-17?“
„Das weiß ich nicht sicher.“
„Sie lügen schon wieder.“
Reinhardt hob den Blick.
„Ich glaube, es war eine interne Studienkennung.“
Anna wurde kalt.
„Studie? Ich war schwanger.“
„Ich weiß.“
„Ich habe keiner Studie zugestimmt.“
„Das ist der Grund, warum David angefangen hat, Unterlagen zu sammeln.“
Der Name ließ alle verstummen.
„David wusste davon?“
„Er arbeitete damals kurzzeitig in der Verwaltung der Klinik. Er fand Abrechnungen, die nicht zu den Patientenakten passten. Später entdeckte er mehrere genetische Untersuchungen ohne nachvollziehbare Einwilligungen.“
Anna dachte an Davids Brief.
Warum Jonas und Elias überhaupt geboren werden konnten.
„Was wurde bei meinen Kindern untersucht?“
„Ich weiß es nicht.“
„Aber Sie haben eine Vermutung.“
Reinhardt nickte langsam.
„Die Proben A und B wurden an unterschiedliche Labore geschickt.“
„Warum?“
„Genau das ist ungewöhnlich.“
Er zog zwei Kopien hervor.
„Probe A ging in ein reguläres humangenetisches Labor. Probe B wurde an eine Forschungsstelle geschickt, die direkt von Konrad kontrolliert wurde.“
Anna starrte auf die Dokumente.
„Welche Probe gehörte zu welchem Kind?“
„Das kann nur über die ursprüngliche Zuordnung festgestellt werden.“
„Und die ist verschwunden.“
„Aus der Klinikakte, ja.“
Die Anwältin beugte sich vor. „Aber vielleicht nicht überall.“
Reinhardt nickte.
„Labore müssen bestimmte Unterlagen archivieren.“
„Dann beantragen wir sie.“
„Das wird dauern.“
Anna stand auf. „Währenddessen ist Marie verschwunden.“
Reinhardt wurde still.
„Was wissen Sie über Sebastian Lorenz?“, fragte Anna.
Sein Gesicht verriet ihn.
„Sie kennen ihn.“
„Ja.“
„Woher?“
„Er war Konrads Anwalt.“
Anna blieb stehen.
„Nicht Davids?“
„Beides.“
Jetzt ergab Maries Warnung plötzlich Sinn.
Marie vertraut der falschen Person.
„Lorenz hat David vertreten und gleichzeitig dessen Vater?“
„Zeitweise.“
„Das ist doch ein massiver Interessenkonflikt.“
„Deshalb hat David ihm irgendwann nicht mehr vertraut.“
„Aber Marie schon.“
Reinhardt nickte.
„Offenbar.“
Annas Telefon klingelte.
Viktoria.
„Anna, ich muss dich sehen.“
„Warum?“
„Alexander war bei mir.“
Anna sah automatisch zu Elias und Jonas.
„Was wollte er?“
„Den Schlüssel.“
„Den hat das Gericht.“
„Das habe ich ihm gesagt.“
Viktorias Stimme zitterte.
„Dann fragte er nach einer Kassette.“
„Welche Kassette?“
„Ich wusste nicht, wovon er spricht. Bis er weg war.“
Pause.
„Jetzt weiß ich es.“
Eine Stunde später traf Anna Viktoria nicht allein. Ihre Anwältin bestand darauf mitzukommen. Die Jungen blieben bei Annas Cousine.
Viktorias Villa in Dahlem wirkte plötzlich anders. Nicht mehr mächtig. Nur groß und still.
Viktoria führte sie in ein Schlafzimmer im oberen Stockwerk. Hinter einem Gemälde befand sich ein kleiner Wandtresor.
„David kannte den Code.“
„Und Alexander?“
„Ich dachte, nein.“
Sie öffnete den Tresor.
Schmuck. Dokumente. Alte Pässe.
Ganz hinten lag eine kleine Metallkassette.
Viktoria nahm sie heraus.
„Die war früher nicht hier.“
„Wer hat sie hineingelegt?“
„Ich weiß es nicht.“
Die Kassette war nicht verschlossen.
Darin befanden sich Fotografien, zwei MiniDV-Kassetten und ein Stapel Briefe.
Ganz oben lag ein Umschlag.
Für Viktoria.
Sie öffnete ihn mit zitternden Händen.
Es war Davids Handschrift.
Mutter, wenn du das liest, habe ich es nicht geschafft, Konrad aufzuhalten.
Viktoria setzte sich.
Anna las über ihre Schulter weiter.
Alexander weiß einen Teil der Wahrheit. Nicht alles. Wenn er erfährt, was Konrad mit Annas Schwangerschaft gemacht hat, wird er versuchen, die Spuren zu vernichten.
