Anna starrte so lange auf die drei Nachrichten, dass die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Um sie herum bewegten sich Menschen durch den Gerichtsflur, Türen öffneten und schlossen sich, irgendwo sprach ein Beamter in ein Funkgerät. Doch für sie existierte nur noch der Bildschirm ihres Telefons.
Marie vertraut der falschen Person.
„Mama?“
Elias’ Stimme holte sie zurück.
Anna sperrte sofort das Telefon und zwang sich, ruhig zu atmen. Sie wollte nicht, dass ihre Söhne noch mehr Angst bekamen.
„Alles gut.“
Elias sah sie mit einem Ausdruck an, der viel zu erwachsen für einen Neunjährigen war.
„Nein.“
Dieses eine Wort traf sie.
Anna kniete sich vor beide Jungen.
„Ihr habt recht. Es ist nicht alles gut. Aber ab jetzt müsst ihr nichts mehr allein herausfinden. Keine USB-Sticks, keine heimlichen Anrufe, keine Schränke. Verstanden?“
Jonas nickte sofort.
Elias zögerte.
„Versprich es mir.“
„Ich verspreche es.“
Anna küsste beide auf die Stirn.
Ihre Anwältin hatte die Nachrichten inzwischen gelesen.
„Wir geben das sofort weiter.“
„Nicht Alexander.“
„Natürlich nicht.“
„Und auch nicht Viktoria.“
Die Anwältin sah sie prüfend an.
„Sie glauben, dass die Nachricht echt ist?“
„Ich glaube inzwischen gar niemandem mehr.“
Noch am selben Nachmittag wurden die Nachrichten dokumentiert. Der Richter ordnete an, dass Anna die Jungen vorerst nicht allein zu Alexanders Villa bringen musste und Übergaben ausgesetzt wurden. Die Ermittlungsbehörden sollten die Herkunft der Nachricht prüfen.
Alexander verließ das Gebäude durch einen anderen Ausgang.
Bevor er ging, sah er Anna ein einziges Mal an.
Keine Drohung.
Fast Sorge.
Das machte alles nur schlimmer.
Am Abend saßen Anna, Elias und Jonas in der kleinen Wohnung ihrer Cousine in Neukölln. Zum ersten Mal seit Monaten waren beide Jungen bei ihr, ohne dass am nächsten Morgen eine Übergabe bevorstand.
Anna hatte Spaghetti gekocht.
Jonas erzählte beim Essen plötzlich von einem Fußballspiel in der Schule. Elias beschwerte sich darüber, dass sein Bruder beim Elfmeterschießen immer schummelte.
Für vielleicht fünf Minuten fühlte sich alles normal an.
Dann fragte Jonas:
„Mama, war Papa schon immer so?“
Anna legte die Gabel hin.
„Wie meinst du das?“
„So wütend.“
Sie wollte Alexander nicht vor seinen Kindern zerstören. Egal, was er getan hatte, sie wollte nicht, dass die Jungen glaubten, sie müssten sich zwischen Liebe und Wahrheit entscheiden.
„Euer Vater kann sehr kontrollierend sein“, sagte sie vorsichtig. „Aber was zwischen Erwachsenen passiert, ist nicht eure Verantwortung.“
Elias blickte auf seinen Teller.
„Er hat gesagt, du würdest uns irgendwann hassen.“
Anna schluckte.
„Das werde ich niemals.“
„Auch wenn wir etwas Schlimmes herausfinden?“
Sie sah ihn an.
„Was könnten zwei Neunjährige herausfinden, das daran etwas ändern würde?“
Elias antwortete nicht.
Später, als Jonas eingeschlafen war, stand Elias plötzlich in der Küchentür.
„Ich habe dir etwas nicht erzählt.“
Anna stellte ihre Tasse ab.
„Komm her.“
Er setzte sich ihr gegenüber.
„Die Frau. Marie.“
„Was ist mit ihr?“
„Als ich sie angerufen habe, hat sie mir noch etwas gesagt.“
„Warum hast du das vor Gericht nicht erzählt?“
„Sie hat gesagt, ich darf es nur dir sagen.“
Anna spürte sofort wieder diese Unruhe.
„Was?“
Elias zog die Knie an die Brust.
„Dass ich Jonas nichts über den Test erzählen soll.“
Anna erstarrte.
