Anna hörte die Worte, verstand sie aber nicht sofort. „Eine genetische Verwandtschaft.“ Der Satz blieb wie etwas Fremdes im Raum hängen. Ihre Finger schlossen sich fester um Elias’ Hand, während ihr Blick zwischen Dr. Reinhardt, Alexander und dem Dokument vor dem Richter hin und her wanderte.
„Verwandtschaft mit wem?“, fragte sie schließlich.
Reinhardt senkte den Blick.
„Das kann ich nicht mit Sicherheit beantworten.“
„Sie haben gerade gesagt, mein neunjähriger Sohn wurde ohne meine Zustimmung in eine Privatklinik gebracht und dort genetisch untersucht. Also sagen Sie mir jetzt, wonach gesucht wurde.“
„Frau Keller—“
„Mit wem?“
Der Richter hob eine Hand. „Dr. Reinhardt, beantworten Sie die Frage, soweit Sie dazu in der Lage sind.“
Reinhardt atmete langsam aus.
„Die ursprüngliche Anforderung betraf einen Abstammungsvergleich.“
Alexander sprang auf.
„Das ist vertrauliche medizinische Information!“
Sein Anwalt zog ihn sofort zurück.
Anna starrte Alexander an.
„Du hast einen Vaterschaftstest gemacht?“
„Nein.“
„Lüg mich nicht an.“
„Ich habe keinen Vaterschaftstest angeordnet.“
Etwas an seiner Antwort ließ Anna stocken.
Nicht: Es gab keinen Test.
Sondern: Ich habe ihn nicht angeordnet.
„Wer dann?“
Alexander schwieg.
Der Richter wandte sich wieder Reinhardt zu. „Welche Vergleichsprobe wurde verwendet?“
„Genau dort beginnt das Problem.“
Reinhardt schob ein Blatt über den Tisch.
„In der elektronischen Akte war zunächst eine Vergleichsprobe unter Alexanders Namen eingetragen. Wenige Stunden später wurde dieser Eintrag geändert.“
„In welchen Namen?“
„Gar keinen. Stattdessen erschien nur eine interne Kennnummer.“
Der Richter betrachtete das Blatt.
„Können Sie diese Nummer zuordnen?“
„Damals nicht.“
Reinhardt öffnete seine Mappe erneut.
„Heute kann ich zumindest sagen, woher sie stammt.“
Alexander wurde vollkommen still.
„Die Kennnummer gehört nicht zur Klinik“, fuhr Reinhardt fort. „Sie stammt von einem privaten Labor in Potsdam, mit dem die Hartmann-Gruppe bei arbeitsmedizinischen Untersuchungen zusammengearbeitet hat.“
Annas Anwältin richtete sich auf. „Ein Unternehmen von Herrn Hartmann hatte Zugriff auf das Labor?“
„Auf dessen Dienstleistungen. Nicht automatisch auf medizinische Daten.“
„Aber jemand hatte offenbar Zugriff.“
Reinhardt nickte.
Der Richter blätterte durch die Unterlagen. „Und das Ergebnis?“
„Ist verschwunden.“
Anna lachte einmal kurz auf. Es war kein echtes Lachen.
„Natürlich.“
Reinhardt sah sie beschämt an.
„Ich habe nur eine automatisch generierte Benachrichtigung gesehen. Darin stand, dass eine Übereinstimmung festgestellt worden sei.“
Anna spürte, wie Elias’ Finger sich verkrampften.
„Welche Übereinstimmung?“
„Das stand nicht darin.“
Alexander erhob sich diesmal langsam.
„Herr Vorsitzender, ich beantrage, diese Befragung zu beenden. Wir entfernen uns vollständig vom Gegenstand des Verfahrens.“
„Im Gegenteil“, sagte Annas Anwältin. „Wenn ein Elternteil ein Kind heimlich medizinisch untersuchen lässt und anschließend Beweismittel verschwinden, ist das höchst relevant.“
Alexander drehte sich zu Anna.
„Du willst die Wahrheit nicht.“
Seine Stimme war plötzlich erschreckend ruhig.