Anna schluckte.
Darunter:
Vertrau Lorenz nicht.
Viktoria begann zu weinen.
„Marie ist mit ihm gegangen.“
Anna zog sofort ihr Telefon heraus.
Doch ihre Anwältin hielt sie zurück.
„Polizei. Nicht selbst.“
Während sie telefonierte, nahm Anna die Fotografien aus der Kassette.
Die ersten zeigten die Klinik.
Konrad Hartmann vor einem Gebäude.
David neben einem Aktenwagen.
Dann Anna.
Schwanger.
Auf einer Liege.
Sie schlief oder war sediert.
Anna musste das Foto weglegen.
„Mein Gott.“
Das nächste Bild zeigte zwei beschriftete Probenbehälter.
A.
B.
Und dahinter eine Hand, die ein Formular hielt.
Auf dem Formular war ein Name lesbar.
Nicht Alexander.
Nicht David.
Konrad Hartmann.
Viktoria betrachtete das Bild.
„Was hat er getan?“
Anna nahm das letzte Foto.
Darauf standen Konrad und Alexander in einem Labor. Das Datum unten rechts war der Morgen nach jener Nacht.
Alexander hielt einen Umschlag.
Auf der Rückseite hatte David etwas notiert:
Alexander glaubt, er habe nur das Ergebnis erhalten. Er weiß nicht, dass Konrad vorher eingegriffen hat.
Anna las den Satz laut.
„Eingegriffen?“
Niemand antwortete.
Dann klingelte Viktorias Festnetztelefon.
Alle drei erstarrten.
Viktoria ging langsam hin.
„Hartmann?“
Eine Männerstimme.
Alt. Ruhig.
„Viktoria.“
Das Blut wich aus ihrem Gesicht.
Anna konnte die Stimme sogar aus zwei Metern Entfernung hören.
Viktoria umklammerte den Hörer.
„Konrad?“
Die Stimme antwortete nicht auf die Frage.
„Du hast die Kassette geöffnet.“
Viktoria sah panisch zur Wand.
„Woher weißt du das?“
Ein kurzes Schweigen.
Dann:
„Gib Anna den Hörer.“
Anna bewegte sich nicht.
„Er weiß, dass du hier bist“, flüsterte Viktoria.
Die Anwältin aktivierte sofort die Aufnahmefunktion ihres Telefons.
Anna nahm den Hörer.
„Was haben Sie mit meinen Kindern gemacht?“
Der Mann am anderen Ende atmete langsam aus.
„Das ist die falsche Frage.“
Anna schloss die Augen.
Schon wieder.
„Dann geben Sie mir die richtige.“
„Frag, was ich getan habe, bevor sie deine Kinder waren.“
Anna bekam kaum Luft.
„Was bedeutet das?“
Konrads Stimme blieb vollkommen ruhig.
„Alexander hat dir erzählt, die Zwillinge seien auf natürlichem Weg entstanden, richtig?“
Anna sagte nichts.
Eine Erinnerung traf sie plötzlich.
Monate vor der Schwangerschaft.
Eine Fehlgeburt.
Danach Untersuchungen.
Alexander hatte ihr Vitamine gebracht.
Tabletten.
Ein Arzt hatte gesagt, ihr Zyklus müsse sich stabilisieren.
„Ja“, flüsterte sie.
Konrad schwieg einige Sekunden.
„Dann hat mein Sohn dich über den wichtigsten Teil eurer Ehe belogen.“
„Welchen Teil?“
„Du bist damals nicht auf natürlichem Weg schwanger geworden.“
Anna hielt sich am Tisch fest.
„Das ist unmöglich.“
„Nein.“
„Ich hatte nie eine Kinderwunschbehandlung.“
„Nicht wissentlich.“
Viktoria begann hinter ihr zu schluchzen.
Anna zwang sich weiterzusprechen.
„Wessen Kinder habe ich ausgetragen?“
Zum ersten Mal veränderte sich Konrads Stimme.
„Deine.“
„Und der Vater?“
Stille.
„Alexander?“
Wieder keine Antwort.
„David?“
Konrad sagte leise:
„Keiner meiner Söhne ist die Frage, vor der du Angst haben solltest.“
Anna erstarrte.
„Was soll das heißen?“
Ein Geräusch erklang im Hintergrund der Leitung.
Eine Frauenstimme.
Gedämpft.
Aber deutlich.
„Anna! Glaub ihm nicht!“
Anna erkannte sie sofort.
„Marie?“
Die Verbindung brach ab.
Viktoria starrte auf den Hörer.
Doch Anna hatte nur noch einen Gedanken.
Marie war nicht verschwunden.
Sie war bei Konrad Hartmann.







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