„Warum?“
„Weil der Test nur mit mir gemacht wurde.“
Das wusste Anna bereits.
Aber plötzlich verstand sie, warum dieser Punkt wichtig war.
Eineiige Zwillinge hätten nahezu dasselbe genetische Profil.
Elias und Jonas waren zweieiig.
„Hat Marie gesagt, warum nur du untersucht wurdest?“
„Sie sagte, weil Papa schon wusste, was bei Jonas herauskommen würde.“
Anna bekam Gänsehaut.
„Was sollte das bedeuten?“
„Weiß ich nicht.“
Elias sah sie ernst an.
„Aber sie hat gesagt, dass wir beide nicht dieselbe Antwort geben.“
Anna schlief in dieser Nacht kaum.
Am nächsten Morgen rief ihre Anwältin kurz nach sieben Uhr an.
„Wir haben ein Problem.“
„Was ist passiert?“
„Marie Falk ist verschwunden.“
Anna setzte sich auf.
„Was?“
„Die Polizei sollte sie heute Morgen erneut befragen. Sie war nicht mehr in ihrer Wohnung.“
„Vielleicht ist sie aus Angst gegangen.“
„Möglich.“
Kurze Pause.
„Aber ihr Telefon wurde dort zurückgelassen.“
Anna dachte sofort an die Nachricht.
Marie vertraut der falschen Person.
„Wer war gestern bei ihr?“
„Nach aktuellem Stand zwei Polizeibeamte und später jemand, den sie als ihren Rechtsbeistand angegeben hat.“
„Name?“
„Dr. Sebastian Lorenz.“
Anna kannte ihn nicht.
Doch als sie den Namen später ihrer Anwältin buchstabieren wollte, kam Elias aus dem Schlafzimmer.
Er blieb mitten im Raum stehen.
„Lorenz?“
Anna drehte sich um.
„Kennst du den Namen?“
„Der Mann vom 17. Februar hieß so.“
Stille.
„Der Mann, mit dem Papa in das andere Zimmer gegangen ist?“
Elias nickte.
Anna rief sofort ihre Anwältin zurück.
Eine Stunde später kam die nächste Information.
Sebastian Lorenz war kein gewöhnlicher Anwalt.
Er hatte fast acht Jahre für die Hartmann-Gruppe gearbeitet.
Und er war Davids letzter Rechtsberater vor dessen angeblichem Tod gewesen.
Gegen Mittag erhielt Anna einen weiteren Anruf.
Diesmal von Reinhardt.
„Frau Keller, ich habe etwas gefunden.“
Seine Stimme klang angespannt.
„Was?“
„Ihre zweite Krankenakte.“
Anna stand am Fenster und sah hinunter auf die nasse Straße.
„Sie sagten, die Akte sei verschwunden.“
„Die digitale Version. Aber damals wurden bestimmte Einwilligungen noch zusätzlich archiviert.“
„Welche Einwilligungen?“
Reinhardt schwieg.
„Doktor.“
„Es gab während Ihrer Schwangerschaft einen medizinischen Eingriff.“
Anna setzte sich.
„Was für einen Eingriff?“
„Eine Chorionzottenbiopsie.“
Der Begriff sagte ihr nichts.
„Was ist das?“
„Eine Untersuchung, bei der Gewebe des ungeborenen Kindes entnommen werden kann. Unter anderem für genetische Diagnostik.“
Anna hielt das Telefon fester.
„Ich habe so etwas niemals erlaubt.“
„Das ist das Problem.“
„Was steht auf der Einwilligung?“
„Ihre Unterschrift.“
„Dann ist sie gefälscht.“
„Das dachte ich zunächst auch.“
Anna hörte etwas in seiner Stimme.
„Und jetzt?“
„Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher.“
„Was soll das heißen?“
„Die Unterschrift sieht Ihrer sehr ähnlich. Aber darunter befindet sich ein Vermerk.“
„Welcher?“
„Patientin sediert.“
Anna schloss die Augen.
Der weiße Flur.
Die Infusion.
Die Nacht, an die sie sich kaum erinnern konnte.
„Warum sollte jemand heimlich einen genetischen Test an meinen ungeborenen Kindern durchführen?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Doch Sie vermuten etwas.“
Lange Stille.