Anna stand auf.
„Seit zwölf Jahren sagst du mir, was ich angeblich will, was ich fühle, woran ich mich falsch erinnere. Damit ist Schluss.“
Für einen Augenblick sah sie etwas in seinen Augen, das sie nicht erwartet hatte.
Nicht Hass.
Verzweiflung.
„Du verstehst nicht, was du damit auslöst.“
„Dann erklär es.“
Alexander öffnete den Mund.
Doch Viktoria stand auf.
„Alexander, nein.“
Alle drehten sich zu ihr.
Die ältere Frau hielt sich an der Rückenlehne des Stuhls fest.
„Mutter.“
„Nicht hier.“
„Du hast damit angefangen.“
Viktorias Gesicht verlor jede Farbe.
Anna sah von einem zum anderen.
„Womit angefangen?“
Niemand antwortete.
Dann meldete sich Elias.
„Die Frau weiß es.“
Anna drehte sich zu ihm.
„Welche Frau? Die vom 17. Februar?“
Elias nickte.
„Sie hat gesagt, wenn der Test gefunden wird, soll ich sie anrufen.“
Der Richter beugte sich vor. „Hast du ihre Nummer noch?“
Elias griff in die Innentasche seines Blazers und zog einen mehrfach gefalteten Zettel heraus.
Alexander fluchte leise.
Der Gerichtsdiener nahm den Zettel entgegen.
Anna konnte eine Berliner Mobilnummer erkennen. Darunter standen nur zwei Buchstaben.
M. K.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Die Narbe unter dem linken Ohr.
Dunkle Haare.
Ungefähr ihr Alter.
M. K.
Nein.
Das konnte nicht sein.
„Marie“, flüsterte Anna.
Alexander sah sie sofort an.
Damit hatte er sich verraten.
Anna drehte sich zu ihm.
„Marie König?“
Viktoria setzte sich langsam.
Anna hatte Marie mit zweiundzwanzig kennengelernt. Sie waren damals beinahe unzertrennlich gewesen. Marie hatte sogar bei Annas Hochzeit neben ihr gestanden. Drei Jahre später war sie plötzlich aus ihrem Leben verschwunden. Keine Erklärung. Keine Abschiedsnachricht. Nur eine kurze Nachricht: Es tut mir leid. Ich kann nicht mehr Teil davon sein.
Anna hatte jahrelang geglaubt, Marie habe die Freundschaft einfach beendet.
„Du weißt, wo sie ist“, sagte Anna.
Alexander schwieg.
„Du hast mir damals gesagt, sie sei nach Hamburg gezogen.“
„Das dachte ich.“
„Lügner.“
„Frau Keller“, mahnte der Richter.
Doch diesmal konnte Anna sich kaum bremsen.
„Hat sie für dich gearbeitet?“
Alexander blickte weg.
Und Reinhardt antwortete an seiner Stelle.
„Marie König war mehrere Jahre externe Wirtschaftsprüferin für die Hartmann-Gruppe.“
Anna fühlte sich, als hätte jemand ihr den Boden weggezogen.
„Das ist unmöglich.“
„Nein“, sagte Reinhardt. „Sie hat unter ihrem späteren Ehenamen gearbeitet.“
„Welchem Namen?“
„Marie Falk.“
Anna setzte sich.
Plötzlich fielen Erinnerungen an ihren Platz. Firmenfeiern, bei denen Alexander behauptet hatte, allein hinzugehen. Geschäftsreisen nach Hamburg. Telefonate, die verstummten, sobald Anna den Raum betrat.
Aber etwas passte nicht.
„Warum hat Marie Elias geholfen?“
Reinhardt schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht.“
Der Richter ließ die Nummer auf dem Zettel überprüfen. Nach wenigen Minuten kam der Gerichtsdiener zurück.
„Die Nummer ist aktiv.“
„Rufen Sie an“, sagte der Richter.
Alexander fuhr herum.
„Das können Sie nicht einfach—“
„Doch“, sagte der Richter. „Und Sie werden jetzt schweigen.“
Der Anruf wurde über die Freisprecheinrichtung eines Diensttelefons hergestellt.
