Anna hielt das alte Foto noch immer zwischen den Fingern. Je länger sie die beiden jungen Männer darauf betrachtete, desto weniger verstand sie, wie Alexander ihr zwölf Jahre lang hatte erzählen können, er sei Einzelkind. David hatte dieselben dunklen Augen, dieselbe schmale Nase, sogar dieselbe Art, den Kopf leicht zur Seite zu neigen. Nur sein Lächeln war anders. Offener. Wärmer.
„Ihr anderer Sohn?“, wiederholte Anna.
Viktoria wischte sich hastig über die Wange. „David war zwei Jahre jünger als Alexander.“
„War?“
„Er ist tot.“
„Seit zehn Jahren?“
Viktoria nickte.
Anna sah auf das Foto. Zehn Jahre. Elias und Jonas waren neun.
Der Gedanke kam so schnell, dass sie sich dafür schämte.
Alexander verstand trotzdem sofort.
„Nein“, sagte er.
Anna sah ihn an.
„Ich habe noch gar nichts gesagt.“
„Aber ich weiß, was du denkst.“
„Dann erklär mir, warum unser Sohn heimlich darauf untersucht wurde, ob er mit deinem angeblich toten Bruder verwandt ist.“
„Weil meine Mutter den Verstand verloren hat.“
Viktoria fuhr herum. „Wage es nicht.“
Zum ersten Mal bekam die makellose Fassade der Familie Hartmann vor allen Anwesenden tiefe Risse.
Der Richter nahm das Foto entgegen. „Frau Hartmann, warum wurde die Existenz Ihres zweiten Sohnes bislang nicht erwähnt?“
„Weil David mit diesem Sorgerechtsverfahren nichts zu tun hat.“
„Nach dem, was wir gerade gehört haben, bin ich mir da nicht mehr sicher.“
Viktoria presste die Lippen zusammen.
Anna konnte nicht länger warten.
„Wie ist er gestorben?“
„Autounfall.“
„Wo?“
„In Brandenburg.“
„Wann genau?“
Viktoria zögerte.
Alexander schloss kurz die Augen.
„Mutter.“
Es klang wie eine Warnung.
„Am 3. November vor zehn Jahren“, sagte Viktoria.
Anna rechnete unwillkürlich zurück. Zu diesem Zeitpunkt war sie seit knapp zwei Jahren mit Alexander verheiratet gewesen.
„Warum habe ich nie von ihm gehört?“
Diesmal antwortete Alexander.
„Weil David keinen Kontakt mehr zur Familie hatte.“
„Und deshalb löscht man einen Menschen aus sämtlichen Familiengeschichten?“
„Du kanntest ihn nicht.“
„Offenbar kannte ich überhaupt niemanden in deiner Familie.“
Der Satz traf.
Alexander blickte weg.
Elias zog an Annas Ärmel.
„Mama.“
Sie kniete sich zu ihm.
„Was ist?“
„Ich kenne den Mann.“
Anna sah ihn verständnislos an.
Elias zeigte auf David.
„Nein, Schatz. Der Mann ist seit zehn Jahren tot.“
„Aber ich habe ihn gesehen.“
Niemand bewegte sich.
„Wo?“, fragte der Richter.
Elias dachte nach.
„In Papas Haus.“
Alexander wurde bleich.
„Das ist unmöglich.“
„Nicht richtig im Haus“, erklärte Elias. „Auf einem Video.“
Jonas hob plötzlich den Kopf.
„Das mit dem roten Auto?“
Elias nickte.
Anna sah zwischen ihren Söhnen hin und her.
„Welches Video?“
Jonas sprach jetzt schneller, als hätte er Angst, wieder den Mut zu verlieren.
„Papa hatte auf seinem Laptop ein Video offen. Elias und ich sollten eigentlich oben sein. Wir sind runtergekommen, weil wir Hunger hatten.“
„Wann war das?“
„Vor Weihnachten.“
Elias ergänzte: „Papa hat uns gesehen und den Laptop sofort zugemacht.“
„Was war auf dem Bildschirm?“
„Der Mann vom Foto“, sagte Jonas. „Er stand neben einem roten Auto und hat mit jemandem gestritten.“
Alexander schüttelte den Kopf.
„Kinder verwechseln Dinge.“
„Wir sind neun, nicht blind“, sagte Elias.
Alexander verstummte.
Anna hätte ihren Sohn unter anderen Umständen für diese Antwort zurechtgewiesen. Jetzt spürte sie nur einen schmerzhaften Stolz.
Der Richter wandte sich an Reinhardt. „Könnte der genetische Test festgestellt haben, ob Elias mit David Hartmann verwandt ist, wenn eine Vergleichsprobe vorhanden war?“
„Ja.“
„Woher hätte diese Probe stammen können?“
Reinhardt zögerte.
„Von medizinischem Material. Haaren. Persönlichen Gegenständen unter bestimmten Voraussetzungen. Oder von einer gespeicherten Probe.“
Viktoria wurde sichtbar nervös.
Anna bemerkte es.
„Sie hatten eine Probe.“
Viktoria schwieg.
„Deshalb wussten Sie vom Test.“
Keine Antwort.
„Sie haben ihn angeordnet, nicht wahr?“
„Nein.“
„Wer dann?“
Viktoria sah zu Alexander.
Alexander stand plötzlich auf.
„Ich möchte mit meiner Mutter sprechen.“
„Sie bleiben sitzen“, befahl der Richter.
Doch etwas hatte sich verändert. Alexander wirkte nicht mehr wie der Mann, der Anna vernichten wollte. Er wirkte wie jemand, der versuchte, eine Tür geschlossen zu halten, während von der anderen Seite bereits dagegen gedrückt wurde.