„Ja.“
„Dann sagen Sie es.“
„Bei einer Zwillingsschwangerschaft können getrennte Proben genommen werden.“
Anna verstand zunächst nicht.
Dann erinnerte sie sich an Elias’ Worte.
Papa wusste schon, was bei Jonas herauskommen würde.
„Von beiden Kindern?“
„Ja.“
„Und wurden damals zwei Proben genommen?“
Reinhardt atmete hörbar ein.
„Genau das versuche ich herauszufinden.“
Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür.
Anna erstarrte.
Niemand sollte kommen.
„Ich rufe Sie zurück.“
Sie legte auf.
Elias und Jonas standen im Flur.
„Bleibt im Zimmer.“
Anna ging langsam zur Tür und sah durch den Spion.
Ein Kurier.
Sie öffnete nur mit vorgelegter Kette.
„Anna Keller?“
„Ja.“
„Einschreiben.“
„Von wem?“
Der Mann überprüfte den Umschlag.
„Kein Absender.“
Anna unterschrieb und schloss sofort wieder.
Der Umschlag war dünn.
Darin befand sich kein Brief.
Nur eine Kopie eines medizinischen Dokuments.
Oben stand der Name der Privatklinik.
Darunter ihr Name.
Anna überflog die Zeilen.
Schwangerschaft, 14. Woche.
Gemini.
Probe A.
Probe B.
Neben beiden Proben standen unterschiedliche Labornummern.
Aber darunter war eine handschriftliche Notiz.
Probe A – Ergebnis erwartungsgemäß.
Probe B – Abweichung. Erneute Prüfung erforderlich.
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Auf der Rückseite stand eine Telefonnummer.
Und ein Satz:
Sie suchen nach dem falschen Geheimnis.
Darunter:
David wollte Anna nicht sagen, wer der Vater der Kinder war. Er wollte ihr sagen, warum Alexander schon vor ihrer Geburt wusste, dass die Zwillinge genetisch nicht gleich behandelt werden durften.
Anna las den Satz wieder und wieder.
Dann bemerkte sie etwas am unteren Rand der Kopie.
Fast abgeschnitten.
Ein Name.
Behandelnder Arzt: Prof. Dr. Konrad Hartmann.
Anna starrte darauf.
Hartmann.
Sie griff sofort nach dem Familienfoto, das ihre Anwältin ihr am Vortag als Kopie geschickt hatte.
Alexander.
David.
Viktoria.
Aber kein Konrad.
Sie wählte Viktorias Nummer.
Die ältere Frau nahm beim zweiten Klingeln ab.
„Anna?“
„Wer ist Konrad Hartmann?“
Am anderen Ende wurde es still.
So still, dass Anna wusste, sie hatte die richtige Frage gestellt.
„Wo hast du diesen Namen gesehen?“
„Beantworten Sie meine Frage.“
Viktoria begann schwer zu atmen.
„Anna, hör mir sehr genau zu. Wenn irgendwo Unterlagen mit Konrads Namen auftauchen, geh damit nicht zu Alexander.“
„Warum?“
„Weil Alexander vor seinem Vater mehr Angst hatte als vor jedem anderen Menschen.“
Anna richtete sich langsam auf.
„Seinem Vater?“
„Konrad ist Alexanders und Davids Vater.“
„Sie haben immer gesagt, Ihr Mann sei gestorben, bevor ich Alexander kennenlernte.“
Viktoria antwortete mit brüchiger Stimme:
„Das habe ich gesagt.“
Anna bekam eine Gänsehaut.
„Ist Konrad Hartmann noch am Leben?“
Lange kam keine Antwort.
Dann flüsterte Viktoria:
„Ich weiß es nicht.“
Im selben Augenblick hörte Anna hinter sich ein Geräusch.
Elias stand in der Küchentür und hielt die Kopie der Klinikakte in der Hand.
Sein Blick war auf den Namen gerichtet.
„Mama.“
„Was ist?“
„Den Namen kenne ich.“
Anna spürte, wie ihr Körper kalt wurde.
„Woher?“
Elias zeigte auf die Zeile.
„Papa telefoniert manchmal nachts mit einem Mann.“
„Und?“
„Er nennt ihn nie Papa.“
Der Junge sah sie an.
„Er nennt ihn Professor.“







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