Ein Freizeichen.
Dann ein zweites.
Anna konnte ihren eigenen Herzschlag hören.
Beim vierten Klingeln nahm jemand ab.
„Hallo?“
Anna schloss die Augen.
Neun Jahre konnten eine Stimme verändern.
Aber nicht genug.
„Marie?“
Stille.
Dann ein scharfes Einatmen.
„Anna?“
Ihre Knie wurden weich.
„Warum hast du meinem Sohn geholfen?“
Wieder Schweigen.
„Ist Elias bei dir?“
„Er sitzt neben mir.“
Marie begann leise zu weinen.
„Dann hat er es wirklich geschafft.“
Anna sah Elias an.
„Was geschafft?“
„Den Stick vor Alexander zum Gericht zu bringen.“
Alexander starrte das Telefon an.
„Marie“, sagte er.
Die Verbindung wurde für einen Moment vollkommen still.
Dann veränderte sich Maries Stimme.
„Du solltest mich niemals wieder anrufen.“
„Du weißt nicht, was du tust.“
„Doch. Zum ersten Mal seit neun Jahren weiß ich es sehr genau.“
Der Richter stellte sich vor und erklärte knapp die Situation.
„Frau Falk, können Sie bestätigen, dass Sie Elias beim Kopieren der Daten geholfen haben?“
„Ja.“
„Warum?“
Marie zögerte.
„Weil ich wusste, wonach Alexander suchte.“
Anna hielt den Atem an.
„Nach dem Ergebnis des Tests?“
„Nein.“
Marie klang plötzlich angespannt.
„Der Test war nur die Kontrolle.“
„Kontrolle wofür?“, fragte der Richter.
Am anderen Ende waren Geräusche zu hören. Eine Tür. Schritte.
Dann sagte Marie hastig:
„Ich kann das nicht am Telefon erklären. Ich habe Unterlagen, die Sie sehen müssen.“
„Wo befinden Sie sich?“
Marie antwortete nicht.
„Frau Falk?“
„Jemand ist hier.“
Anna richtete sich auf.
„Marie?“
Ein dumpfes Geräusch.
Dann wieder Maries Atem.
„Hören Sie mir zu. Öffnen Sie auf dem Stick nicht VIDEO_02.“
Der Richter blickte sofort zum Computer.
„Warum?“
„Weil Alexander genau darauf hofft.“
Alexander wurde kreidebleich.
„Was soll das bedeuten?“, fragte Anna.
Marie sprach jetzt so leise, dass alle sich vorbeugen mussten.
„Das Video ist manipuliert. Aber nicht so, wie ihr glaubt.“
Plötzlich klopfte es am anderen Ende laut gegen eine Tür.
Marie verstummte.
„Marie!“
„Anna, hör mir zu.“
Ihre Stimme überschlug sich.
„Der Test vom 17. Februar sollte nicht beweisen, dass Alexander der Vater ist.“
Anna bekam keine Luft mehr.
„Was dann?“
Drei Sekunden Stille.
„Er sollte beweisen, ob Elias mit jemandem verwandt ist, der offiziell seit zehn Jahren tot ist.“
Ein heftiges Geräusch erklang.
Die Verbindung brach ab.
Anna starrte auf das Telefon.
Und hinter ihr ließ Viktoria Hartmann ihre Handtasche fallen.
Aus der geöffneten Tasche rutschte ein altes Foto über den Boden.
Anna bückte sich automatisch danach.
Darauf standen Alexander und ein zweiter junger Mann nebeneinander.
Fast gleich groß.
Fast dasselbe Gesicht.
Auf der Rückseite war mit verblasster Tinte ein Datum notiert.
Darunter nur drei Worte:
Alexander und David, 2008.
Anna hob langsam den Kopf.
„Wer ist David?“
Viktoria sah sie an.
Und zum ersten Mal seit Anna sie kannte, liefen Tränen über das Gesicht der alten Frau.
„Mein anderer Sohn.“







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