Reinhardt nahm ein weiteres Dokument aus seiner Mappe.
„Vielleicht kann ich einen Teil beantworten.“
Er legte eine ausgedruckte E-Mail vor.
„Diese Nachricht erhielt ich zwei Tage vor Elias’ Untersuchung.“
Der Richter las den Absender.
Seine Stirn legte sich in Falten.
„Die Adresse ist anonymisiert.“
„Ja. Aber der Anhang war interessant.“
Reinhardt zog ein zweites Blatt hervor.
Eine alte Laborbescheinigung.
Name: David Hartmann.
Datum: drei Monate vor seinem angeblichen Tod.
Anna überflog die medizinischen Begriffe, ohne sie zu verstehen.
„Was bedeutet das?“
Reinhardt zeigte auf eine Zeile.
„David ließ damals genetisches Material einlagern.“
„Warum?“
„Das geht aus diesem Dokument nicht hervor.“
Alexander lachte bitter.
„Jetzt konstruieren Sie aus einem alten Laborblatt irgendeine Verschwörung.“
Reinhardt sah ihn ruhig an.
„Dann erklären Sie uns vielleicht, warum Sie am 18. Februar persönlich im Labor angerufen und verlangt haben, dass Elias’ Ergebnis gelöscht wird.“
Stille.
Alexander bewegte sich nicht.
„Das ist eine Lüge.“
Reinhardt zog sein Telefon hervor.
„Nein.“
Sein Blick ging zum Richter.
„Das Gespräch wurde vom Labor aufgezeichnet.“
Alexanders Anwälte reagierten gleichzeitig. Einer flüsterte hektisch, der andere forderte eine Prüfung der rechtlichen Verwertbarkeit.
Anna hörte kaum noch hin.
Sie beobachtete Viktoria.
Die ältere Frau weinte wieder.
Nicht um Alexander.
Anna erkannte plötzlich den Unterschied.
Sie weinte um David.
„Was ist damals passiert?“, fragte Anna leise.
Viktoria schloss die Augen.
„David wollte weg.“
„Wovor?“
„Von dieser Familie.“
Alexander stieß seinen Stuhl zurück.
„Mutter!“
Viktoria sah ihren Sohn an.
„Es ist vorbei, Alexander.“
Diese vier Worte trafen ihn sichtbar.
„Du weißt nicht, was du sagst.“
„Doch.“
Viktoria wandte sich Anna zu.
„David hatte herausgefunden, wie das Unternehmen wirklich finanziert wurde. Er wollte zur Staatsanwaltschaft.“
Anna sah Alexander an.
„Und dann starb er.“
„Ja.“
„Bei einem Unfall.“
Viktoria antwortete nicht.
Der Richter beugte sich vor.
„Frau Hartmann, gibt es Gründe, an der offiziellen Todesursache Ihres Sohnes zu zweifeln?“
Viktorias Lippen bebten.
„Ich habe damals keine Fragen gestellt.“
„Das war nicht meine Frage.“
Lange Stille.
Dann sagte Viktoria:
„Ja.“
Alexander sprang auf.
„Sie ist verwirrt!“
„Setzen Sie sich!“
„Meine Mutter ist seit Jahren psychisch—“
Viktoria schlug mit der flachen Hand auf die Rückenlehne.
„Hör auf, mit Frauen immer dasselbe zu machen!“
Alexander verstummte.
Anna ebenfalls.
Viktoria atmete schwer.
„Erst Marie. Dann Anna. Und jetzt willst du mich auch für verrückt erklären.“
Alexander starrte sie an.
Viktoria griff in ihre Handtasche und holte einen kleinen Schlüssel heraus.
„David gab mir diesen Schlüssel drei Tage vor seinem Tod.“
Sie legte ihn auf den Tisch.
„Ich habe nie benutzt, was er öffnet.“
„Warum nicht?“, fragte Anna.
Viktoria blickte auf ihre Hände.
„Weil ich feige war.“
Der Richter nahm den Schlüssel.
An einem kleinen Metallanhänger war eine Nummer eingraviert.
„Wozu gehört er?“
„Zu einem Schließfach.“
„Wo?“
„Berlin Hauptbahnhof.“
Alexander verlor endgültig die Beherrschung.
„Dieses Schließfach existiert nicht mehr!“
Niemand sagte etwas.
Alexander erkannte seinen Fehler sofort.
Anna stand langsam auf.
„Woher weißt du das?“
Sein Gesicht wurde vollkommen leer.
Der Richter sah ihn scharf an.
„Das würde mich ebenfalls interessieren.“
Alexander schwieg.
In diesem Moment vibrierte das Diensttelefon.
Der Gerichtsdiener nahm ab, hörte einige Sekunden zu und reichte es dem Richter.
„Für Sie.“
Der Richter meldete sich.
Sein Gesicht veränderte sich während des Gesprächs.
„Wann?“
Pause.
„Ist sie verletzt?“
Anna wusste sofort, um wen es ging.
„Marie?“
Der Richter legte auf.
„Die Polizei hat Frau Falk gefunden.“
Anna atmete erleichtert aus.
Doch der Richter fuhr fort.
„Sie ist unverletzt. Ihre Wohnung wurde allerdings durchsucht.“
Alexander sah auf den Boden.
„Und Frau Falk hat den Beamten etwas übergeben.“
„Was?“, fragte Anna.
„Einen Brief.“
Der Richter sah zu Viktoria.
„Geschrieben von David Hartmann.“
Viktorias Gesicht brach zusammen.
„An wen?“
Der Richter antwortete leise:
„An Anna.“







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